It Must Schwing! The Blue Note Story (2018) – Filmkritik

Von 1939 bis 1965 produzierten die deutschen Emigranten Alfred Lion (Löw) und Francis (Frank) Wolff in New York unter ihrem Label Blue Note Records die wohl bedeutendsten Jazz-Aufnahmen der Musikgeschichte. Gleichwohl fest in der US-amerikanischen Kultur verankert, waren zahlreiche Alben um Miles Davis, Wayne Shorter, Herbie Hancock, Lou Donaldson, Thelonious Monk, John Coltrane, Art Blakey u.v.a. stilistische Meilensteine und soziokulturelle Statements zugleich, die weltweit Bewunderung und Beachtung fanden. IT MUST SCHWING! THE BLUE NOTE STORY (2018) ist die mittlerweile dritte Dokumentation in Spielfilmlänge über das Label und ihre Macher. Eine Vorstellung.

Deutsche Produktion

IT MUST SCHWING! von Regisseur Eric Friedler wurde im Auftrag der ARD vom Norddeutschen Rundfunk produziert und überschnitt sich im Erscheinungsjahr gar mit einer sehr ähnlichen Doku (BLUE NOTE RECORDS: BEYOND THE NOTES, Schweiz/USA, R: Sophie Huber), die ebenfalls einige der hier porträtierten Beteiligten auffährt – und wie sollten sich deren Geschichten in beiden Filmen auch groß unterscheiden? Im Gegensatz zur schweizerisch-amerikanischen Co-Produktion, die den Rahmen um das Label bis in die Gegenwart spannt und um neuere Musikrichtungen und aktuelle Werke erweitert, liegt der Fokus von IT MUST SCHWING! eindeutig auf den Gründern und Geschäftsführern des Labels: auf deren persönlicher Geschichte und Hingabe zur Musik, die auf bewegende Weise zum Leben erweckt wird. Mit Ausnahme von wenigem Video-Archivmaterial standen vor allem Augenzeugenberichte zur Verfügung, aber zur formellen Gestaltung sogleich mehr. Wim Wenders agierte hier als ausführender Produzent, tritt aber nicht selbst, etwa mit seinem persönlichen Bezug zur Musik, vor die Kamera. Die grundlegende Herangehensweise, aus europäischer bzw. deutscher Sicht die Emigration zweier Kriegsflüchtlinge zu beleuchten, macht nur Sinn. Zuletzt überschneidet sie sich maßgeblich mit den Erfahrungen, die die Protagonisten auf und hinter der Bühne in den USA machten. So entsteht – als positives Vorfazit – eine aufgeklärte, gar pädagogisch wertvolle Perspektive auf die globale, soziopolitische Dimension von Musik und keine verstärkt verklärte Faszination für die sicherlich atemberaubenden Klänge, die ins Ohr des Zuhörers/Zuschauers dringen.

It Must Swing! The Blue Note Story (2018) – Filmkritik
Wayne Shorter // © Studio Hamburg

Formeller Jazz

Wenn auch IT MUST SCHWING! von Beginn an mit Aufmerksamkeit erregenden Interviews mit Legenden des Musikbusiness funkelt und zunächst kurz Quincy Jones, Sonny Rollins und besonders Herbie Hancock in den Fokus rückt, findet sich die Dokumentation recht schnell in ihrer Absicht, eine sehr intime Geschichte über zwei weniger schillernde Charaktere zu erzählen. Alfred Lion und Frank Wolff werden mittels einer Handvoll Fotografien und Video-Ausschnitten, vor allem aber mit stilvoll gestalteten Animations-Sequenzen von ihren jungen Jahren an wiederbelebt. In unbeirrter Ruhe zeichnet man in der ersten Viertelstunde die (Musik-)Kultur und Gesellschaft des Vorkriegs-Berlins Anfang und Mitte der 1930er-Jahre nach. Lion und Wolff treffen sich hier als junge Männer durch Zufall und mit wenigsten Mitteln auf Konzerten, letzterer stets mit seiner Fotokamera im Anschlag – eine „Negerband“, die Südstaaten-geprägten Swing vor einer weißen Mittelschicht musiziert, ist der Auslöser für die tiefgehende Faszination der beiden an dieser seelenvollen („soulful“) Musik, zudem adressiert sie ihre Körper auf direkte Weise, bringt ihre Gliedmaßen in Bewegung – „It must schwing!“ sollte Lion später wiederholt seinen Musikern in den eigenen Studios anraten.

