Kajillionaire (2020) – Filmkritik

„Die Klammern unserer Eltern“

Unsere Eltern beeinflussen unsere Persönlichkeit maßgeblich. Entweder wir übernehmen Ansichten, Persönlichkeiten, Stärken und Schwächen oder wir entwickeln uns in die völlig gegensätzliche Richtung. Diese extreme Beeinflussung kann niemand leugnen. Die Eltern sind auch die ersten gegen die man rebellieren muss und es ist schwer sich an seinen Idolen abzukämpfen. KAJILLIONAIRE von Miranda July bringt all dies in einer der besten, komplexesten und feinfühligsten Coming-Of-Age-Geschichten der letzten Jahre auf die große Leinwand. All dies mit Eltern, die man keinem an den Hals wünscht und die ihre 26-jährige Tochter fest im Griff der Abhängigkeit haben. Vergesst die Klischees der smarten, gefühlvollen und charmanten Trickbetrüger wie Danny Ocean und seine Freunde. Sie sind doch nur ein Abbild des wohlständigen Hollywoods. Hier kommt eine Familie, die sich schon lange am unteren Ende der Nahrungskette befindet und keine Chance hat ihrem Platz zu entfliehen.

KAJILLIONAIRE (2020)
© Universal Pictures / Matt Kennedy / Focus Features

Handlung

Theresa (Debra Winger) und Robert (Richard Jenkins) führen mit ihrer erwachsenen Tochter Old Dolio (Evan Rachel Wood) ein Leben auf dem Gehsteig. Nicht dass sie kein Zuhause hätten, das haben sie in einem vergammelten Büroraum mit täglichem, lawinenartigem Schaum, der an der Wand hinunterläuft. Nein, sie führen ein Leben auf der Straße, weil sie immer eine Chance suchen, ein paar schnelle Dollar zu machen ohne große Arbeit. Es sind Betrüger, aber der kleinen und erfolglosen Sorte. Tochter Old Dolio setzt sich stundenlang in eine Weiterbildung für jemand anderen, um 20 Dollar zu kassieren oder man versucht einen geschenkten Massagegutschein in Bargeld umzutauschen und bis zum letzten Salzkristall zu feilschen. Die Miete für ihr Schaumwohnbüro ist seit drei Monaten überfällig. Aber die gefühllose Kleinfamilie sieht endlich eine Chance der Schuldentilgung, in einer gewonnen Reise nach New York, bei der sie einen nie dagewesenen Koffer als Verlustfall für die Versicherung angeben. Im Flugzeug treffen sie auf die herzliche und redselige Melanie (Gina Rodriguez), die schon immer bei Betrügereien mitmachen wollte. Konkurrenz für die Tochter oder die Befreiung aus diesem angespannten Raffgiermodus?

KAJILLIONAIRE (2020)
© Universal Pictures / Matt Kennedy / Focus Features

Flow des Unerwarteten

KAJILLIONAIRE beginnt gleich im ersten Bild mit einer Lüge an einem Linienbus. Am Abgase ausstoßenden, eigelbfarbenen Bus steht, dass es sich um die größte nationale Flotte für saubere Luft handelt. Es dröhnt und raucht beim Losfahren. Für diese Kleinfamilie, die sich nur günstig mit dem Öffentlichen Nahverkehr fortbewegen kann, gehört das Lügen und Betrügen zum Leben wie die Luft zum Atmen. Wie Straßenhunde ziehen sie durch die Straßen, auf der Suche nach Waren, die man zurückgeben kann oder eine Chance auf das noch so kleinste Gewinnspiel. Die Postfächer anderer zu beklauen gehört auch dazu. Sie sind getrieben vom schnellen rücksichtlosen Geld, um die rückständige Miete zu zahlen. Legal arbeiten ist keine Option. Zwischenmenschliche Gefühle gibt es auch nicht. Für Tochter Old Dolio, welche längst aus dem Elternhaus hätte entfliehen können, sind die Eltern eine Geschäftsbeziehung. Robert und Theresa wissen aber stets Dolio mit ihren Ängsten und Abhängigkeiten zu konfrontieren, so dass sie an Freiheit nie denken wird. Und wir als Zuschauer werden mitgezogen, in ihrem Singsang nach Möglichkeiten den letzten Dollar aus jeder Chance herauszuquetschen.

© Universal Pictures / Matt Kennedy / Focus Features

Aber das Leben von Old Dolio bricht einem das Herz, spätestens wenn sie verträumt der Warteschleifenmusik einer kostenlosen Telefonhotline lauscht. Das ist die Musik, die sie sich leisten kann, eine andere hat sie nie kennengelernt. Im raffinierten Drehbuch wird klar, warum die Familie eben nicht die erfolgreichsten Betrüger sind, denn wenn das erste Bargeld ergaunert ist, fallen sie auf die simpelsten Marketingtricks wie die Ratenzahlung eines Whirlpools rein. Wie es sich aber für einen guten Film gehört, werden die Zwänge, der Alltag, die Probleme kurz aufgezeigt und dann kommt die Möglichkeit alles zum Besseren zu wandeln, mit Melanie.

Melanie (Gina Rodriguez) // © Universal Pictures / Matt Kennedy / Focus Features

Frischer Wind und neue Perspektiven

Anfänglich kommt der Neid von Old Dolio auf Melanie ins Spiel, dass sie vielleicht ihren Platz als Tochter verlieren könnte und auch Melanie erhofft sich durch Betrügereien endlich etwas Abwechslung in ihrem Leben. Aber die wahren Hyänen in diesem Spiel sind Robert und Theresa, was sich ganz stark in einer äußerst unangenehm fehlenden Moral zeigt. So wird aus KAJILLIONAIRE, der als Coming-Of-Age-Dramödie beginnt, eine süße Romanze mit Emanzipation vom Elternhaus als Ziel.

