Licorice Pizza (2021) – Filmkritik

„Süßholz raspeln“

Die Vergangenheit kehrt nicht zurück, aber je älter man wird, umso besser werden die Erinnerungen. Die schlechten Momente verschwinden, die richtig schönen bekommen sogar noch einen blumigen Anstrich. Vielleicht liegt es an unserer schnelllebigen Zeit oder dem Wunsch nach einem einfacheren Leben, denn bei den Filmemachern steht die Reise in die Vergangenheit, am besten in die Zeit der eigenen Jugend, immer hoch im Kurs. Regisseur Paul Thomas Anderson ist schon immer einer dieser Zeitreisenden gewesen, der bis heute nur drei Mal seine Filme in der Produktionsgegenwart spielen ließ (HARD EIGHT, PUNCH-DRUNK LOVE, MAGNOLIA). Mit LICORICE PIZZA – übersetzt „Lakritz Pizza“, wenn man so will, keine Ahnung, ob das schmeckt – reist Anderson in die 1970er-Jahre nach Kalifornien.

LICORICE PIZZA (2021

© 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

Anderson selbst ist 1970 geboren, wird also wenig von dieser Zeit bewusst erfahren haben, aber so etwas hält ihn nicht auf. Mit detektivischer Neugier taucht er in die Vergangenheit ein und damit er diese Ära unbeeinflusst wahrnimmt, schaut er durch die Augen von zwei Schauspiel-Neulingen: Alana Haim und Cooper Hoffman. Beide sind jedoch nicht unerfahren mit der Hollywoodwelt: Sie, Bandmitglied der erfolgreichen Musikerinnengruppe HAIM und er, Sohn des verstorbenen Charakterdarstellers Philip Seymour Hoffman. Beide hatten noch nie in einem Spielfilm mitgespielt und wie zu erwarten unter der Obhut von Regisseur Anderson, der sogar Adam Sandler seine erste „echte“ Schauspielrolle in PUNCH-DRUNK LOVE (2002) bescherte, sind Haim und Hoffman eine Wucht auf der Leinwand. Nicht etwa im Sinne von ikonischer Präsenz, sondern im unschuldigen und reinen Charakterspiel. Keine Bewegung wirkt künstlich, hölzern oder überzogen, sie sind regelrecht aus der Zeitkapsel entstiegen, mit all ihren Problemen, Hoffnungen und Begehren erwachsen zu werden. Ja, eine Coming-of-Age-in-the-70s-Story steckt ebenfalls in LICORICE PIZZA, aber noch viel mehr, Schönes wie auch Trauriges.

© 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

Handlung

San Fernando Valley, am Fototag in der Schule trifft Gary Valentine (Cooper Hoffmann) auf die Fotografenassistentin Alana Kane (Alana Haim). Er wirkt reif für seine 15 Jahre und sie scheint noch gar nicht richtig in ihrem Alter von 25 Jahren angekommen zu sein. Gary geht bei Alana gleich voll aufs Ganze und umgarnt sie wortgewannt in der Warteschlange vorm Shooting. Ein Date springt trotz Altersunterschied – in der Jugend kommen zehn Jahre einem Jahrhundert gleich – dann doch noch raus. Das findet zwar bei Cola statt, aber der etwas untersetzte, rothaarige Gary mit den wachen Augen hat Persönlichkeit. Er ist Kinderdarsteller fürs Fernsehen, seine Mutter betreibt Marketing-Konzepte für Restaurants und sein Unternehmergeist treibt ihn aus der Schule. Es sind die 1970er in den USA, alles scheint möglich und mit einer originellen Idee liegt das Geld förmlich auf der Straße. Die Beziehung wird erstmal auf Eis gelegt und beide gründen einen Wasserbetten-Handel. Der läuft ganz gut, bis die Benzinkrise das Land erwischt und es für beide in neue Richtungen gehen soll: Geschäftsbeziehung, Liebesbeziehung und Existenzfragen, das alles in einer Zeit der Friedens-, Frauenrechts- und Schwulenbewegungen.

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Liebe vs. Geschichte

In LICORICE PIZZA passiert erstaunlich wenig. Man begleitet zwei junge Menschen in jener Zeit, die nicht so richtig wissen, was es bedeutet erwachsen zu werden. Die Pflicht in die beruflichen Fußstapfen der Eltern zu treten ist vorbei, man übt sich in liberal-amerikanischem Unternehmertum. Das klappt auf seine unschuldige, amateurhafte Art ganz gut. Ein Radiowerbespot und ein paar besetzte Servicetelefone bringen ein originelles Gewerbe schon auf Touren. Dass der Bruder und ein paar noch jüngere Freunde mithelfen, ist selbstverständlich. Gary hat den wirtschaftlichen Weitblick und Alana das Temperament bzw. das richtige Alter. Die Liebe zwischen beiden schwankt zwischen Karriere-Flops und -Erfolgen wie auch dem Interesse am anderen Geschlecht gleichen Alters. So gibt es immer wieder liebevolle Annäherungen, denen erste emotionale Verletzungen folgen.

