Little Women (2019) – Filmkritik

Eine ganz eigene und eher unkonventionelle Vorstellung von der Zukunft haben die March-Schwestern Meg (Emma Watson), Jo (Saoirse Ronan), Beth (Eliza Scanlen) und Amy (Florence Pugh). LITTLE WOMEN ist eine stark autobiografisch geprägte Coming-of-Age-Erzählung rund um die vier selbstbewussten jungen Frauen. Sie leben im Massachusetts des mittleren 19. Jahrhunderts zusammen mit ihrer Mutter (Laura Dern) und einer Haushälterin in einer ehemals wohlhabenden, jetzt aber zunehmend von Mittelknappheit geprägten, Welt. Im Fokus der Familiengeschichte steht dabei ganz klar Jo. Sie träumt davon Autorin zu werden und würde für nichts und niemanden in der Welt ihre Unabhängigkeit aufgeben.

Als großer Fan von Kostümdramen, habe ich mich sehr auf die inzwischen siebente Verfilmung von Louisa May Alcotts uramerikanischen Roman gefreut. Besonders reizvoll sind diese Filme für mich, wenn sich Schmonzette und bedeutende historische Ereignisse bzw. Hintergründe harmonisch miteinander verzahnen, wie etwa bei Coppolas Verfilmung MARIE ANTOINETTE oder Shekhar Kapurs ELIZABETH.

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Doch leider hat Regisseurin Greta Gerwig diese Chance vertan und den Rahmen des amerikanischen Bürgerkrieges und die politischen Konflikte rund um die Befreiung der Afroamerikaner nur zart gestreift. Dass der historische Background von LITTLE WOMEN aber eigentlich fantastische Optionen geboten hätte, um Politik und Privates und insbesondere deren Abhängigkeit voneinander darzustellen, beweist Victor Flemings Meisterwerk VOM WINDE VERWEHT. Man fragt sich unwillkürlich, ob der Zugang zum Hauptthema des Films, der Befreiung der Frau aus patriarchalischen Verhältnissen, überhaupt möglich ist, ohne den Kontext des parallel stattfindenden Kampfes um die Abschaffung der Sklaverei.

Eventuell lässt mich die Tatsache, dass ich wahnsinnig gern Period Pics schaue und unzählige Kostümfilme kenne, einen etwas zu kritischen Blick auf den Film werfen. Vielleicht gehe ich es daher lieber wie ein Feedbackgespräch an und komme zunächst zum Positiven:

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Da wäre in erster Linie die hervorragende schauspielerische Leistung des Casts zu nennen. Wobei das Spiel von Saoirse Ronan dennoch hervorsticht und somit auch zu Recht mit einer Nominierung für den Golden Globe und einen Oscar bedacht wurde. Die Irin, die auch schon in Gerwigs vorherigem Regiewerk LADYBIRD die Hauptrolle übernahm, sagte in einem Interview mit der Zeit, dass sie es hasse zu enttäuschen. Man kann ihr nur wünschen, dass sie nicht über ihren eigenen Ehrgeiz und Perfektionismus stolpert, denn dann steht einer Weltkarriere in den kommenden Jahren wenig entgegen.

Etwas ungewohnt und dadurch auch etwas blass wirkt Emma Watson, die sich in diesem Film zur Abwechslung mit einer Nebenrolle begnügt. Vielleicht entsteht dieser Eindruck aber auch nur aus der ihr angedachten eindimensionalen Figur heraus.

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Angenehm umgesetzt sind in jedem Fall die Zeitsprünge, in denen die Handlung abwechslungsreich eingebettet ist. Weil die Kindheit stets in warmen goldenen Farben erscheint und die Zeit des Erwachsenwerdens in kühles graues Licht getaucht ist, gerät selbst ein wenig aufmerksamer Zuschauer niemals in Verwirrung.

