Joker (2019) – Filmkritik

„Die Geburtsstunde des Wahnsinns“

Wenn man über den Joker spricht, kommt man nicht an Heath Ledger aus THE DARK KNIGHT vorbei. In Tim Burtons Batman-Verfilmung möchte man sich keinen anderen als Jack Nicholson als Joker vorstellen, aber Ledger hat 2008 aus einem verspielten Bösewicht etwas ungreifbar Böses geschaffen. Ein Monster, dessen Waffe Chaos ist. Wenn der Joker in Christopher Nolans Verfilmung von seiner Kindheit erzählt, hat er immer eine andere gruselige Entstehungsgeschichte parat. Der Joker bleibt undefiniert und ungreifbar. Mit Joaquin Phoenix in JOKER soll sich das ändern und die Frage beantwortet werden: Wie wurde aus Arthur Fleck der Joker? Regisseur Todd Phillips (HANGOVER-Trilogie) und Drehbuchautor Scott Silver (THE FIGHTER) gehen aber einer noch viel interessanteren Frage nach: Ist er schon mit einer verrückten Persönlichkeit geboren worden oder hat ihn sein Umfeld dazu gemacht?

© 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. TM & © DC Comics / Photo Credit: Niko Tavernise

Handlung

Die 1970er-Jahre hinterlassen jede Menge Dreck in dem Gotham City zu ersticken droht. Nicht nur sprichwörtlich, denn die Müllabfuhr streikt schon seit Wochen. Die Müllberge sind aber nur die Spitze des Eisbergs eines nahenden Aufstands. Korruption hat die Stadt in einen brodelnden Hexenkessel verwandelt, wo keiner einander mehr traut. In dieser Welt will Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) die Leute zum Lachen bringen. Als Darsteller nimmt er in einer Clown-Agentur alle möglichen Jobs an. Selbst in seiner Freizeit versucht er die Menschen zum Lächeln zu bringen, doch die Mitbürger sehen in ihm einen Perversen oder Verrückten. Hinzukommt, dass Arthur eine seltene neurologische Krankheit hat, die bei ihm extreme, spontane Lachanfälle auslöst.

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Er lebt mit seiner pflegebedürftigen Mutter Penny (Frances Conroy) zusammen, die von Thomas Wayne (Brett Cullen), dem reichsten Menschen der Stadt, schwärmt und ihn in Briefen immer wieder um Unterstützung bittet. Die Hilferufe bleiben unbeantwortet, genauso wie Arthurs Versuch die Menschen zum Lachen zu bringen.

Joaquin Phoenix

Bei der Bekanntgabe, dass Joaquin Phoenix der nächste Joker wird, hat kaum einer gezweifelt, dass er der Rolle nicht gerecht wird. Phoenix hat sich zu einem beeindruckenden, ehrfürchtigen, fast schon beängstigend guten Charakterdarsteller entwickelt. Der sensible Verliebte (HER), der Verlierer (THE MASTER), der Künstler (WALK THE LINE), der Gierige (THE SISTERS BROTHERS) oder der Mörder (A BEAUTIFUL DAY), er kann sie alle spielen.

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Sein Arthur Fleck, welcher sich mit Zigarette im Mundwinkel von einem Irrsinn zum nächsten bewegt, um endgültig der Alptraum der Menschen Gothams und seines Erzfeinds Batman zu werden, birgt viele kleine Puzzleteile seiner vorherigen Rollen. Aber der Method-Actor verschmilzt es zu einem großen Ganzen unter einer dicken Schicht Fassade und Schminke. Auf Untergewicht heruntergehungert mit hervorstehenden Schulterknochen und leer wirkendem Brustkorb, tanzt er zum Untergang. Es wäre ein Leichtes gewesen, Joker zu einem schizophrenen Wesen zu machen mit Arthur als sein ziviles Alter-Ego. Aber Phoenix bringt die Veränderung fast schon organisch Stück für Stück auf den Weg. Immer wieder wird er von seinen Mitmenschen schlecht behandelt, seine Psychiaterin ist keine Hilfe, sondern dient nur als Medikamenten-Lieferant. Er war nie glücklich, will aber eines unbedingt: berühmt werden, so wie sein Vorbild Murray Franklin (Robert De Niro).

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Dieser Wunsch kann auf normalem Weg nicht erfüllt werden. Wie kann jemand, der keinen Sinn für Humor hat, spontane hysterische Lachanfälle bekommt und keinerlei Sympathie entwickelt, ein berühmter Komiker werden? Das erkennt er selbst und macht aus seinem tragischen Leben eine Komödie nach seinen Regeln.

