KNIVES OUT (2019)

Knives Out (2019) – Filmkritik

„Eine mörderisch gute Familie“

Kriminalgeschichten wie KNIVES OUT haben schon immer eine besondere Beziehung zum Film gepflegt. Vielleicht liegt es an der Form: Ein Verbrechen wird verübt und jetzt gilt es herauszufinden, wer es getan hat und warum. Ein Drehbuch funktioniert oft auch nach diesem Schema: Ein unvorhersehbares Ereignis hat starken Einfluss auf die Protagonisten und nun gilt es, die Lage zu analysieren und zu meistern. Viel besser funktioniert dieser Vergleich jedoch auf das Filmhandwerk: Ein guter Regisseur treibt die Handlung immer mehr mit Bildern voran als mit Dialogen oder Erklärungen. Ein paar kleine Hinweise zu Beginn mit der Kamera eingefangen und der Zuschauer erkennt später das große Ganze viel besser. Somit kann ein Film nicht nur unterhalten, sondern den Betrachter zum aktiven Mitdenken anstiften.

KNIVES OUT (2019)
© Universum Film

Kriminalromane wickeln die Leser schon seit Jahrzehnten mit Hinweisen, Details und Beweisen um ihre Synapsen. Die Geschichten um Hercule Poirot, Lord Peter Wimsey, Miss Marple und Sherlock Holmes fanden auch wegen diesem Zusammenhang früh ihren Weg in die Kinos. Besonders herausragend sind die Geschichten nach dem Whodunit-Prinzip („Who’s done it?“, „Wer hat es getan?“). Gerade hier weiß man bis zur großen Auflösung am Ende nicht, wer der Mörder ist. In letzter Zeit erfreut sich diese Untergattung wieder großer Beliebtheit, wie die Kinofilme MORD IM ORIENT-EXPRESS (2017), DAS KRUMME HAUS (2017) oder die erfolgreichen Serien SHERLOCK und DR. HOUSE zeigen. Kaum einer hätte jedoch gedacht, dass 2019 gerade der Regisseur von STAR WARS: EPISODE VIII – DIE LETZTEN JEDI diesem angestaubten Erzählprinzip so viele neue Aspekte abgewinnen kann, sodass einem nach dem Film vor lauter Raffinesse ganz schwindlig wird. Vielleicht haben es die treuen Fans von Rian Johnson gewusst, denn Kriminalgeschichten erzählt er am liebsten und lässt zu gern seine Zuschauer bis kurz vorm Ende im Unklaren.

KNIVES OUT (2019)
© Universum Film

Inhalt

Der Bestseller-Autor Harlan Thrombey (Christopher Plummer) ist durch seine Krimis zum Multimillionär geworden. Er lebt abgeschieden in einem verwinkelten Haus voller Kunst und Gegenstände, die sicherlich als wichtige Details in seinen Geschichten gedient haben. Zu seinem 85. Geburtstags lädt er seine parasitäre Familie und deren Anhang ein, einer schrulliger als der nächste. Am morgen darauf findet ihn seine Haushaltshilfe und Krankenpflegerin Marta Cabrera (Ana de Armas) mit durchgeschnittener Kehle in seinem Arbeitszimmer tot auf. War es Selbstmord oder war es eines der vielen Familienmitglieder, die in der herrschaftlichen Villa übernachtet haben? Wie der Privatermittler Benoit Blanc (Daniel Craig) herausfindet, hat jeder der Anwesenden ein Motiv. Da die Krankenpflegerin Marta sich immer erbrechen muss, wenn sie lügt, hat er mit ihr einen erstaunlichen Einblick in die gespannten, komplexen Familienverhältnisse der Thrombeys. Wäre auch noch die Frage, wer Mr. Blanc anonymerweise beauftragt hat.