KAJILLIONAIRE (2020)
© Universal Pictures / Matt Kennedy / Focus Features

Die vielschichtige Geschichte und die komplexen Charaktere muss man sich in gewisser Weise erarbeiten. Es bewegt sich alles auf einem ganz schmalen Grat, Lachen zu wollen oder vor Fremdscham zu versinken. Es sind die zwischenmenschlichen Grausamkeiten innerhalb dieser Familie und die Dinge, die Old Dolio verweigert wurden, die immer wieder eine emotionale Verbindung zur Hauptfigur herstellen. Vor allem die Kluft zwischen Eltern und Kindern, wird feinfühlig, aber auch tieftraurig portraitiert. Der krebskranke Brillenkäufer, dem die vier Betrüger eine akustische Bilderbuchfamilie vorspielen, weil seine Kinder zu beschäftigt sind und er nicht allein sterben will. Die Mutter von Melanie, die sie telefonisch nervt, nur um ihr zu erzählen, was gerade auf dem Fernseher läuft. Ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter als zwei ebenbürtige Persönlichkeiten findet nie statt. Von der fehlenden elterlichen Wärme gegenüber Old Dolio ganz zu schweigen. Aber KAJILLIONAIRE zeigt auch einen Weg aus dieser ständigen Fessel, die Flucht ins Unbekannte mit Vertrauen in einen anderen Menschen.

© Universal Pictures / Matt Kennedy / Focus Features

Vieles zu entdecken

Wenn KAJILLIONAIRE mit seiner ganz feingliedrigen Geschichte über einen hinweggeschwommen ist, wird man neugierig, wer hinter dem Projekt steckt. Es ist die 1974 geborene Schriftstellerin, Performance- und Multimedia-Künstlerin Miranda July. Bereits die Jury in Cannes prämierte ihr ICH UND DU UND ALLE, DIE WIR KENNEN (2005) mit der Auszeichnung für das beste Debüt aus. Ihre vielfältigen Talente als Künstlerin kommen ihr als Regisseurin zugute. Das detailreiche Drehbuch (ebenfalls von ihr), die lockere, aber stets konsequente Kameraführung von Sebastian Winterø und der Wunsch Emile Mosseri für die Filmmusik zu verpflichten, beweisen ein Gespür ihre Version mit den richtigen Talenten umzusetzen. Komponistin Modderi gelingt eine einfache, aber stets emotionale Rückversicherungen für die Figuren, die oft seltsam agieren, aber die Melodien bringen uns den Einblick in ihre emotionale Welt. Vor allem das schöne Endlos-Thema „Melusine“, was Melanie am Klavier spielt, bleibt hängen.

KAJILLIONAIRE (2020)
Miranda July beim Dreh © Universal Pictures / Matt Kennedy / Focus Features

Die Schauspieler spielen nicht nur ihre Rollen, in KAJILLIONAIRE leben sie sie. Richard Jenkins (THE SHAPE OF WATER, BURN AFTER READING) und Debra Winger (E.T., ZEIT DER ZÄRTLICHKEIT) spielen wahre Horroreltern, die stets egoistisch agieren. Gina Rodriguez (ANNIHILATION) bringt die nötige Wärme und Führung ins Spiel und dass sie eben nicht den Modellmaßen hinterhereilt, macht sie umso sympathischer. Evan Rachel Woods beweist wieder, dass man von ihr im populären Genre (WESTWORLD, INTO THE FOREST) wie auch bei Indie-Produktionen (THIRTEEN, CHARLIE COUNTRYMAN) eine Wandlungsfähigkeit geboten bekommt, die bei einer solchen Erscheinung selten ist. In KAJILLIONAIRE mit tiefer Stimme, schüchternem Abwägen, was zu tun ist und in einen viel zu großen Jogginganzug aus der Kleiderspende, möchte ihr jeder nur zu gern zeigen, was sie alles in ihrem Leben verpasst hat.

Old Dolio Dyne (Evan Rachel Wood) // © Universal Pictures / Matt Kennedy / Focus Features

Fazit

Auch wenn die Konkurrenz im Kinojahr 2020 nicht gerade vielfach aufgestellt ist, kann es KAJILLIONAIRE mit jedem aufnehmen. Bereits nach den ersten Minuten straft man sich für den Gedanken ab, einen von Wes Anderson oder Michel Gondry inspirierten Film zu sehen. Miranda July ist hier eine ganz eigene, starke und raffinierte künstlerische Stimme gelungen, wie man sie in den letzten Jahren vermisst hat. Und diese erhebt sich noch über den Stempel als FilmemacherIN oder die eines INDIE-Films, KAJILLIONAIRE ist einfach Filmmagie. Wie bei ihren beiden weiblichen Hauptfiguren ist es Regisseurin Miranda July gelungen über die Konventionen der Vorgeneration hinwegzusteigen. Man freut sich schon jetzt auf weitere Filme von ihr.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewKajillionaire (2020)
Poster
ReleaseKinostart: 22.10.2020
RegisseurMiranda July
Trailer
BesetzungEvan Rachel Wood (Old Dolio)
Gina Rodriguez (Melanie)
Debra Winger (Theresa)
Richard Jenkins (Robert)
Mark Ivanir (Stovik)
Adam Bartley (Whirlpool-Verkäufer)
Patricia Belcher (Althea)
Diana Maria Riva (Farida)
DrehbuchMiranda July
KameraSebastian Winterø
FilmmusikEmile Mosseri
SchnittJennifer Vecchiarello
Filmlänge106 Minuten
FSKab 12 Jahren

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