Le Mans 66

Le Mans 66: Gegen jede Chance (2019) – Filmkritik

„Die perfekte Runde“

Dass die Geschichte immer die besten Stories zu bieten hat, wissen Filmproduzenten schon seit langem. Vor allem ein Kampf im Stärkeverhältnis David gegen Goliath kommt immer gut bei den Zuschauern an, solang die Sympathiefiguren auf der Seite des augenscheinlich Unterlegen agieren. In LE MANS 66: GEGEN JEDE CHANCE trifft nur die erste Aussage zu. Der Kampf auf der Rennstrecke zwischen den beiden Automobilherstellern Ferrari und Ford 1966 sucht seinesgleichen in der Geschichte des Rennsports und dient hier als Grundlage für ein spannendes Biopic. Doch in FORD V. FERRARI, so der viel treffendere Originaltitel, geht es um Goliath (Ford), der versucht David (Ferrari) zu schlagen, und das noch auf Ferraris Spezialgebiet: Dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans.

© 2019 Twentieth Century Fox

Handlung

Ford war 1963, trotz Abwärtstrend nach einem unermesslich hohen Zenit, unternehmerisch weit über Ferrari oder wie Eigentümer Henry Ford II (Tracy Letts) im Film so treffend sagt: „Wir bauen am Tag mehr Autos als Ferrari im ganzen Jahr.“ Dennoch, der Marke Ford fehlt es an Glamour, Esprit und Sex-Appeal, so die Marketingabteilung. Deswegen will Ford die Marke Ferrari kaufen, um groß ins Sportwagen-Geschäft einzusteigen. Jedoch bleibt Boss Enzo Ferrari lieber beim Handwerk und verkauft an seine Landsleute von Fiat. Ein paar beleidigende Sprüche in feinstem Italienisch gibt es noch an die amerikanischen Anzugträger gratis dazu. Ford lässt diese Beleidigung nicht auf sich sitzen. Um dieses schwerfällige wirtschaftliche Kräftemesse geht es in LE MANS 66 aber nur am Rande. Im Mittelpunkt steht das Ingenieurgenie der Automobile: Carroll Shelby (Matt Damon), der mit seinem Rennstall und einem Fordmotor unter der Haube das prestigeträchtigste Rennen des Motorsports gewinnen will. Für diesen Marathonlauf mit 300 Stundenkilometern auf dem Tacho, braucht man nicht nur einen nervenstarken Rennfahrer, sondern jemanden, der seinen Rennwagen bis zur kleinsten Schraube kennt und zu nutzen weiß. Shelby findet ihn im 47-jährigen Briten Ken Miles (Christian Bale).

LE MANS 66 (2019)
Ken Miles (Christian Bale) // © 2019 Twentieth Century Fox

Bekanntes Grundgerüst mit vielen Facetten

Wir stehen also von Anfang an auf der Seite des amerikanischen Großkonzerns, welcher die treu in Handarbeit hergestellte italienische Ikone angreift und ihr den Titel streitig macht. Selbst der Mustang in Fords Herstellerkatalog ist eher etwas für Collegeboys, um Cheerleader zu beeindrucken, aber nichts, um ein Rennen zu gewinnen. Es ist und bleibt die Marke des treuen, artigen Amerikaners. Und wir sollen uns auf diese Seite des konformen, seelenlosen Großkonzerns als Zuschauer schlagen? Ein wahrlich ungewöhnlicher Auftakt. Aber Regisseur James Mangold und seine Drehbuchautoren machen etwas ganz Cleveres: Sie stellen zwei Motorsport-Enthusiasten in den Mittelpunkt, die nicht nur das Rennen gewinnen wollen, sondern auch noch gegen die vielen unsinnigen Entscheidungen ihrer behäbigen Auftraggeber kämpfen müssen. Sie sind dann doch wieder der kleine David, wenn auch mit Blankoscheck in der Tasche und machen LE MANS 66 zu einer Underdog-Story.

