Last Night in Soho (2021) – Filmkritik

„Nostalgie-Geister”

Das Gestern ist immer schöner im Heute. Eine Art verklärte Vergangenheit umschwebt unsere Gedanken. Der Spruch „Früher war alles besser“ kommt nicht irgendwoher. Man merkt sich lieber die schönen Dinge als die grausamen. Mit Mode und Kunst verhält es sich nicht anders. Die Revivals der 80er und 90er im Heute kommen vor allem stylisch in unsere Zeit und weniger wegen der gesellschaftswandlerischen Gedanken und Ideologien. LAST NIGHT IN SOHO nimmt sich die Swinging Sixties vor. Es wird keine Kritik an diesem modischen und tanzenden Jahrzehnt geübt, sondern es bekommt Klauen und Zähne. Die Dämonen schreien auf die junge, empfangsbereite Protagonistin ein und das im Epizentrum der Sixties: London.

© Universal Pictures

Handlung

Das einfache Landleben der jungen Eloise (Thomasin McKenzie) ist vorbei. Sie steigt aus ihrem Jugendzimmer vollgestopft mit 1960er-Jahre-Referenzen und darf an die Fashion University nach London. Nach der Ankunft im partybereiten Studentenwohnheim und eine bissige Mitbewohnerin später, ändert sie ersteinmal ihren Schlafplatz. Sie findet ein Zimmer bei einer alten Dame (Diana Rigg) im Stadtteil Soho. Eloise kann sich dank des neobeleuchteten Zimmers mit ihrer Vorstellungskraft in ihr Lieblingsjahrzehnt hineinträumen. Der Zeitsprung gelingt perfekt, sie nimmt sogar eine andere Persönlichkeit an, die von Sandie (Anya Tayor-Joy). Die selbstbewusste Blondine will den großen Sprung im Londoner Showbiz wagen. Singen und Tanzen kann sie ohne Zweifel und der charmante Jack (Matt Smith) hilft ihr dabei.

© Universal Pictures

Eloise ist am nächsten Morgen inspiriert wie noch nie. Ihre Kreativität atmet förmlich die damalige Zeit und mit Hilfe der nächtlichen Zeitreisen merkt sie sich jedes Detail. Doch ihrem zweiten Ego Sandie ist keine Erfolgsgeschichte beschienen. Der Abgrund von Soho öffnet sich, entlässt seine dunklen Gestalten und reißt nicht nur den Versand von Elli mit sich, sondern hat sogar Mordabsichten.

Schichten aus Delikatessen

So perfekt die Protagonistin in ihrem 60s-Modestil und mit ihrem Musikgeschmack mit der Filmgegenwart verschmelzt, so sicher gelingt die Genreverschmelzung von Edgar Wrights Inszenierung. Aber zuerst zum Filmstyle: Zu Beginn denkt man sogar noch, dass die Geschichte in den 1960ern spielt. Das englische Farmhaus, das mit Postern und Zeitungsauschnitten tapezierte Jugendzimmer, die dröhnende Musik vom Plattenspieler und Eloise alias Ellie, die im Frühstück-bei-Tiffany-Kleid – wohlgemerkt aus Tageszeitung – durch die Räume tanzt. Doch dann steigt sie in den Zug, mit Bluetooth-Kopfhörern auf den Ohren schaut sie aus dem Fenster und die Bahn füllt sich mit Menschen aus unserer Gegenwart. London im 21. Jahrhundert, schick, eng und voll mit Menschen. Eine Eingewöhnung will sich nicht einstellen. Spiegelbilder und ihre geistige Verbindung mit ihrer verstorbenen Mutter verdrängen diese Realität. Wir sind schneller in ihrer Vorstellungskraft als wir es mitbekommen und das dank der maßgeschneiderten Regie von Edgar Wright (SHAUN OF THE DEAD, BABY DRIVER).

© Universal Pictures

Dass Wright sich mit Filmgeschichte auskennt, ist kein Geheimnis und souverän zitiert er die 60er wie auch die Subgenre des Geisterfilms, Giallo und des Gangsterstreifens. Es ist aber unverkennbar, dass Wright auch den Londoner Stadtteil Soho detailreich und vor allem bipolar darzustellen vermag. Soho war in den 60ern die Speerspitze des Londoner Showbiz, der Kinos und der Varieté-Shows. Aber auch das Verbrechen, die Prostitution und die düsteren Schicksale gedeihen im kleinen Bereich, der heute hauptsächlich aus Pubs und Restaurants besteht. Wenn man durch diese Straßen spaziert, geht unweigerlich die Fantasie mit einem durch und zu gern will man sehen, wie hier das Leben früher war.

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LAST NIGHT IN SOHO ist durch die Perspektiven auf Vergangenes, Mode und Geschichte angereichert mit dem romantisierten Duft der Nostalgie eine effektive Falle, die nicht nur Eloise in ihre Fäden einspinnt, sondern auch uns Zuschauer eine Reise ohne Rückflug beschert. Die erste Begegnung von Eloise mit dem Soho der Sixties gehört zu dem besten was eine Filmleinwand der letzten Jahre gezeigt hat. Die Kamera von Chung Chung-Hoon (das visuelle Auge der Filme von Park Chan-wook), der veritable Schnitt, die Filmmusik von Steven Price und ein Sound-Design wonach sich jeder Horrorfilm die Lippen lecken würde, bescheren mit dieser Sequenz den Höhepunkt in LAST NIGHT IN SOHO. Die zweite Hälfe hat es danach umso schwerer.

© Universal Pictures

Die Talfahrt wird gekonnt durch Hauptdarstellerin Thomasin McKenzie und ihre blonden Schwester im Geiste Anya Taylor-Joy im fließenden Auflösen der Realität aufgefangen. Auch der Dreh an einigen Originalschauplätzen bringt in unserer aktuellen Distanzgesellschaft „echtes“ Filmleben in die Geschichte. Das dezente Anziehen der digitalen Effekte, wie auch der blutigen Elemente treibt uns weiter zum allesverschlingenden Finale, das vielleicht mancher Genrefan früher am Filmhorizont erblickt als anderer.

© Universal Pictures

Fazit

Ein furioser Thriller, den hier Edgar Wright auf die Leinwand zaubert. LAST NIGHT IN SOHO ist ein düsteres Spiel mit dem Bewusstsein seiner kreativen Hauptfigur und den Sinnen von uns Zuschauern. Für alle Gialli-, Geister-, Psychothriller- und vor allem Filmgeschichts-Fans sind es kribbelige zwei Filmstunden. On Top: Wohl einer der unverbrauchtesten Soundtracks der 1960er-Jahre, den man sich gleich auf die Kopfhörer oder den Plattenspieler holen möchte.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewLast Night in Soho (2021)
Poster
RegisseurEdgar Wright
ReleaseKinostart: 11.11.2021
ab dem 27.01.2022 auf Blu-ray und DVD

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Trailer
BesetzungThomasin McKenzie (Eloise)
Anya Tayor-Joy (Sandie)
Matt Smith (Jack)
Diana Rigg (Mr. Collins)
Terrence Stamp (Mann mit silbernen Haaren)
Aimee Cassettari (Eloises Mutter)
Rita Tushingham (Peggy)
Synnove Karlsen (Jocasta)
Michael Ajao (John)
Jessie Mei Li (Lara)
Kassius Nelson (Cami)
Rebecca Harrod (Ashley)
DrehbuchEdgar Wright
Krysty Wilson-Cairns
KameraChung Chung-hoon
FilmmusikSteven Price
SchnittPaul Machliss
Filmlänge117 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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