Der letzte Italowestern
KEOMA gilt als letzter bedeutender Italowestern. Veröffentlicht 1976, als das Genre selbst wie ein großer Friedhof mit vielen namenlosen Gräbern erschien, lieferte Regisseur Enzo Girolami Castellari noch einmal einen atmosphärisch dichten Geisterwestern. Das Halbblut Keoma (Franco Nero) kehrt nach dem Bürgerkrieg in die Heimat zurück und trifft auf den ausbeuterischen Caldwell (Donald O’Brien), der vor dem Hintergrund einer Pockenepidemie die Menschen quält, ihnen Medikamente vorenthält. Nach einer Idee von Darsteller und Drehbuchautor Luigi Montefiori (besser bekannt als George Eastman) schuf Enzo G. Castellari einen von biblischer Symbolik und Leid nur so durchtränkten Italowestern. Franco Nero, der mit seiner ikonischen Darbietung in DJANGO (1966) zum Star wurde, gibt hier den geisterhaften Rächer par excellence.

Erzähltechnisch und motivisch möchte ich hier gar keine längere Analyse vorwegnehmen. Den Film selbst (neu) zu entdecken lohnt allemal, insbesondere dank der soeben veröffentlichten Collector’s Edition via Plaion Pictures, die viele Stunden an audiovisuellen Extras sowie ein fundiertes Booklet enthält. Doch habe ich in meinem Bücherregal ein bewährtes Nachschlagewerk zur Hand genommen, das mir nicht nur bei der Erstellung meines eigenen Booklet-Texts zu DJANGO als Quelle diente, sondern wo KEOMA gar als Titelbild verwendet wird (der ans Rad gekreuzigte Nero in der Titelrolle). Pfarrer und Italowestern-Fan Michael Striss unternahm mit „Gnade spricht Gott – Amen mein Colt“ einen intensiven motivischen Streifzug durchs Genre. Das Buch habe ich 2018 hier vorgestellt. KEOMA nimmt bei Striss durchaus einen elementaren Stellenwert ein:
„KEOMA stellt als einer der letzten Italowestern in vielerlei Hinsicht eine Quintessenz des Genres dar. Darunter fallen sowohl die dramatische Aufarbeitung einer tiefgründigen Familienproblematik als auch eine umfassende Rezeption biblischer Themen und Motive. Der Italowestern ist ohne beides nicht zu denken.“ (S. 298)

KEOMA kommt bei Striss auf insgesamt 35 Seiten zur Sprache, mal nur erwähnt, häufig aber weiterführend kontextualisiert. Mehrere Themenfelder, nach denen Striss seine Buchkapitel gegliedert hat (und nicht nach Filmjahren oder den Filmen selbst) lassen sich auf KEOMA anwenden, darunter:
- Topographie (S. 219-252), genauer
- Willkommen in der Hölle: Städte und Dörfer
- Unbarmherzig wie die Sonne: Klimatische Bedingungen
- Konfliktfelder (S. 253-368), genauer
- Hass war sein Gebet: Rache und Vergeltung
- Und Gott sprach zu Kain: Familienprobleme
- Spezifisch christliche Themen und Traditionen (S. 445-556), insbesondere
- Die letzte Kugel traf den Besten: Erlösergestalten

Vor allem im letztgenannten (Teil-)Kapitel wird die Bedeutung der Titelfigur in KEOMA analysiert. Im Folgenden ein Auszug:
„Keoma, Jonathan, Django: Die Jesus-Ikonen
Franco Nero, der bereits im Alter von 25 Jahren überzeugend den ersten Django verkörperte, ist seit einem halben Jahrhundert als vielseitiger und wandlungsfähiger Schauspieler in Erscheinung getreten. Von seinen zahlreichen im Italowestern gespielten Charakteren sind für das Thema dieses Kapitels vorrangig drei von Interesse, die alle der Spätphase des Genres zuzuordnen sind.
Zusammen mit seinem Freund Enzo G. Castellari drehte Nero 1976, also zu einem Zeitpunkt, als der Italowestern eigentlich bereits Geschichte war, KEOMA – eine Mischung aus Rachewestern, apokalyptischer Endzeitvision und christlichem Passionsspiel. Der Schauspieler war zu dieser Zeit 35 Jahre alt, also ungefähr im Alter Jesu während seiner dreijährigen öffentlichen Wirksamkeit. Und tatsächlich verkörpert der italienische Star mit langen Haaren und Vollbart optisch so den Mann aus Nazareth, wie man ihn sich traditionell vorstellt. […] Und in der Tat ist auch Keoma gekommen, wie er sagt, um ‚einen Stall auszumisten‘ [in Anlehnung an die Tempelreinigung, wo die Bibel Jesus im einzigen Fall durchweg grimmig sieht]. Erzählt wird seine Geschichte nicht nur visuell, sondern unterstützt von einer weiblichen und einer männlichen Gesangsstimme aus dem Off, die hier die narrative Aufgabe erfüllen, die in Oratorien und musikalischen Passionen dem ‚Evangelisten‘ zugedacht ist.