Le Mans 66
Matt Damon und Christian Bale // © 2019 Twentieth Century Fox

Die Schauspieler

Die Führungsetage von Ford gleicht dem perfekten Durchschnittsamerikaner bis zur Krawattennadel. Es könnten auch alle als FBI-Agenten Anfang der 70er-Jahre durchgehen – alle sind wie Agent Ford (!) in der Serie MINDHUNTER, der sich nur in seinem Anzug wohl fühlt. Jedoch ist von ihnen keiner wie der amtierende König Henry Ford II, der so genial von Tracy Letts mit Leben erfüllt wird, dass man keine Zweifel hat, dass der Oberboss genau so war: cholerisch, machtgierig und kampfbereit. Die Autoren hatten an seiner Figur auch den größten Spaß und somit zieht uns das Team Miles/Shelby im Kampf gegen die seelenlosen Kapitalisten und Auftraggeber auf seine Seite. Und wer könnte das besser als Matt Damon und Christian Bale?

Beide sind Darsteller, die nicht mehr um einen Castingtermin bitten müssen. Beide sind in ihren Vierzigern und können sich aussuchen, was sie annehmen. Vor allem Christian Bale ist nach einem furiosen Karrierestart mit mindestens zwei Filmen im Jahr dazu übergangen nur noch einen pro Jahr zu drehen, aber das meist mit einer Oscarnominierung in der Tasche. Regisseur Mangold hatte beide Schauspieler vor Beginn der Finanzierung im Auge und das spürt man bei jeder Szene.

Caroll Shelby (Matt Damon)
Carroll Shelby (Matt Damon) // © 2019 Twentieth Century Fox

Matt Damon verkörperte schon immer einen soliden Amerikaner, der auch bereit ist, knallhart (BOURNE-Trilogie), authentisch (GOOD WILL HUNTING), wissenschaftlich (DER MARSIANER) oder eiskalt (SUBURBICON) zu sein. Den Drehzahlenthusiasten Carroll Shelby zeigt er wirtschaftlich clever, charakterstark und vor allem menschlich. Er ist der Kopf hinter dem ganzen Unternehmen und sollte so mancher Führungskraft ein Vorbild sein. Wenn Miles im Ford GT-40 sitzt, überlässt er ihm die Kontrolle und wirft vielleicht nur noch eine Schraubenmutter in die Boxengasse der hysterischen Ferrari-Crew. Damon erfüllt diese Ikone mit Leben bis zur Hutkrempe, in dem er sich auch immer selbst in Frage stellt und weiterentwickelt.

Christian Bale spielt den Rennfahrer Ken Miles
Christian Bale spielt den Rennfahrer Ken Miles // © 2019 Twentieth Century Fox

Das Herz in LE MANS 66 ist Ken Miles, dem Christian Bale viel Ehrlichkeit und Leidenschaft verleiht. Der Brite hatte auch ganz offenbar viel Spaß daran seinen englischen Arbeiterdialekt wieder hervorzukramen. Mit der direkten Art von Ken Miles, das zu sagen was ihm in den Sinn kommt, ist es eine perfekte Kombination. Als Filmliebhaber muss man zu Beginn ganz schön mit den eigenen Erwartungen kämpfen, um nicht doch einen Patrick Bateman im Solarium verwöhnten Gesicht lauern zu sehen. Er wird aber immer mehr der Emotionsgeber der Geschichte und wenn man sich aus einer 50 Jahre alten Geschichte, wo heute jeder nach einem Elektromotor verlangt, etwas mitnehmen kann, dann Ken Miles als Vorbild für Jedermann/frau. Eine konzentrierte Passion für etwas zu haben und es unbedingt zu wollen, geht bei Miles auch ohne ein totales Arschloch zu sein. Diese Seite des Rennfahrers ist der Beziehung zu seiner Frau Mollie Miles (Caitriona Balfe) zu verdanken. Vielleicht wird in dieser Beziehung und dem Vater-Sohn-Verhältnis etwas zu viel Hollywood-Zuckerguss darüber geschüttet. Aber was ist so falsch daran ein guter Ehemann/Vater und dennoch ein ehrgeiziger Rennfahrer zu sein? Wenn Ken Miles nur die Hälfte von dem war, was Christian Bale hier darstellt, dann war er ein wirklich ehrenwerter Mann.

