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Irgendwann werden wir uns alles erzählen (2023) – Filmkritik

Wir befinden uns in Thüringen, auf dem Land, im heißen Sommer 1990. Die Mauer ist gefallen, die Zukunft ungewiss. Die junge Maria (Marlene Burow) lebt mit ihrem Freund auf dem Familienhof seiner Eltern, lässt sich aber mit dem einzelgängerischen Nachbarn Henner (Felix Kramer) ein, der mit Anfang Vierzig mehr als doppelt alt ist wie sie. Beide sagen einander die ganze Zeit, dass sie die Sache jetzt wieder beenden müssen, lassen sich aber geradezu willenlos immer tiefer in einen Strudel uneingestandener Gefühle ziehen. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis ihre Affäre auffliegen und das Leben in der kleinen Gemeinschaft unrettbar zerstören wird.

Eine echte Amour fou also. Regisseurin Emily Atef scheint ein Faible für das französische Kino zu haben. In ihrem erfolgreichen Film 3 TAGE IN QUIBERON hat sie bereits Romy Schneider kurz vor ihrem Tod im Exil in der Bretagne beobachtet. Wohl selten war ein Film, der in der DDR spielt, von einer so französischen Atmosphäre erfüllt, wie ihre Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Daniela Krien – auch wenn die Leichtigkeit ständig von der Ahnung der heraufziehenden Katastrophe überschattet wird.

© Peter Hartwig/ Pandora Film / Row Pictures

Warum sich Maria zum wortkargen, düsteren Henner hingezogen fühlt, wird zum Glück nicht erklärt. Man kann ahnen, dass sie sich schon eine Weile von ihrem freundlichen, der Zukunft zugewandten Freund Johannes (Cedric Eich) entfernt hat. Er sieht neue Möglichkeiten und will in Leipzig Fotographie studieren, was er zielstrebig vorantreibt. Sie liegt lieber im Bett und liest Romane aus dem 19. Jahrhundert. Ihre ersten Begegnungen mit Henner, der erst seit Kurzem im geerbten Hof wohnt, sind voller Aufregung und Gefahr. Seine Hunde rennen bedrohlich auf sie zu, er zieht mit seinem Traktor ihren Trabbi nach einem Unfall aus dem Graben. Wie sich zwei Menschen kennenlernen, die sich ineinander verlieben werden, wirkt hier viel weniger behauptet als üblicherweise.

© Peter Hartwig/ Pandora Film / Row Pictures

Eine Beziehung zwischen einem älteren Mann und einer jüngeren Frau, heimliche Treffen mit ruppigem Sex, das klingt erst mal nach altbekannten (Film-)Klischees. Nur, dass hier die Initiative fortwährend von ihr, dem vermeintlich schwächeren Part, ausgeht. Reicht das heute immer noch für einen Skandal? Anscheinend schon, wenn man sich einige Reaktionen auf IRGENDWANN WERDEN WIR UNS ALLES ERZÄHLEN ansieht. Die Vorstellung, dass auch weibliche Sexualität dunkle, aggressive und selbstzerstörerische Seiten haben kann, stößt auf einige Ablehnung, bis hin zum bizarren Vorwurf des Male gaze. Dabei sind gerade die Szenen der Zweisamkeit mit großer Feinfühligkeit inszeniert, wir sind ganz nahe an den Figuren, die wenigen Sätze sind genau platziert. Zur Vorbereitung der expliziten Szenen wurde ein intimacy coach engagiert, der bei Regisseuren mit weniger Ahnung von Schauspielführung hilfreich sein mag. Atef, die 2008 mit DAS FREMDE IN MIR einen abgründigen Blick auf eine Schwangerschaft geworfen hat, hätte sich wohl getrost auf ihre eigenen Fähigkeiten verlassen können. Geschadet hat es der Sache zumindest auch nicht. Nur dass sie aus der im Roman 16-jährigen Maria eine 18-Jährige gemacht hat, relativiert die Schärfe der Geschichte leider – vielleicht war die Sorge vor mehr Ärger zu groß.

© Peter Hartwig/ Pandora Film / Row Pictures

Auch die anderen Charaktere werden schön ausgearbeitet, die Leistung der ganzen Schauspielriege ist beeindruckend. Johannes, der ahnungslos Betrogene, ist eigentlich eine undankbare Figur, wird aber weder als Trottel gezeichnet noch aus der Handlung verdrängt. Jördis Triebel zeigt in nur wenigen Szenen ohne jede Melodramatik Marias Mutter Hannah als Menschen, der nach zu vielen frustrierenden Erlebnissen jeden Antrieb verloren hat. Maria entging der gesellschaftlichen Ächtung wohl nur, weil Johannes‘ Eltern sie bei sich auf den Hof aufgenommen haben, irgendwo zwischen Schwieger- und Adoptivtochter.

© Peter Hartwig/ Pandora Film / Row Pictures

Die Wende ist da, die Grenzen sind offen, und niemand ist sich mehr so recht seines Platzes sicher. Johannes‘ Onkel kann zum ersten Mal aus dem Westen zu Besuch kommen und bringt seine fremde Familie mit. Die Stimmung schwankt zwischen Wiedersehensglück und alter und neuer Bitterkeit. Der damalige Schwebezustand der Gesellschaft(en) ist greifbar. Als am Esstisch „Wir sind die Moorsoldaten“ angestimmt wird, sangen bei der Berlinale Zuschauer im Saal spontan mit. (Und es ist wie ein Witz der deutschen Geschichte, dass dieses bekannte Jugendlied der DDR auf Häftlinge in NS-Konzentrationslagern zurückgeht.)

Der weitere Verlauf der Historie ist bekannt. Das private Drama bleibt der Spiegelung der konventionellen Erzählung treu. Dort ist der Mann die Hauptfigur und verliebt sich in eine mysteriöse Frau, die am Ende den Opfertod stirbt.

© Franz Indra

Titel, Cast und CrewIrgendwann werden wir uns alles erzählen (2023)
Poster
ReleaseKinostart: 13.04.2023
RegisseurEmily Atef
Trailer
BesetzungMarlene Burow (Maria)
Felix Kramer (Henner)
Cedric Eich (Johannes)
Silke Bodenbender (Marianne)
Florian Panzner (Siegried)
Jördis Triebel (Hannah)
Christian Erdmann (Hartmut)
Christine Schorn (Frieda)
Axel Werner (Alfred)
Victoria Mayer (Gisela)
DrehbuchEmily Atef
Daniela Krien
VorlageBasiert auf dem gleichnamigen Roman von Daniela Krien
KameraArmin Dierolf
MusikChristoph M. Kaiser
Julian Maas
SchnittAnne Fabini
Filmlänge129 Minuten
FSKab 16 Jahren

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