© 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

Alana und Gary treiben wie durch einen Episodenfilm, der ein paar zeitgeistige Aspekte des Jahrzehnts abdeckt. Dies geschieht aber nie mit erhobenem Zeigefinger oder sofortiger Erkenntnis. Die Handlung cruist durch die Straßen von Los Angeles, treibt Sean Penn als Steve-McQueen-Double und Tom Waits für einen nächtlichen Stunt auf den Golfplatz, lässt gruselige alte Agentur-Chefinnen die jugendliche Ware begutachten oder bringt politische Wahlen mit Benny Safdie und die Angst vor Homosexualität in der Öffentlichkeit hinzu. Zudem gibt es noch ein paar ellenbogenharte Judenwitze, dank Alana Haims kompletter Familie, die hier mitspielt und sogar Bradley Cooper bringt eine seiner irrsten Rollen zu Tage. So werden Gary und Alana zu zwei echten Geschichtsführern einer Epoche, die im heutigen medialen Bild völlig überstilisiert und schlecht kopiert ist.

LICORICE PIZZA (2021

© 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

Autor, Regisseur, Kameramann und Requisiteur

Einige Regisseure haben schon einen beruflichen Ausflug in ihre Jugend unternommen: Cameron Crowe (ALMOST FAMOUS), Quentin Tarantino (ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD), J.J. Abrahams (SUPER 8), George Lucas AMERICAN GRAFFITI (1973) oder Martin Scorsese (MEAN STREETS). Bei Paul Thomas Anderson sieht es aber immer am echtesten aus. Woher sollen wir schon wissen, wie es im L.A. der 70er ausgesehen hat, aber hier scheint alles lebendiger. Die Darsteller sind fast ungeschminkt, die Kleidung ist abgetragen, die Wände sind nicht voller schicker Werbeplakate, wie Tarantino zu gerne damit angibt. Das Szenenbild in LICORICE PIZZA ist übersichtlich, aber reich an echten Dingen. Selbst die Fahrten, wovon eine LKW-Tour zum spannenden Highlight des Films zählt, benötigen keinerlei künstliche Aspekte. Wenn die Straßenschluchten zu sehen sind, ist selbst noch das hinterste Auto ein korrekter zeitlicher Vertreter. Bei wunderschön geschmeidigen Plankamerafahrten und Dialogszenen direkt durch die Fensterscheibe des fahrenden Muscle Cars schlägt jedem Cineasten das Herz höher, wohlgemerkt alles auf 35-mm-Film gedreht.

© 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

Sogar bei der Sprache bekommt vor allem Alana den populären Valleyspeak (Wikipedia) in den Mund gelegt, der das San Fernando Valley unter anderem berühmt werden ließ. Paul Thomas Anderson, Drehbuchautor, Regisseur und Kameramann in Personalunion kommt natürlich nicht daran vorbei ein paar kleine Easter Eggs zu verstecken. So geschieht das emotionale Ende vor einem Kino, welches man nur für einen Bruchteil sieht. Es ist JAMES BOND – LEBEN UND STERBEN LASSEN (1973) und THE MECHANIC (1972) auf der Programmreklame zu erkennen. Auch der Einfluss der Band HAIM, für die Anderson das hervorragende Video VALENTINE (2017) – hier auf YouTube zu sehen – inszenierte, ist als Namensgeber für Hauptfigur Gary Valentine zu erkennen. Viele weitere lassen sich noch entdecken und machen Lust auf eine zweite Bestellung der LICORICE PIZZA.

LICORICE PIZZA (2021

© 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

Fazit

Es ist zu keinem Zeitpunkt eine schmalzige 70er-Jahre-Coming-Of-Age-Romanze zu erkennen. LICORICE PIZZA hat neben der unschuldigen Liebesgeschichte eines Teenagers zu einer Mitte-20-Powerfrau viele tiefgründige und dramatische Momente. Die Erwachsenen scheinen zudem völlig neben der Spur der jüngeren Generation zu laufen. Die Inszenierung rollt dank ihrer beiden grandiosen neuen Hauptdarsteller so angenehm vor sich hin, dass man gar nicht anders kann, als mit verliebter rosaroter Brille aus dem Kino zu stolpern.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewLicorice Pizza (2021)
Poster
RegiePaul Thomas Anderson
ReleaseKinostart: 27.01.2021
Trailer
BesetzungCooper Hoffman (Gary)
Alana Haim (Alana)
Este Haim (Este)
Danielle Haim (Danielle)
Sean Penn (Jack Holden)
John Michael Higgins (Jerry Frick)
Yumi Mizui (Mioko)
Bradley Cooper (Jon Peters)
George DiCaprio (Mr. Jack)
Tom Waits (Rex Blau)
John C. Reilly (Fred Gwynne / Herman Munster)
Emily Althaus (Kiki Page)
Mary Elizabeth (Momma Anita)
Skyler Gisondo (Lance Brannigan)
Christine Ebersole (Lucy Doolittle)
Benny Safdie (Joel Wachs)
Maya Rudolph (Gale)
Will Angarola (Kirk)
Griff Giacchino (Mark)
James Kelley (Tim)
DrehbuchPaul Thomas Anderson
FilmmusikJonny Greenwood
KameraPaul Thomas Anderson
Michael Bauman
SchnittAndy Jurgensen
Filmlänge133 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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