Hudsucker Der große Sprung Review

Hudsucker – Der große Sprung | Filmkritik

„Im Getriebe der Coen-Fabrik“

Der Aufstieg und Fall eines Geschäftsmanns ist schon immer eine gute Grundlage für eine Geschichte gewesen. Nur hier bei HUDSUCKER – DER GROßE SPRUNG beginnt die Handlung eher mit dem Fall. Als dem Geschäftsführer von Hudsucker Industries, Waring Hudsucker (Charles Durning), sich die aktuellen positiven Bilanzen seines Wirtschaftsimperiums vorlesen lässt, grinst er breit in die Runde seines Vorstands. Der lange Tisch, welcher wohl nur aus einem Mammutbaum entstanden sein konnte, wird nun aber für etwas anderes genutzt als daran zu sitzen. Waring steigt auf seinen Sessel und betritt die Tafel seiner treuen Aktionäre, um mit Anlauf durch die Fensterscheibe aus dem 44. Stock (Parterre nicht mitgerechnet), mit einem breiten Lächeln auf seinen Lippen, in den Tod zu springen. Mit dieser äußerst verwirrenden Szene beginnen die Coen-Brüder Joel und Ethan Coen ihren fünften Spielfilm aus dem Jahr 1994. THE HUDSUCKER PROXY (übersetzt „Der Hudsucker Vertreter“) ist nun in Deutschland in feinstem HD bei Turbine in der Steel-Edition zu erwerben. Ein guter Grund diesen Film noch einmal vorzustellen und eine kleine subjektive Beeinträchtigung vornweg: Die Coen-Brüder sind diesem Schreiberling schon immer die Liebsten gewesen.

Hudsucker Der große Sprung Review
© Universal Pictures Germany

Handlung

Ende der 50er Jahre waren Großkonzerne bereits wirtschaftlicher Alltag. Um nicht ohne einen führenden Kopf bei Hudsucker Industries dazustehen, braucht man alsbald einen Vertreter. Sidney J. Mussburger (Paul Newman) kann den Aufsichtsrat überzeugen, dass man hier einen ordentlichen Armleuchter einstellen sollte, damit erst einmal die Aktien in den Keller fallen. Nur so könne man selbst das Unternehmen später günstig aufkaufen und von solchen Lappalien wie Suizid des Geschäftsführers unabhängig sein. Als der Fleck von Waring noch ganz frisch auf dem Asphalt klebt, betritt Norville Barnes (Tim Robbins) das Gebäude, wo er als Berufseinsteiger in der emsigen Postabteilung des Unternehmens, quasi ganz unten, beginnen muss. Als er Sidney Mussburger einen wichtigen „Blauen Brief“ zustellen muss, wittert dieser in Barnes dümmlichen Auftreten die perfekte Marionette für den Chefsessel. Die Reporterin Amy Archer (Jennifer Jason Leigh) des Manhattan Argus ist heiß auf die Story hinter diesem Personalwechsel – um die Gründe des Selbstmords scheint sich wirklich keiner in dieser Geschichte zu interessieren – und haftet sich als Sekretärin an die Fersen von Barnes. Aber der hat Ideen, die noch eine ganze Generation begeistern werden.

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© Universal Pictures Germany

Der Humor der Coen-Brüder

Kurz vorher haben sie noch mit BARTON FINK die Schreiber-Elite Hollywoods durch einen Höllentrip gejagt, den so nur sie sich ausdenken können und nach HUDSUCKER werden sie mit ihrem ersten großen Wurf FARGO von jedem, der mit Filmen etwas zu tun hat, wahrgenommen werden. Mit FARGO hat HUDSUCKER eigentlich zwei markante Punkte gemeinsam. Wenn man die Filme der Coen-Brüder hoch und runter geschaut hat, weiß man, es gibt bestimmte Themen, die sich wie ein roter Faden durch ihre genrereiche Filmografie ziehen, aber hier fallen zwei Dinge ins Auge: Schnee und ein Humor, der von den Persönlichkeiten seiner Figuren lebt. HUDSUCKER ist wohl einer der witzigsten Filme, den das kreative Brüderpaar gedreht hat. Wer alte Stummfilme um Buster Keaton und Charles Chaplin mag, wird diesen Film lieben.

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© Universal Pictures Germany

Es gibt so manchen Witz, der einem erst bei mehrmaligem Sehen wirklich bewusst wird. So erkannte ich erst dieses Mal die Satire, als Norville seine alte Post-Dienststelle anruft, er war bereits eine Woche der Chef der Firma, und ihn sein Abteilungsleiter wegen einer fehlenden Quittung sofort durch die Leitung anschrie. Manchmal wissen nicht einmal die einfachen Angestellten, wer gerade Boss der Firma ist. Aber auch das von zwei Fremden im Diner kommentierte Zusammentreffen von Norville und Amy, wie aus einem Film von Frank Capra, ist witzig und wunderschön zugleich inszeniert.
Mit Freude kann man jetzt die alten, negativen Filmkritiken über HUDSUCKER lesen und selbst für den Kritiker Michael Althen waren nicht nur die Wolkenkratzer, sondern „auch die Gefühle aus Pappe“ (DIE ZEIT, 10.06.1994). Es war nicht das Jahr für diesen Film, was der Umstand noch verdeutlicht, dass HUDSUCKER das damalige Filmfestival von Cannes eröffnete, aber gegen PULP FICTION keine Chance hatte. Tarantino war in diesem Jahr das Thema und nicht die kleinen nerdigen Jungs, die sich mit ihrem Filmwissen sicherlich locker ein tagelanges Duell mit Tarantino hätten liefern können.

