König der Murmelspieler (1993) – Filmkritik

„Erinnerungen an eine Kindheit“

Der deutsche Filmtitel ist wohl deswegen so gewählt worden, weil hierzulande keiner das Spiel KING OF THE HILL kennt. So heißt nämlich dieser dritte Spielfilm von Steven Soderbergh im Original. Bei jenem Kinderspiel geht es darum, einen Hügel gegen Angreifer zu verteidigen und den stärksten Gegnern zu trotzen. Wer sich nicht vom Hügel zerren lässt, wird zum KING OF THE HILL. Dieses Spiel ist die perfekte Metapher für das Leben von Aaron im Jahr 1933 in St. Louis. Alle ziehen an seiner Kindheit, wollen seine Energie stehlen und ihm sein letztes bisschen Optimismus rauben. Gut, dass Aaron genug Fantasie hat und sich den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die fast jeden in ihren gierigen Fingern festhält, entkommen kann. Verdammt gut im Murmelspiel ist Aaron natürlich auch.

Aron (Jesse Bradford) // © VOCOMO Movies

Handlung

St. Louis, 1933: Die Atlantik-Überquerung von Charles Lindberg von 1927 (Wikipedia) lässt die Stadt in Nostalgie schwelgen, denn danach kam die große Rezession. Menschen verloren ihre Jobs, ihr Zuhause und viele Privilegien. Es war der Kampf von einem Cent zum nächsten. Aron (Jesse Bradford) lebt mit seinen Eltern und dem kleinen Bruder Sullivan in einem Hotel. Das hört sich luxuriös an, ist es aber schon lange nicht mehr. Für Viele war es der letzte Zufluchtsort nachdem sie ihre Wohnung oder ihr Haus an die Bank verloren hatten. Aber auch diese Unterbringung ist nur auf Zeit bis die Schulden der Gäste überhandnehmen. Denn dann rückt Portier Ben (Joe Chrest) mit dem Werkzeugkasten an und schraubt ein Vorhängeschloss an die Zimmer der Schuldner. In der Schule gelingt es Aaron, die schlechte häusliche Situation zu vertuschen: Vater (Jeroen Krabbé) ist ein erfolgloser Vertreter, Mutter (Lisa Eichhorn) hat die Schwindsucht und der kleine Bruder wird aus Geldmangel zu den Verwandten aufs Land geschickt. Doch irgendwann gehen auch Aaron die Ideen und Möglichkeiten, trotz seines Freundes Lester (Adrien Brody), aus.

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Der Blick

Der Film beginnt mit einer Anekdote, die Aaron in seiner Klasse vorträgt. Mit geschickten Worte bindet er seinen Mitschülern einen Bären auf, nämlich, dass Charles Lindbergh ihn angerufen hätte, um zu erfahren, was denn die beste Wegzehrung für den Flug über den Atlantik wäre. Käsesandwich mit Senf natürlich. Mit vielen erzählerischen Details gewinnt er nicht nur den Glauben eines wohlhabenden Mitschülers, sondern auch das Interesse einer hübschen Mitschülerin.

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Aber an die erste Liebe in den Sommerferien ist nicht zu denken. Nicht nur, dass er seine Armut und das Leben im Hotel verschleiern muss, sondern auch, dass seine Familienmitglieder immer weniger werden. Es dauert nicht lang und Aaron steht allein auf weitem Flur. Zum Glück kann er nicht nur mit Worten umgehen, sondern ist auch straßenschlau mit dem Herz am richtigen Fleck. Das Spiel von Jungschauspieler Jesse Bradford ist zurückhaltend und emotional zugleich. Wenn man als Zuschauer einmal die Gedanken des Jungen nicht lesen kann, hilft Steven Soderbergh mit seiner Bilderwahl auf die Sprünge. Die absichtlich schrägen Kameraeinstellungen und das stark ins Orange verschobene Farbbild sind zu Beginn noch gewöhnungsbedürftig, aber bei den vielen lebendigen und schrägen Charakteren in Aarons Leben schnell vergessen.

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Die Figuren

Die gute Charakterzeichnung hat Soderbergh, der auch das Drehbuch schrieb, der Buchvorlage zu verdanken. KÖNIG DER MURMELSPIELER basiert auf den Jugenderinnerungen des Schriftstellers A. E. Hotchner. Soderbergh hatte sich mit seinem Spielfilmdebüt SEX, LÜGEN UND VIDEO (1989) in Cannes gerade zum Liebling küren lassen und vier Jahre später machte er genau das, was keiner erwartete: Eine Literaturverfilmung mit einem Kind als Protagonist, die in den 30er Jahren spielt. Selbst heute noch fällt den wenigsten dieser Film ein, wenn sie an Soderberghs Oeuvre denken, sondern eher die Kassenschlager wie die OCEANS-Trilogie, ERIN BROKOVICH, CONTAGION oder MAGIC MIKE. Viel zu selten hat er sich in die Vergangenheit gewagt. Warum eigentlich, denn hier ist es ihm vortrefflich gelungen.

