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King Richard (2021) – Filmkritik

„Spiel, Satz, Kino“

Sport ist manchmal ein oberflächlicher Penner. Nicht etwa der eiserne Wettstreit oder die Multimilliarden-Dollar-Industrie hält wenig von Fairness, Sport ist in seiner körperlichen Wahl an den Ausübenden einfach unfair. Es ist die Sportart, die einen wählt und nicht andersherum. Kleine Menschen werden nie eine Goldmedaille im Schwimmen holen, große Turnerinnen gibt es genauso wenig wie Weitspringer mit kurzen Beinen. Wer wirklich als Profi seinen Lebensunterhalt mit Sport verdienen will, muss bestimmte anatomische Vorteile besitzen. Es braucht noch zusätzlich den initialen Funken für die Ausübung in jungen Jahren und wenn dann eine Kette von Aspekten stimmt, wie Trainingsmöglichkeiten, ausreichend Zeit, Gesundheit, Zugang zu Wissen und Motivation aus dem Umfeld, kann ein Weltprofi entstehen. Bei dem Geschwisterpaar Serena und Venus Williams war all dies für den Tennissport gegeben, abgesehen davon, dass sie in der falschen Gegend geboren und mit dunkler Hautfarbe auf die Welt gekommen sind. KING RICHARD blickt jedoch nicht nur auf die Schwestern, wie sie trotz widriger Umstände eine steile Karriere auf dem Tenniscourt hinlegen. KING RICHARD erzählt mit viel Feingefühl von ihrem Vater Richard Williams, der die unbändige Vision hatte, dass seine Töchter einmal die besten Spielerinnen in der Tennisgeschichte werden. Er sollte Recht behalten.

Richard Williams (Will Smith), seine Töchter und die Liebe zum Tennis // © Telepool

Handlung

Compton, ein Vorort von L.A., Anfang der 1990er-Jahre: Bandenkriege, Gewalt, Drogen und schlecht bezahlte Arbeit für die letzten aufrichtigen Bürger prägen das Stadtbild. Eine fast ausschließlich afroamerikanische und hispanische Bevölkerung kämpft täglich gegen die Armut an. In dieser Gegend hört man das markante *Flopp*, wie es nur ein Tennisball bei einem harten Aufschlag erklingen lassen kann. Richard (Will Smith) trainiert mit seinen beiden Töchtern Venus (Saniyya Sidney) und Serena (Demi Singleton) auf einem heruntergekommenen Platz. Die anderen zwei Töchter müssen beim Training helfen oder machen ihre Hausaufgaben. Banden und gelangweilte Jugendliche vertreiben sich die Zeit hinter dem hohen Maschendrahtzaun. Hier wird der Anfang von einer, nein zwei Sportlegenden geschrieben.

Serena (Demi Singleton, l.) und Venus (Saniyya Sidney, r.) // © Telepool

Richard führt seine Kinder nach einem strengen Kodex, der eine Mischung aus Persönlichkeitsbildung, Mantrasprüchen und effektiver Zeitplanung darstellt. Er und seine Frau Brandi (Aunjanue Ellis) sind selbst Sportler und trainieren die talentierten Mädchen. Tennis ist jedoch ein weißer Sport und an eine Profikarriere ist nicht einmal zu denken. Doch der hartnäckige Richard schleicht täglich um schlecht gekleidete, reiche Männer in den Countryclubs herum, um Sponsoren zu finden. Eines Tages trifft er zwei Trainer, die über die Herkunft und die ärmlichen Verhältnisse hinwegsehen: Rick Macci (John Bernthal) und Paul Cohen (Paul Goldwyn).

Richard Williams (Will Smith, l.) und Trainer Rick Macci (Jon Bernthal, r.) // © Telepool

Um wen geht es?

Man kann sich schon das Gegrummel der Zuschauer vorstellen: „Im Film ging es ja kaum um Venus und Serena.“ Die Inszenierung von Reinaldo Marcus Green ist aber keine Lüge, denn der Titel heißt ganz klar KING RICHARD, der Spitzname des Vaters, der ein Großteil seines Lebens gewidmet hat, um all seinen Töchtern ein besseres Leben zu ermöglichen. Keine Sorge, Sportfans kommen bei den spannenden Junioren-Wettkämpfen auf ihre Kosten, aber im Herzen ist KING RICHARD ein wahrgewordener Traum einer Familie, die aus den ärmsten Umständen herauskommt und sogar noch den elitären, hochnäsigen Tennissport erobert. Zudem ist Richards Ansatz seine Kinder vor der ersten verheizenden Phase des Jugendprofisports zu schützen, um sie zur Schule gehen zu lassen und mit ihrer Familie Zeit verbringen zu lassen, eine selten gehörte Kritik. Sie sollen Zeit haben, dass sich ihre Persönlichkeit entwickeln kann. Ein wichtiger Ansatz im heutigen Sportzirkus, wo Kindern Werbeverträge über Millionen Dollar angeboten werden. Die Geschichte fusioniert somit aus drei Teilen Sport, Familie und soziale Ungerechtigkeit zu einem packenden, emotionalen Glanzstück, das unerwartet ins Herz trifft, auch bei denen, die keine Ahnung von Tennis haben.