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© Universal Pictures Germany

Der Film will nur eine Emotion hervorrufen: Lachen. Cartoonartig springen hier die Figuren aus den Fenstern, die Kamera gleich hinterher und die Aufnahmen zeigen eine Häuserschlucht, die nur der Coyote aus den BUGS BUNNY-Cartoons besser kennt. Sam Raimis Ideen zum Drehbuch, welches bereits in der 80ern geschrieben wurde, sind unverkennbar. Nicht ohne Grund behaupte ich mal so frei, dass der erste Film der Gebrüder Coen, CRIMEWAVE (DIE KILLER-AKADEMIE) von 1985 war, welcher offiziell der Regie von Sam Raimi zugeschrieben wurde (Diesem Film muss unbedingt noch ein Blu-ray-Release hierzulande gesponsert werden!). Die Coens sind dafür bekannt, bereits zum Dreh jede Einstellung in ihrem Storyboard definiert zu haben, was aber die Film-Noir-Fotografien der Kameralegende Roger Deakins keineswegs einschränkt. Licht und Schatten zerschneiden die minutiös arrangierten Bühnen der Requisiten.

Hudsucker Der große Sprung Review
© Universal Pictures Germany

Sicher ist die Figur von Tim Robbins dümmlicher als gewohnt und auch Jennifer Jason Leigh hat mit ihrer nervigen Journalistinnen-Rolle die Hosen eindeutig zu hoch gezogen. Aber welch ein Spaß dieser Show beizuwohnen, in der sich selbst Gut und Böse, in Form des Turmuhrenwärters Moses (Bill Cobbs) und dem Türbeschrifter, einen Kampf um die Seele eines einfach Jungen vom Land liefern. THE HUDSUCKER PROXY besteht aus einem unermesslichen Fundus aus Filmzitaten, aber die größte Inspiration hat sicherlich Frank Capras MR. DEEDS GEHT IN DIE STADT (1936) geliefert. Wer gern mehr über die Filmreferenzen erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch JOEL & ETHAN COEN aus dem Bretz-Verlag.

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© Universal Pictures Germany

Die Blu-ray

Hudsucker Der große Sprung Review
Cover der Steel-Edition © Turbine

Ein bisschen verwunderlich, dass HUDSUCKER – DER GROßE SPRUNG es bis jetzt noch nicht in HD ins deutsche Heimkino geschafft hat. Gut, dass Turbine sich dieser Aufgabe angenommen hat. Das Bild ist kontrastreich und hebt die weiten Räume, meist im Weitwinkel gefilmt, erstaunlich hervor. Man könnte vielleicht noch etwas meckern, weil kaum noch Filmkorn zu sehen ist, aber es handelt sich ja schließlich um einen Film aus der 90er Jahren und nicht aus den 50ern, wie uns die Coens so schön weiß machen wollen. Der Ton ist solide abgemischt, Musik und Dialog gehen Hand in Hand. Man kann sich je nach heimischer Tonanlage zwischen 2.0 und 5.1 entscheiden. Leider begrenzen sich die Extras auf knappe 20 Minuten. Da wünscht man sich einen David Mamet herbei, der jede einzelne Szene noch einmal Revue passieren lässt. Wie gesagt, ein Filmbuch über die Arbeiten der Coen-Brüder hilft hier weiter. Die Verpackung als FuturePak der Turbine Steel-Edition ist sauber verarbeitet, bedruckt und auf 1.500 Exemplare limitiert, bei Abverkauf wird eine Amaray folgen.

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© Universal Pictures Germany

Fazit

HUDSUCKER fehlende Emotionen zu unterstellen ist wirklich nicht fair, weil Lachen schließlich auch ein Gefühl ist. Wem die triste Welt da draußen, die letzte Hoffnung raubt, dem helfen Joel und Ethan Coen mit diesem Film weiter: Wo das Gute noch siegt, man für ein paar Cent eine Tasse Kaffee bekommt und sich die Menschen noch tief in die Augen schauen, anstatt auf ihre Telefone. Da nimmt man diesen Sturz aus dem 44. Stock gern in Kauf und lässt sich die Feiertage mit diesem Jahreswechsel versüßen.

TitelHudsucker - Der große Sprung (1994)
OT: The Hudsucker Proxy
RegisseurJoel Coen
Ethan Coen
PosterHudsucker Der große Sprung Review
ReleaseTurbine Steel Collection (limitiert auf 1.500 Stück)
im Rakete-Shop kaufen
Trailer
SchauspielerTim Robbins (Norville Barnes)
Jennifer Jason Leigh (Amy Archer)
Paul Newman (Sidney J. Mussburger)
Charles Durning (Waring Hudsucker)
John Mahoney (Chief)
Bruce Campbell (Smitty)
Bill Cobbs (Moses)
Joe Grifasi (Lou)
DrehbuchEthan Coen
Joel Coen
Sam Raimi
KameraRoger Deakins
MusikCarter Burwell
SchnittThom Noble
Technische DatenBlu-ray
Bildformat: 1,85:1 (HD 1080p)
Tonformat: Deutsch & Englisch (DTS-HD Master Audio 5.1 & 2.0)
Untertitel: Deutsch & Englisch
Filmlänge111 min
AltersfreigabeAb 6 Jahren freigegeben
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