© VOCOMO Movies

Ohne Familie

Soderbergh trifft die Art mit kindlichen Augen die Welt zu sehen so genau, als ob sie bei ihm erst ein paar Tage zurückliegen würde. Der Fokus liegt auf Details wie ein Taschenmesser aus Perlmutt, das jede Tür zu öffnen scheint, der Wunsch eher ein Hot Dog zu essen als mit einem Mädchen zu tanzen und der Blick auf den Rinnstein, in der Hoffnung eine weitere Zigarrenbanderole für die eigene Sammlung zu finden. Auch wir Erwachsenen lernen durch seine Augen: Der gesellschaftliche Absturz des kreativen Nachbarn, Freund Lester mit dem Händchen fürs Kriminelle oder auch die Unfähigkeit des Schulsystems bzw. die verlorenen Pflichten der Eltern.

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Denn hier muss man sich als Zuschauer zwingen ruhig zu bleiben: Wie kann eine Mutter in ein Krankenhaus gehen, welches keine Besuchszeiten hat? Ihre Söhne scheinen ihr auch recht egal zu sein. Aber auch der Vater meint jetzt lieber teure Uhren in den Nachbarbundesstaaten an der Haustür zu verkaufen als seinen Sohn zu beschützen. Ohne Eltern gehen Aaron die Lebensmittel schneller aus als gedacht. Es wird noch auf die Spitze getrieben, als die Schule Aaron einen Orden für besondere Leistungen verleiht, aber sich nicht fragt, warum seine Eltern nicht da sind und schon gar nicht eine Förderung des begabten Jungen anstrebt. Nicht einmal bei der betuchten Abschlussparty seiner Klassenkameraden kann sich Aaron den Bauch vollschlagen, denn schon wieder wird er zum Tanzen aufgefordert. Danach ist der Teller leider schon leer und den Orden muss er aus Angst vor der Gerüchteküche auch noch zurücklassen.

© VOCOMO Movies

Fazit

KÖNIG DER MURMELSPIELER funktioniert ganz hervorragend auf beiden Seiten, aus der Perspektive eines Kindes und der eines Erwachsenen mit dem Wohlstand des 21. Jahrhunderts. Der Film ist immer noch ein Geheimtipp, ein besonders schöner, den man so gar nicht verraten möchte, damit er seine kindliche Unschuld nicht verliert. Aber wir tun es hiermit trotzdem: Bitte ansehen!

Das Mediabook

Das Mediabook bei VOCOMO Movies bestellen

Und das kann man dank dem frischen Label VOCOMO Movies in bester Qualität. Wir empfehlen das Mediabook, welches den Film zum ersten Mal in HD auf Blu-ray in Deutschland präsentiert. Das Bild wurde in 2K digital transferiert und restauriert. Der Ton ist gut in DTS-HD 2.0 abgemischt. Vor allem die Filmmusik von Cliff Martinez, der hier noch nicht seine elektrischen Klänge nutzt, sondern auf Instrumente vertraut, macht den Film auch zum akustischen Genuss. Ein schönes Bonuspaket erwartet den Käufer noch mit ca. 60 Minuten Extras. Von Interviews mit Steven Soderbergh und Autor Hotchner über B-Roll-Aufnahmen bis zum Making-of ist alles dabei. Das Booklet verfügt über Auszüge aus dem Buch EXPERIMENTE IN HOLLYWOOD – STEVEN SODERBERGH UND SEINE FAMILIE aus dem Bender Verlag. Auf jeden Fall nach dem Filmgenuss lesen, denn dann ist man über die Erklärung der ersten Szenen umso überraschter. Ein tolles Filmpaket, was Lust auf mehr aus dem Hause VOCOMO macht. Gut, dass gerade noch KÜSS MICH DUMMKOPF und DAS VERLORENE WOCHENENDE im Zuge einer „Billy Wilder Edition“ ebenfalls erschienen sind, die wir euch hier demnächst noch vorstellen.

 

Titel, Cast und CrewKönig der Murmelspieler (1993)
OT: King of the Hill
Poster
Releaseab dem 28.06.2019 im Mediabook (Blu-ray+DVD) als Limited Edition
Bei Amazon bestellen:
RegisseurSteven Soderbergh
Trailer
BesetzungJesse Bradford (Aaron)
Jeroen Krabbé (Mr. Kurlander)
Lisa Eichhorn (Mrs. Kurlander)
Karen Allen (Miss Mathey)
Spalding Gray (Mr. Mungo)
Elizabeth McGovern (Lydia)
Cameron Boyd (Sullivan)
Adrien Brody (Lester)
RomanvorlageA.E. Hotchner
DrehbuchSteven Soderbergh
KameraElliot Davis
MusikCliff Martinez
SchnittSteven Soderbergh
Filmlänge103 Minuten
FSKab 6 Jahren

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