Lost Highway Filmkritik

Lost Highway – Filmkritik

„I´d like to remember things my own way. Not necessarily the way they happened“

(Fred Madison/David Lynch)

 

Dieser Satz eröffnet nicht umsonst den wunderbaren Artikel von Hans Jürgen Köhler in der grandiosen Taschen Filmbuchreihe von Jürgen Müller „Filme der…“ über die einzelnen Jahrzehnte im Filmuniversum. Mit diesem Satz gibt die Hauptfigur des Films, Fred Madison, einen kleinen Einblick in die Seele dieses bahnbrechenden Films der 90er Jahre.
Mit LOST HIGHWAY betreten wir nun vollkommen den Kopf von Regisseur David Lynch. Erlaubten uns seine bisherigen Filme bereits in Teilen Zugang zu seiner Sicht auf die Welt, waren sie dennoch linear erzählte Geschichten, die in unserer Realität stattfanden.
BLUE VELVET von 1986 zog uns zwar bereits im wahrsten Sinne des Wortes in einen Teil des Kopfes – in ein Ohr – hinein und ließ uns schon hier die surreale Luft aus Lynchs ganz eigener Welt atmen, erzählte aber letztendlich eine klassische Geschichte mit Anfang und Ende.
In WILD AT HEART von 1990 war das Wegschießen des Kopfes eines wahnsinnigen Gangsters bereits ein Zeichen dafür, dass wir mit dem menschlichen Verstand, der ja rein wissenschaftlich im Kopf angesiedelt wird, oft an ganz reale Grenzen stoßen. Nicolas Cages Figur Sailor geht da zum Schluss bereits einen Lynch typischen Weg: die Flucht in eine ihm ganz eigene Realität, eine Fantasiewelt, in der er und seine Liebe Luna von der guten Fee gerettet werden. Das Motiv der guten Fee, auch wenn hier mit einem entstellten Gesicht, war bereits ein Kernbild in seinem Debutfilm ERASERHEAD von 1977. Die Fee als Sinnbild für eine Welt die jenseits unserer einschränkenden und beklemmenden Realität liegt. In ERASERHEAD war Lynch bereits auf einem sehr klar erkennbaren Weg, der sich von der klassischen Erzählstruktur einer eindeutigen Handlung wegbewegte, hin zu einer assoziativ motivischen, ja eindeutig künstlerischen Sicht auf unsere Welt: einem INLAND EMPIRE sozusagen. Lynch geht es um Zustände und das Finden von ihnen entsprechenden Bildern und Handlungen.

Lost Highway Filmkritik
© Studiocanal/Arthaus

Wie kaum ein anderer versteht es der studierte Maler Lynch mit der Gattung Film dem Universum Kunst ein weiteres Ausdrucksmittel hinzuzufügen. Hier ist er z. B. vom Ansatz her dem Surrealisten Luis Bunuel viel näher als dem Filmregisseur Alfred Hitchcock. Und doch ist es Lynch der die Sprache des Films ähnlich präzise, ja fast wissenschaftlich, wie der Master of Suspense für seinen ganz eigenen Ansatz des Erzählens einsetzt. Besonders mithilfe seiner fast schon manischen Erschaffung neuer Tonebenen erweitert er die Gattung Film in einem ihrer ganz eigenen Ausdrucksmittel. Das oben bereits erwähnte Ohr ist nicht umsonst das Körperteil welchen sich Lynch für seinen Eingang in den menschlichen Kopf entschieden hat um den blauen samtenen Vorhang in uns allen ein wenig zu lüften. Mit LOST HIGHWAY nähert sich Lynch seinem Erstling von der Struktur her wieder deutlich an. Eine Art Rückkehr zu seinen Wurzeln: Handlung als Mittel zum Zweck. Story als ein Gerüst für die Schaffung von Zuständen, Motiven und Erlebnissen, um dem Mysterium des menschlichen Verstands auf einer anderen Ebene zu begegnen. Kurz: Film als Kunstform.

Dieser etwas ausführliche Prolog sei mir verziehen. Denn wer LOST HIGHWAY als einen klassischen Thriller, a la Hitchcock, de Palma, oder Billie Wilder sehen möchte, wird völlig zurecht kopfschüttelnd den AUS Knopf bei diesem Release auf Blu-ray drücken und sich den nächstbesten DIE HARD aus dem Regal ziehen. Doch wer wie LYNCH das Medium FILM als ein weiteres Ausdrucksmittel, wie Malerei, Bildhauerei, oder Musik ansehen möchte, sollte sich auf diesen LOST HIGHWAY begeben, direkt hinein in den vor Schmerzen schreienden Kopf eines meisterhaften Künstlers.

