Johnny Handsome (1989) – Filmkritik

„Der schöne Johnny“

Die berühmte zweite Chance für einen Kriminellen findet immer wieder ihren Weg in Drehbücher. Stets in einer anderen Art: ein Zeugenschutzprogramm bei gerichtlicher Aussage, viele Jahre der Rehabilitation im Gefängnis, die wahre Liebe als neue Moral oder die blutige Rache an seinesgleichen als Buße. In JOHNNY HANDSOME erhält der „schöne Johnny“ eine ganz andere Wiedergeburt. Johnny’s Gesicht ist seit seiner Geburt deformiert. Seine Stimme gleicht einem unsicheren Quietschen. Als er 13 war, verließ ihn die Mutter mit dem goldenen Schuss und seinen Vater hatte er nie kennengelernt. Waisenheim, die Straße, Verbrechen und der Knast sind vorprogrammierte Stationen auf seinem Weg. Johnny wird aber nicht, wie in vielen Filmen, moralisch hinter Gittern geläutert, sondern bekommt durch eine plastische Operation seines Gesichts eine zweite Chance im Leben. JOHNNY HANDSOME von Regisseur Walter Hill ist geradlinige Genrekunst mit dem Film noir als Lehrmeister, einen Mickey Rourke in seinen besten Zeiten und einer Parabel aus Gut und Böse, in der es kein Entkommen gibt. 80er-Jahre-Kino in konzentrierter Reinform.

Johnny Handsome (1989)
© Koch Films

Handlung

Damit Mickey (Scott Wilson) endlich seine Bar aus den Händen schmieriger Kreditgeber auszahlen kann, muss er noch ein großes Ding drehen. Zusammen mit John „Johnny Handsome“ Sedley (Mickey Rourke) wollen sie einen Juwelier und Münzhändler ausrauben. Allein ist es nicht möglich, deswegen holen sie sich Hilfe von dem gewissenlosen Paar Sunny (Ellen Barkin) und Rafe (Lance Henrikson). Der Raub gelingt, Mickey wird aber von Rafe erschossen und Johnny von der Polizei geschnappt. Es geht für Johnny fünf Jahre ins Arbeitsgefängnis. Rafe setzt zwei Insassen auf Johnny an. Er wird niedergestochen, überlebt knapp und landet in den Händen von Dr. Steven Fisher (Forest Whitakter). Der Arzt führt eine Studie bei entstellten Verbrechern durch, in der er belegen will, dass sie nach einer Schönheitsoperation den illegalen Weg verlassen. Doch Lt. A. Z. Drones (Morgan Freeman) glaubt, dass sich Kriminelle nie ändern werden. Der Kampf um Johnny’s Seele beginnt.

Johnny Handsome (1989)
© Koch Films

Neo Film noir

Der klassische Film noir zeichnet sich meist durch zwei Bestandteile aus: Der Privatdetektiv, der sprichwörtlich im Dunkeln tappt und die Femme fatale, die nie ganz die Wahrheit spricht und dem Detektiv regelmäßig den Kopf verdreht. In JOHNNY HANDSOME gerät der Gesetzhüter aber auf die Seite der Antagonisten. Morgan Freeman spielt den Lieutenant aus Louisiana überlegend grinsend, fast schon arrogant. Er wartet nur darauf, dass Johnny wieder auf den Pfad des „leichten Geldes“ zurückkehrt. Aber Johnny bekommt auch positiven Zuspruch von seinem Arzt, das Sympathie-Naturtalent Forest Whitaker, der daran glaubt, dass Johnnys Kindheit wie auch sein endstelltes Gesicht dafür verantwortlich ist, dass er auf die schiefe Bahn geraten ist. In wiederkehrenden Gesprächen zwischen Arzt und Patient, entsteht mehr als ein Bewährungshelfer-Verhältnis. Der Teufel mit Cowboyhut, Freeman und der Gott in Weiß mit einer Nonne als Unterstützung, Whitaker, kämpfen um die Seele des schönen Johnnys. Er wird aber seinen eigenen Weg gehen, der kein Happy End enthält, aber beide Seelenkämpfer bestätigen wird. Wo sonst sollte dieser Showdown sein, wenn nicht auf dem Friedhof.

