Hunted – Waldsterben (2020) | Filmkritik

Mit HUNTED erwartet uns ein neuer Film aus dem Rape-and-Revenge-Genre, das gehört bekanntlich zum teils sehr extremen Exploitationfilm. Einer der bekanntesten und berüchtigtsten Beiträge dürfte ICH SPUCK AUF DEIN GRAB (I SPIT ON YOUR GRAVE, 1978) von Meir Zarchi sein, der gleichzeitig eine Blaupause für viele folgende Epigonen darstellt. Weitere bekannte Produktionen sind DAS LETZTE HAUS LINKS (THE LAST HOUSE ON THE LEFT, 1972), THRILLER – EIN UNBARMHERZIGER FILM (THRILLER – EN GRYM FILM, 1973) oder EXTREMITIES (1986). Aber auch Filme wie FICK MICH (BAISE-MOI, 2000) oder DIE FRAU MIT DER 45ER MAGNUM (MS .45, 1981) lassen sich bequem in diese Schublade einordnen. Die Formel für diese Art Film ist bis heute unverändert, auch neuere Produktionen machen davon reichlich Gebrauch. HUNTED bildet hierbei keine Ausnahme, auf der anderen Seite jedoch schon. Der Oscar-nominierte Regisseur Vincent Paronnaud schafft es geschickt mit seinem neusten Film die Konventionen dieses kleinen Genres einzuhalten und gleichzeitig auf dramatische Weise mit ihnen zu brechen, doch dazu später mehr. Bekannt wurde der 1970 in La Rochelle, Frankreich geborenen Paronnaud mit seinen Werken PERSEPOLIS (zusammen mit Marjane Satrapi 2011), HUHN MIT PFLAUMEN (2011) und seinem faszinierenden Beitrag zur Horror-Anthologie ASYLUM: TWISTED HORROR AND FANTASY TALES (2020).

© Pandastorm Pictures

Handlung

Eve (Lucie Debay) flirtet in einer Bar mit einem charmanten Mann (Arieh Worthalter), der sich schnell als mörderischer Psychopath entpuppt. Gemeinsam mit seinem Handlanger entführt er Eve. Doch nach einem schweren Autounfall kann sie sich befreien und in ein Waldstück fliehen. Im Kampf um Leben und Tod muss Eve an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen. Eine gnadenlose Hatz beginnt, bei der die Rollen zwischen Jäger und Gejagtem fließend sind.

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„Die Gesellschaft von Wölfen ist besser als die von Männern!“

Mit diesem Satz, der gleich zu Beginn von einer namenlosen Jägerin zum Besten gegeben wird, fasst Regisseur Paronnaud den gesamten Plot von HUNTED einprägsam zusammen. Nach der kurzen Geschichte über das Wolfsmädchen als Einleitung könnten wir an dieser Stelle sofort zum Ende kommen. Denn die nachfolgende Erzählung von Èves Erlebnissen ist nur eine moderne Wiederholung jener alten Legende. Gleichzeitig ist das Wolfsmädchen eine Metapher über die angeblichen Hexenverfolgungen, die von herzensguten Christen vor nicht allzu langer Zeit gefoltert und verbrannt wurden. Was uns wiederum zu einer weiteren Frage führt, die uns Männer betrifft und sich heutzutage in der #MeToo-Bewegung teilweise niederschlägt. Warum glauben wir immer noch besser zu sein als Frauen und warum sind wir der Meinung, dass Frauen sich unserem Willen fügen müssen? Warum behandeln wir Frauen im Alltag und im Job von oben herab? All diese Fragen und noch einige mehr stellt uns Paronnaud während der folgenden knapp 90 Minuten.

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Wie die Altersfreigabe von 16 Jahren vermuten lässt, ist HUNTED im Vergleich zu seinen Kollegen sehr handzahm. Es gibt einige blutige Kills, aber die oft verwendete physische Folter und Vergewaltigung kommen für Genrefans nicht auf ihre Kosten, die des psychischen Terrors schon eher. Doch auch hier geht Paronnaud seinen eigenen Weg. Während die Morde in den Vorgängern der Rape-and-Revenge-Filme mehr dem Selbstzweck dienen, sind sie in HUNTED ein wichtiger Bestandteil der Story und der Figurenentwicklung.

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Der Cast ist durch die Bank ein Volltreffer, ganz besonders stechen die beiden Kontrahenten Lucie Debay (MELODYS BABY (MELODY, 2014), UNSERE KÄMPFE (NOS BATAILLES, 2018)) und Arieh Worthalter (THE TAKE (BASTILLE DAY, 2016), GIRL (2018)) hervor. Das spielerische Feuerwerk, das sie vor der Kamera abbrennen, ist sehenswert und wirkt noch lange im Kopf des Betrachters nach. Sehr überzeugend verwandelt sich die Belgierin Lucy Debay von einer hilflosen und verängstigten Frau zur kompromisslosen Rächerin. Gleichzeitig erleben wir, wie der aus Frankreich stammende Arieh Worthalter vom aggressiven, alles zerstörenden Mann sich in ein zutiefst verletztes, um sein Leben fürchtendes, Tier verändert, das die Welt nicht mehr versteht. Gerade dieser extreme Wandel der Charaktere wird sehr spannend in Szene gesetzt. Hierbei gebührt Arieh Worthalter ein Extralob für seinen höchst komplexen Charakter, der sich nicht zu schade ist, auch als Kannibale auf seine Artgenossen loszugehen, die ihm im Weg stehen. All das verpackt Paronnaud in elegischen Bildern voller Farben und Metaphern. Zusätzlich arbeitet er mit einer elaborierten Tiersymbolik, die das Verhältnis von Jäger und Gejagter veranschaulicht und hervorhebt.