Die Umgebung und Filmreferenzen

Gotham City ist das New York der Siebziger: dunkel, dreckig, grau und verregnet. Die U-Bahn ist Transportmittel und öffentliche Toilette zugleich. Es gibt kaum Sonnenschein in JOKER. Wenn es nicht regnet, spielen die Szenen in schmierigen kleinen Zimmern voller Rauch und schwachem Licht. Das Jahr wird nicht genannt, es gibt nur einen Hinweis für Cineasten, wenn man im Film einen Kinoeingang sieht, worüber der Film BLOW OUT – der englische Titel des französischen Klassikers DAS GROSSE FRESSEN von 1973 oder BLOW OUT von 1981 von Brian De Palma – zu lesen ist. Es ist irgendetwas dazwischen. JOKER ist durch und durch Kino der 1970er-Jahre. Kein Wunder, dass bereits im Vorfeld TAXI DRIVER als Vergleich herhalten musste.

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Aber dieser gelingt inhaltlich kaum, auch wenn beide Filme sich mit der Veränderung einer gesellschaftlich unterdrückten Person zu einem mordenden Irren auseinandersetzen. Arthur Fleck wird von seiner Umgebung und den ihn ausnutzenden Menschen dazu gemacht. Die Befreiung zum unberechenbaren Mörder geschieht ab dem Punkt, als ihm ein Kollege einen Revolver schenkt. Travis Bickle in TAXI DRIVER entscheidet sich bewusst in diese Richtung. Visuell lassen sich durchaus Parallelen ziehen, vor allem weil Martin Scorsese in seinem Meisterwerk TAXI DRIVER die urbanen Siebziger geradezu destilliert hat.

JOKER wie auch seine Hauptfigur, ist ein Konglomerat aus vielen Filmklassikern wie EINER FLOG ÜBERS KUCKUCKSNEST, NETWORK, DIRTY HARRY oder FRENCH CONNECTION. JOKERs direkte Verwandschaft ist jedoch ein anderer Scorsese-Film: KING OF COMEDY (1982). Hier versucht Rupert Pupkin (Robert De Niro) mit wenig Talent für Humor seinem Helden Jerry Langford (Jerry Lewis) nachzueifern und in dessen Show zu kommen. Auch Arthur will in die Show von seinem Idol Murray Franklin, doch Franklin nutzt ihn für seine flachen Witze aus, was uns zur Aktualität von JOKER führt.

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Joker im Jetzt

JOKER ist optisch voll und ganz auf seine Zeit markiert. Die Requisiten, das Szenenbild, alles atmet dieselbe Luft der Vergangenheit. Aber die Figur Joker hat trotz all der verrückten, emotionslosen Taten eines immer ausgezeichnet: Er spricht aktuelle gesellschaftliche Probleme an, dass man geradezu an seinen Lippen hängt und für einen kurzen Moment erkennt, warum er eine treue Anhängerschaft hat. Vor allem zum Ende des Films, wenn Arthur Fleck verschwunden ist und „The Joker“ auf dem Sessel in der TV-Show sitzt, erkämpft er sich seine Worte der Wahrheit.

Die Menschen vertrauen einander nicht mehr, jeder will nur seinen Frust am anderen auslassen und den eigenen Vorteil gnadenlos ausnutzen. Dies sind Kritikpunkte, die man im heutigen Turbo-Kapitalismus immer noch ernstnehmen kann. Aber auch die Massenmedien bekommen ihr Fett weg, wenn der gescheiterte Stand-Up-Comedian-Auftritt Arthurs von Murray als Lachnummer ausgenutzt wird. Das hat Heath Ledgers Joker auch ausgezeichnet: Aktuelle Konfliktpotentiale zu erkennen und nicht nur mit dem Finger darauf zu zeigen, sondern einen großen Kanister Benzin draufzuschütten. Geld und Macht waren nie das Ziel eines Jokers, sondern Anarchie.

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Der Zwang des DC-Universums

Dieses Biopic eines Antagonisten hätte nicht besser sein können. Wer auf schnelllebige Action und flapsige Sprüche hofft, wird hier gelangweilt sein. Mancher – wie auch der Schreiber dieser Zeilen – hatte gehofft, dass sich dieser Blick ins Herzen eines gebrochenen Irren etwas mehr von dem DC-Filmuniversum distanziert, tut er aber nicht. Inhaltlich möchte man nichts verraten, aber es wurde sich eine sehr sinnige Beziehung zu Bruce Wayne und der Entstehung zu Batman überlegt. Leider waren es dann doch ein paar Szenen zu viel für die kommende Vernetzung. Vor allem die letzte Szene fühlt sich eher wie ein Wunsch der Produzenten an und ist für JOKER völlig unnötig.

