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Killers of the Flower Moon (2023) – Filmkritik

„Eine Geschichte über Hass“

Die Osage-Morde, verübt zwischen 1910 und 1930, gehören zu den abscheulichsten, vorsätzlichen Verbrechen der jüngeren Geschichte. Ihre Aufarbeitung, die David Grann in seinem Sachbuch KILLERS OF THE FLOWER MOON vornahm, ist nicht nur eine kriminalistische Dokumentation, es ist eine Chronik des noch jungen Amerikas, das, gerade aus dem Wilden Westen kommend, eine Zivilisation finden musste und ein erzürntes Mahnmal, auf welchen Säulen die Vereinigten Staaten von Amerika erbaut sind: Auf Habgier und Rassismus.

Martin Scorsese, der jüngeren Leser:innen vielleicht eher als der Marvel-Mecker-Opa bekannt ist, schwingt sich auf den Regiestuhl und macht aus Granns zorniger Vorlage, in der im Finale die USA selbst personifiziert auf dem Anklagestuhl sitzen, ein bildgewaltiges Epos, das in seiner bald vierstündigen Laufzeit weniger an der detaillierten Aufarbeitung des Falles interessiert ist, sondern eine persönliche Herangehensweise wählt. Darüber wird zu diskutieren sein.

Leonardo DiCaprio und Lily Gladstone // © 2023 Apple Inc. All rights reserved.

 

Der Stamm der Osage gehört Anfang des 20. Jahrhunderts zu den reichsten Menschen der Welt. Das Reservat Osage-County birgt reichhaltige Ölquellen, schon bald fährt hier jeder Cadillac und trägt Pelz. Doch wo Geld ist, da ist auch der weiße Mann nicht weit. Sukzessive werden die Osage übervorteilt und enteignet, so dürfen sie etwa bald nicht mehr über ihr eigenes Geld verfügen, werden geschäftsunfähig gemacht, ihr Vermögen verwaltet von, natürlich, weißen Vormündern. Eine Mordserie an den Osage beginnt. Aufklärung ist von den lokalen Behörden nicht zu erwarten.

Der etwas einfältige Ernest Burkhardt (Leonardo DiCaprio) kommt Anfang der 1920er Jahre nach Pawhuska. Sein Onkel, William Hale (Robert DeNiro) ist der inoffizielle Herrscher über Osage County, selbsternannter „Freund der Osage“. Er stiftet Schulen und andere soziale Einrichtungen, er hilft, wenn Not am Mann ist. Doch die sorgsam aufgebaute Fassade trügt. Hale hat ein niederträchtiges Komplott erdacht: Ernest soll die junge Osage Mollie Brown (Lilly Gladstone) ehelichen. Ihre Familie hält einen Großteil der sogenannten „headrights“ der Ölquellen. Im Todesfalle der gesamten Familie Brown würden diese dem nächstgelegenen Verwandten, oder Lebenspartner, der Familie zufallen: Ernest. Und so nimmt eine beispiellose Niederträchtigkeit ihren Lauf.

Leonardo DiCaprio und Lily Gladstone // © 2023 Apple Inc. All rights reserved.

 

Scorsese, bzw. Drehbuchautor Eric Roth, trifft gleich zu Beginn seines Drehbuchs eine interessante inszenatorisch-adaptorische Entscheidung: Während Autor David Grann das zugrunde liegende Komplott minutiös anhand des tatsächlichen Ermittlungsstandes enthüllt, legt die Verfilmung sämtliche Karten bereits in den ersten 10 Minuten auf den Tisch. Wir kennen die Absichten von Hale und Ernest also bestens, bevor die Geschichte überhaupt erst losgeht. Scorsese ist also nicht an einem Spannungsbogen interessiert, sondern an einer Charakterstudie. Die zentrale Dynamik des Films bereitet die Liebesbeziehung zwischen Mollie und Ernest. Da ist auf der einen Seite Ernest, der mit sich darin übereinkommen muss, dass seine Ehefrau, die er tatsächlich zu lieben scheint, irgendwann sterben wird. Auf der anderen Seite Mollie, die im Laufe der Handlung lernen wird, dass der Feind, der ihre gesamte Familie und einen Großteil ihres Stammes auslöschen wird, buchstäblich in ihrem Bett liegt. Lilly Gladstones neugieriges Spiel, das zwischen Abgeklärtheit und Machtlosigkeit im Sekundentakt wechseln kann, bietet das Herzstück von KILLERS OF THE FLOWER MOON. Es ist diese besondere Art von Darbietung, bei der die Schauspielerin komplett hinter ihrer Rolle verschwindet. Gladstones Spiel ist keines der großen Gesten, es gibt auch keinen Monolog, der schon mit dem Oscar-Clip im Hintergrund geschrieben wurde.

Lily Gladstone and Martin Scorcese // © 2023 Apple Inc. All rights reserved.

