„Zusammen, was zusammengehört“
Lange mussten wir warten bis Quentin Tarantinos KILL BILL: VOLUME 1 (2003) und KILL BILL: VOLUME 2 (2004) als ein Gesamtfilm ins Kino kommen wird – wie es der Regisseur ursprünglich wollte. Doch ein Vier-Stunden-Film konnte damals im Mainstream keinem verkauft werden, so dass Tarantino zusammen mit der Cutterin Sally Menke zwei Spielfilme erstellte. 2011 schnitt der Regisseur jedoch beide Teile zusammen (Es wurden aber schon einmal beide Teile zusammen 2004 in Cannes aufgeführt). Besonderheiten sind eine 30-minütige Animesequenz und die Kampfszenen mit den Crazy 88 in Farbe. Tarantino schenkte sich selbst die Premiere von KILL BILL: THE WHOLE BLOODY AFFAIR zum Geburtstag am 27. März in seinem eigenen Kino, dem New Beverly Cinema in Hollywood[1]. Doch dann wurde es ruhig um die blutige Rachegeschichte. Nach dem 20-jährigen Jubiläum durften sich im Herbst 2025 die amerikanischen Lichtspielhäuser an der Komplettfassung im Kinoprogramm erfreuen und nun (April 2026) ist es in Deutschland so weit: KILL BILL: THE WHOLE BLOODY AFFAIR mit 260 Filmminuten plus 15 Minuten Intermission (Pause) kommt in die Kinos – teilweise sogar auf analogem Film (70mm und 35mm) vorgeführt.

Wer vor gut 20 Jahren bereits den Katana schwingenden Racheengel namens Beatrix Kiddo angehimmelt hat, wird auch bei diesem Komplettpaket seine oder ihre Freude haben. Vor allem ist es umso schöner, diese Hommage an die asiatische Shaw Brothers im Kino zu sehen, so wie es Anfang der 2000er Jahre „Gesetz“ war. Streaming beschränkte sich vor 20 Jahren auf pixelige, kleine Videos aus dem „Netz“ und der illegale Filmdownload erfuhr erst später seinen Höhepunkt. KILL BILL VOL. 1 & 2 hatte hohe Erwartungen an den Videotheken-Filmnerd mit Regie-Arbeitserlaubnis Quentin Tarantino (Zertifikat A+ dank RESERVOIR DOGS, PULP FICTION und JACKIE BROWN) und war ein Muss im Kino zu erleben. Und genau dort entfalteten diese beiden Filme ihre Wirkung auf eine Vielzahl von Menschen, die das Medium Film lieben lernten und erkennen mussten, welche Vielfalt noch außerhalb des kleinen Dorfkinos, in dem sie gerade saßen in der internationalen Filmgeschichte zu finden war – so wie bei mir.

Vergangenheit
MATRIX (1999) hatte mich damals genau im richtigen Alter heimgesucht und mein Weltbild-Verständnis auf den Kopf gestellt. Die Wachowskis wussten diesen Film genauso zu konzipieren, dass es wie ein mit Filmreferenzen gefülltes Teenagerzimmer erstrahlte. Aber die Filme, auf die sie sich bezogen, waren noch nicht richtig greifbar für mich. Damals haben mich Animes auch schon fasziniert, doch der Zugang war schwierig und die Auswahl glich einer Wundertüte aus Sex, Gewalt und unverständlichen Dystopien. Quentin Tarantino war da mit seinem KILL-BILL-Doppelfeature viel konkreter. Das mag aber auch daran liegen, dass ich schon ein paar Jahre älter war, von zu Hause ausgezogen und über mein eigenes Leben bestimmten konnte.

