Infiltration – Staffel 1 | Serienreview

„Die Geschichten hinter der Geschichte“

Wenn ein Katastrophenfilm, oder in diesem Fall eine -serie, vom Weltuntergang erzählt, passiert das meist durch eine göttliche Perspektive. Wir Zuschauer werden zum allsehenden Auge, können in mehreren Ländern die Meteoriteneinschläge bestaunen oder von Tsunamiwellen hinfort geschwemmt werden. Wenn Aliens auf der Erde landen, sind wir direkt bei geschichtsrelevanten Charakteren wie den Präsidenten und Nationenlenkern dabei, schmieden mit Forschern Rettungspläne oder kämpfen mit Soldaten an vorderster Front. Die für Apple TV+ exklusive Serie INFILTRATION erzählt jedoch von Schicksalen hinter dem globalen Überblick. Der Fokus liegt auf den vielen kleinen Geschichten, die zu Millionen geschehen, während die Menschheit erkennen muss, dass sie nicht allein im Universum ist. Die außerirdische Intelligenz sucht den Erstkontakt, nicht auf eine zivilisierte Art, sondern auf eine drastische, kompromisslose Art, der eine evolutionäre Kälte innewohnt.

Casper Morrow (Billy Barratt) und Jamila Huston (India Brown) // © 2021 Apple Inc. All rights reserved.

Handlung

INFILTRATION lässt es sich nicht nehmen seine Geschichten rund um den Globus zu verteilen. Sheriff John Bell Tyson (Sam Neill) entdeckt in seinen letzten Tagen vor dem Ruhestand einen kreisförmigen Krater in einem Maisfeld in Oklahoma. Der US-Soldat Trevante Ward (Shamier Anderson) trifft beim Außeneinsatz in Afghanistan auf eine unbekannte Waffe und überlebt als Einziger seiner Einheit. Die Familie Malik lebt in den Suburbs von New York, wo auf einmal Trümmerteile und Meteoriten vom Himmel stürzen. Ehefrau Aneesha (Golshifteh Farahani) erfährt zudem noch von der Affäre ihres Mannes Ahmed (Firas Nassar), aber die vierköpfige Familie hat erst einmal andere Probleme und flieht aus der Stadt. Ein Schulklassenausflug in England endet mit einem Busunglück auf der Landstraße und die Kinder um Casper Morrow (Billy Barratt) und Jamila Huston (India Brown) sehen sich mit einem Überlebensszenario in einem Steinbruch konfrontiert. Zudem ereignet sich ein tragischer Unfall nach dem Start eines bemannten Raumflugs der JASA (eine fiktive japanische Raumfahrtorganisation), dem die Kommunikationschefin Mitsuki (Shiolo Kutsuna) auf den Grund geht. Alle Figuren versuchen in diesem Spielball des Schicksals zu begreifen, was gerade vor sich geht, denn die weltweite Kommunikation ist zusammengebrochen und das eigene Überleben hat Priorität.

Trevante Ward (Shamier Anderson) // © 2021 Apple Inc. All rights reserved.

Stand-By

In unserer gesellschaftlichen Entwicklungsphase ist die Erreichbarkeit durch jede Art von Information einer der Aspekte mit dem wir am meisten zu kämpfen haben. Die Digitalisierung vernetzt und entkoppelt, bildet und betrügt, beschleunigt und verlangsamt. In den letzten Jahrzehnten sind aus nationalen Problemen auf einmal globale Herausforderungen geworden und an dieser Entwicklung hat das Internet mit all seinen Informationen einen immensen Anteil. Wo man sich früher noch um regionale Infrastrukturen in Gesprächen ausgetauscht hat, sind auf einmal internationale Diskussionen gewachsen. Tagesaktuelle Schicksale aus Afrika, Rohstoffengpässe in Asien und Revolutionen von Südamerika gelangen in unsere Großhirne, ein Stresstest dank globaler Netzwerke. Diesem Umstand verweigert sich die Erzählperspektive von INFILTRATION komplett. Der Netzstecker ist gezogen, denn die Geschichte wird streng subjektiv erzählt. Es gibt keine Wissenschaftler, die Zusammenhänge erklären, keine Hubschrauberperspektiven, die zeigen wie Städte untergehen, keine Erdkarten, auf denen sich durch Grafiken die Bedrohung visuell erklärt und es gibt auch keinen Countdown, der die Handlung einzwängt. Fast schon zu gewollt langsam bleiben wir bei den Personen, die uns die Serie näherbringen und selbst deren Kenntnisstand muss man sich als Zuschauerin und Zuschauer erarbeiten.

Sheriff John Bell Tyson (Sam Neill)// © 2021 Apple Inc. All rights reserved.

Angezogene Spannung

Trotz ihrer zwingenden Nahaufnahmen und zwischenmenschlichen Szenen ist INFILTRATION nie langweilig. Das Hirn arbeitet mit, es will auch gern einmal einen mysteriösen Schatten im Hintergrund gesehen haben und gleicht die Hinweise auf eine außerirdische Invasion (die Serie heißt im Original INVASION) mit bekannten Geschichten (INDEPENDENCE DAY, 1996; AUSLÖSCHUNG, 2018) ab. Hinzukommt eine Score vom emotionalen Neo-Klassik-Komponisten Max Richter (THE LEFTOVERS), die nie die Augen müde werden lässt. Jedoch stellt sich durch die künstliche Informationsblockade ein gewisser Frust ein. Science-Fiction, das Genre, dem man INFILTRATION zuordnet, will auch immer etwas zeigen und erklären. In einigen Folgen kommt jedoch der Informationsfluss über das Szenario fast gänzlich zum Erliegen, selbst Figuren scheinen sich nicht über das Thema auszutauschen, weil sie in eine Art Schockstarre verfallen sind.