© Koch Films

Von der Dunkelheit ins Licht und zurück

Die Inszenierung von Walter Hill (THE WARRIORS, TRESPASS) verströmt direkt im Intro 1980er-Jahre-Stimmung. Johnny taucht auf einem dunklen Bürgersteig auf, stets bemüht im Schatten sein Gesicht zu verbergen und nur zu sprechen, wenn es nötig ist. In langen Wechseln mit den Namen der Cast & Crew wird eine weitere wichtige Figur in JOHNNY HANDSOME eingeführt: die Filmmusik von Ry Cooder (PARIS, TEXAS, STRASSEN IN FLAMMEN). Seine E-Gitarre singt melodische Klänge der Isolation, um während der Verwandlung etwas rockiger, schnittiger zu werden. Wie auch die Musik wandelt sich das Gesicht von Mickey Rourke. Noch zwei Jahre vorher spielte er sich im Neo-Film-Noir-Meisterwerk ANGEL HEART die Seele aus dem Leib, um sich in JOHNNY HANDSOME vom schüchternen Außenseiter zu einem coolen Lederjackenträger zu wandeln.

© Koch Films

Ein bisschen biografische Ironie auf Rourkes Leben liegt auch in dieser Rolle. Mickey Rourke verschwand Anfang der 1990er aus den großen Filmrollen, um Profiboxer zu werden. Drogen und die körperbetonte Sportart sorgten dafür, dass Rourkes gutes Aussehen spätestens Anfang der 2000er-Jahre dahinschwand. Mit seinem Comeback spielen dankbar seine Rollen beispielsweise in THE WRESTLER (2008) und THE EXPENDABLES (2010). Als Johnny schafft er es nie seine schüchterne Art vom unansehnlichen Alter Ego abzulegen. Vor allem ist die Wandlung zum wirklich schönen Johnny zu Beginn noch recht dezent, doch man merkt sofort wie alle Nebenfiguren ihre Attraktivität auf einmal verloren haben. Außer Elizabeth McGoven (DOWNTON ABBEY) als Donna, sie bleibt bis zum Ende vielschichtig, nicht klischeebehaftet und zeigt eine selbstbewusste, wenn auch orientierungslose Frau. Von ihrer Figur stammt auch der stärkste Satz im Film:

„Working for a machine, get payed from a machine”

Kleine raffinierte Dialoge zur Gesichtsveränderung gibt es ebenfalls. So mag Donna am liebsten die Augen von Johnny, die auch schon vorher so waren. Rockgöre Sunny erkennt Johnny nicht wieder, behauptet aber solch schöne Hände nie zu vergessen.

© Koch Films

Mediabook

Das Mediabook

Koch Films konnte Studiocanal hier eine Lizenz in Deutschland abnehmen und veröffentlicht JOHNNY HANDSOME zum ersten Mal in HD auf Blu-ray im bekannten Koch-Films-Mediabook-Format. Das Bild ist rauschfrei, zum Glück nicht glattgebügelt und hat ordentliche Kontraste. Beide Tonspuren machen Spaß. So kann man in der deutschen Sprachversion Bruce Willis‘ Synchronstimme bei Lance Henriksen hören oder Robert De Niros bei Scott Wilson. Leider ist Morgan Freeman mit seiner unbekannteren früheren Stimme von Kurt Goldstein zu hören. Bei der englischen Sprachfassung ist wesentlich mehr los und auch das Schauspiel von Rourke und Whitaker kommt erst hier zur vollen Geltung. Minuspunkt für das Mediabook ist der fehlende Soundtrack von Ry Cooder, schade. Auf einer Bonus-DVD gibt es noch folgende Extras:

  • Dokumentation CODES TO LIVE BY (44 min) mit Walter Hill
  • Featurette „Eye of the Beholder“ (10 min) mit Make-Up-Designer Michael Westmore
  • Featurette „Action Man“ (11 min) mit Stunt Koordinator Allan Graf
  • Bildergalerie
  • Trailer

Ein Booklet von Daniel Wagner und den Film auf DVD gibt es wie gewohnt.

Fazit

Echt, geradlinig, intensiv und Schauspieler in Höchstform. Auch wenn JOHNNY HANDSOME stets im Schatten von ANGEL HEART (1987) zu verorten ist, sollte man sich einen Anblick nicht verwehren und Kino der Achtziger in Reinform erleben.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewJohnny Handsome (1989)
Poster
Releaseab dem 08.10.2020 im Mediabook (DVD und Blu-ray)

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RegisseurWalter Hill
Trailer
BesetzungMickey Rourke (John Sedley / Johnny Mitchell)
Ellen Barkin (Sunny Boyd)
Elizabeth McGovern (Donna McCarty)
Morgan Freeman (Lt. A.Z. Drones)
Forest Whitaker (Dr. Steven Fisher)
Lance Henriksen (Rafe Garrett)
Scott Wilson (Mikey Chalmette)
David Schramm (Vic Dumask)
DrehbuchKen Friedman
KameraMatthew F. Leonetti
FilmmusikRy Cooder
SchnittDonn Aron
Carmel Davies
Freeman A. Davies
Filmlänge94 Minuten
FSKab 16 Jahren

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