 

Ob der Ausrichtung des Filmes, so könnte man zunächst kritisieren, werden wichtige Teile der Geschichte ausgelassen, bzw. fehlt ein Großteil der historischen Kontextualisierung, die Grann in der Vorlage liefert, die zum vollen Verständnis des Falles wichtig sind. Vielleicht muss man dies aber auch anders formulieren: Scorsese verzichtet fast vollständig, kleinere stummfilmartige, aufs nötigste beschränkte, Texttafeln ausgenommen, auf Exposition. Er wirft uns zusammen mit Ernest in eine gelebte Welt hinein, er zeigt, statt zu erklären. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob etwa das ausbeuterische Guardian-System, oder auch die Rolle des FBIs, für uninformierte Zuschauer:innen durch den reinen Genuss des Filmes verständlich werden. FBI-Agent Tom White (Jesse Plemons) stolpert nach etwa zwei Stunden Laufzeit einfach in den Film hinein, genauso, wie es für die handelnden Figuren gewirkt haben muss. Aber auch hier fehlt der Kontext über den historischen Stand des FBIs Anfang der 1920er und auch das persönliche Interesse, das Leiter Hoover ob einiger schwerwiegender Patzer im Osage Fall in der Vergangenheit an der reibungslosen Aufklärung des Falles gehabt haben dürfte.

Robert De Niro und Jesse Plemons // © 2023 Apple Inc. All rights reserved.

Scorsese hat seine Filme immer aus der Tätersicht erzählt. Im Falle von KILLERS OF THE FLOWER MOON dürfte ernsthaft die Frage gestellt werden, wie sinnvoll diese Anlage ist. Natürlich ist es schockierend, die Selbstverständlichkeit, mit der Hale eine ganze Familie ausrotten lässt, ungefiltert zu erfahren. Aber es ist eben auch eine Menge Abstraktionsvermögen seitens der Zuschauer:innen nötig, um dies auch zu erkennen. Wie bereits erwähnt: Fast alles in KILLERS passiert zwischen den Zeilen. Man erinnere sich mit leichtem Grauen an eine ganze Generation, die den WOLF OF WALLSTREET als Vorbild nahmen und hofft einfach inständig, das dies hier nicht passiert. Die Aussage des Films bleibt dennoch: Das moderne Amerika wurde erbaut auf einem Fundament aus Habgier und Rassismus.

Wie so häufig liegt der Schlüssel eines Scorsese Films in seiner letzten Einstellung. Wie in einem einzigen Bild die Merkwürdigkeiten ob der Positivzeichnung des FBIs ins Gegenteil verkehrt werden, zeugt von der Brillanz Scorseses Inszenierung. Denn er hat final auch einen Film über Geschichtsschreibung an sich gedreht, darüber, dass es nicht nur wichtig ist, wie die Geschichte erzählt wird, sondern auch wer dies tut.

JaNae Collins, Lily Gladstone, Cara Jade Myers und Jillian Dion// © 2023 Apple Inc. All rights reserved.

KILLERS OF THE FLOWER MOON stellt die Zuschauer:innen vor einige Herausforderungen. Es ist ein aus der Zeit gefallener Film, der nicht nur ob seiner Lauflänge, sondern auch seiner inhaltlichen Komplexität an die Meisterwerke des New Hollywood Kinos erinnert, mehr als einmal direkt an den dekonstruktivistischen Western HEAVEN’S GATE. Mehr als einmal verblüfft der schiere Aufwand der echten Requisiten und Statist:innen, die nicht aus dem Computer kommen, sondern tatsächlich da sind. In Zeiten, in denen Filme vor allem ob ihres ideologischen Standpunktes bewertet werden, stellt dieser Film eine spannende Sonderform ein. Scorsese wählt keine klare Seite, er schlägt sich vollends auf die Seite des Kinos.

© Fynn

Titel, Cast und CrewKillers of the Flower Moon (2023)
Poster
ReleaseKinostart: 19.10.2023
RegieMartin Scorsese
Trailer
BesetzungLeonardo DiCaprio (Ernest Burkhart)
Robert De Niro (William Hale)
Lily Gladstone (Mollie Burkhart)
Jesse Plemons (Tom White)
Brendan Fraser (W. S. Hamilton)
John Lithgow (Staatsanwalt Leaward)
Tantoo Cardinal (Lizzie Q)
Barry Corbin (Bestatter Turton)
Gary Basaraba (William J. Burns)
Scott Shepherd (Bryan Burkhart)
William Belleau (Henry Roan)
Louis Cancelmi (Kelsie Morrison)
Jason Isbell (Bill Smith)
Sturgill Simpson (Henry Grammer)
DrehbuchEric Roth
Martin Scorsese
VorlageBasiert auf dem gleichnamigen Sachbuch von Eric Roth
KameraRodrigo Prieto
MusikRobbie Robertson
SchnittThelma Schoonmaker
Filmlänge206 Minuten
FSKab 12 Jahren

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