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Jurassic World: Ein neues Zeitalter (2022) – Filmkritik

„Willst du Fragen stellen oder mitfahren?“

Der Sommer steht vor der Tür und für viele Filmfans und Familien heißt das weltweit: Ab ins Kino. Die Branche hat sich darauf spezialisiert in der Sommerzeit Blockbuster für Groß und Klein auf das Kinoprogramm zu setzen. 2022 macht nun JURASSIC WORLD: EIN NEUES ZEITALTER den Saisonauftakt. Bekannte Marke, zweieinhalb Stunden Laufzeit, Actionabenteuer ab 12 Jahren freigegeben und wahlweise 3D-Vorstellungen – alle Lampen in der Produktionsetage leuchten Grün auf. Dass zu einem schönen Filmerlebnis aber noch allerhand mehr gehört als eine passende Marktanalyse, scheint keiner zu wissen. Nein, das ist so nicht richtig, es ist den Produzenten schlichtweg egal. Der Erfolg an den Kinokassen der seichten Teile zuvor, JURASSIC WORLD (2015) und JURASSIC WORLD: DAS GEFALLENE KÖNIGREICH (2018), reichen für eine Erfolgsprognose. Ob Steven Spielberg als oberster Produzent überhaupt noch das Drehbuch liest, darf bei dieser Fortsetzung ernsthaft angezweifelt werden, denn der dritte Teil der Jurassic-World-Trilogie hat leider wenig zu bieten, abgesehen von vertrauten Gesichtern und einem Paradebeispiel dafür, warum das mit dem großen Blockbusterkino, was früher ein langanhaltendes Erlebnis war, heute in dieser Art nicht mehr funktioniert. Aber zuerst: Die Dinosaurier kommen bzw. sie sind schon längst da.

© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.

Handlung

Einen Park gibt es nicht mehr, denn die Dinosaurier haben es sich auf unserem Planten bereits gemütlich gemacht. Flugdinos brüten auf Wolkenkratzern, Giganten der Meere bedienen sich am Fischfang und gigantische Heuschrecken vernichten hektarweise Getreidefelder. Es gibt aber nicht nur die bekannten Giganten wie den Tyrannosaurus Rex, sondern dank neuster Gentechnik noch fast unbekannte Arten wie den Gigantosaurus. In diesem Biotech-Segment führt das Unternehmen Biosyn den Markt an und will aus den neuen bzw. alten Bewohnern der Erde die Menschheit in eine neue Epoche führen. Hinter dem Multi-Milliarden-Unternehmen steckt Lewis Dodgson (Campbell Scott), der für weitere Forschungen aber noch etwas ganz Besonderes benötigt: Maisie Lockwood (Isabella Sermon), die der perfekte Klon ihrer verstorbenen Mutter ist. Maisie wird aber von ihren neuen Zieheltern in den nordamerikanischen Wäldern versteckt. Claire Dearing (Bryce Dallas Howard) und Owen Grady (Chris Pratt) leben mit dem Teenager abgeschieden von der Zivilisation. Raptor Blue huscht durch die nachbarschaftlichen Wälder. Doch die finanzkräftigen Arme von Biosyn reichen selbst bis dorthin. Maisie wird entführt und in den entlegenen Biosyn-Park in die Dolomiten verschleppt. Nach außen Naturschutzgebiet für Dinosaurier und repräsentativer Hauptsitz der Biotechfirma, aber eigentlich Schurkengeheimbasis.

© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.

Abtauchen gescheitert

Der Wille war da: Zwei Stunden abschalten von der eigenen Realität und mit den Giganten durch die Wälder ziehen. Vielleicht sich wieder wie ein Kind fühlen und Dinosaurier bestaunen, die vor Millionen Jahren auf unserem Planten lebten. Doch weit gefehlt, das Intro bringt uns auf den neusten Stand der Filmreihe, für alle die sich nicht an die vorherigen Teile erinnern können. Biosyn wird als Aggressor eingeführt und die Dinosaurier scheinen die Erde zu unterwerfen. Aber global denkt JURASSIC WORLD: EIN NEUES ZEITALTER gar nicht, es gibt ein paar nette Bilder mit den Urzeitwesen auf unserem Planeten und das wars. Das Szenario bleibt auf wenige Einzelorte beschränkt. Was es für die Menschheit wirklich bedeuten mag, aktiv von seiner Vormachtstellung als Fleischfresser Nummer eins vertrieben zu werden, scheint irrelevant. Im vorherigen Teil (JURASSIC WORLD: DAS GEFALLENE KÖNIGREICH) hat man zumindest noch das Recht auf die Existenz dieser Tiere diskutiert, aber für das was danach kommt, fehlt hier die kreative Story Energy.

© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.

Die langweiligste Blaupause der Kinogeschichte wird aus dem Aktenschrank genommen: Gewissenloses Multimilliarden-Unternehmen mit einem CEO, der nur rein zufällig Tim Cook von Apple ähnelt, soll als Gegner für die Dinosaurierversteher herhalten. Klingt dünn? Ist es auch. Dann lasst uns noch ein paar Stars aus den JURASSIC-PARK-Teilen hinzuholen, damit Eltern im Kinosaal etwas haben können, woran sie sich emotional festhalten können: Jeff Goldblum gibt wieder den exzentrischen Dr. Ian Malcom mit maximal inhaltsleeren Ansprachen und Laura Dern darf als Dr. Ellie Sattler mit Sam Neill als Dr. Alan Grant die Nostalgiebrille dem geneigten Fan von Jurassic Park (1993) aufsetzen. Neill und Dern sind neben wenigen spannenden Dino-Gruselmomenten der Lichtblick in diesem Konglomerat der Belanglosigkeit. Durch sie merkt man erst wie wenig die eigentlichen Hauptdarsteller Howard und Pratt an Persönlichkeit in ihre Rollen legen. Howard fällt durch ein offenherziges Oberteil selbst in schneebedeckten Gegenden auf und Pratt darf seine Raptoren-Trainer-Geste inflationär verwursten. Aber warum regt man sich auf? Der größte Spaß im Kino muss keinem Sinn folgen, siehe TOP GUN: MAVERICK. Der Grund für den Groll ist einfach: Es bringt uns Unterhaltungswillige nicht in eine fremde Welt.

© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.

Kreativer Leitfaden auf Error

Schon wenn in der ersten Szene eine Stahlkette mit einem handtaschengroßen Bolzenschneider zerlegt wird, kommt man sich nicht mehr ernstgenommen vor. Aber so etwas kann man noch gern übersehen. Die Mischung der Dinosaurier aus Robotik und Voll-CGI gelingt, das war aber auch schon in den Teilen davor so. Nach dem ersten Akt driftet JURASSIC WORLD: EIN NEUES ZEITALTER jedoch in die ernsthafte Langeweile ab. Die Reise nach Nordafrika ist weit weniger als ein handlungsarmer Abstecher, der alles „internationaler“ machen soll. Der Dino-Schwarzmarkt ist so offensichtlich im Studio gedreht, dass man bei der ganzen künstlichen Beleuchtung die Scharade erkennt oder sich einredet im Theater zu sein. Ein gutes Beispiel ist die Szene in der Claire auf eine neue Verbündete, die Pilotin Kayla Watts (DeWanda Wise), trifft. In der für Modeshooting tauglichen Damentoilette, die mit so offensichtlicher Absicht piratenhaft abgerockt aussehen will, trifft man auf einen neuen Charakter: Kayla Watts ist für die Rolle des Transports zuständig, mit Krampf wird ihr eine Vergangenheit im Dialog angetackert, die man schnell vergessen hat. Die Schauspielerin DeWanda Wise ist dafür auf jeden Fall eine Erscheinung, eine starke, selbstbewusste Frau. An ihr bleibt aber im gesamten Film kein einziges Staubkorn hängen.

© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.