Keoma ist ein indianisches Halbblut, das auf dem pale horse reitet, dem fahlen Pferd des apokalyptischen Reiters. Aus dem Krieg, aus der Hölle oder einfach dem Nichts kehrt Keoma nach vielen Jahren zurück an den Ort seiner Kindheit. […]
Es scheint gar so, als spräche Dante zu Keoma: ‚Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!‘ […] Beim ‚Einzug‘ Keomas stellt [die prophetische alte Frau] fest: ‚Du liebst die Menschen vielleicht, aber sie lieben dich nicht‘ (Johannes 1,11). Der Angeredete gibt daraufhin zu erkennen, dass er alles andere als eine naive Weltsicht besitzt, sondern von einer erfahrungsorientierten, nüchtern-biblischen Anthropologie geprägt ist (‚Die Welt ist schlecht!‘), dass er aber nichtsdestotrotz gewillt ist, den Kampf mit dem Bösen aufzunehmen. […]
All dies muss in dieser Welt den Störenfried zwangsläufig ans Kreuz führen. Zuerst wird Keoma nachgestellt: ‚Sucht ihr mich?‘, fragt er seine Verfolger (vgl. Johannes 18,8). Nach heftiger Gegenwehr im Kampf mit Caldwell und dessen Männern ergibt er sich. Er wird gebunden und auf ‚seiner‘ Via Dolorosa durch die Stadt geschleift. Dann wird er an einem großen Wagenrad ‚gekreuzigt‘.“ (Striss 2018: 471-473)
KEOMA mag nicht den frechen Charme der DOLLAR-Trilogie besitzen und nicht an die gewalttätige Unbarmherzigkeit von Corbuccis Filmen heranreichen – ein intensiver, motivisch dichter Italowestern bleibt er zweifellos. Anlass genug, ihn nun würdig wiederzuentdecken.

Die Collector’s Edition von Plaion Pictures

Nach der massiven Ultimate Edition von DJANGO im Dezember 2024 legen Plaion Pictures erneut eine satte Collector’s Edition eines berühmten Italowestern um Schauspiel-Ikone Franco Nero vor. Anders als die Titel der parallel laufenden Western All’arrabbiata-Reihe des Labels kommt KEOMA wieder im edlen aufklappbaren Mini-Box-Format daher (sog. Two-Piece-Box), mit 4 Discs, Booklet und Goodies. Das Finishing der Box ist durchgängig in Hochglanz, das hübsche Covermotiv erinnert in Elementen an die Paramount-Edition von SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD, beruht aber im Original auf dem deutschen KEOMA-Plakat, gestaltet von Lutz Peltzer im Jahr 1979. Jetzt darf man selbst recherchieren, wer bei wem im Design abgekupfert hat. Das Rückblatt mit den gesamten Inhaltsangaben ist lediglich aufgelegt und lässt sich problemlos in der Box verstauen.

Aufgelistet folgender Inhalt der Box:
- Disc 1: Film auf 4K UHD
- Disc 2: Film auf Blu-ray
- Disc 3: Bonus-Blu-ray
- Disc 4: Soundtrack-CD
Dank Seamless Branching kann man auf den Filmdiscs jeweils zwei verschiedene Versionen anwählen: Ungekürzt (102 Min.), mit nicht synchronisierten Stellen deutsch untertitelt, und alternativ die längstmögliche deutschsprachige Fassung (96 Min.) – ein Rundum-Sorglos-Paket, zumal KEOMA in der Vergangenheit häufig in gekürzten Fassungen erschienen ist.
Ergänzend befinden sich folgende haptische Inhalte in der Box:
- 36-seitiges Booklet mit Texten von Marco Koch und Lars Johansen
- 4 Artcards
- 2 Poster

Der Film wurde vollständig in 4K restauriert und wird sowohl auf Blu-ray als auch auf UHD (in bestmöglicher Qualität, jedoch ohne HDR) präsentiert. Das neue Master übertrifft das der bisherigen internationalen Blu-rays deutlich. Die Farben sind kraftvoll, das Filmbild ist sauber, dabei dem Alter angemessen, ein feines Filmkorn ist durchgängig erkennbar. So schön sah KEOMA noch nie aus. Wobei „schön“ natürlich als Qualitätsmerkmal zu verstehen ist, der filmisch intendierte Look ist häufig trostlos-düster, in dreckigen Braun- und Grautönen gehalten. Wenn die Rauchschwaden wie Geistergewand durch den Bildausschnitt ziehen und erdige Texturen sowie Neros markantes Männerantlitz detailreich funkeln, dann versinkt man als Zuschauer ganz in der meterdicken Atmosphäre des Streifens. Auch der Ton lässt sich sehen bzw. hören. In ganzen drei Sprachfassungen wird KEOMA zugänglich gemacht: Deutsch, Italienisch, Englisch. Die ersten beiden anwählbaren Spuren bestehen dabei noch aus zwei verschiedenen deutschen Tonspuren, wobei die zweite den 35mm-Kinoton präsentiert. Die Monospuren (jeweils PCM 2.0 Mono) werden auf zwei Kanäle ausgeweitet und klingen kraftvoll und klar. Das merkt man bereits beim beeindruckendem Soundtrack von Guido & Maurizio De Angelis, der – ein Vorgriff auf die Bonus-CD – in ganzer Länge als Soundtrack beiliegt.