Die Kombination von größtenteils aktuellen Interviews mit noch lebenden Musikern aus der späteren Hauptära (1957-1964) von Blue Note mit animierten Sequenzen sowie fotografischen Einblendungen von Lion und Wolff bilden ein faszinierendes Konstrukt, das mittels dieser verschiedener Stilmittel eine sonst nicht mögliche Gesamtgeschichte visualisiert und darüber hinaus der formellen Mixtur des Jazz entspricht, um den es als künstlerische Ausdrucksform im Kern ja geht. Einzig schade dabei ist, dass die Begriffs(er)klärung gerade hinsichtlich des Namen des Labels – Blue Note Records – in keinem Moment auf die musikalischen Wurzeln des Blues zurückzuführen ist, aus dessen Motiven sich der (US-amerikanische) Jazz schließlich schöpft. Nichtsdestotrotz wird der mit dem Blues verankerte soziokulturelle Hintergrund der Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten betont, bis dieser mit den Bürgerrechtsbewegungen im Sommer 1963 seinen Höhepunkt fand, der sich mit dem des Labels überschnitt.

It Must Swing! The Blue Note Story (2018) – Filmkritik
John Coltrane und Alfred Lion // © Studio Hamburg

Persönliche und soziokulturelle Errungenschaft

„Auf der Beerdigung von Art Blakey waren vier Ehefrauen – alle Mrs. Art Blakey! Er war ein Betrüger.“ Solch persönlichen Aussagen zwischen ehemaligen Kollegen werden Bewunderungsbekundungen gegenübergestellt, etwa in diesem Fall: „Er prägte nachhaltig den Rhythmus von Blue Note. Er konnte spielen wie kein anderer.“ Die unterschiedlichen Facetten der persönlichen Interviews bringen eine beachtliche Dynamik in die Künstlergeschichte des Labels. Vitale Anekdoten von Bühnenauftritten und Studiosessions wechseln sich mit empathischen Betrachtungen von Lions und Wolffs Geschäftsführung ab, die nie im großen Geld schwammen, die aber als erste Labelchefs Musiker auch für Proben bezahlten und stets den künstlerischen Aspekt im Bewusstsein behielten. Besonders sehenswert sind hier die Kapitel über die Aufnahmen in den Rudy Van Gelder-Studios in New Jersey sowie bezüglich der Gestaltung der Plattencover, die Wolffs fotografisches Talent mit der beachtlichen Designarbeit von Reid Miles, der 1955 zum Label kam, verband. Doch essenziell bleibt der Eindruck einer lebensechten Studiopolitik, wenn Blue Note noch nach nächtlichen Gigs die Musiker für Aufnahmen vor das Mikro holten. Da war das besondere Feeling aus dem soeben absolvierten Club-Auftritt noch vorhanden, die Musiker warm gespielt – und die Aufnahmen bekanntlich bis heute von bestechender Authentizität und Atmosphäre. Dieser unmittelbare und „coole“ Sound sollte das Markenzeichen von Blue Note Records werden. Kein anderes Studio arbeitete so.