Aneesha (Golshifteh Farahani)  // © 2021 Apple Inc. All rights reserved.

Sympathien

Dass vom großen Ganzen erzählt werden muss, ist nicht essentiell fürs Sehvergnügen, solang wir gern bei den Charakteren und deren Erlebnissen sind. Leider kann die Serie mit wenigen sympathischen Zeitgenossen dienen, vielleicht geht es aber nur mir so. Der Soldat Trevante Ward (Shamier Anderson) ist das personifizierte Klischee einer sturen menschlichen Maschine, die sich auf keinerlei Empathie einstellen will. Seine brutale und cholerische Kriegerart kann durchaus als Kritik am amerikanischen Eingriff in den mittleren Osten verstanden werden, ist aber dennoch keine Person mit der wir als Zuschauer gern allein sind. Die britische Schulklasse bewegt sich zu sehr auf literarischem HERR-DER-FLIEGEN-Terrain, um als zeitgenössische Gruppe wahrgenommen werden und ein solch abgebrühter Klassenfiesling wie er hier zu finden ist, würde selbst James-Bond-Bösewichten das Fürchten lehren. Die restlichen Kinder bleiben Hintergrundrauschen, abgesehen von Caspar und Jamila.

Den gewichtigsten Auftritt hat die Familie Malik. Eine Ehe, die sich passend zum anstehenden Weltuntergang auch noch verwirft, klingt nur im Drehbuchskript spannend und vielseitig. Als Zuschauer hat man eine gewisse Erwartung mit den Figuren eine unbekannte Welt zu erkunden und will nicht schon wieder das nächste feine Detail aus der Affäre des Ehemanns erfahren. Hinzukommen einige schwer nachvollziehbare Elternentscheidungen in Bezug auf die Sicherheit der Kinder, die uns die Maliks auf Abstand halten – einer anderen Familie das Auto klauen, ist einfach uncool. Trotz toller Schauspielerin Golshifteh Farahani, die der starken Ehefrau eine Entwicklung angedeihen lässt, ist man bei diesem Handlungsfaden auch nie gut aufgehoben, denn mit ihnen zu reisen bedeutet Stress, Beziehungsstress, Psychostress und die Kinder sind nur dazu da, das Drehbuch voranzutreiben. Der Nachwuchs bekommt auch keine den Eltern gleichwertige Persönlichkeit zugeschrieben. Das beste Beispiel hierfür, ist die „Besonderheit“ von Sohn Luke (Azhy Robertson), die in der ersten Folge erwähnt, aber dann über lange Strecken nie wieder thematisiert wird.

© 2021 Apple Inc. All rights reserved.

Die Immersion gelingt beim Handlungsstrang von der Japanerin Mitsuki am besten. Nicht nur ihre Liebe, gegen die gesellschaftlichen Konventionen, zu Hinata (Rinko Kikuchi) bringt eine emotionale Verbindung, sondern auch ihre Figur ist die aktivste. Ihre Handlungen sind bewusst gewollt und nicht nur eine Reaktion auf das nächste Drama, was das Drehbuch bereitstellt. Seltsam, dass gerade dieser Handlungsstrang, der komplett in Japanisch mit entsprechenden Untertiteln versehen ist, der sympathischste ist.

Fazit

INFILTRATION ist ein frisches Konzept in Hinblick auf die Grenzen eines Weltuntergangsszenarios mit internationaler Tragweite. Gedanklich ist die Inszenierung der strengen, subjektiven Perspektive spannend. In unserer Zeit beschäftigt man sich sowieso am liebsten mit seinem eigenen Abbild. Es ist aber auch unter dem Aspekt interessant, welche kopflosen Wesen wir werden, wenn uns die elektrische und digitale Kommunikation entzogen wird. Die Charaktere der Geschichte könnten wesentlich zugänglicher sein und das Erzählen nicht so stark gedrosselt daherkommen. Technisch visuell, wie auch klanglich, spielt die Serie problemlos in der oberen Liga mit.

© Christoph Müller

INFILTRATION kann exklusiv ab dem 22. Oktober 2021 mit einem Abo bei Apple TV+ gesehen werden. Die ersten drei Folgen sind direkt freigeschaltet und die Folgen 4 bis 10 erscheinen wöchentlich, beginnend mit dem 29. Oktober 2021.

Titel, Cast und CrewInfiltration (2021- )
OT: Invasion
Poster
RegisseureAmanda Marsalis
Jamie Payne
Jakob Verbruggen
Releaseab dem 22.10.2021 nur bei Apple TV+ im Stream
Trailer
BesetzungGolshifteh Farahani (Aneesha Malik)
Shioli Kutsuna (Mitsuki)
Shamier Anderson (Trevante Ward)
Billy Barratt (Casper Morrow)
India Brown (Jamila Huston)
Azhy Robertson (Luke Malik)
Tara Moayedi (Sarah Malik)
Daisuke Tsuji (Kaito Kawaguchi)
Firas Nassar (Ahmed Malik)
Togo Igawa (Ikuro Murai)
Sam Neill (John Bell Tyson)
DrehbuchSimon Kinberg
David Weil
KameraJulian Court
Laurie Rose
Armando Salas
Tim Ives
MusikMax Richter
SchnittJohn Petaja
Eleanor Infante
Sarah C. Reeves
Michelle Rueda
Im StreamBei Apple TV+ verfügbar.
FilmlängeStaffel 1 à 10 Folgen, je zwischen 35 und 55 Minuten
FSKab 12 Jahren

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