Was aus meiner Sicht eher weniger funktioniert, ist die glaubhafte reizvolle Verbindung zwischen Jo und dem charmanten wie reichen Nachbarsjungen Laurie (Timothée Chalamet). Jo wirkt nicht nur geistig deutlich reifer, sondern sieht auch mindestens fünf Jahre älter aus. Auch später zwischen Amy und Laurie will für mich der Funke nicht überspringen, auch wenn Amy deutlich jünger ist. Aber eventuell sind das einfach nur persönliche Präferenzen und hagere Jungs mit Bubigesicht für mich einfach schwer vorstellbare Objekte der Begierde.

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Schön anzusehen sind aber in jeden Fall die Landschaften und gewählten Locations. Hier herrscht auch ein gutes Maß an Romantisierung, das Herrenhaus ist nicht zu prunkvoll und die Hügel nicht ausschließlich im orangeroten Abendlicht zu sehen. Aber von dieser guten Dosierung in Bezug auf die Umgebung kommen wir gleich zum größten Kritikpunkt.

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Die Handlung bis zu den ersten dramatischen Wendungen und ganz besonders in den letzten Minuten von LITTLE WOMEN trieft so sehr von Kitsch, dass es beinahe unerträglich ist. Vor allem die heiligengleiche Persönlichkeit der Mutter, die unter jedweden Umständen immer vorbildhaft agiert, ist nur schwer auszuhalten. Der zusätzliche Aspekt, dass nahezu jegliche Handlung voraussehbar ist, fast schon die einzelnen Dialoge, machte es für mich sehr schwer in den Film einzutauchen.

Dennoch habe ich, wie es sich bei diesem Filmgenre gehört, mehrfach die ein oder andere Träne verdrückt und war damit ganz gewiss nicht allein im Kinosaal. Ich denke gerade diese Art von Kino ist in der Bewertung in nicht unzureichendem Maße von der emotionalen Stimmung des Rezipienten abhängig und – Achtung Klischee, aber dennoch nicht von der Hand zu weisen – vom Geschlecht des Zuschauers. Besonders allen mit Wärmflasche auf dem Bauch, in eine Kuscheldecke eingehüllt, mit Chips, Schokolade und Wein ausgestattet, sowie Sehnsucht nach tragischer Romantik kann ich LITTLE WOMEN im wahrsten Sinne des Wortes nur wärmstens empfehlen.

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Abschließend möchte ich noch darauf eingehen, dass, so wie der Verleger im Film von Jo für das Ende ihres Buches eine Heirat oder zur Not dann eben den Tod der weiblichen Hauptfigur verlangt, sich wohl auch der Produzent dieses Films das extrem schnulzige Ende erpresst hat. Damals wie heute soll wohl vor allem die Kasse klingeln und darunter muss eben die Message leiden. Und genau damit begibt es sich, dass die Vielzahl von cleveren feministischen Aussagen und philosophischen Fragestellungen der vier Mädchen vom Publikum leider nur durch einen herzhaften Lacher Zustimmung erfahren, anstatt Denkanstöße zu liefern und eventuell gar ernsthafte Diskussionen auszulösen. Aber gut, nicht jeder Film muss verändern, sondern kann auch einfach nur unterhalten – und genau das tut dieses Frauenepos mit seinen Heldinnen allemal, auch wenn es mich persönlich bei diesem Stoff um die oben beschriebenen vergeudeten Chancen schmerzt.

© Claudia

Titel, Cast und CrewLittle Women (2019)
Poster
ReleaseKinostart: 31.01.2020
ab dem 20.06.2020 auf Blu-ray und DVD

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RegisseurGreta Gerwig
Trailer
BesetzungSaoirse Ronan (Jo March)
Emma Watson (Meg March)
Florence Pugh (Amy March)
Eliza Scanlen (Beth March)
Laura Dern (Marmee March)
Timothée Chalamet (Theodore 'Laurie' Laurence)
DrehbuchGreta Gerwig
KameraYorick Le Saux
FilmmusikAlexandre Desplat
SchnittNick Houy
Filmlänge135 Minuten
FSKkeine Altersbegrenzung

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