Aber von den Referenzen in diesen Filmen hatte ich noch keine Ahnung. Der gelbe Trainingsanzug von Uma Thurman war spitze. Ich suchte vergeblich nach ihren gelben Turnschuhen im Internet, aber Bruce Lee war für mich eine weit entfernte Kultfigur. David Carradine als Bill beeindruckte mich als charmanter und tödlicher Endgegner, aber von der Fernsehserie KUNG FU hatte ich nie eine Folge gesehen. Diese wunderschönen japanischen Schwerter erfüllten meine Fantasie, dass Klinge nicht gleich Klinge ist, aber welche japanische Schauspiel-Legende (Sonny Chiba) Hattori Hanzo spielte, ahnte ich nicht. Ein Schwertkampf im Schnee war wunderschön anzusehen, der Manga LADY SNOWBLOOD fiel mir erst später in die Hände. Ich musste 40 Jahre alt werden, um zum ersten Mal DIE 36 KAMMERN DER SHAOLIN (1978) zu sehen, mit dem Gordon Liu seinen Karrieredurchbruch feierte. Bei KILL BILL ist er sogar in einer Doppelrolle zu sehen als Meister Pai Mei und Yakuza-Kämpfer Johnny Mo. Es ist, als hätte mich Tarantino kurz durch ein Fenster blicken lassen, was mir nur einen Hauch davon zeigte, worauf er diese Filme konzipierte.

Auch wenn ich damals die filmhistorischen Easter Eggs nicht verstand, war es ein Erlebnis, voller Blut, kaltblütiger Gegner, knüppelharter Fights, popkultureller Kameraeinstellungen und unerwarteter Herzenswärme. Ich war mindestens genauso erstaunt wie Black Mamba, die auf einmal von ihrer totgeglaubten Tochter ins Visier von einer Spielzeugpistole genommen wurde. Was sie lebt noch? Das ändert alles, oder doch nicht? Ich liebte einfach jede Minute dieser beiden Teile und drückte immer wieder auf die Wiederholungstaste meiner Filmemotionen, wenn ich einen der Soundtracks in den CD-Player legte – verrückt und schön zugleich, wie vor 20 Jahren emotionale Erinnerungen noch an einem physischen Trägerformat hingen. Und dann kam noch dazu, dass die KILL-BILL-Teile zu meinen ersten Filmen gehörten, die ich als Filmvorführer im Nebenjob zeigen durfte. An das ratternde Projektorgeräusch und den Blick auf die kleinen Filmzellen, die in einer lauten und heißen Maschine verschwinden, um auf großer Leinwand in Licht zu explodieren, werde ich nie vergessen.

Gegenwart
So viel zu meiner nostalgischen und emotionalen Verbundenheit mit diesen Filmen, die nun ein ganzer Film geworden sind. Über 20 Jahre später ist KILL BILL: THE WHOLE BLOODY AFFAIR als einer der besten Filme der 2000er Jahre verdammt gut gealtert. Und das ist nicht leicht, da sich die Welt bereits wesentlich verändert hat, was einem gleich zu Filmbeginn bewusst wird, wenn man den Namen Harvey Weinstein bei den Produzenten liest. Das sind die dunklen Seiten des Geschäfts, in denen ein Exzentriker wie Tarantino zu Weinsteins sexueller Nötigung und Missbrauch geschwiegen hat. Brutalität und Fahrlässigkeit am Set mögen auch Hand in Hand gegangen sein und man mag es als: „Früher waren alle bereit ihre Gesundheit für die Kunst zu opfern“ abtun. Ich weiß nicht, ob Uma Thurman und Quentin Tarantino heute noch ein Wort miteinander wechseln und ich muss auch sagen, dass es mich nicht interessiert. Das Werk vom Autor (mit Absicht männlicher Artikel) zu trennen ist immer ein guter Ansatz, denn Scharlatane erkennt man auch in ihren eigenen Filmen wieder. Und Tarantino ist auf jeden Fall einer von dieser Sorte, um sich diese ungewöhnliche Racheodysee einer Frau auszudenken. Die Grundidee zum Plot dachten sich damals Uma Thurman und Tarantino beim Dreh von PULP FICTION aus.

Dennoch, neben dieser teilweise patriarchalen Entstehungsgeschichte, ist für mich KILL BILL: THE WHOLE BLOODY AFFAIR ein feministischer Film, in dem sich eine Frau ihr Recht auf eine filmreife Rache einfordert, wie es schon viele Filmmänner (Bronson, Eastwood, etc.) vor ihr getan haben. Vor allem ist interessant, wie ihre Rolle dennoch Selbstjustiz ausübt, auch wenn sie ihre Tochter bereits zurückgewonnen hat. Heute kann man die Erklärungen Bills für den mehrfachen Mord kaum noch ernst nehmen. Er schenkt sich ein Glas Tequila nach dem anderen ein, mansplaint von Comic-Interpretationen und gibt am Ende zu, „nur eifersüchtig“ gewesen zu sein. Da ist die „Fünf-Punkte-Druck-Herzexplosions-Technik“ geradezu eine Gnade von Beatrix Kiddo am Vater und versuchten Mörder ihres Kindes.

