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Jabberwocky (1977) – Filmkritik

Monster, die nur in unserer Fantasie leben, sind die schlimmsten. Selbst Erwachsenen passiert es noch, dass man nachts aufwacht und im Spiel aus Licht und Schatten dunkle Kreaturen im Schlafzimmer zu sehen vermag. Hier zeigt sich schon, dass die besonders gruseligen Monster, wie auch in guten Horrorfilmen, die sind, die nicht genau zu erkennen sind. Denn erst unser Hirn füllt die visuellen Lücken mit emotionaler Bildmalerei. In vielen Geschichten ist das grausame Unwesen nur eine Metapher für gesellschaftliche Probleme oder der Startschuss für eine spannende Geschichte voller Helden, Bösewichte und heiratswilliger Prinzessinnen. Terry Gilliam, der britisch-amerikanische Regisseur und Gründungsmitglied der Komikertruppe Monty Python erzählt mit seinem JABBERWOCKY im Jahre 1977 seine ganz eigene Geschichte im Mittelalter. Immer mit dabei, sein leichter, aber stets treffsicherer Humor mit gesellschaftskritischer Attitüde.

© Capelight Pictures

Handlung

Dennis Küfer (Michael Palin) geht nicht nur seinem Vater mir Optimierungsvorschlägen zum Handwerk des Fässerbauens auf die Nerven, sondern auch mit Liebesschwüren seinem Schwarm, der drallen Griselda. Tochter Fischfinger interessiert sich mehr für das Verspeisen einer rohen Kartoffel als den naiven Gesellen. Als Dennis‘ Vater auf dem Sterbebett vollumfänglich klar macht, was er von seinem Sohn hält, nämlich gar nichts, beschließt Dennis einen Neuanfang in der nächsten Stadt, ähm Burg. Die ist aber schon bis zu den Burgmauern voll mit Flüchtigen aus den Wäldern, weil hier ein Monster sein Unwesen treibt. Der Jabberwocky hat Hunger nach Menschenfleisch und knabbert jeden bis auf die Knochen ab, den er finden kann. König Bruno, der Fragwürdige (Max Wall) veranstaltet ein Ritterturnier und der „glückliche“ Gewinner wird gegen den Jabberwocky zu Felde geschickt. Als Lohn winken das halbe Königreich und die Hand der hübschen Prinzessin (Deborah Fallender).

© Capelight Pictures

Das wahre Monster: der Buchhalter

Die Erwartungen bei der Besetzung, dem Regisseur und den deutschen Titel MONTY PYTHON’S JABBERWOCKY einen waschechten Monty-Python-Film zu sehen sind natürlich groß. Aber wo Filme wie DAS LEBEN DES BRIAN (1979) oder DIE RITTER DER KOKOSNUSS (1975) von einem Witz zum nächsten geflogen sind, lässt sich JABBERWOCKY Zeit für seine Figuren und Geschichte. Vor allem der Humor ist eher ein unterschwelliger als ein fokussierter. So träumt Dennis davon, es endlich auch einmal in die zwei Kilometer entfernte Ortschaft zu schaffen. Auch sein Vater, ein Handwerker mit Prinzipien, hasst das Gewäsch um billige Produkte und steht für Qualität. Fischfinger macht ihm ein Billigangebot für den Kauf von Fässern, die auch nur so lang halten müssen, bis der Fischkäufer sie erhält und sie dann auseinanderfallen können. Dennis, der passionierte Buchhalter und Prozessoptimierer meint, er soll Säcke nehmen, das ist doch billiger. Und so merkt man gleich aus welcher Richtung der politische und gesellschaftliche Wind dieser 1970er-Jahr-Komödie weht. Es besteht bis zum Schluss, dass Dennis trotz Happy End ein Trottel ist, bei jeder Bestrebung zu Helfen versagt und alles noch schlimmer macht. Selbst die Heirat mit der Prinzessin lässt ihn wehmütig an seine wahre Liebe, die oberflächliche Griselda, denken.

