Kevin – Allein zu Haus (1990) – Filmkritik

„Kevin allein zu Haus an einem dunklen Weihnachtsabend“

Mit KEVIN – ALLEIN ZU HAUS verbindet mich eine besondere Erinnerung. Das erste Mal in meinem Leben durfte ich allein ins Kino gehen. Die „Familien-Komödie ohne Familie“, wie der Film angekündigt wurde, begeistert mich heute noch, aber meine Sichtweise ist eine andere geworden. Regie führte Chris Columbus und der hat ein Händchen für phantastische Themen. Bereits zu der ultimativen Horrorweihnachtskomödie GREMLINS (1984) lieferte er das Drehbuch.

© 1990 20th Century Fox

Handlung

Der achtjährige Kevin (Macaulay Culkin) lebt mit seiner Familie, den Eltern, mehreren Geschwistern und weiteren Angehörigen in einem großen Haus in Chicago. Sozioökonomisch gehören die McCallisters zur gehobenen Mittelschicht. Kevin agiert für die Anderen oft als Sündenbock. Besonders sein älterer Bruder Buzz (Devin Ratray) tut sich hervor, ihn zu schikanieren. So kündigt er Kevin an, ihn an seine Vogelspinne zu verfüttern. Besonders verängstigt Buzz das jüngere Kind mit der erfundenen Geschichte, ein älterer Nachbar (Roberts Blossom) wäre ein mehrfacher Mörder, der einst seine Familie mit einer Schneeschaufel getötet habe. Es ist unmittelbar vor Weihnachten, eine Reise nach Paris steht an. Nach einem von Kevin nicht provozierten Streit, verbannt ihn die überforderte Mutter (Catherine O’Hara) auf den Dachboden. Der ungerecht behandelte Kevin entgegnet ihr, er wünsche sich keine Familie zu haben und die anderen nie mehr sehen zu müssen. Allein spricht er anschließend mit der Intensität eines Gebets zu sich, er wünsche, seine Familie würde einfach verschwinden.

© 1990 20th Century Fox

Am darauffolgenden Tag eilen die McCallisters überstürzt zum Flughafen, der noch immer am Dachboden schlafende Kevin wird zu Hause „vergessen“, da versehentlich ein Kind aus der Nachbarschaft mitgezählt wurde. Freudig stellt Kevin später fest: „Ich habe meine Familie verschwinden lassen.“ Kevin beginnt erstaunlich schnell, sich mit der Situation und gewonnener Freiheit zu arrangieren, er spricht davon, er werde jetzt das Haus beschützen. Dieses wird von Einbrechern (Joe Pesci, Daniel Stern) beobachtet, den „Wet Bandits“. Die beiden überfluten ausgeraubte Häuser zusätzlich mit Wasser. Ihr „Markenzeichen“ wird später dazu führen, dass ihnen sämtliche Taten nachgewiesen werden können. Erschrocken durch das plötzliche Auftreten des Nachbarn flüchtet Kevin mit einer Zahnbürste aus einem Geschäft, ohne zu bezahlen. Da er sich grübelnd für einen „Verbrecher“ hält, wird er aus Unachtsamkeit beinahe von den Einbrechern angefahren. Einen der beiden erkennt er: dieser hat sich als Polizist verkleidet kurze Zeit vorher nach dem Haus erkundigt. Die beiden Kriminellen verfolgen kurz das Kind, als Kevin zu einer Kirche flüchtet, kommentiert einer von beiden, dort würde er nicht hineingehen.

© 1990 20th Century Fox

Kevin durchschaut den Plan. Am Abend täuscht er vor, es würden sich noch mehrere Personen im Haus aufhalten und eine Party feiern. Allerdings realisieren die beiden Kriminellen am nächsten Tag, dass in Wahrheit ein Kind allein zu Hause ist. Kaltblütig beschließen sie ihr Vorhaben umzusetzen. Am Weihnachtsabend kommt Kevin mit dem Nachbarn ins Gespräch, einen einsamen alten Mann, der sich mit seinem Sohn zerstritten hat und in die Kirche gekommen ist, um seine Enkelin zu sehen. Kevin rät ihm, sich mit dem Sohn auszusöhnen. Anschließend eilt er zu dramatischer Musik nach Hause zurück. Dort kommt es zum Showdown.

Viel mehr als ein Familienfilm

Von der Grundintension wirken KEVIN – ALLEIN ZU HAUS (HOME ALONE) und auch sein Nachfolger KEVIN – ALLEIN IN NEW YORK (HOME ALONE 2: LOST IN NEW YORK) nicht wie Familienkomödien. Kevin wird vernachlässigt, seine Schwierigkeiten werden nicht einmal von den Eltern ernst genommen. Allein der Mutter fällt während des Fluges auf, dass Kevin nicht anwesend ist. Ein acht Jahre altes Kind ist plötzlich auf sich allein gestellt und sieht sich sowohl mit imaginären wie auch äußerst realen Feinden konfrontiert. Der Showdown, in welchen Kevin sich allein gegen die Einbrecher u. a. mit einem Bügeleisen, Farbeimern, einen Bunsenbrenner sowie einen präparierten Nagel zur Wehr setzt, weckt Erinnerungen an NIGHTMARE ON ELM STREET (1984) von Wes Craven und den grimmigen Kampf zwischen Nancy und Freddy Krueger. KEVIN – ALLEIN ZU HAUS hätte auch ein Terror- oder Home-Invasion-Thriller werden können, aber dann bestimmt nicht mit derartigem Erfolg.