© 2019 Twentieth Century Fox

Produktion und Optik

Von der ersten Minute wird klar, dass die Produktion nicht beim Budget gegeizt hat und Mangolds Anspruch nach Echtheit konnte von vielen fleißigen Setbuildern umgesetzt werden. LES MANS 66 fährt steil in die Nostalgiekurve, vom Automagazin auf dem Schreibtisch über die farblosen Brooks-Brothers-Anzüge der Ford-Manager bis hin zu den Sonnenbrillen von Shelby und Miles (nach Filmstart sollten sich ein paar Optiker auf die Modelle einstellen) wurde alles mit viel Feingefühl hergestellt oder gemietet. Für Oldtimerfans wird der Film instant zu einer Supershow. Im besten Licht zeigen sich Ford Mustang, AC Shelby Cobra und Chevrolet Familienkutsche frisch poliert im strahlenden Glanz. Das Licht im Film ist vielleicht etwas zu dick aufgetragen. Weniger Sonnenuntergangsleuchten oder die perfekte Studiobeleuchtung bei Innenaufnahmen hätte diese Zeitreise authentischer werden lassen.

Caitriona Balfe als Mollie Miles // © 2019 Twentieth Century Fox

Dem visuellen Stil sieht man den Einfluss von LE MANS (1971) mit Steve McQueen und GRAND PRIX (1966) deutlich an. Computeranimationen kommen dennoch zum Einsatz, aber eben nur, wenn es sein muss. Die Hauptaufgabe von LE MANS 66 ist es, den Zuschauer beim Rennen hinter das Lenkrad und in den Rausch der Geschwindigkeit zu versetzen. Adrenalinanstieg und Gänsehautmomente werden durch montierte Kameras auf den rasend schnellen Fahrzeugen garantiert. Auch die Fahreraufnahmen innen sind bei maximaler Geschwindigkeit gedreht, hier wirken echte Fliehkräfte und kein spielerisches Kopfgewackel.

Am Filmset: Matt Damon und Christian Bale im Gespräch mit James Mangold // © 2019 Twentieth Century Fox

Neben den aufmerksam einstudierten Dialekten der Schauspieler gibt es noch zwei weitere gelungene akustische Handwerke. Das Sounddesign hat seine Geschichts-Hausaufgaben gemacht und verleiht jedem Fahrzeug seinen individuellen Sound. Es hätte jedoch gern noch etwas lauter sein können. Jeder, der schon einmal an einer Rennstrecke war, erkennt die Drosselung im Pegel.

Le Mans 66
© 2019 Twentieth Century Fox

Filmkomponist Marco Beltrami hat sich etwas von seinem üblichen Klangverhalten entfernt und bringt die Spannungsmomente auf höchste Drehzahlen. Das Orchester spielt sich nie zu stark in den Vordergrund, denn die wahre Musik kommt aus den Motoren. Ein paar Song-Klassiker der 60er-Jahre runden den empfehlenswerten Soundtrack ab.

Fazit

Es ist befreiend, diese unterhaltsame, ehrliche und vielschichtige Geschichte erzählt zu bekommen. Vom zornigen Sound eines 7-Liter-Motorblocks bis hin zum Dialekt der Schauspieler passt alles und ist perfekt inszeniert. James Mangold ist ein vielfältiger Regisseur. Nicht in Bezug auf das Genre, sondern vielmehr in Bezug auf die Qualität seiner Werke. Auf einen mittelmäßigen Streifen (KNIGHT AND DAY oder WOLVERINE: WEG DES KRIEGERS) folgt immer wieder ein Geniestreich, der einem ans Herz und die Tränenkanäle geht (LOGAN, WALK THE LINE). LE MANS 66 ist eines von seinen Meisterstücken, unbedingt ansehen.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewLe Mans 66: Gegen jede Chance (2019)
OT: Ford v. Ferrari
Poster
ReleaseKinostart: 14.11.2019

Ab dem 30. April 2020 auf Blu-ray und DVD.
Ihr wollt den Film bei Amazon kaufen? Dann geht über unseren Treibstoff-Link:
RegisseurJames Mangold
Trailer
BesetzungChristian Bale (Ken Miles)
Matt Damon (Carroll Shelby)
Caitriona Balfe (Mollie Miles)
Jon Bernthal (Lee Iacocca)
Josh Lucas (Leo Beebe)
JJ Feild (Roy Lunn)
Noah Jupe (Peter Miles)
Ray McKinnon (Phil Remington)
Wyatt Nash (Cool Young Buyer)
Adam Mayfield (Lloyd Ruby)
Tracy Letts (Henry Ford II)
DrehbuchJez Butterworth
John-Henry Butterworth
Jason Keller
KameraPhedon Papamichael
MusikMarco Beltrami
Buck Sanders
SchnittAndrew Buckland
Michael McCusker
Dirk Westervelt
Filmlänge152 Minuten
FSKab 12 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.