Sonny Rollins // © Studio Hamburg

Aus diesen persönlichen Einblicken erwächst im Laufe der Doku verstärkt die soziale Errungenschaft, die Lion und Wolff mit ihrem Label verwirklichten. „Die beiden sollten heute als Helden der Bürgerrechtsbewegung angesehen werden“, sagt ein Musiker. „Tatsächlich war mir damals lange Zeit gar nicht bewusst, warum sie das so uneigennützig vorantrieben. Heute verstehe ich es.“ Die beiden Deutschen, die vor dem aufkeimendem Gräuel der Nationalsozialisten Berlin verließen, wurden im New York der 1930er nachhaltig mit einem anderen Rassismus konfrontiert. Tatsächlich waren diese Beiden ein wichtiger Teil derjenigen, die die USA als „Land der Freiheit und Möglichkeiten“ erst zu einem solchen machten. Ihr Label verhalf fast ausschließlich schwarzen Musikern zu Erfolg und Ansehen. Blue Note Records transportiert bis heute elementares Kulturgut, das noch zehn Jahre vor den ersten Erfolgen des Labels als „banale Unterhaltung“ für eine weiße Oberschicht galt. Doch Wolff und Lion spürten der Seele der (Blues- und) Jazzmusik nach. Sie integrierten Afroamerikaner musikalisch und sozial in die Gesellschaft – nachhaltig und mit allen Konsequenzen, wenn sie selbst durch Drogen vereinnahmte Musiker nicht fallen ließen, die etwa in Clubs bereits Spielverbot hatten, sondern ihnen aufrichtig halfen. So gehen sie aus diesem intimen musikalischen Einblick vor allem als eines hervor: als großartige Menschen.

Die Edition von Studio Hamburg

In einem schönen Doppel-DVD-Set werden uns Hauptfilm in der deutsch gedubbten Kinoversion (Disc 1) und einer 7 Minuten längeren „Director’s Cut“-Fassung (Disc 2, OmU) präsentiert. Wahlweise gibt es auch eine Blu-ray-Variante der Veröffentlichung. Als Bonus gesellt sich ein ausführliches 32-seitiges Booklet, das in vier Kurzkapiteln Synopsis, Porträt von Lion/Wolff, Producer’s Note (Wim Wenders) und Interview mit Regisseur Friedler bietet – dazwischen aber zudem Platz findet, auf 14 Seiten insgesamt 22 Blue Note-Künstler kurz vorzustellen. Kompakt im Format (zwischen CD-Inlay und Blu-ray-Booklet) bietet das sorgfältig gestaltete Booklet neben ausreichend Text sensationelle 33 fotografische Abbildungen. Entsprechend klein ist die Schrift mitunter, aber mit einer Lesebrille geht es.

Herbie Hancock // © Studio Hamburg

Fazit

Nicht nur als essenzieller Einblick in eine wichtige Phase der Musikgeschichte, sondern vielmehr als berührendes, persönliches Porträt zweier künstlerisch wie sozial engagierter Menschen ist IT MUST SCHWING! ausnahmslos zu empfehlen. Neben den bisherigen Dokumentationen BLUE NOTE – A STORY OF MODERN JAZZ (1997) und BLUE NOTE RECORDS: BEYOND THE NOTES (2018) stellt dieser Film den insgesamt persönlichsten Beitrag zum Thema dar. Durch die Ausgewogenheit formeller Variation kann die Dokumentation inhaltlich wie ästhetisch durchweg überzeugen. Die Lust an der Musik wird (wieder-)belebt sowie der Blick auf soziokulturelle Strukturen geschärft. Nachdenklichkeit und Leichtigkeit halten sich gekonnt die Waage. Neben den vielen Hindernissen, deren Überwindung als Erfolg gefeiert werden darf, proklamiert dieser Dokumentarfilm nicht zuletzt die musikalische Botschaft, die das Innere und Äußere von uns ansteckend in Bewegung bringt: IT MUST SCHWING!

© Stefan Jung

Titel, Cast und CrewIt Must Swing - Die Blue Note Story (2018)

Poster
Releaseab dem 24.04.2020 auf DVD

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RegisseurEric Friedler
Trailer
BesetzungHerbie Hancock
Quincy Jones
Sonny Rollins
Wayne Shorter
DrehbuchEric Friedler
KameraThomas Schäfer
SchnittBerndt Burghardt
Filmlänge108 Minuten
FSKab 12 Jahren

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