Neben den flachen Persönlichkeiten ist die Action schlecht geschnitten, es werden Millionen für riesige Studios ausgegeben, aber einen echten LKW in eine Mauer zu donnern, ist zu unbequem oder zu teuer. Raptoren werden zu lasergesteuerten Waffen ohne Eigenleben und keiner Figur geht es ernsthaft an den Kragen, denn JURASSIC WORLD: EIN NEUES ZEITALTER ist der blutleerste Teil der Reihe. Vielleicht mag es auch an den Charakteren liegen, die einem schlichtweg egal sind. Außerdem fehlt die Begeisterung für die Tiere an sich, abgesehen von einer sehr schönen dialogfreien Szene zu Beginn in einem verschneiten Sägewerk. Ursprünglich sind die Filme und ihre Szenen aus den Erkenntnissen der Biologen entstanden, was die jeweiligen Arten ausmacht und wie sie leben. Jetzt sind sie eine Reihe von Problemen, durch die uns dieser Blockbuster von einem ins nächste schubst.

© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.

Die Moral von der Geschichte

Was im finalen Rückblick auf den Film so richtig traurig stimmt, ist die verkommene Scheinmoral der Geschichte. Zu Beginn wird auf die Umweltzerstörung aufmerksam gemacht. Dinosaurier verkommen zur Massentierhaltung und werden illegal gehandelt. Dann werden mit genmodifizierten Heuschrecken und Biosyn als bester Hersteller für genmanipulierten Getreidesamen, den das Urzeit-Ungeziefer meidet, die Probleme der weltweite Nahrungsknappheit angesprochen. Wenige Großkonzerne kontrollieren die globale Ernährung. Diese beiden gesellschaftlichen Diskussionspunkte werden aber schnell zur Seite geräumt, denn der Mensch beschäftigt sich am liebsten mit sich selbst. Die neue wissenschaftliche Frage lautet: Was wäre, wenn man eine perfekte Kopie von sich selbst zeugen könnte und dabei noch ein paar genetische Fehler beseitigen kann? Natur wird ab dem Punkt, wenn es um Maisie als Klon ihrer Mutter geht, zur Nebensache. Der Mensch bleibt ein Egoist. Kurz vor dem Abspann wird noch etwas von Zusammenhalt erzählt, aber spätestens jetzt sucht man schon seine Sachen zusammen, um fluchtartig den Kinosaal zu verlassen.

© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.

Fazit

Eine nahe Zukunft, die sich die Menschheit mit Dinosauriern teilen muss, ist nach wie vor ein spannendes Szenario. JURASSIC WORLD: EIN NEUES ZEITALTER beschäftigt sich aber lieber mit einer langweiligen Schurkengeschichte und leblosen Bestandteilen, die der Blockbuster glaubt haben zu müssen. Der fehlende künstlerische Leitfaden des Regisseurs offenbart, dass jede Abteilung einfach ihr eigenes Ding gemacht hat, und am Ende wurde dieses Urzeit-Frankenstein-Monster im Schnittraum und mit viel CGI grobmaschig zusammengenäht. Taedium giganticum – Gigantische Langeweile.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewJurassic World: Ein neues Zeitalter (2022)
OT: Jurassic World: Dominion
Poster

© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.

RegieColin Trevorrow
ReleaseKinostart: 08.06.2022
seit dem 25.08.2022 auf Ultra HD Blu-ray, Blu-ray & DVD, sowie in Steelbooks und Movie-Collections.

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Trailer
BesetzungChris Pratt (Owen Grady)
Bryce Dallas Howard (Claire Dearing)
Laura Dern (Ellie Sattler)
Sam Neill (Alan Grant)
Jeff Goldblum (Ian Malcolm)
DeWanda Wise (Kayla Watts)
Mamoudou Athie (Ramsay Cole)
Isabella Sermon (Maisie Lockwood)
Campbell Scott (Lewis Dodgson)
BD Wong (Dr. Henry Wu)
Omar Sy (Barry Sembène)
Justice Smith (Franklin Webb)
Daniella Pineda (Dr. Zia Rodriguez)
Scott Haze (Rainn Delacourt)
Dichen Lachman (Soyona Santos)
Kristoffer Polaha (Wyatt Huntley)
DrehbuchEmily Carmichael
Colin Trevorrow
KameraJohn Schwartzman
FilmmusikMichael Giacchino
SchnittMark Sanger
Filmlänge147 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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