Into the Beat (2020) – Filmkritik

„Step Up 2: Late”

Ach ja, der Tanzfilm, da kommen einem sofort Gina Rogers und Fred Aistare in den Sinn. Dann natürlich die 80er Jahre mit ihren FLASHDANCEs und FOOTLOOSEs und dann… ja, dann war es das erstmal. Zwar versuchte man Ende der 90er mit solch Granaten wie SAVE THE LAST DANCE das Genre nochmal zu reaktivieren, aber es sollte wohl nicht sein. Erst Mitte der 2000er konnte die STEP-UP-Reihe (die uns ja auch Channing Tatum geschenkt hat) den Tanz auf der Leinwand wieder einigermaßen rubelrollend präsentieren.

Das Skelett dieser Tanzfilme ist nun nicht so wahnsinnig ausgefallen, das lässt sich schon sehr gut kopieren und auf andere Länder und Begebenheiten adaptieren. Also warum nicht ein deutsches Remake bzw. Reboot probieren? Denn wenn der Deutsche etwas kopiert, dann macht er das GRÜNDLICH und eben, nun ja, 15 Jahre zu spät?

Marlon (YALANY MARSCHNER) und Katya (ALEXANDRA PFEIFER) bei der Audition © Lieblingsfilm / Wild Bunch Germany 2020 / Manju Sawhney

Die Einleitung klingt etwas sarkastischer, als dieser Text Letzen Endes sein möchte. Wir stehen hier nur vor einem grundlegenden Problem der Filmkritik: Wie rezensiert man einen offensichtlichen Kinderfilm (INTO THE BEAT ist Teil des Projekts DER BESONDERE KINDERFILM) als einundzwanzigjähriger Literaturwissenschaftsstudent? Vor allem einen Kinderfilm, der offensichtlich eher auf die Zielgruppe acht bis zwölf ausgelegt ist. Nähert sich man ihm auf diese eklig-dekonstruktivistische, alles verlachende Art und Weise? Denn herzlose Menschen wählen bei Stefan Westerwelles Film diesen Ansatz und könnten damit recht erfolgreich sein. Versucht man stattdessen, sich irgendwie in den Geist eines kleinen Kindes hereinzufantasieren? Nah, das ist auch wenig zielführend. Im Idealfall hat man natürlich ein Zielgruppenkind dabei. Der Leser merkt schon, es wird schwer. Fangen wir also einfach einmal an:

© Lieblingsfilm / Wild Bunch Germany 2020 / Marion von der Mehden

Handlung

Katya (Alexandra Pfeifer) trainiert für ein Vortanzen bei der New York Ballet Academy und hat gute Chancen auf einen Studienplatz und ein Stipendium. Logisch, das Talent liegt in der Familie, Vater Victor (Trystan Pütter) ist immerhin der große Ballettstern Hamburgs. Doch eines Abends entdeckt Katya im verwunschenen Wilhelmsburg das magische „Battleland“, einen Freiraum für Street- und Urban Dancer. Um Katya ist es geschehen. Dieses, im wahrsten Sinne des Wortes, „dirty dancing“ hat mal so gar nichts mit dem starr-strikten Ballett zu tun. Eine neue Leidenschaft entfacht in ihr. Ganz unschuldig daran ist der süße Marlon (Yalany Marschner) natürlich auch nicht.

© Lieblingsfilm / Wild Bunch Germany 2020 / Marion von der Mehden

„Been there, done that.“

Der Plot von INTO THE BEAT wäre vor 15 Jahren schon dezent angestaubt gewesen, im Jahre 2020 wirkt er schon fast parodistisch. Hip-Hop und Rap sind die meistgehörten und profitabelsten Musikgenres und endgültig in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Da wirkt es einfach lächerlich, Kataya nachts heimlich unter der Bettdecke „diese neue Musik“ hören zu lassen und auch ihr schockiertes Gesicht beim ersten Betreten des Battlelands ist arg unglaubwürdig. Aber geschenkt, Suspension of disbelief und so. Überhaupt sollte man bei INTO THE BEAT einige Ungereimtheiten ganz gezielt ignorieren, ansonsten wird man hier keinen Spaß haben. Weitere Beispiele? Unserer beiden Hauptcharaktere sollen sicher zwischen 16 und 18 Jahren alt sein und tanzen arg sexuell aufgeladene Choreografien. Ihre sich parallel entfaltende Liebesgeschichte kommt dabei jedoch fast vollständig ohne Körperkontakt aus. Das höchste der Gefühle ist hier ein hastiger Kuss nach einem besonders welttranszendierenden Tanz.

© Lieblingsfilm / Wild Bunch Germany 2020 / Steffen Junghans

Und das ist sehr schade, denn Alexandra Pfeifer und Yalany Marschner schaffen es, aus ihrem auf dem Papier recht platten Charakteren das Meiste herauszuholen. Wenn die beiden verliebt durch die Straßen Hamburgs tanzen oder sich schmachtend angucken, dann wird INTO THE BEAT immer mal wieder ganz, ganz groß. Doch diese „Grundschulbeziehung“, die die beiden führen, macht die Immersion des Liebespaars immer wieder zu Nichte. Klar, das hier ist ganz offensichtlich intendiert ein Kinderfilm für die noch etwas Jüngeren, aber hätte man dann nicht die Hauptrollen auch von Darstellern aus der Zielgruppe spielen lassen können? Sofort würde die Beziehung nicht mehr aseptisch wirken.

