Jungle Cruise (2021) – Filmkritik

„Volle Fahrt geradeaus“

Weniger ist manchmal mehr. Wir reden jetzt nicht von der neusten Disneyland-Themenpark-Verfilmung JUNGLE CRUISE, die hat alles, was es für ein Spektakel-Familien-Film so braucht. Nein, manchmal muss man einfach mit weniger Gedankenakrobatik in einen Film gehen. Hinfort mit den exzellenten Abenteuerfilmen, allen voran die INDIANA-JONES-Reihe, die JUNGLE CRUISE ohne Umschweife kopiert. Hinfort mit dem eisernen wirtschaftlichen Griff um den Hals der Lichtspielhäuser, da Disney nicht nur den Film zu horrenden Abgaben im Kino zeigt, sondern auch zeitgleich als „Premium-Download“ im hauseigenen Streaming-Dienst anbieten. Und hinfort mit der Skepsis an eine belanglose Handlung, weil die Geschichte auf Spaß in einem Vergnügungspark basiert – keine Ahnung wie das gehen soll. Wenn man sich aber nun nicht als Tourist mit der Familie an einem Regentag ins Kino verirrt, dann muss man sich als Filmfan doch über ein paar Dinge wundern, die auf dieser Kutterkreuzfahrt über den exotischen Amazonas so geschehen.

© Disney

Handlung

Nicht weniger als eine alles heilende Blume ist das Ziel von Lily Houghton (Emily Blunt), um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die Britin will damit in die Fußstapfen ihres Vaters treten, der ebenfalls auf der Suche nach den „Tränen des Mondes“ war. Jedoch ist es noch Anfang des 20. Jahrhunderts, in dem keine Frau einen Fuß in die Tür der archäologischen Vereinigung bekommt, maximal auf dem obersten Rang bei Vorträgen lauschen darf. Doch Lily lässt sich nicht unterkriegen, packt mit ihrem dandyhaften Bruder MacGregor (Jack Whitehall) die Sachen und fliegt, nachdem sie den bärtigen Museumsidioten eine wichtige Speerspitze gestohlen hat, Richtung Südamerika. Entlang der endlosen Flussmeilen des Amazonas soll sich der Baum verbergen, dessen nur bei Vollmond erblühende Blüten, jede Krankheit heilen können. Lily bucht nach einer Kneipenschlägerei mit einem Jaguar, den fähigsten Skipper: Frank Wolff (Dwayne Johnson). Auch wenn sie nicht wissen, wo sie suchen müssen und der Urwald mit seinen tödlichen Fallen nur darauf lauert ihnen das Lebenslicht auszuknipsen, gibt es noch jemanden, der es auf die Unsterblichkeit abgesehen hat: Prinz Joachim (Jesse Plemons) aus deutschem Adel samt Militärrang und flusstauglichem U-Boot.

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Standard-Konzept

Klingt alles nach bekannten Zutaten fürs familientaugliche Abenteuerkino? Ist es auch. So etwas will der Großteil der Besucher auch sehen und alle anderen ahnen, was sie erwartet. JUNGLE CRUISE erfindet das Rad nicht neu, sondern kann vor allem eines, unterhalten. So wie ein Käsebrot, das bei knurrendem Magen satt macht. Dank des Multimillionen-Budgets sieht es auch noch aufwändig aus. Es ist eine Fahrt in bekannten Gewässern, die aufgehübscht wurde. Ins Auge fällt vor allem die kunterbunte, überstrahlte Optik aus digitalen Effekten. Die echten Requisiten, die in Handarbeit entstanden sind, sehen toll aus und fügen sich in diesem Kulturenclash aus britischem Kolonial-Schick und schmieriger Regenwald-Expedition gut zusammen. Über die vorhersehbaren Klischees der Figuren und die bekannte 3-Akt-Struktur muss man einfach hinwegsehen, denn sonst wird es grausam ermüdend für die hungrigen Synapsen. Die garstigen Deutschen auf submariner Ebene werden nur hierzulande dem Publikum als Karikatur sauer aufstoßen. Zumindest reden sie im Original keinen Nonsens, sondern zackiges Preußisch bis zum Kinderliedgesang. Der Texaner Jesse Plemons (FARGO 1. Staffel, I’M THINKING OF ENDING THINGS) als Prinz Joachim erfüllt souverän seine Aufgabe, was ihm auch einäugig und mit verbunden Armen gelungen wäre. Der zweite Nebendarsteller der oberen Darstellerliga, Paul Giamatti als fieser Bootsfahrt-Kapitalist, kommt leider zu kurz.

