In der Glut des Südens (1978) – Filmkritik

„Augenblicke“

Beeindruckend, wie stark sich Regisseure einen typischen Stil aneignen können. Wie mit einer eigenen Handschrift erschaffen sie Kunstwerke, die man ihnen sofort zuordnen kann. Bei den Filmen von Terrence Malick reicht nur eine Szene, um zu wissen, dass sie aus seiner Filmografie stammt. Noch verblüffender ist es, wenn man nur die Arbeiten aus seiner zweiten Schaffensphase kennt, wie zum Beispiel DER SCHMALE GRAT (THE THIN RED LINE, 1998), THE NEW WORLD (2005) oder THE TREE OF LIFE (2011) und dann einen Sprung ins Jahr 1978 macht. In IN DER GLUT DES SÜDENS, der im Original viel poetischer DAYS OF HEAVEN heißt, braucht es nur ein paar Momente, um den Künstler dahinter zu erkennen. Spätestens, wenn die ersten Hände über die Getreidehalme streichen und die Szenerie in ein glühendes Tageslicht getaucht ist, weiß man, jetzt beginnt Kinomagie auf Celluloid-Gemälden.

© 1978 by Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Handlung

Der Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA: Die industrielle Revolution hat sich zur vollen Blüte entwickelt, die Fabriken in Städten werden immer größer. Nicht nur Tonnen von Kohle heizen die Maschinen an, sondern auch billige Lohnarbeiter aus den späten Generationen der vielen Migranten, die sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten niederließen. Ein besonderer Nebeneffekt der Industrialisierung ist, dass zum ersten Mal die Bevölkerungsmenge signifikant wächst. Es gibt mehr Geburten als Sterbende. Die Städte werden immer voller und die Menschen folgen ausschließlich der Möglichkeit Geld zu verdienen. In dieser Welt lebt Bill (Richard Gere) mit seiner kleinen Schwester Linda (Linda Manz) und seiner Geliebten Abby (Brooke Adams), die er als seine Schwester ausgibt. Die drei müssen aus Chicago fliehen, als Bill im Zorn einem Stahlfabrik-Vorarbeiter den Kopf einschlägt. Es geht nach Texas, wo immer billige Arbeiter für die großen Felder der Farmen gebraucht werden. Die drei finden eine Anstellung bei einem wohlhabenden Farmer (Sam Shepard), der sich nach ein paar Wochen in Abby verliebt. Bill drängt Abby dazu, den Farmer zu heiraten, damit sie endlich der Armut entfliehen können. Wenn zwei Männer eine Frau lieben, geht das selten gut aus.

In der Glut des Südens (1978)

© 1978 by Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Historie

Die Geschichte ist einen Wimpernschlag vom Ersten Weltkrieg entfernt, für globale Konflikte interessiert sich IN DER GLUT DES SÜDENS jedoch nicht. Regisseur Terrence Malick verfilmte die Geschichte mit präziser Genauigkeit für den damaligen Zeitgeist. Pferde treiben die ersten Erntemaschinen an, bis sie von Dampfmaschinen ersetzt werden. Um das Gefühl noch besser für die damalige Zeit einzufangen, ist die Kamera immer ganz dicht bei den Figuren, scheut selbst bei der harten Arbeit den Abstand nicht und kriecht förmlich in die Getriebe und Antriebsriemen der industriellen Landwirtschaft. Die Arbeiter, und das sind nicht wenige, sind wie Nutztiere etwas entfernt von der herrschaftlichen Villa in Baracken untergebracht. Für sie geht es darum genug Geld zu verdienen, um in der Stadt über den Winter zu kommen.

© 1978 by Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Erzählrhythmus

DIE GLUT DES SÜDENS fühlt sich zu keinem Moment in ihrer Erzählweise eingestaubt an. Mit wenig Dialog und großen zeitlichen Sprüngen, ist es wie ein cineastisches Tagebuch. Große Erklärungen, wer was tut und in welcher Beziehung steht, sind ausgespart. Die Kamera ist entweder im richtigen Moment dabei oder verpasst ihn. Hilfestellung für den narrativen Bogen gibt die Stimme der jungen Linda, die mit kindlicher Prosa Einblicke gewährt. Ihre Gedanken aus dem Off waren eine späte Idee vom Regisseur, der über zwei Jahre mit dem Filmschnitt haderte. Dem Stil solcher Momentaufnahmen ist sich Malick bis heute treu geblieben und besonders bei KNIGHT OF CUPS (2015) oder SONG TO SONG (2017) hat er es auf die Spitze getrieben. Eine Handlung, die auf einen dramatischen Höhepunkt hinarbeitet, gibt es, jedoch weiß man nie, wann es passiert. Wenn es dann so weit ist, ist man derartig in der Geschichte gefangen, dass man völlig von dieser Realität absorbiert ist. Hinzukommen immer wieder Details, zu denen keine weiteren Erklärungen erfolgen. Als Bill mit dem Motorrad zurückkehrt, erwähnt der Farmer, dass sie von seinen Taten in Chicago gelesen haben, was dort passiert ist, wird ausgespart und der Zuschauerfantasie überlassen.

