Isle of Dogs Ataris Reise

Isle of Dogs – Ataris Reise │Filmkritik│1,21 Gigawatt

„Der Puppenspieler“

Könnt ihr euch noch an eure Kindheit erinnern? Wo man etwas selbst gebastelt hat, viel Zeit, Fleiß und Nerven in etwas Kreatives gesteckt hat? Bilder von einer Welt gemalt, die es nicht gibt, Schablonen für farbenprächtige Muster geschnitten oder Fantasiewesen aus Pappe gebaut hat? Der Tag verging dann wie im Flug und es gab nichts Schöneres als das fertige Resultat zu bestaunen. Wes Anderson hat sich aus dieser Zeit viel für seine Karriere als Filmregisseur bewahrt. „Isle of Dogs“ ist sein zweiter Stop-Motion-Film nach dem genialen „Der Fantastische Mr. Fox“ und ist ein riesiges Mittelfinger-Statement gegenüber der inflationären Nutzung von Computer-Effekten in der heutigen Filmlandschaft.


© 2018 Twentieth Century Fox

Inhalt „Isle of Dogs – Ataris Reise“

In den Legenden erzählt man sich von einem Kampf zwischen den Hunden, die fröhlich ihr Leben in der Natur genießen konnten, und einem japanischen Shogun, der von Katzen geleitet wurde. Eine epochale Schlacht war die Folge, woraufhin die Hunde ihre Leben in Freiheit gegen die Welt der Menschen eintauschten mit ihren weichen Körbchen und Leckerlis für einen unschuldigen Blick. „Isle of Dogs“ spielt in der japanischen Stadt Megacity, wo sich die Hundepopulation sehr stark ausbreitet und von einer Hundegrippe befallen ist. Der Bürgermeister Kobayashi erlässt die Anordnung alle Hunde, ob krank oder nicht, nach „Trash Island“ abzuschieben. Die Insel hat ihren Namen aus naheliegendem Grund. Der erste Hund, der deportiert wird, ist Spots, der Bodyguard-Vierbeiner von Atari, dem Neffen des Bürgermeisters. Der 12-Jährige Atari klaut ein halbes Jahr nachdem Spots ins Exil geschickt wurde ein Flugzeug und fliegt zur Müllinsel. Er stürzt ab und wird von einem Team aus äußerst gesprächigen und demokratischen Alpha-Hunden gerettet. Er versteht jedoch kein Wort der Hunde, die äußerst artikuliert Englisch sprechen und wir Zuschauer die Vierbeiner somit verstehen. Das Japanisch der Menschen im Film wird nicht übersetzt, außer es gibt einen Dolmetscher. Nun beginnt die abenteuerliche Suche nach Spots, denn die Insel ist von einer Vielzahl von verrückten Hundeclans besetzt.

Ein Aufwand, der sich lohnt

„Isle of Dogs“ benötigte 445 Drehtage, umfasste 5.000 Quadratmeter Miniatur-Bühnenbild auf 240 Filmsets und es wurden jeweils über 500 Miniaturen von Menschen und Hunden kreiert. Wes Anderson hat hiermit seine kindliche Bastelphase auf eine erwachsenes und professionelles Level gehoben. Das sieht man nicht nur, sondern fühlt die kreative und mühsame Arbeit auch auf der Leinwand. Die ersten 30 Minuten des Films sitzt man mit aufgeklapptem Mund im Kino und staunt über die vielen kleinen Details und die ungewohnte, aber stimmige Fantasiewelt. Die anfängliche Skepsis einem Puppentheater beizuwohnen weicht sofort und die Figuren lassen uns mit ihnen fühlen. Der Film nähert sich diesem Flüchtlingsthema und der politischen Machtgier eines Diktators leichtfüßig, aber mit dem nötigen Ernst. Dennoch ist „Isle of Dogs“ eher eine Komödie und diese zeigt sich in Slapstick-Manier alter Stummfilme oder dem typischen trockenen Humor Andersons. Puppen sind es für den Zuschauer nach ein paar Minuten schon lange nicht mehr und man folgt dem Hunderudel gern bei seinem Abenteuer.


Making-Of © 2018 Twentieth Century Fox

Mix aus Filmreferenzen und Wes Anderson-Stil

Für Cineasten, wie auch Anderson einer ist, ist der Film eine tiefe Verbeugung vor Akira Kurosawa. Nicht etwa vor seinen historischen Monumentalwerken, sondern vor allem seinen städtischen Gegenwartsfilmen mit korrupten und düsteren Geschichten wie „Die Bösen schlafen gut“ (1960) und „Zwischen Himmel und Hölle“ (1963). Filmreferenzen vom Godzilla-Schöpfer Ishiro Honda sind natürlich auch zu sehen. Roboterhunde und fliegende Drohnen sind Ideen, die aus Hondas „Weltraumbestien“ (1957) stammen und der ein oder andere durchdrehende Mitarbeiter in einem Kontrollraum ist ebenfalls eine Referenz auf die Kaiju-Filme.
Eine weitere wichtige Inspiration, wie auch Grundpfeiler dieses wunderschönen Films, sind die Bilder von Hiroshige und Hokusai aus dem 19. Jahrhundert. Diese Ukyio-e, übersetzt „Bilder der fließenden Welt“, finden ihren Platz im Film, um Mythen oder Zusammenhänge schnell darzustellen. Jene Bilder mit ihren tierischen Hauptfiguren, möchte man sich am liebsten gerahmt aufhängen. Es verwundert nicht, dass diese Holzschnitt-Druckgrafiken ebenfalls einen starken Einfluss auf das Storyboard und somit auch auf die Filmästhetik hatten. Wer die Filme von Wes Anderson, wie „Die Tiefseetaucher“ (2004) oder „Moonrise Kingdom“ (2012), kennt, weiß wie statisch seine Bilder meist sind. Sie haben immer etwas von einem Theaterstück oder Puppenspiel. Wes Anderson und das Stop-Motion-Filmgenre mussten also zwangsläufig miteinander kollidieren, was die Filmlandschaft um ein buntes und strahlendes Biotop reicher macht.