Es gibt zwei starke Szenen, die Heath Ledger ihren Tribut zollen: Eine Verfolgung von Joker, der sich in einer Meute von Demonstranten, die auch als Clowns verkleidet sind, versteckt und selbst eine Maske trägt. Es ist eine Referenz zum Prolog in THE DARK KNIGHT, wenn der Joker einen Bankraub mit seinem cleveren Plan in chaotischer Optik vollführt. Dort setzt der Joker seine echte Maske ab und man erkennt, dass er darunter immer noch Schminke trägt. Auch in JOKER wirft er seine Maske nach der gelungenen Ablenkung in den Müll.

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Die Szene, in der Joker im Polizeiauto fährt, kommt auch hier vor, wie auch bei THE DARK KNIGHT. Jedoch funktioniert die Szene viel stärker in Hinblick auf die Figurenentwicklung. Der deprimierte Arthur Fleck, welcher hinter der Fensterscheibe im Bus zu Beginn von JOKER sitzt, wird zum Bösewicht, der im Polizeiauto zum ersten Mal richtig glücklich ist. Aber auch die beschwerliche Treppe (siehe Kinoposter), die er noch zu Beginn müde und verprügelt emporsteigt, ist ein Symbol für seine Veränderung. Er wird sie tanzend und voller Irrsinn hinuntersteigen.

Die Musik

Allein schon beim alten Warner-Bros.-Intro wird einem klar, dass hier alles in der richtigen Zeit spielt, selbst die Songs des Soundtracks. Frank Sinatras tieftraurige „Send In The Clowns“ darf nicht fehlen, aber man muss warten bis man es in der richtigen Version zu hören bekommt. Unverbrauchte Zeitzeugen wie „White Room“ von Cream oder „My Name Is Carnival“ von Jackson C. Frank bilden nicht nur eine emotionale Stütze, sondern sind immer auch ein melodischer Helfer der Entwicklung unserer Hauptfigur. „That´s Life“ ist der pointierte Schlusspunkt zu JOKER und spiegelt mit seiner Ausspielung perfekt den Humor des Comic-Bösewichts wider.

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Die Filmmusik von Hildur Guðnadóttir (SICARIO 2, CHERNOBYL) kann nur für sich und ohne Filmkenntnis als langweilig missverstanden werden, aber der isländischen Cellistin gelingt es perfekt den inneren Kampf von Arthur zwischen Selbstmitleid und Wahnsinn zu vertonen. Man kann sich schon jetzt sicher sein, dass Guðnadóttir die Lücke, die Jóhann Jóhannsson nach seinem Ableben hinterlassen hat, in der Filmmusik-Szene füllen wird.

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Fazit

Auch wenn es JOKER an einem starken Gegner fehlt, kann Joaquin Phoenix spielend darüber hinwegtäuschen. Es ging nicht darum, eine neue Version des Super-Bösewichts zu kreieren, sondern einen von der Gesellschaft erschaffenen Joker zu zeigen. Das gelingt hier beispiellos komplex, aber dennoch mit einfachen Szenen und dem unheimlich perfekten Spiel von Joaquin Phoenix: Ein Hoffender wird zum Chaosstifter, ein Unterdrückter zu einem Führenden, ein sensibler Sohn zu einem eiskalten Killer. JOKERs realistischer, ernster Grundton, welcher in den vorherigen DC-Verfilmungen immer etwas aufgesetzt wirkte, fügt sich in dieses 1970er-Jahre-Gotham perfekt ein. Er ist ein ganz großer Hoffnungsträger für kommende Comicverfilmungen.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewJoker (2019)
Poster
ReleaseKinostart: 10.10.2019
Ab dem 12.03.2020 auf UHD, Blu-ray und DVD

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RegisseurTodd Phillips
Trailer
BesetzungJoaquin Phoenix (Arthur Fleck)
Robert De Niro (Murray Franklin)
Zazie Beetz (Sophie Dumond)
Frances Conroy (Penny Fleck)
Brett Cullen (Thomas Wayne)
Shea Whigham (Detective Burke)
Bill Camp Bill Camp (Detective Garrity)
DrehbuchTodd Phillips
Scott Silver
KameraLawrence Sher
MusikHildur Guðnadóttir
SchnittJeff Groth
Filmlänge122 Minuten
FSKab 16 Jahren

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