© 1990 20th Century Fox

Mehrere skurrile Theorien kursieren auch im Internet: Als Erwachsener wird Kevin demzufolge zu dem Serienmörder John Kramer aus der SAW-Reihe. Begründet wird dies mit den bizarren Fallen, die Kevin für die Einbrecher aufstellt sowie seiner teils ängstlich, teils neugierigen Faszination von dem wie ein Monster schnaubenden Ofen im Keller, sowie der Geschichte, der Nachbar habe mehrere Morde begangen. Dieser Nachbar, der schließlich sogar Kevin das Leben retten wird, heißt Marley, was deutlich auf „A CHRISTMAS CAROL IN PROSE, BEING A GHOST-STORY OF CHRISTMAS (1843) von Charles Dickens verweist. Dort ist Marley der verstorbene Geschäftspartner von Scrooge, der diesen in Ketten behangen als Geist erscheint, ähnlich wie in mittelalterlichen Zeichnungen Dämonen mit Ketten gefesselt dargestellt werden.

© 1990 20th Century Fox

Eine weitere Home-Alone-Legende bringt dann sogar den Teufel mit ins Spiel. Als die Mutter am Flughafen sagt, sie würde ihre Seele verkaufen, um nach Chicago zu kommen, tritt ein korpulenter Herr, Gus Polinski (John Candy), auf sie zu, stellt sich vor, dass er vor einigen Jahren sehr erfolgreich als Musiker gewesen sei und wundert sich, dass Mrs. McCallister ihn nicht kennt. Er bietet der verzweifelten Mutter an, sie könne mit seiner Band in einem großen Lieferwagen mitkommen und lächelt schließlich verschmitzt. Während der Fahrt macht er seltsame Bemerkungen über sich und die anderen Musikanten, eine gewisse Beklemmung stellt sich auch beim Zuschauer ein, dass eine Frau stundenlang mit mehreren ihr unbekannten Männern eingeschlossen unterwegs ist. Einzelne Interpreten haben die Szenerie tatsächlich gedeutet, dass der Teufelspakt zu Stande gekommen ist: Auf den Darstellungen der MUSIKALISCHEN HÖLLE von Hieronymus Bosch werden die Dämonen mit Blasinstrumenten gezeigt und am Flughafen saß Mrs. McCallister direkt an einer Stelle, an der sich zwei Wege kreuzen. Von dort sollen einen Aberglauben zufolge Dämonen in die Welt der Menschen gelangen können. Ironischerweise wird Mrs. McCallister nur unmittelbar vor den übrigen Familienangehörigen bei Kevin eintreffen.

© 1990 20th Century Fox

Macaulay Culkin war kurz vor KEVIN – ALLEIN ZU HAUS in Adrian Lyne`s JACOB´S LADDER (1990) zu sehen, einen traurigen wie düsteren Jenseitsfilm, worin er einen Jungen spielt, der bei einem Verkehrsunfall umkommt. Auf der titelgebenden Jakobsleiter trifft er später seinen Vater wieder. Auch der Weihnachtsmann trat in einer bizarren Szene auf. 1993 spielte Culkin den DAS ZWEITE GESICHT (THE GOOD SON), der in Wahrheit als Kind andere terrorisiert und sogar seinen Bruder getötet hat, nach außen jedoch freundlich und unauffällig wirkt.

© 1990 20th Century Fox

Trotz seiner dunklen Themen wurde KEVIN – ALLEIN ZU HAUS zur versöhnlichen Weihnachtsgeschichte mit mehreren Happy Ends. Überglücklich schließen sich Mutter und Kind in die Arme, während Kevin durch das Fenster beobachtet, wie es zur Aussöhnung von Mr. Marley mit seinem Sohn kommt. In gewisser Weise scheint Kevin von Engeln beschützt: die Einbrecher wagen es nicht, eine Kirche zu betreten und im entscheidenden Moment betritt Marley die Szenerie. Das Schlusswort gehört allerdings Kevins Bruder Buzz, was neuen Zwist andeutet.

© Stefan Preis

Titel, Cast und CrewKevin – Allein zu Haus (1990)
OT: Home Alone
Poster
RegisseurChris Columbus
ReleaseKinostart: 17.01.1991 (Deutschland)
ab dem 01.10.2015 Blu-ray oder DVD

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Trailer
BesetzungMacaulay Culkin (Kevin McCallister)
Joe Pesci (Harry)
Daniel Stern (Marvin "Marv")
Catherine O’Hara (Kate McCallister)
John Heard (Peter McCallister)
Roberts Blossom (Nachbar Marley)
John Candy (Gus Polinski)
Devin Ratray (Buzz McCallister)
Gerry Bamman (Onkel Frank McCallister)
DrehbuchJohn Hughes
KameraJulio Macat
FilmmusikJohn Williams
SchnittRaja Gosnell
Filmlänge103 Minuten
FSKab 12 Jahren

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