JABBERWOCKY (1977)
Fischfinger handelt mit Dennis // © Capelight Pictures

Auf das furchterregende Monster muss man als Zuschauer bis zum Ende warten. Bis dahin pflastern viele blutige Skelette dessen Weg. Das Kreaturendesign hat sicherlich schon damals dem Niveau der Effekte nicht standgehalten, aber JABBERWOCKY überzeugt eher durch seine Kostüme und Requisiten. Ein dreckiges, staubiges Mittelalter ist hier zu sehen. Die enge dunkle Burg ist stets voll mit Menschen und die herrschaftlichen Räume des Königs erinnern eher an eine Höhle. Auch die Kleidung sieht schwer, abgetragen und kratzig aus. Große edle Räume und Darsteller mit feinsten Stoffen gibt es nur in Hollywood. Dieses Abbild des Mittelalters kommt sicher auch eher an die Realität heran. Das zeichnen die Filme von Terry Gilliam stets aus: ein erdiger, fast schon dreckiger Look wie in KÖNIG DER FISCHER oder 12 MONKEYS.

© Capelight Pictures

Mehr als Theater

Die Wahl der Besetzung, die keiner bekannten ästhetischen Filmetikette folgt, ist es was den JABBERWOCKY dann noch echter wirken lässt. Falten, dicke Bäuche und Pockennarben gehen hier bei den Mimen Hand in Hand. Die Rolle der Ritter ist eine unmenschlich Humoristische. Bei jeder anderen Hollywood-Geschichte hätte ein Ritter schon den Helm abgenommen und der Prinzessin zugezwinkert. Hier bewegen sie sich gesichtslos, steif und quietschend durch die Szenen, besonders witzig beim finalen Versteckspiel. Sie sprechen kaum und sterben brachial im blutigen Turnier. Der völlig sinnlose Verschleiß von Rittern nur um einen zu wählen, der dann das Monster bekämpfen soll, wird vom königlichen Berater nicht zu Unrecht angezweifelt. Aber der bekommt vom König gleich eins übergezogen und fürchtet um seinen Kopf.

JABBERWOCKY (1977)
© Capelight Pictures

Auch wenn JABBERWOCKY vor allem im Mittelteil das Interesse für seine Geschichte ziemlich abhandenkommt und sich etwas Langeweile beim Zuschauer einstellt, erfreut man sich an den gesellschaftspolitischen Seitenhieben: Die adligen Geschäftsmänner reiben sich die gierigen Hände am regen Zulauf von Flüchtigen, denen sie zu überhöhten Preisen das Geld aus der Tasche ziehen können. Auch der träge Bischoff bemerkt, dass deutlich mehr gebetet wird seitdem ein Monster alle in Angst und Schrecken versetzt. Deswegen stößt der königliche Befehl eines Turniers beim Ratstreffen gleich auf wirtschaftsorientierte taube Ohren. Dennis, der treudoof eine angekaute Kartoffel als Liebesbeweis seiner Griselda in Händen hält, wird von den Burgwachen für seinen Besitz bewundert. Sie müsse ihn wirklich lieben, wenn sie ihm Nahrung für mindestens einen Monat schenkt. Das Landleben ist vielleicht doch besser als das in der Stadt.

Mit der Hauptfigur Dennis kann man sich als Zuschauer schwer anfreunden. Er ist auch eher ein passiver Protagonist als ein aktiver. Der Knappe Squire (Harry H. Corbett) ist dahingegen eine lockere, leidenschaftliche Abwechslung. Schade, dass ihm seine Potenz zum Verhängnis wird.

