KIN Szenenbild Myles Truitt

KIN – Filmkritik

„Die Fantasie eines Außenseiters“

Die aktuelle Debatte in der Welt der Filme hat wieder begonnen: Die Frage, ob es sich lohnt bestimmte Filme überhaupt ins Kino zu bringen ist dabei nicht neu. Vor ein paar Jahrzehnten begannen Filme das Kino zu überspringen, um direkt auf dem Heimkinomarkt zu landen, erst auf VHS, später direkt auf DVD. In den 2010er Jahren, wenn Streaming-Dienste wie Netflix & Amazon Prime das traditionelle Fernsehprogramm ablösen werden, wird die gleiche Überlegung wieder angestellt: Lohnt es sich, die Filmproduktion erst ins Kino zu bringen oder stattdessen direkt auf einer Streaming-Plattform zu veröffentlichen? Die Andy Serkis‘ Produktion MOWGLI hat dieses Verfahren erst vor kurzem ereilt und bei ANNIHILATION gab es einen kleinen Aufschrei in der Filmgemeinde, als es hieß, der Film sei bei Testvorstellungen als zu intelligent für das Kinopublikum eingestuft worden. Also lieber direkt ins Internet damit und die Chance auf eine große Leinwand ist ANNIHILATION verwehrt geblieben. In dieser unschönen Diskussion ist es umso beeindruckender, dass der „kleine“ Film KIN einen weltweiten Kinostart – in Deutschland am 13.09.2018 – erhalten hat. Diese Entscheidung ist definitiv die Richtige. Bleibt nur die Frage, ob er wirtschaftlich rentabel sein wird oder bei kommerziellem Misserfolg als Negativ-Beispiel für ähnliche Produktionen herhalten muss. Wenn ich mir nebenbei die ersten schlechten Kritiken anschaue, wird es wohl dazu kommen. Ein Grund mehr auf diesem Filmblog dafür zu werben, KIN im Kino zu sehen!

KIN Szenenbild Jack Reynor Myles Truitt
Jimmy (Jack Reynor) und Eli (Myles Truitt) in KIN // © Concorde

Inhalt KIN

Detroit ist eine dystopische Version, was aus den USA werden wird, wenn deren wirtschaftliche Lage weiterhin abstürzt. Die ehemalige Automobil-Metropole verwandelt sich immer mehr in eine Geisterstadt. Einfamilienhäuser sind verlassen und verwittern. Riesige Industriehallen fallen Stück für Stück auseinander und die arbeitslosen Stadtbewohner holen die letzten Rohstoffe wie Kupfer oder Aluminium aus den Gebäuden. Eli Solinski (Myles Truitt) versucht mit der Rohstoffsuche sein Taschengeld für ein paar neue Schuhe aufzubessern. Er findet eines Tages bei einer solchen Schatzsuche eine seltsame Waffe, die aus der Zukunft zu kommen scheint. Als sein Stiefbruder Jimmy (Jack Reynor) aus dem Gefängnis zurückkehrt, bringt dieser auch jede Menge Probleme mit. Im Knast hat er den Schutz von Taylor Balik (James Franco) angenommen und der will für seine Dienste nun 60.000 Dollar. Jimmy raubt kurzerhand zusammen mit Taylor und dessen Gang die Betriebskasse seines Vaters (Dennis Quaid) als Bezahlung seiner Schulden aus. Das geht jedoch gehörig schief und es beginnt ein Roadtrip für die ungleichen Brüder Eli und Jimmy quer durch die USA – mit Taylor Balik und dessen eiskalter Bande im Nacken.

