Leto (2018) – Filmkritik

„All the young (russian) dudes“

Bringen wir es direkt hinter uns: LETO ist großartig, euphorisierend und tanzbein-schwing-süchtig-machend. Für alle Fans von David Bowie, T. Rex, Lou Reed und den Talking Heads sowieso ein Pflichtkauf, aber auch für alle allgemein Musikbegeisterten. Für alle Unangepassten, für alle, die mal (mit oder ohne Grund) rebelliert haben, zu keiner glatten Masse gehören wollten und mit den Eltern morgens über ihre Haare, Lederjacke oder angeblich falschen Freunde debattieren mussten. Nachdem sich nun hoffentlich jeder angesprochen fühlt und bestürzt feststellte, dass er Kirill Serebrennikows Film vielleicht noch nicht gesehen hat (und dies bitte umgehend ändert) ein kurzer Hinweis für diese Rezension, die wohl keine kritische Näherung, sondern eher ein Liebesbrief wird: LETO besticht zwar nicht durch seinen Plot und kann, da er im weitesten Sinne ein Biopic ist, nicht direkt gespoilert werden, aber um ihn angemessen besprechen zu können, muss jedoch auf den ein oder anderen inszenatorischen Leckerbissen eingegangen werden. Die Art von Leckerbissen, der einen am besten komplett unvorbereitet aus dem Fernsehsessel kippen lässt. Ihr seid gewarnt.

© Hype Film-Kinovista 2018

Sommer, Anfang der 80er, Leningrad. Das reicht, um den Zuschauer in die Diegese einzubinden. LETO schert sich im Detail sowieso einen Dreck um Korrektheit und wahrheitsgemäße Wiedergabe. Die Propaganda des Feindes, also englischsprachige Popsongs, sind strengstens verboten. Die russischen Jugendlichen müssen sich mit dem parteilichen genehmigten „Rock Club“ begnügen, indem aufstrebende, lokale Bands ihren großen, unerreichbaren Vorbildern nacheifern (natürlich nur, nachdem die Texte mühsam vom „Rock-Komitee“ abgesegnet wurden. Nicht, dass die russische Jugend am Ende noch irgendwie korrumpiert würde!). Die Stars des Rockclubs sind die Band „Zoopark“ unter der Führung von Mike Naumenko (Roman Bilyk). Dieser betreibt nebenbei einen schwunghaften Handel mit überspielten Poptonträgern und übersetzt die unverständlichen Texte von Velvet Underground und Co. auch gerne ins russische, Fehler vorbehalten. Doch Konkurrenz formiert sich. Die Band „Kino“ und ihr Frontmann Wiktor Zoi (Teo Yoo) bringen einen ganz neuen Sound mit sich und könnten der Galionsfigur Mike so langsam den Rang ablaufen.

© Hype Film-Kinovista 2018

Soweit zur Handlung von Leto, die aber, wie bereits erwähnt, nicht weiter wichtig ist. Ja, Zoopark und Kino gab es wirklich, aber wie faktisch belegbar die Geschehnisse sind, interessiert den Film am wenigsten. In einer Zeit, in der Biopics wie BOHEMIAN RHAPSODY oder ROCKETMAN eher verfilmten Wikipedia-Einträgen gleichen und um eine geradezu aseptische Faktualität bemüht sind, erscheint die punkige Attitüde von Regisseur Serebrennikow wie eine Heilandserscheinung. LETO kokettiert durchgängig mit seiner Fiktionalität und erschafft eine Art Erzählerfigur, die den Zuschauer ständig auf Ungereimtheiten hinweist: Etwa, dass Hauptdarsteller Yoo nicht wirklich aussähe wie sein historisches Vorbild, dass zahlreiche expositorische Dialoge so nie stattgefunden hätten oder das niemals, wirklich niemals, ein ganzes Zugabteil aus vollem Halse Psycho Killer von den „Talking Heads“ schmetterte. Dies beschreibt auch den ersten Leckerbissen: Regelmäßig verwandelt sich LETO in ein Musical und kommentiert seine Handlung u.a. mit The Passenger, Perfect Day oder eben besagtem Psycho Killer. Musikliebhaber machen diese Sequenzen allein schon glücklich, sie sind aber nicht nur inszenatorisches Gimmick, sondern ergänzen den Plot ganz tadellos. Wenn der sonst so züchtige Rockclub plötzlich ausgelassen zu tanzen beginnt, dann überträgt sich die Ekstase förmlich auf den Zuschauer. Wird er dann vier Minuten später aber die Fiktivität hingewiesen, muss er erstmal schlucken. Die Strenge und Unterdrückung der Sowjetunion erfährt man durch diesen Kontrast praktisch am eigenen Leib.