Lost Highway Filmkritik
© Studiocanal/Arthaus

(Eine Art) Handlung

Für alle die dieses bildhafte und atonale Irrlicht im Dunkel eines Kinosaals, oder dem eigenen Wohnzimmer, noch nicht erleben durften, möchte ich diese bewusst sehr knappe und unzureichende Rahmenhandlung als eine Art Gehhilfe auf diesen HIGHWAY mit auf den Weg geben. Es klingelt an der Tür einer Bauhausvilla am Rande von Los Angeles. Der Bewohner des Hauses, der Free-Jazz-Saxophonist Fred Madison (Bill Pullman), betätigt die Gegensprechanlage und hört nach einer kurzen Stille nur den einen Satz: „Dick Laurent ist tot“. Dies ist der Beginn seiner Reise durch ein Szenario von Wahnsinn, Tod und Wiederauferstehung. Ein kathartischer Absturz ohne Wiederkehr. Auslöser dafür scheint die krankhafte Eifersucht auf seine Frau Renee (Patricia Arquette), einer brünetten, leicht entrückt wirkenden Schönheit im Stile der 40er und frühen 50er Jahre, zu sein, der er sich sexuell nicht mehr ebenbürtig zu fühlen scheint. Das sich entfremdete Paar wird zudem von einem anonymen Voyeur der heimlich ihr Haus und ihre Wohnung filmt bedroht.

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© Studiocanal/Arthaus

Durch diese Phänomene provoziert, begibt sich Madison wie eine Art männliche Alice hinab in eine Welt zwischen den Spiegeln. Begleitet von einem mephistophelischen Mystery Man (Robert Blake) begeht er scheinbar einen Mord, wird verhaftet und als junger Automechaniker (Balthazar Getty) wieder entlassen. Als dieser neue Charakter begegnet er recht bald einer blonden Ausgabe seiner Frau (wiederum Patricia Arquette), die sich nun Alice Wakefield nennt und die Geliebte des Gangsterbosses Dick Laurent (der phänomenale Robert Loggia) ist. Madisons Eifersucht scheint sich nun auf diesen, auch Mr. Eddy genannten, Dick Laurent übertragen zu haben. Der Mechaniker und die geheimnisvolle Blonde ziehen sich magisch an und versuchen den weitreichenden Fängen dieses angsteinflößenden Gangsters zu entfliehen.

Gewürzt mit einigen sehr drastischen Bildern, dem Lynch typischen Humor, sowie einigen grob skizzierten und dennoch spannenden Nebenfiguren, dargestellt u.a. von Gary Busey, Richard Pryor, oder Jack Nance, schlittern wir einem sehr verstörenden Ende entgegen. Am Ende des Films sehen wir, wer diesen geheimnisvollen Satz am anderen Ende der Gegensprechanlage gesprochen hat. Doch kann das überhaupt sein?

Lost Highway Filmkritik
© Studiocanal/Arthaus

Denn spätestens hier wird uns klar, dass wir keine eindeutige Auflösung erwarten dürfen. Sich wiederholende Elemente wie klingelnde Telefone, eine brennende Hütte, der nächtliche Highway auf Höhe der Stoßstange gefilmt, oder ein sich vor Schmerzen verformender Schädel, begleiten uns auf dem Weg dorthin. Eine finale Verfolgungsjagd auf dem nächtlichen Highway, die der Verfolgte nicht zu überleben scheint, entlässt uns nach einem wahren Bilder- und Akustikrausch zurück in unsere Realität aus klaren Regeln und Handlungen. Doch sind sie das nun noch? Oder hat uns dieser Film verändert?

Lost Highway Filmkritik
© Studiocanal/Arthaus

Denn mit diesem Lynch verlassen wir sämtliche uns bis dato bekannten Handlungsstraßen. Schnell gehen wir LOST und können gerade dadurch in eine Ebene vordringen, die uns nur das (Heim) Kino mit seiner ganz eigenen Sprachtechnik erzählen kann. Begleitet von einem wahrhaft irren Soundtrack bestehend aus Songs von David Bowie, Trent Reznor, Lou Reed, Marilyn Manson und sogar Rammstein, einem elegisch vibrierenden Score von Lynchs Hauskomponisten Angelo Badalamenti und einem katatonischen Soundteppich, geschaffen von Lynch selbst, betreten wir eine verstörende Traumwelt. In dieser verändern von jetzt auf gleich Personen ihre äußere Identität, Handlungen spiegeln sich motivisch in neuen Szenarien. Kontraste wiederholen sich in hell und dunkel, blond und brünett, Gut und Böse. Eine sich ständig in sich selbst spiegelnde Handlung. Das vordergründig Sinnlose wird zu einem Schilderwald in den manisch eifersüchtigen Wahnsinn eines Künstlers.