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Bleiben die drei Hauptfiguren, allen voran der unübersehbare Dwayne Johnson, der mit dem erfolgreichen JUMANJI-Doppel ganz oben auf dem Stapel der Casting-Agenturen gelandet und für jeden gut bezahlten Spaß zu haben ist. Aber wirklich nur Spaß, denn der Mann weiß, was er kann und das ist Action- und Blockbusterkino. Sein Steamboat-Willie-Skipper ist natürlich nur ein oberflächlicher Gauner mit dem Herzen am rechten Fleck. Die große „Ach-du-bist-nur-ein-Lügner-Szene“ im zweiten Akt ist so vorhersehbar wie die 3D-Effekte in der 2D-Version dieses Films. Aber Johnson ist ein grundsymphytischer Kerl, den man gern sieht und sein Markenzeichen der flachen Witze hat auch hier wieder eine extrem niedrige Trefferquote.

In seine Arme begibt sich die noch-nicht-verliebte und taffe Emily Blunt. Die für das vergangene Jahrhundert selbstsicher skandalös Hosen trägt, aber sonst kaum etwas Besonderes mitbringt. Erst im Finale trägt sie mit ein paar Hirnwindungen zur Entschlüsselung des Rätsels bei. Das Einzige was im Gedächtnis ihrer Figur bleibt, ist dass sie nicht schwimmen kann. Sehr schade, denn die Britin ist vielseitiger. Die größte Freude ist ihr 100 Jahre alter Akzent.

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Der snobistische Sprachschatz wird aber vom eigentlichen Helden mit Persönlichkeit übertroffen: Jack Whitehall als Bruder MacGregor. Noch zu Beginn ahnt man einen Sidekick der schrulligen Art, der sich dann langsam ins Herz der Zuschauer schleicht. Seine Witzquote ist statistisch solider als die des Showrunners und seine Hintergrundgeschichte, die kurz am Lagerfeuer aufblitzt, bringt zum ersten Mal die Kreativität der Zuschauer in Wallung. Für das erzkonservative Disney-Studio ein großes Ding, aber für alle anderen ein logischer und unbedeutender Fakt: seine sexuelle Orientierung. Dies ist wohl die einzige echte Neuerung des sonst staubigen Rollenkabinetts in der Besetzung von JUNGLE CRUISE.

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Was kann der Film?

Es muss doch zumindest eine Sache geben, die auch Nicht-Kino-Touristen begeistert. In der Tat, wie ein kreativer, dramatischer und packender Fremdkörper zeigt eine Montage die Vergangenheit von Frank und seinen Bezug zum Fluch wie auch der Amazonas-Legende. Mit wenigen Worten, schnellen Schnitten und treffsicheren Bildern wird ein ganzes Leben in wenigen Minuten gezeigt. Mit wehenden E-Gitarrenseiten von Filmkomponist James Newton Howard bringt die Sequenz die reißenden Gefahren dieser fremden Welt visuell auf den Punkt. Es ist, als ob man eben noch im Kinderkarussell saß und auf einmal in einer dunklen Achterbahn durch die Fliehkräfte umher geschleudert wird. Kurz darauf befindet man sich wieder bei Sonnenschein auf dem tuckernden Kahn und fragt sich, ob sich die eigene Fantasie mit einer düsteren Vision von JUNGLE CRUISE einen Spaß erlaubt hat. Vielleicht war dies das Einzige, was vom Konzept des ursprünglichen Grusel-Regisseurs Jaume Collet-Serra verblieben ist.

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Fazit

Des Filmstudios Wille nach einem Sommerferien-Kinoschlager ist unübersehbar. Wenn es das Wetter schlecht meint, kann es auch geschehen. Den Lichtspielhäusern wäre es zumindest zu wünschen, dass dieser Popcorn-Magnet einige Tickets löst. Jedoch passiert in JUNGLE CRUISE filmgeschichtlich wie auch künstlerisch nichts Pulsierendes, eine Flaute ohne jede Strömung, die nur durch das enorme Budget vor einem Totalausfall bewahrt wird. Der Fluch dieser von Managern geschliffenen Produktion ohne Ecken und Kanten ist, dass sie in wenigen Wochen ganz weit hinten im Streaming-Kanal versteckt sein wird.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewJungle Cruise (2021)
Poster
RegisseurJaume Collet-Serra
ReleaseKinostart: 29.07.2021
Trailer
BesetzungEmily Blunt (Lily Houghton)
Dwayne Johnson (Frank Wolff)
Jesse Plemons (Prinz Joachim)
Paul Giamatti (Nilo)
Jack Whitehall (MacGregor Houghton)
Veronica Falcón (Trader Sam)
Edgar Ramírez (Aguirre)
Sulem Calderon (Quila)
DrehbuchGlenn Ficarra
John Requa
Josh Goldstein
Michael Green
John Norville
Filmvorlagebasiert auf dem Disneyland Themenpark JUNGLE CRUISE
FilmmusikJames Newton Howard
KameraFlavio Martínez Labiano
SchnittJoel Negron
Filmlänge128 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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