KIN Szenenbild James Franco
James Franco als Taylor Balik in KIN // © Concorde

Mehr als nur Action

„Kin“ kann man aus dem Englischen mit den Worten „Familie“ oder „Sippschaft“ übersetzen. KIN ist auch mehr als ein durchschnittlicher Science-Fiction- oder Actionfilm, sondern eigentlich ein Familiendrama mit Roadtrip-Komponente. Es geht um die beiden Brüder: Eli, der schüchterne Außenseiter, der unter der strengen Erziehung des Vaters steht und Jimmy, der im Knast erwachsen geworden ist mit wenig Sinn für gute Ideale. Der Begriff Sippschaft im Filmtitel wird auch durch die Figur von James Franco symbolisiert. In dieser Gruppe herrscht eine lineare Rangordnung mit starker Loyalität und Vertrauen untereinander. So trägt jede Figur ihre Definition des Wortes „Kin“ zum Film bei. Wer jetzt aber denkt, dass es in KIN keine Action gibt, den wird das Finale sehr zufriedenstellen. In der Filmmitte spielt Eli in einem alten Diner an einem 90er-Jahre Terminator-Spielautomaten, was ein Hinweis darauf ist, wo der Showdown stattfinden wird. Das Ende und die Lösung der Geschichte sind maßlos übertrieben und werden definitiv von vielen Zuschauern als lächerlich abgetan. Aber wenn ich mir vorstelle als 14-Jähriger im Kino zu sitzen, könnte ich mich mit der Hauptfigur Eli identifizieren und würde mir genau dieses Finale sehnlich wünschen.

© Concorde

Talentierte Independent-Crew

Wenn man die Liste der Personen liest, die hinter dem Projekt stehen, wird die hohe Qualität der einzelnen Kunsthandwerke in KIN deutlich. Das Regie-Brüderpaar Jonathan Baker & Josh Baker hat mit KIN sein Spielfilmdebüt abgeliefert. Die beiden erfolgreichen Werbefilmer haben 2015 mit dem Kurzfilm BAG MAN auf dem SXSW-Festival für Aufsehen gesorgt. Hinter den sogenannten „Twins“ steht als Executive Producer der Schauspieler Michael B. Jordan (CREED, BLACK PANTHER), der seinen Marvel-Gewinn hier gut angelegt hat. Die depressive Stimmung Detroits, die bereits in GRAN TOURINO und ONLY LOVERS LEFT ALIVE intensiv dargestellt wurde, setzt der Kameramann Larkin Seiple perfekt ins Bild. Der Boxerfilm BLEED FOR THIS und das verrückte Survival-Szenario SWISS ARMY MAN sind zwei Werke, die durch sein künstlerisches Auge viel an Wert gewonnen haben. Kommen wir zu meinem Liebling der Produktionen: die Filmmusik. Die wurde von der schottischen Postrock-Band Mogwai produziert und eingespielt. Mogwai sind mir selbst auch zum ersten Mal auf dem Soundtrack von MIAMI VICE (2006) aufgefallen. Wer mit E-Gitarren und elektronischen Klangteppichen etwas anfangen kann, sollte unbedingt in die Alben der Band reinhören. Die Schauspieler überzeugen ebenfalls auf ganzer Linie, nur Zoë Kravitz kann nicht richtig mithalten, was aber auch der Sinnlosigkeit ihrer Figur in dieser Geschichte geschuldet ist. Richtig hervorzuheben ist wieder einmal James Franco, der als Bad Guy nicht wie erwartet agiert und diverse Grenzen überspringt nur um sein Racheziel zu erreichen.

Fazit

Ein sehenswerter Film, den sicher das gleiche Schicksal wie HOTEL ARTEMIS an der Kinokasse ereilen wird, weil keiner weiß, wie ein solcher Film vermarktet werden soll. KIN wird sich hoffentlich dennoch beweisen, denn es geht hier um viel mehr als einen Teenager, der eine Superwaffe findet. Aber um das zu erkennen, sollte man mit jugendlicher Neugier ein Kinoticket kaufen.

Titel, Cast und Crew

KIN (2018)

Poster


Kinostart

unbekannt

Regisseur

Jonathan und Josh Baker

Trailer

Besetzung

Myles Truitt (Eli Solinski)
Jack Reynor (Jimmy Solinski)
Dennis Quaid (Hal Solinski)
Zoë Kravitz (Milly)
James Franco (Taylor Balik)

Drehbuch

Daniel Casey

Kamera

Larkin Seiple

Musik

Mogwai

Schnitt

Mark Day

Filmlänge

102 Minuten

FSK

ab 12 Jahren

 

Keinen Beitrag verpassen
20

Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter

Ein Gedanke zu “KIN – Filmkritik

  1. Das hört sich interessant an. Und gut, ich kann nicht verleugnen, dass alleine schon die Farbgebung des Posters mich anspricht, aber wenn eine gute Geschichte dahinter steht, umso besser. Ich denke, dass solch ein Film in dieser Zeit, in der es Kindern an positiven, erwachsenen Vorbildern realen Ursprungs mangelt, sehr wichtig ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.