JABBERWOCKY (1977)
© Capelight Pictures

Terry Gilliams Starschuss

An dem kreativen Geist Terry Gilliams kommt man als ernsthafter Filmkenner nicht vorbei. Durchaus mögen nicht alle Filme gefallen und vor allem sein unbequemes, bewusst Unästhetisches hat seiner Filmografie nie zu einem Kassenknüller verholfen. Seine Produktionen sind vielfältig, verhältnismäßig günstig und fast 100 Prozent nach seinen Visionen umgesetzt. JABBERWOCKY ist der Startschuss, das Lösen von der Künstlergruppe Monty Python und der Beginn einer eigenen Karriere. Auch wenn es ihm die Umsätze nie gedankt haben, genießen seine Filme wie BRAZIL, FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS oder TIDELAND Kultstatus von Fans als auch filmwissenschaftliches Interesse.

Terry Gilliam bei den Dreharbeiten // © Capelight Pictures

Der 1940 in Minnesota geborene Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und Darsteller ist auch heute noch zum Glück nicht seiner Arbeit müde, was die Fertigstellung seiner längsten Produktion (17 Jahre) THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE (2018) beweist. 1977 teilte sich Gilliam mit der Produktion von JABBERWOCKY noch Teile seiner Filmcrew mit dem zeitgleich drehenden George Lucas, der STAR WARS in den Studiohallen daneben drehte. Heute hat sich Lucas längst aus dem Filmgeschäft zurückgezogen und Gilliam arbeitet weiter. George Lucas Filmfoundation sorgte aber auch dafür, dass man heute JABBERWOCKY in bester Qualität zu Hause sehen kann. Die finanzielle Hilfe an der Restaurierung des British Film Institute (BFI) und Martin Scorseses Film Foundation wollen wir ebenfalls nicht unterschlagen.

Das Mittelalter in HD

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Der Startschuss zur langen und gehaltvollen Karriere von Terry Gilliam kann man nun in Deutschland in gelungener Bild- und Ton-Qualität genießen. Capelight Pictures veröffentlich den Film hierzulande im Mediabook auf Blu-ray und DVD. Das Berliner Label hat alles richtig gemacht und konnte die Master besagter Restaurierung lizenzmäßig erwerben. Auch bei den Extras wurde nicht gespart und umfangreiches teilweise neues Bonusmaterial, welches von Arrow Video und Criterion produziert wurde, ist mit dabei. Die deutsche Synchronisation bekam ein 5.1 Upgrade und kommt klar aus den Boxen. JABBERWOCKY kann man auch ruhigen Gewissens nicht in der Landessprache der Produktion sehen. Das stilvolle, matte Mediabook birgt noch einen Text von Frank Arnold, der einen kleinen Blick in das Schaffen von Gilliam unter Berücksichtigung dieses Films wagt.

© Capelight Pictures

Fazit

Endlich kann man die Anfänge eines Künstlers erleben, der sich und seinem Schaffen bis ins hohe Alter die Treue gehalten hat. Wer hier keine Sketchshow à la Monty Python erwartet, kann eine gelungene Komödie erleben, die immer noch satirischen Scharfsinn beweist und so manch ironischen Seitenhieb auf unser Leben selbst im 21. Jahrhundert noch austeilt.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewMonty Python's Jabberwocky (1977)
OT: Jabberwocky
Poster
RegisseurTerry Gilliam
Releaseab dem 18.12.2020 im Mediabook (Blu-ray + DVD)

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Trailer
BesetzungMichael Palin (Dennis Cooper)
Harry H. Corbett (The Squire)
John Le Mesurier (The Chamberlain)
Warren Mitchell (Mr. Fishfinger)
Max Wall (King Bruno the Questionable)
Rodney Bewes (The Other Squire)
John Bird (1st Herald)
Bernard Bresslaw (The Landlord)
Antony Carrick (3rd Merchant)
Peter Cellier (1st Merchant)
Deborah Fallender (The Princess)
DrehbuchCharles Alverson
Terry Gilliam
KameraTerry Bedford
FilmmusikStücke von Modest Mussorgsky
Marcus De Wolfe
SchnittMichael Bradsell
Filmlänge105 Minuten
FSKab 16 Jahren

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