Die deckungsgleichen Extras von Disc 1 (UHD) und Disc 2 (Blu-ray) beinhalten entlang des Spielfilms jeweils zwei hörenswerte Audiokommentare: den ersten mit Regisseur Enzo G. Castellari und Journalist Waylon Wahl sowie einen zweiten mit den Filmexperten Troy Howarth und Eugenio Ercolani. Die Audiokommentare sind jeweils optional deutsch untertitelt.
Die richtige Wucht an Extras – insgesamt über 4 Stunden – befindet sich dann auf der Bonus-Blu-ray, wofür auch eigens neue Interviews-Featurettes produziert wurden. Der Übersicht halber, und als Einladung zur eigenen Erkundung der faszinierenden Filmwelt um KEOMA und den späten Italowestern, seien hier alle elf Interviews – neu und Archivmaterial – mit den Beteiligten aufgelistet:
- „Face to Face“ mit Franco Nero und Enzo G. Castellari (30 Min.)
- „Ashes to Ashes, Dust to Dust“ mit Regisseur Enzo G. Castellari (29 Min.)
- „The Ballad of Keoma“ mit Darsteller Franco Nero (22 Min.)
- „Keoma: Legends never die“ mit Darsteller Franco Nero (10 Min.)
- „Play as an Actor“ mit Schauspieler Wolfango Soldati (30 Min.)
- „Writing Keoma“ mit Drehbuchautor Luigi Montefiori (AKA George Eastman) (16 Min.)
- „Bittersweet Onions“ mit den Filmmusik-Komponisten Guido & Maurizio De Angelis (42 Min.)
- „Parallel Actions“ mit Cutter Gianfranco Amicucci (22 Min.)
- „Enzo’s Squire“ mit Schauspieler und Stuntman Massimo Vanni (14 Min.)
- „The Flying Thug“ mit Massimo Vanni (24 Min.)
- „Die Legende Keoma“ mit dem Film-Team (37 Min.)
In dieser nie dagewesenen Qualität und mit der markanten Sonderausstattung – inkl. Soundtrack-CD samt sehr lesenswertem Booklet der Autoren Marco Koch und Lars Johansen – darf dies als die weltweit mit Abstand beste Edition von KEOMA gelten. Für Fans führt hieran kein Weg vorbei.
Verlosung
Wir freuen uns, in Kooperation mit Plaion Pictures zwei Exemplare der beliebten Collector’s Edition von KEOMA verlosen zu können. Alles, was Ihr dafür tun müsst, ist uns folgende Frage zu beantworten: Welche Collector’s Edition – vor KEOMA – um Italowestern-Star Franco Nero erschien zuletzt bei Plaion Pictures? Die Antworten schreibt uns bitte direkt hier in die Kommentarspalte. Teilnahmefrist ist der 27.09.2026.

| Titel, Cast und Crew | Keoma – Das Lied des Todes (1976) |
|---|---|
| Poster | ![]() |
| Release | seit dem 23.07.2026 in der Special Edition (UHD + 2x Blu-ray + Bonus-CD) erhältlich. Direkt im Plaion Pictures Shop bestellen. |
| Trailer | |
| Regie | Enzo G. Castellari |
| Besetzung | Franco Nero (Keoma) William Berger (William Shannon) Olga Karlatos (Lisa) Orso Maria Guerrini (Butch Shannon) Gabriella Giacobbe (Die alte Frau) Antonio Marsina (Lenny Shannon) John Loffredo (Sam Shannon Donald O’Brien (Caldwell) Leon Lenoir (Doktor) Wolfango Soldati (Konföderierter) Victoria Zinny (Bordellbesitzerin Alfio Caltabiano (Wortführer im Saloon) Woody Strode (George) |
| Drehbuch | Mino Roli Nico Ducci Luigi Montefiori Enzo G. Castellari |
| Musik | Guido & Maurizio De Angelis |
| Kamera | Aiace Parolin |
| Schnitt | Gianfranco Amicucci |
| Filmlänge | 97 Minuten 102 Minuten (ungekürzt) |
| FSK | ab 16 Jahren |
Liebt Filme und die Bücher dazu / Liest, erzählt und schreibt gern / Schaltet oft sein Handy aus, nicht nur im Kino / Träumt vom neuen Wohnzimmer / Und davon, mal am Meer zu wohnen



Django
Die in der Quizfrage gesuchte Ultimate Edition dürfte die von Django sein. Das sind echt schöne Boxen.
Das ist Django von 1966.
„Django“ von Sergio corbucci.
Die Antwort ist DJANGO.
Django
Django von Sergio Corbucci ( 1966 ) in der Ultimate Edition.
DJANGO ist die richtige Antwort. Das war wirklich eine starke Edition.
Das war die Django Box.