© Hype Film-Kinovista 2018

Das zweite Argument für LETO: Viele Filme über Musik, seien es der preisgekrönte LA LA LAND oder die Erzeugnisse eines John Carney, beschäftigen sich gerne mit dem Aspekt des Novum, den musikalischen Rebellen, die mit der Zeit gehen und sich vom Mainstream absetzen wollen. Nur um dann am Ende genau diesen Mainstream zu bedienen (LA LA LAND straft die Modernisierungsversuche der John-Legends-Figur gnadenlos ab, Mark Rufallo und Keira Knightley wollen in CAN A SONG SAVE YOUR LIFE etwas „Neues“ schaffen und produzieren am Ende den ewig gleichen Wohlfühlpopeinheitsbrei). LETO verhandelt den Konflikt von alt und neu synekdotisch an seinen beiden Hauptfiguren: Da ist Mike, der sein Leben mit Heldenverehrung verbracht hat und mit Zoopark immer noch klingt wie die Beatles vor 20 Jahren. Auf der andern Seite Viktor, der sich allem Spott zum Trotz dem New Wave verschreibt. Es sind die kleinen Momente, in denen Mike realisieren muss, wie der Sand seiner Ruhmuhr langsam verrinnt, die zum großen emotionalen Zentrum des Films zählen und wie aus einem Gefallen unter Freunden (Mike hatte Viktor einst in den Rockclub geholt) irgendwann das verzweifelte Ringen nach Aufmerksamkeit wird.

© Hype Film-Kinovista 2018

Irgendwann wird darüber diskutiert, Zoopark und Kino doch allmählich nach Amerika zu exportieren, um zu zeigen, dass die UdSSR auch beim Rock ‘n‘ Roll ganz vorne mitmischen würde. „Was würde das im Falle von Zoopark bringen?“, fragt Mike, „Die hatten das Alles schon.“ Es ist die Dynamik, die auch Milos Formans AMADEUS auszeichnete. Das talentierte Handwerk versus das Genie. Wo Salieri aber von Eifersucht zerfressen wurde, akzeptiert Mike sein Schicksal und darf sich trotz artistischer Niederlage (und auch amouröser, Viktor und Mikes Freundin Natascha (Irina Starshenbaum) beginnen im Verlaufe des Films ein Verhältnis) am Ende mit einem Grinsen verabschieden. Denn der gemeinschaftliche Rebellionsgedanke zählt hier doch mehr als persönliche Differenzen.

© Hype Film-Kinovista 2018

So schafft es LETO, den Zuschauer in bestechenden Schwarzweiß-Bildern und mit Hilfe teilweise meisterlicher Figurenführung, in eine ferne und fremde Welt zu entführen, als in den Köpfen alles möglich war, aber am Ende doch die Realität in Form vom Zentralkomitee, KGB oder Wehrdienst dem größten Traum einen Strich durch die Rechnung machte. Aber wie sollen auch Wunder geschehen, wenn nicht mal Bowie die Mauer umsingen konnte, sondern nur David Hasselhoff? Die Realität ist eben trist und am Ende zählt sowieso nur Akira Kurosawas Narr: „Es kann lügen, wer will, Hauptsache, die Geschichte ist gut.“ Und LETO ist gut. Sogar sehr gut.

© Fynn

Titel, Cast und CrewLeto (2018)
Poster
ReleaseKinostart: 08.11.2018
ab dem 12.04.2019 auf DVD

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RegisseurKirill Serebrennikov
Trailer
BesetzungTeo Yoo (Viktor Tsoy)
Irina Starshenbaum (Natalia Vassilievana 'Natasha' Naumenko)
Roman Bilyk (Mayk Vassilievitch Naumenko)
DrehbuchMikhail Idov
Lily Idova
Kirill Serebrennikow
KameraVladislav Opelyants
FilmmusikRoman Bilyk
SchnittYury Karikh
Filmlänge123 Minuten
FSKab 12 Jahren

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