KILL BILL: THE WHOLE BLOODY AFFAIR ist aber hervorragend in seiner Erzählweise und Inszenierung gealtert. Es ist ein Film der Auftritte von Charakteren, die immer in perfekter Balance aus Personalisierung mittels Dialog und Bild beschrieben werden. Coole Musik hilft stets weiter und Slow Motion ist stets Genuss anstatt Ärgernis. Schräge Perspektiven waren schon immer Tarantinos Ding und eine Kameralinse, die aus dem blutigen Loch eines Schädels hinausschaut, ist keine Seltenheit. Die Kämpfe sind toll choreographiert, gefilmt und durch ein knallhartes Stunt-Team (u.a. Zoë Bell als Stuntfrau) umgesetzt. Heute hätte man es sich leicht mit digitalen Animationen gemacht. Hier gibt es noch wirkliche Set Pieces, was einen den Blutdruck stets nach oben steigen lässt.

Der Film ist voller cooler Szenen und langer, gehaltvoller Dialoge, wo andere Genrekollegen wegen des Realitätsbezugs von langweiliger Routine erzählt hätten. Style geht hier weit vor Faktencheck. Black Mamba ist eine Auftragskillerin. Sie muss sich nie Sorgen um Geld, Logistik und mögliche Strafverfolgung machen. Sie zelebriert ihre Rache in den passenden Outfits, auch wenn nicht immer alles glatt geht. Gesetzeshüter Sheriff und Hilfssheriff (Michael und James Parks) tauchen nur auf, um uns rückblickend den Tatort zu erklären. Auch wenn immer wieder mit Rückblicken, Vergangenheiten und Zeitsprüngen hantiert wird, folgt Beatrix zielstrebig ihrem Racheplan und streicht einen Namen nach dem anderen von ihrer Liste. Was mir heute besonders aufgefallen ist, wenn man KILL BILL als Gesamtwerk betrachtet, ist, dass der Beginn äußerst blutig und gewalttätig ist, dann gerät er in sadistisches Fahrwasser voller Ekel und Klaustrophobie und endet mit nur ein paar Tropfen Blut. Andere Filme zeigen große Action und ein blutiges Massaker erst im Finale. KILL BILL: THE WHOLE BLOODY AFFAIR ist da anders und endet mit fünf Schritten barfuß in einem Luxushotel und einer neuen Identität als Mutter.

Fazit
KILL BILL: THE WHOLE BLOODY AFFAIR zeigt mir, wie froh ich bin in der aktuellen filmischen Zeitepoche zu leben. Nicht mit so einer verklärten „Früher war alles besser“ Illusion, sondern eher im „richtigen Alter“ genau die „richtigen Filme“ im Kino gesehen zu haben. Und das ist ja das Gute an der Filmwelt: Heute gibt es viele junge Leute, die vielleicht auch genau jetzt die richtigen Filme im Kino sehen, die sie ein Leben lang begleiten. KILL BILL begleitet mich schon seit langem und es war ein Genuss THE WHOLE BLOODY AFFAIR endlich einmal als Gesamtwerk im Kino zu sehen.
Quelle:
[1] Shone, Tom: Tarantino. München: Knesebeck-Verlag, 2018. S. 163.
Chefredakteur
Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter



Für alle Freunde der 70mm Filmprojektion:
Parallel zum bundesweiten Kinostart von Quentin Tarantinos KILL BILL: THE WHOLE BLOODY AFFAIR am 16. April 2026 schickt STUDIOCANAL zwei 70mm-Kopien bundesweit auf Tour.
Karlsruhe, Schauburg
10. bis 12. April
Berlin, Zoo Palast
16. bis 18. April
Berlin, Delphi Filmpalast
17. bis 19. April
Hamburg, Savoy
23. bis 26. April
Hannover, Astor Grand Cinema
1. bis 3. Mai
Wien, Gartenbau
10. und 11. Mai
Essen, Lichtburg
15. und 17. Mai