In der Glut des Südens (1978)

© 1978 by Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Natur und Sonnenlicht

Regisseur Malick erzeugt mit seinen beiden Kameramännern Néstor Almendros und Haskell Wexler einen besonders authentischen Look. Sie verzichten, soweit es möglich ist, auf künstliche Beleuchtung und filmen hauptsächlich in der „Goldenen Stunde“. Das ist der Moment kurz nach Sonnenaufgang oder vor Sonnenuntergang. In diesen jeweils nur 25 Minuten erzeugt die Sonne eine besonders warme Farbtemperatur. Auch der Einfallswinkel der Lichtstrahlen ist sehr flach, so dass eine gute Ausleuchtung mit langen Schatten entsteht. Die Produktion stellte dies aber vor eine besondere Herausforderung, wenn man nur eine Stunde Drehzeit am Tag zur Verfügung hat. Somit wurde das Budget des Films von drei Millionen Dollar stark überschritten und es zog die lange Postproduktion mit sich. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass die Arbeiter hauptsächlich bei ihrem Feierabend und den Pausen gezeigt werden, wenn sie singen, sich die Zeit vertreiben oder bei einer Schüssel Eintopf ihren Träumen nachhängen. Die Freizeit kommt IN DIE GLUT DES SÜDENS nie zu kurz und die Charaktere geben mehr von sich preis.

© 1978 by Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Ein weiteres sehr schönes Merkmal für Natürlichkeit sind die häufigen Momente in denen Tiere gefilmt werden. Nicht nur die Nutztiere, sondern auch freilebende Tiere wie Rebhühner oder Büffel beleben den Film genauso wie die Menschen. Selbst in dem Moment der biblischen Heuschreckenplage ist die Kamera ganz dicht bei den Insekten und steht einer Naturdokumentation um nichts nach. Somit ist IN DER GLUT DES SÜDENS eine wahre Entdeckungsreise mit seinem besonders verletzlichen Licht, der zu entdeckenden Natur wie auch den technischen Errungenschaften der 1910er-Jahre, die man schon gar nicht mehr kennt.

Heimkino

Lange hat es gedauert bis IN DER GLUT DES SÜDENS auf Blu-ray erscheint, doch nach der Vorfreude macht sich Ernüchterung breit. Hierzulande schielt man als Filmfan schon seit 2010 auf die US-Blu-ray der Criterion Collection, die nicht nur mit einem neuen digitalen HD-Transfer unter der Aufsicht des Regisseurs Malick, Cutter Billy Weber und Kamera-Assistent John Bailey aufwarten konnte, sondern auch mit Extras wie Audiokommentar, Interview, Booklet und tollem Cover. Aber eine fehlende Regionalcodefreischaltung für Europa machte die Edition nicht kaufenswert. 2021, die Lizenz an Criterion scheint ausgelaufen zu sein, bietet Paramount Pictures nun das hervorragende HD-Bild auch für den deutschen Blu-ray-Markt inklusive deutscher Synchronisation (Mono) an. Und das ist auch schon das Nennenswerte dieses Releases, neben einem Cover wie vom Schnulzen-Grabbeltisch und einem Kinotrailer. Bei Paramount scheint gänzlich das Verständnis für ein Werk zu fehlen, das immer wieder auf Listen der besten Filme aller Zeiten landet. So wird diese Blu-ray sehr zügig in den Untiefen der Elektronikkaufhäuser verschwinden. Dennoch werden Cineasten nicht vorbeigehen, denn eine Alternative gibt es nicht.

In der Glut des Südens (1978)

© 1978 by Paramount Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Fazit

Auch wenn man sich nun in Deutschland mit dieser hingeworfenen Blu-ray-„Neu“-Veröffentlichung traurigerweise begnügen muss, fehlt diesem Kunstwerk nichts an seiner Faszination. Wie Martin Scorsese schon sagte, man kann jeden Frame aus IN DER GLUT DES SÜDENS ausschneiden, vergrößern und als Gemälde in ein Museum hängen. Terrence Malick musste nach diesem Geniestreich eine 20-jährige Schaffenspause einlegen, um dann wieder drehen zu können. Wir jedoch, können nun immer wieder über die Felder der hügeligen Farm in Texas streifen, als die Wünsche noch unendlich schienen und das Leben einfach, aber hart auf jeden Träumer einschlug.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewIn der Glut des Südens (1978)
alternativ: Tage des Himmels
OT: Days of Heaven
Poster
RegisseurTerrence Malick
Releaseab dem 20.05.2021 auf Blu-ray

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Trailer

Englisch
BesetzungRichard Gere (Bill)
Brooke Adams (Abby)
Sam Shepard (Der Farmer)
Linda Manz (Linda)
Robert J. Wilke (Der Farm-Vorarbeiter)
Jackie Shultis (Lindas Freundin)
Stuart Margolin (Fabrik Vorarbeiter)
DrehbuchTerrence Malick
FilmmusikEnnio Morricone
KameraNéstor Almendros
Haskell Wexler
SchnittBilly Weber
Filmlänge94 Minuten
FSKAb 12 Jahren

Ein Gedanke zu „In der Glut des Südens (1978) – Filmkritik“

  1. Hallo, in der Rubrik ‚Erzählrhythmus‘ hätte ich mich eher auf den RHYTHMUS, also das Verhältnis von Handlungs-Bewegung und Handlungs-Zeit beleuchtet, weniger auf die stilistischen Merkmale. Keine sehr erhellende Analyse und der Stellenwert im werk von Malick kommt viel zu kurz

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