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© Studiocanal/Arthaus

Hier geht Lynch bewusst einen radikalen Weg um uns als Zuschauer in seiner Welt für kurze Zeit durch meisterhaft komponierten Bilder und verstörenden Einstellungen in Geiselhaft zu nehmen. Wer sich darauf einlässt, wird sich vielleicht nicht gleich in eine komplett andere Person verwandeln, aber bestimmt nicht unverändert bleiben. Zumindest wird er/sie Kino nun als reicher und vielschichtiger anzusehen gelernt haben. So wird Lynchs Nachfolgefilm MULHOLLAND DRIVE und noch mehr die dritte Staffel von TWIN PEAKS erst zu einem wahren Augen- und Ohrenschmaus. Denn mit unseren durch LOST HIGHWAY veränderten Filmsinnen eröffnen sich nun größere Räume hinter blauen und roten Vorhängen.

Lost Highway Filmkritik
© Studiocanal/Arthaus

Es hat schon unzählige Versuche gegeben diesen Film zu interpretieren, ihm Brillanz wie auch Größenwahn anzudeuten. Jeder Ansatz ist ein weiterer Schritt sein Mysterium, welches Lynch selber nie wirklich lüften möchte, ein bisschen besser zu ergründen. Sinngemäß hat er in Interviews zu seinen Filmen schon öfter in dieser Art geantwortet: „Wenn ich ihnen erzählen könnte, was meine Filme bedeuten, müsste ich sie nicht mehr drehen“. Anders ausgedrückt sind Lynchs Filme und besonders LOST HIGHWAY, die Versuche Dinge sichtbar zu machen, welche sich schwer, bis unmöglich in Worte fassen lassen. Film als eigenständige Sprache, als Schlüssel, als Prozess zu nicht einer, sondern vielen, sehr individuellen Wahrheiten. Ein geschaffenes Erlebnis, welches für jeden seiner Betrachter etwas anderes darstellen kann. Eine EINZIGE WAHRHEIT gibt es nicht. So kann der Satz am Anfang auch als Aufruf an jeden einzelnen Zuschauer gesehen werden: Sieh den Film so, wie Du ihn sehen möchtest und nicht wie er vielleicht von seinem Schöpfer, gedacht war! Genau das ist Kunst!

 

Die Blu-ray

Lost Highway Filmkritik
Das Cover der Blu-ray © ARTHAUS

Leider entspricht dieses Release so gar nicht der Meisterschaft des in digitale Bilder transferierten Films. In den dunklen Bildebenen fast schon auf VHS Niveau rauschendes Krieseln wechselt ab mit im Gegensatz dazu digital weich gezeichneten hellen Flächen. Soll dies die Videobilder des Mytery Man wiedergeben? Im Kino, wie auch HD Stream wirken die Bilder deutlich besser und natürlicher. Nichts gegen ein ehrliches Filmkorn, aber hier hat man ständig Sorge, dass einem das Tape im Player reißt. Ach so, kann ja nicht, weil Blu-ray, nur davon merkt man über fast den kompletten Film nicht viel. Einige helle Nahaufnahmen erreichen das digitale Niveau seiner Möglichkeiten. Der Rest ist oft rauschendes Geflimmer. Was soll an dieser Wiederveröffentlichung nun neu und kaufenswert sein?

Ein Hoch auf die wahre Größe dieses Films, der sogar auf Papyrus mit Wachsmalstiften noch seine Genialität verströmen würde. Da es diesen Film aktuell scheinbar in keiner wirklich besseren Auflösung und Transfertechnik zu erwerben gibt, ist diese Blu-ray für alle, die diesen Film noch nicht gesehen haben, oder ihn einfach mal gerne zu Hause im Regal neben DIE HARD stehen haben wollen, natürlich ein absoluter Pflichtkauf. Aber auch nur weil er einem so die Wartezeit auf eine wirklich hochwertige und dem Film gegenüber würdige Digitalisierung verkürzen würde.

Punkten kann die Blu-ray allerdings mit einigen sehr schönen Extras. Rare Interviews mit Lynch und den Darstellern, sowie Blicke hinter die Kulissen, bzw. auf die Dreharbeiten. Ebenso spannend einige experimentelle Kurzfilme von und inspiriert von Lynch. Hier entdecken wir David Lynch ein wenig wie er denkt und arbeitet. Das ist wirklich sehr interessant und entschädigt ein wenig für den schlechten Transfer.

Film also 1+
Blu-ray: insgesamt leider nur 4

Titel, Cast und CrewLost Highway (1997)
Poster

Release
ab dem 06.12.2018 auf Blu-ray erhältlich
Bei Amazon kaufen (Affiliate Link)
RegisseurDavid Lynch
Trailer
DarstellerBill Pullman (Fred Madison)
Patricia Arquette (Renee Madison / Alice Wakefield)
Michael Massee (Andy)
Robert Blake (Mytery Man)
Henry Rollins (Guard Henry)
Balthazar Getty (Pete Dayton)
Gary Busey (Bill Dayton)
Robert Loggia (Mr. Eddy / Dick Laurent)
DrehbuchDavid Lynch
Barry Gifford
MusikAngelo Badalamenti
KameraPeter Deming
SchnittMary Sweeney
Filmlänge135 Minuten
FSKab 16 Jahren
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