Regisseur Reinaldo Marcus Green (l.) und Will Smith (r.) // © Telepool

Filmreife Geschichte

Es ist eine Wohltat mal nicht beim genreüblichen Zeitsprung in einem Film beginnen zu müssen, der die Geschichte dann von vorn aufrollt. KING RICHARD beginnt bei Will Smith, der mit seinem VW Bus von A nach B fährt, seine Leitsprüche predigt und uns seine Heimatstadt zeigt. Auch die Kinder tauchen unauffällig nebenbei auf, man lernt sie zu unterscheiden und während der Filmzeit näher kennen. Die harte Zeit der Familie in Compton dringt immer wieder nach vorn, es gelingt ihr aber nie die volle Aufmerksamkeit an sich zu reißen und wenn es für die Williams-Familie endlich nach Florida geht, sind auch wir froh, diesen Ort hinter uns zu  lassen.

© Telepool

Die Person Richard Williams wird nicht in Gold gegossen und als Heiliger gepriesen. Dafür trägt das bodenständige Drehbuch von Zach Baylin zu viele, echte Familienmomente in sich: der spielerische Umgang der Geschwister, der nervenaufreibende Alltag einer Familie und die punktuelle Streiterei der Eltern. Die Chemie zwischen Will Smith und Aunjanue Ellis als Eltern stimmt auf den Punkt. Ohne jede theatralische Blaupause gibt es stets Streit und Widerworte am großen Plan von Richard. Aber auch die permanente Ungerechtigkeit eines solchen Sports, der hauptsächlich von Menschen mit solidem Bankkonto ausgeübt wird, findet seinen Weg in dieses kleine Biopic. Vor allem Will Smith achtet mit seinem Richard in jeder scheinheiligen Bemerkung auf Vorurteile oder ein herablassendes Angebot, was auch mal mit einem Furz von ihm kommentiert wird. Wir als Zuschauerinnen und Zuschauer wissen ja bereits welches Talent in diesen beiden fröhlichen und ehrgeizigen Mädels schlummert und umso weniger verstehen wir, warum sie in jungen Jahren keine Turniere spielen. Richard muss mit seinem übergroßen Lebensplan für die Kinder auch erst einmal uns überzeugen. Als Wissende der Erfolgsgeschichte um die Williams werden wir zu Verbündeten von Richard, der nie müde wird, seine Prognose der Erfolge von Venus und Serena kundzutun. Man haut mit auf den Tisch, wenn sich reiche Männer mit kostenlosen Tennisschlägern für Sponsorenverträge generös zeigen.

© Telepool

Privat: Aus Liebe zu Sportgeschichten

Ich liebe einfach gute Sportgeschichten wie KING RICHARD eine ist. Nicht nur weil Sport und Film meine Verbündeten des Lebens sind, sondern weil es einfach gute Projektionsflächen für uns Menschen sind. Wie gehen wir mit Erfolg um? Wie mit dem Verlieren? Wie weit muss der eigene Wille gehen, ohne dass man seine Persönlichkeit oder Freunde verliert? Zudem treiben wirtschaftliche und mediale Faktoren mit den menschlichen Sünden den Profisport auf die Spitze. Gier, Verrat, Neid oder Untreue sind nur ein paar der gern genutzten Mittel, um an die Spitze der Weltrangliste zu kommen. Zudem zeigt Sport, was es bedeutet einen komplexen Körper zu nutzen und wie viel Freude es bereitet den fairen Wettstreit oder das gemeinsame Training zu erleben. Zu oft leben wir im Geiste mit unseren Gedanken und den inneren Gesprächen mit uns selbst. Bevor ich noch weiter esoterisch auf euch Leser einrede, kommen wir doch lieber zum Punkt.

Venus Williams (Saniyya Sidney) bei ihrem ersten Profi-Tennis-Match // © Telepool

Fazit

KING RICHARD ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Familie, sondern an die Freiheit jeden Sport machen zu dürfen. Kleine sollen Basketball spielen, Kurvige dürfen Balletttanzen und Kurzsichtige können Baseball spielen. Auch wenn Sportarten auf ihrem Toplevel oberflächliche Penner sind, so steht es jedem jetzt frei seine Sportsachen aus dem Schrank zu holen und wieder das Leben in seiner Bewegung zu spüren. Und natürlich nicht vergessen vorher KING RICHARD zu sehen. Spiel, Satz und Sieg, fürs Kino und den Sport.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewKing Richard (2021)
Poster
RegieReinaldo Marcus Green
ReleaseKinostart: 24.02.2022
Trailer
BesetzungWill Smith (Richard Williams)
Aunjanue Ellis (Oracene 'Brandy' Williams)
Saniyya Sidney (Venus Williams)
Demi Singleton (Serena Williams)
Jon Bernthal (Rick Macci)
Tony Goldwyn (Paul Cohen)
DrehbuchZach Baylin
FilmmusikKris Bowers
KameraRobert Elswit
SchnittPamela Martin
Filmlänge144 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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