© Universum Film

Der Gärtner war’s

KNIVES OUT folgt zu Beginn ganz streng den bekannten Richtlinien des Genres. Ein paar Hinweise hier, ein paar Lügen dort und als Zuschauer fängt man eifrig an zu überlegen, wer es denn gewesen sein könnte. Als erfahrener Cineast lehnt man sich gemütlich zurück und glaubt schon alles zu wissen. Harlan hat sich selbst umgebracht und Benoit Blanc vorher beauftragt, nur, um seiner gierigen, faulen Verwandtschaft, kurz vor seinem Ableben, eins auszuwischen. Weit gefehlt. Rian Johnson, der schon vor zehn Jahren mit dem ersten Entwurf des Drehbuchs begonnen hatte, verrät den Mörder bereits vor der Filmmitte in einem Rückblick. Was, das soll es gewesen sein?

KNIVES OUT (2019)
© Universum Film

Nein, es bleiben noch zu viele offene Fragen und auch nicht jede Persönlichkeit scheint ihr wahres Ich offenbart zu haben. Und so trudeln wir, von dem Versuch des Mörders seine Spuren zu verwischen, in ein noch viel komplexeres Netz aus Persönlichkeiten und Beziehungen hinein. Sogar die dümmste Autoverfolgungsjagd, die das Kino in diesem Jahr gesehen hat, ist anders als erwartet. Am Ende suchen wir, wie auch Benoit Blanc, das Loch im Donut, nein, eher das Loch im kleinen Donut, der in einem größeren Donut versteckt ist. Der Schreiber dieser Zeilen ist keineswegs verrückt geworden, er zitiert nur den Meisterdetektiv. Die große Aufklärung findet in einem spektakulären Monolog des Privatermittlers statt und kann immer weiter eine noch höhere Spannung erzeugen. Vom Meisterdetektiv zum Meisterdrehbuchschreiber. Chapeau, Rian Johnson für dieses Drehbuch.

© Universum Film

Die Darsteller

Aber nicht nur die Story hält einen ständig fest im Griff, auch die exzentrische Familie mit einem Deluxe-Cast besetzt, lässt einem den Mund begeistert offenstehen. Allen voran natürlich Daniel Craig, der hier mal wieder beweist, dass er eine Lizenz zum Töten gar nicht mehr nötig hat. Neben LOGAN LUCKY ist sein Benoit Blanc wohl eine seiner schrulligsten Rollen. Diesem abgedrehten Schnüffler mit Tennessee-Dialekt, ist es eine wahre Freude bei der Ermittlung zuzusehen. Er ist nicht affektiert wie Sherlock Holmes, sondern – er sagt es selbst – ihm fallen die Hinweise meist in einer Parabel vor die Füße. Dennoch hat er einen Intellekt, den man nicht unterschätzen soll, was im Finale ganz großartig aufgefahren wird.

Eine reizende wie Grund auf sympathische Schauspielerin steht ihm mit Ana de Armas (BLADE RUNNER 2049) zur Seite. Von Benoit liebevoll „Watson“ genannt, stolpert sie von einem Hauspflegedienst über Arbeitslosigkeit hin zur Ermittlerassistentin. Vor allem ihre ehrliche Art und ihr unschuldiger Blick lassen selbst den zynischsten Krimi-Fan weich werden: Sie kann es auf keinen Fall gewesen sein. Daniel Craig und Ana De Armas werden Cineasten 2020 wieder begegnen, jedoch in viel strengeren und glamouröseren Rollen: JAMES BOND 007: KEINE ZEIT ZU STERBEN.

KNIVES OUT (2019)
© Universum Film

KNIVES OUT wird aber nicht von diesen beiden Schauspielern getragen, sondern ist ein großartiger Ensemble-Film im Stile Robert Altmans. Der 89-jährige Christopher Plummer spielt lebhaft wie mit Mitte Fünfzig. Man möchte wirklich wissen, was sein Jungbrunnen ist. Jamie Lee Curtis zeigt seine taffe Tochter Linda. Ihr Ehemann ist kein geringerer als Don MIAMI VICE Johnson, der ein neureiches Ehemann-Arschloch spielt wie es im Buche steht. Der Sohn dieses Paars ist der Schnösel Ransom Drysdale, welcher von Chris Evans verkörpert wird. Mit dem Ausscheiden von Evans im Marvel-Zirkus, kann man sich auf viele tolle Filmprojekte freuen. Der Mann ist ein Charakterdarsteller, gebt ihm mehr Drehbücher.