© 2018 Twentieth Century Fox

Ein Kollektiv der Talente

Die Geschichte zu „Isle of Dogs“ haben sich Roman Coppola, Wes Anderson, Jason Schwartzman und Kunichi Nomura ausgedacht. Die Ideenfindung folgte eher nach dem Konzept, was finden die Autoren cool und welche japanisch-kulturellen Dinge faszinieren sie. Das fällt dem Filmfan beim Sehen dieses Geniestreichs sofort auf, wird aber auch Gelegenheits-Kinogängern auf keinen Falls zu viel, weil die Geschichte in ihrer Einfachheit und der Verbindung zu Menschens bestem Freund trotzdem berührt und begeistert. Auch der Humor der Autoren findet seinen Weg in den Film, neben der erwähnten Stummfilmkomik. Die Assistentin eines Wissenschaftlers beispielsweise, heißt Yoko-ono und wird dann auch gleich von der echten Yoko Ono gesprochen. Da sind wir auch gleich bei einem der weiteren Geniestreiche dieses Meisterwerks, die Synchronstimmen. Wie schon erwähnt ist das Drehbuch so clever geschrieben, dass wir als Zuschauer nur die Hunde verstehen, das gesprochene Japanisch wird nicht übersetzt, außer es gibt in der Handlung einen Dolmetscher. Das sorgt auch für viel mehr Einfühlvermögen für die Stop-Motion-Figuren, da man umso genauer darauf achtet, welche Betonung oder Gestik, was bedeuten könnte. Aber keine Sorge, es wird genug in Deutsch oder bei der Originalversion in Englisch gesprochen. Es empfiehlt sich den Film im Originalton anzusehen. Bryan Cranston, Edward Norton, Bill Murray, Jeff Goldblum, Greta Gerwig, Frances McDormand, Scarlett Johansson sind nur ein paar der vielen berühmten Schauspieler, die ihre Stimme für „Isle of Dogs“ zur Verfügung gestellt haben. Wem sich die Möglichkeit bietet, kann auch eine Kinoversionen in OmU, mit deutschen Untertiteln, besuchen. Die Untertitel sind nur auf einem breiten schwarzen Streifen unter dem Bild zu lesen, was den prachtvollen Kulissen zu Gute kommt. Wes Anderson dreht nämlich nun endlich wieder in einem Bildverhältnis von 2,35 : 1 (Cinemascope), was nach dem gepressten 4:3 Bildformat von „Grand Budapest Hotel“ eine Freude für jeden Cineasten ist.


© 2018 Twentieth Century Fox

Dieser Film wurde vom Studio Babelsberg mitproduziert, was bedeutet, dass auch Geld aus der deutschen Filmförderung bzw. GEZ-Gebühren in „Ataris Reise“ geflossen sind. Das ist bei einem solchen Film, der nicht auf kommerzielle Konformität setzt, extrem wichtig mit Förderungen dieser Art unabhängig zu sein. Jeder, der meint seine GEZ-Gebühren aus dem Fenster zu werfen, findet hier ein Beispiel dafür, dass dieses Geld auch sinnvoll ausgegeben werden kann. Deswegen hat „Isle of Dogs“ zurecht die Berlinale 2018 eröffnet.

Fazit

„Isle of Dogs – Ataris Reise“ ist eine der schönsten Kunsthandwerke der Filmgeschichte geworden. Wer sich auf einen Stop-Motion-Film einlassen kann, wird in die Fantasiewelt von Wes Anderson mitgenommen, aus der man nur ungern wieder zurückkehren möchte. Die Liebe von Atari zu seinem Hund Spots ist etwas so Reines und Natürliches, dass man sich ab und zu ertappt am liebsten mit dem zotteligen Vierbeiner gleich mitzuweinen. Deswegen geht an dieses Meisterwerk unsere höchste Auszeichnung: Die 1,21 Gigawatt des Fluxkompensators.
„Isle of Dogs“ ist ein Film, der Raum und Zeit überstehen wird!

Gewinnspiel (Leider vorbei)

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Isle of Dogs Ataris Reise Soundtrack CD
© Universal Music

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Titel, Cast und Crew

Isle of Dogs - Ataris Reise (2018)
OT: Isle of Dogs

Poster

Isle Of Dogs Kinoposter

Kinostart

ab dem 10. Mai 2018 im Kino

Regisseur

Wes Anderson

Trailer

Besetzung

Bryan Cranston (Chief)
Koyu Rankin (Atari)
Edward Norton (Rex)
Bob Balaban (King)
Bill Murray (Boss)
Jeff Goldblum (Duke)
Kunichi Nomura (Bürgermeister Kobayashi)
Greta Gerwig (Tracy Walker)
Liev Schreiber (Spots)
Frances McDormand (Nelson)
Akira Ito (Prof. Watanabe)
Scarlett Johansson (Nutmeg)
Harvey Keitel (Gondo)
F. Murray Abraham (Jupiter)
Yoko Ono (Assistentin Yoko-ono)
Tilda Swinton (Oracle)

Drehbuch

Wes Anderson

Geschichte von

Wes Anderson
Roman Coppola
Jason Schwartzman
Kunichi Nomura

Kamera

Tristan Oliver

Musik

Alexandre Desplat

Schnitt

Edward Bursch
Ralph Foster
Andrew Weisblum

Filmlänge

101 Minuten

FSK

ab 6 Jahren

 

Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter

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