Grundsätzlich geht es hier sehr standardisiert zu. Man orientiert sich an amerikanischer Bildsprache und Erzählspur. Was schade ist, denn so richtig „deutsch“ ist, bis auf die herrlich biedere Altbauwohnung von Katya, an diesem Film nichts. Immerhin das nassgraue Hamburg wird schön in Szene gesetzt. Aber wenn man schon einen deutschen Tanzfilm dreht, sollte man sich dann nicht auch mit deutschen „Tanzproblemen“ beschäftigen?

© Lieblingsfilm / Wild Bunch Germany 2020 / Steffen Junghans

Tanzstil

Wie steht es denn mit den Choreografien, ja dem eigentlichen Herzstück eines jeden Tanzfilms? Soweit man das als Fachfremder beurteilen kann: Sieht alles ordentlich aus, unsere Darsteller tanzen sogar zumeist selbst (bis auf einen allzu offensichtlichen Doublemoment von Trystan Pütter). Verwirren und irritieren tut die Diegese der Musik. Ist sie Teil der erzählten Welt oder nicht? Am Anfang scheint es so, als käme alle zum Tanzen auffordernde Musik aus einer innerweltlich verortbaren Musikquelle. Bis dieser Ansatz über Bord geworfen wird und unsere Hauptcharaktere plötzlich anfangen, zu nichtdiegetischer Musik durch die (magisch) leeren Straßen der Hansestadt zu tanzen. Es wirkt alles ein wenig plan- bzw. konzeptlos. Aber wahrscheinlich macht man sich auch hier wieder zu viele Gedanken. Merkwürdig mutet auch der Soundtrack an. Die Stücke klingen alle sehr stark nach den Charts von 2013, da erinnern Beats extremst an SEED oder CLEAN BANDIT und das allerschlimmste Verbrechen der Musikgeschichte, der DUBSTEP, feiert hier auch seine Renaissance. Aber gut, vielleicht ist der im Street Dance auch niemals gestorben? Man will es sich nicht vorstellen…

©Lieblingsfilm, Wild Buch Germany / Fotografin: Marion von der Mehden

Dies mag nun alles sehr negativ, gar zynisch klingen. Zum Schluss deshalb eine Art Plädoyer: Als der Zielgruppe entwachsende Person wird einem vieles an INTO THE BEAT etwas verklemmt, verstaubt oder lächerlich vorkommen. Es bleibt aber die Frage zu stellen, ob der Film denn wirklich jemals etwas großartig Neues zum Tanzgenre beitragen wollte oder einfach nur eine harmlose (vielleicht zu harmlose) Variation des Bekannten bieten wollte. Immerhin werden hier teilweise wirklich schöne Bilder auf die Leinwand projiziert. Wie man eine Geschichte fast ausschließlich über ihre Bilder erzählt, scheint Regisseur Westerwelle sehr genau zu wissen (besonders hervorzuheben sei da ein Moment zur Halbzeit, in der Regentropfen am Fenster zu metaphorischen Tränen auf Kayas Ballettkostüm werden) und seine beiden Hauptdarsteller veredeln diesen sonst sehr autopilotigen Film enorm. Ja, es läuft hier alles ein bisschen zu sehr nach Schema F ab, einem tanzbegeisterten Kind wird dies aber nicht auffallen. Und die Kernbotschaft des Films: „Tu, was Dir Spaß macht!“ die kann man Kindern nicht früh genug beibringen.

© Fynn

Titel, Cast und CrewInto the Beat - Dein Herz tanzt (2020)
Poster
ReleaseKinostart: 16.07.2020
RegisseurStefan Westerwelle
Trailer
BesetzungKatya (Alexandra Pfeifer)
Marlon (Yalany Marschner)
Victor (Trystan Pütter)
Frau Nemec (Katrin Pollitt)
Paul (Anton Wichers)
Feli (Ina Geraldine Guy)
Jo (Julius Nitschkoff)
Pepper (Dennis Kyere)
Frau Rosebloom (Helen Schneider)
DrehbuchHannah Schweier
Stefan Westerwelle
KameraMartin Schlecht
FilmmusikAndrej Melita
Filmlänge98 Minuten
FSKab 0 Jahren

2 Gedanken zu “Into the Beat (2020) – Filmkritik

  1. Wenn man nicht weiß, wie man sich zu einem Film positionieren soll, sollte man auch das Darüber-Schreiben lassen. Die Kritik hat denselben Grad an Hohlheit, den sie dem Film unterstellt. Vielleicht wäre es tatsächlich angebracht gewesen, den Film mit Vertreter*innen der Zielgruppe zu besuchen. Meine Töchter, eine 7, die andere 13 Jahre alt, waren begeistert und auch angerührt.

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