© Universum Film

Michael Shannon spielt den undankbaren Verlags-Sohn mit faschistoider Familie und Toni Collette ist das dritte Kind der Thrombleys mit Esoterik-DNA im Blut wie auch keinerlei Geschäftssinn. Regisseur Johnson hat eine exzellente Besetzung gefunden, die seinem Buch würdig Leben einhaucht. Es entsteht ein gesunder Wettstreit untereinander, was aber nie zu theaterhaft wirkt. Selbst der zuständige Lieutenant Elliott wird vom subtil komischen LaKeith Stanfield gespielt und ist viel mehr als ein Textgeber. Frank Oz hat ebenfalls einen Gastauftritt als Testamentsverleser. Diesen Künstler auf die Stimme von Yoda zu reduzieren würde seinem Oeuvre nicht gerecht werden. Ein kleines STAR-WARS-Easter-Egg konnte sich Rian Johnson dann nicht nehmen lassen und benannte die Rolle von Noah Segan, der bis jetzt bei allen Filmen von Johnson mitspielen durfte, Trooper Wagner.

© Universum Film

Soziale Kritik an den USA

Einem fast 100 Jahre altem Genre mit leuchtenden Augen zu begegnen, ist bestimmt nicht jedem seins. KNIVES OUT ist aber ebenfalls feinsinnig sozialkritisch, fast schon politisch. Neben einer Immigranten-Debatte innerhalb der Familie, zielt die ganze Geschichte auf eine moralische Aussage ab, die sich hoffentlich jeder zu Herzen nimmt. Bei einem Land, das schon immer aus Zuwanderern bestand und von seiner Vielfalt lebt, ist es umso absurder extrem nationalistisch zu denken. Johnson zeigt, dass es eher ein Problem der Arm-Reich-Schere ist, was die Gesellschaft auseinanderbringt und dem aktuellen US-Präsidenten überhaupt erst den Wahlsieg ermöglicht hat. Wer nach dem Film auf die Lösung dieses Problems nicht selbst kommt, kann sich gern die Frage stellen, ob Vermögens-Erbschaft vielleicht die egoistischste Erfindung der Menschheit ist.

© Universum Film

Fazit

KNIVES OUT ist nicht nur die anspruchsvolle Wiederbelebung eines klassischen Genres, sondern auch spannendes Unterhaltungskino für die ganze Familie. Jeder Zuschauer wird etwas mehr herausfinden als nur den Mörder des Hausherrn. Rian Johnson bleibt hoffentlich seinen eigenen Ideen weiter treu und lässt sich auch in Zukunft in kein Filmuniversum hineinpressen.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewKnives Out - Ein Mord zum Dessert (2019)
OT: Knives Out
Poster
ReleaseKinostart: 02.01.2020
RegisseurRian Johnson
Trailer
BesetzungDaniel Craig (Benoit Blanc)
Chris Evans (Ransom Drysdale)
Ana de Armas (Marta Cabrera)
Jamie Lee Curtis (Linda Drysdale)
Michael Shannon (Walt Thrombey)
Don Johnson (Richard Drysdale)
Toni Collette (Joni Thrombey)
LaKeith Stanfield (Lieutenant Elliott)
Christopher Plummer (Harlan Thrombey)
Katherine Langford (Meg Thrombey)
Jaeden Martell (Jacob Thrombey)
Riki Lindhome (Donna Thrombey)
DrehbuchRian Johnson
MusikNathan Johnson
KameraSteve Yedlin
SchnittBob Ducsay
Filmlänge130 Minuten
FSKab 12 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.