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Dem Zuschauer erwarten wunderbare Naturaufnahmen, die einer hochwertigen Dokumentation in nichts nachstehen. Besonderes Augenmerk legten die Macher offensichtlich auf das hervorragende Spiel mit den Farben, egal ob bei Tag oder bei Nacht. Denn das, was Vincent Paronnaud und sein Kameramann Joachim Philippe auf die Leinwand zaubern, ist das eigentliche Highlight dieser kleinen Produktion. Wenn wir schon bei Farben sind, fällt sofort Èves rote Jacke auf. Zum einen kennzeichnet Paronnaud seine Protagonistin damit als Opfer in höchster Gefahr, und zum anderen verteilt er Brotkrumen, die uns bis zu dem bekannten europäischen Märchen von „Rotkäppchen und der Wolf“ führen. Ebenso ergeht es dem omnipräsenten Wald, der zu Beginn als ein dunkler, böser Ort wie in so vielen Geschichten und Legenden dargestellt wird. Im weiteren Verlauf verwandelt er sich allerdings zu einem mystischen Platz voller Wunder, der mit seinen Bewohnern zu einem wahren Beschützer für Ève avanciert.

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Waldsterben?

Von Beginn an versuchte ich den Originaltitel HUNTED und den deutschen Untertitel „Waldsterben“ mit einem Rape-and-Revenge-Film in Einklang zu bringen. Doch der Begriff „Waldsterben“ wollte sich einfach nicht in das Bild einfügen. Lesen wir schnell bei Wikipedia, was dort unter Waldsterben steht: „Waldschäden beschreiben die Schädigung und Gefährdung von Baumbeständen durch Veränderungen der Standortbedingungen oder Schadensereignisse, die die Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit der Bäume überfordern. Sie fördern die Anfälligkeit von Krankheiten und können zum Absterben der Bäume bis hin zur großflächigen Entwaldung führen.“ Der Begriff „Waldsterben“ hat definitiv nichts mit dem Sterben oder töten von Personen im Wald am Hut.

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Die einzige Erklärung, die ich dafür anbieten kann, wäre folgende: Waldsterben bezieht sich nicht nur auf die Verschmutzung und das langsame Sterben unseres Waldes aus ökologischer Sicht, das wir Menschen so schonungslos und gedankenlos zulassen. Sondern es bezieht auch auf die mystische und geistige Abkehr und Abspaltung von unseren Wurzeln, die tief in unseren geheimnisvollen Wäldern verankert sind. Schon die alten Germanen waren sich dieser Kraft bewusst und fanden ihre Götter in eben jenen Wäldern. Für sie war der Wald etwas Heiliges und nicht im Sinne von pompösen Bauten, in denen alte Männer das angebliche Wort Gottes verkündeten. Erst mit dem gewaltsamen Eindringen des Christentums wurde dieser Glaube mit Feuer und Schwert aus den meisten Menschen verbrannt. Diese Verbindung des Menschen mit dem Wald und der Natur, so wie er bei vielen Urbevölkerungen selbstverständlich war, ist im Laufe der Menschheitsgeschichte immer mehr verloren gegangen.

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Fazit

Gerade amerikanische Produktionen legen in diesem Genre ihren Fokus vermehrt auf heftige Gewalt und ausgiebige Folter-Szenen, die meist nur einen dünnen Plot unter all dem Blut und der nackten Haut zu verbergen versuchen. Angenehm anders verhält sich da die europäische Produktion HUNTED: weg von sinnlosen Gewaltausbrüchen. Mit einer verdrehten Fabel in einem zeitgemäßen Outfit sowie einer klaren Dramaturgie, die nicht das brutale Verhalten einzelner Akteure aus den Augen verliert, überrascht Paronnauds neustes Werk. Sein zutiefst misogyner Blick auf die Welt zerfällt im Verlauf der spannenden Story mehr und mehr. Paronnaud erzählt die Geschichte primär über seine Bilder, der Dialog fungiert dabei nur als Brücke zum Verständnis. Während der Plot die Standardkonventionen des Genres be- und verarbeitet, behandelt der Subtext von HUNTED – WALDSTERBEN die voreingenommene und oberflächliche (sexistische) Sicht einer großen Anzahl von Männern in Richtung Frau, die viele als gottgegeben ansehen. Ganz sicher wird HUNTED – WALDSTERBEN weder die Welt aus den Angeln heben noch das Genre verändern oder gar den chauvinistisch-männlichen Blick auf die Frauen verschwinden lassen, jedoch könnte er den ein oder anderen zum Nachdenken anregen.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewHunted - Waldsterben (2020)
Poster
RegisseurVincent Paronnaud
Releaseab dem 21.05.2021 auf Blu-ray und DVD

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Trailer
BesetzungLucie Debay (Ève)
Arieh Worthalter (Der Mann)
Ciaran O‘Brien (Der Komplize)
Simone Milsdochter (Die Jägerin)
Mikael Sladden (Außendienstmitarbeiter)
Ryan Brodie (Jeremy)
DrehbuchVincent Paronnaud
Léa Pernollet
KameraJoachim Philippe
FilmmusikOlivier Bernet
SchnittNicolas Sarkissian
Filmlänge87 Minuten
FSKab 16 Jahren

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