Homeboy (1988) – Filmkritik

„Zwischen den Seilen“

„Ich glaube, ich werde nie wieder einen Film machen, der mir so viel bedeutet“, sagte Mickey Rourke über HOMEBOY, einen vergessen Film, den Ofdb Filmfworks jetzt in einem liebevollen Mediabook adelt.

Das Mediabook von OFDb Filmworks

Als 1988 HOMEBOY erschien, da passte er wohl einfach nicht ins Kino-Jahrzehnt. Die Geschichte des Boxers Johnny Walker, der mehr mit dem Alkohol als mit anderen Amateurboxern in schäbigen Provinzhallen kämpft und in die Fänge des manischen Kleinkriminellen Wesley (Christopher Walken) gerät, schreit geradezu: New Hollywood. I used to care, but times have changed, um mal Bob Dylan als Kommentar auf den Misserfolg des Films zu bedienen. 1988, inmitten des Reagan-Kalter-Krieg-Kinos, als Rocky schon längst nichtmehr der Vertreter der Arbeiterklasse war, sondern lieber im Alleingang den Russen die Handkante zeigte, als Actionhelden in der Golden Hour mit Ray-Ban-Sonnenbrille in die Danger Zone motorradeten, da wollte wohl schlicht und einfach niemand einen gebrochenen, alkoholisierten Franz Biedenkopf im Ring sehen. Denn HOMEBOY ist deutlich näher an BERLIN ALEXANDERPLATZ als am damals zeitgenössischen Kino.

© OFDb Filmworks

Johnny hat es versucht. „What if I could’ve been good?“, fragt er sich vor dem atemberaubend inszenierten Finale. Wie Bieberkopf wollte Johnny ein guter Mensch sein, ein Preisboxer werden. Dann kam der Alkohol. Zu Beginn des Films wirft der angeschlagene Verlierer sich in sein Cowboyoutfit. Aber auch das will keiner mehr sehen. Am Busbahnhof beschimpfen ihn ein paar Gangster, denn auch der uramerikanische Cowboy, der mit Daumen im Präriewind neue Gegenden erobert, auch der ist nicht mehr zeitgemäß. Da hilft eben nur der Griff zu Flasche. Seine Kämpfe kann Johnny sowieso nur nah an der Grenze zum Exitus beschreiten. Sein Unglück, dass hier bereits erwähnter Wesley auf ihn aufmerksam wird und meint, eine arme Sau für seine kleinkriminellen Geschäfte gefunden zu haben. Walken bereitet sich hier offensichtlich schonmal auf seine Paraderolle in Abel Ferraras Meisterwerk KING OF NEW YORK vor. Dieser Proto-Frank-White präsentiert sich dem Zuschauer im zerknitterten weißen Anzug und mit dem Walken typischen irr-manischen Blick. Ein Juwelierraub soll die große Kohle bringen und dabei wäre es natürlich dienlich, einen Mann, der hart zuhauen kann, in der eigenen Truppe zu wissen.

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Es ist ein Film voller zerstörter Menschen und Orte, die Regisseur Michael Seresin hier auf den Bildschirm bannt. Geradezu pornographisch-detailliert wird der lädierte Körper Johnnys in Szene gesetzt, punktgenau fängt die Kamera die heruntergekommenen Bars und Typen ein. Die Rettung, wie in solchen Geschichten üblich, könnte von einer Frau kommen. Ruby (Debra Feuer) betreibt ein defektes Karussell auf einem Rummelplatz, Familientradition. Auch sie passt nicht mehr in die Zeit, zu wenig Glitzer, zu wenig Glanz, aber viel Wärme. Die Szenen zwischen Feuer und Rourke (die zum Drehpunkt liiert waren) sind das emotionale Herzstück des Films. Wenn Ruby voller Inbrunst von „ihrem“ Karussell erzählt, stellen sich die Nackenhaare auf. Es sind die kurzen Momente, in denen man tatsächlich annehmen könnte, dass diese Geschichte für Johnny noch gut ausgehen könnte.

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Immens wichtig für die Atmosphäre und die Sogwirkung von HOMEBOY ist, abgesehen von den herrlich heruntergerockten Schauplätzen und Figuren, natürlich, Mickey Rourke himself. 1988, als seine Karriere nach einer Reihe Flops schon in der Auslaufrille hing, konnte er sich sicherlich zu einhundert Prozent mit der Figur des Johnny Walkers identifizieren. Einem Mann, der in einer Sache gut war, es irgendwie versaute und jetzt nur noch darauf aus ist, sich selbst zu zerstören (Kollege Stefan Jung widmet diesem „Körperkino“ des Mickey Rourke einen großen Teil seines hervorragenden Essays im Buchteil des Mediabooks).

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Schaut man auf die Rezeption von HOMEBOY, dann stolpert man häufig über das Wort „mittelmäßig“ oder „wenig überraschend“. Und das stimmt auch. Wie die Geschichte um den lädierten Boxer ausgehen wird, das ist eigentlich schon vom ersten Frame aus klar. Aber zeugt nicht gerade das vom geübten Filmemachen, einen Film von Anfang an so klar und unausweichlich auf sein Ziel hinauslaufen zu lassen?

Wenn man möchte, dann könnte man HOMEBOY vorwerfen, etwas unfokussiert oder umständlich zu sein. Die Chemie zwischen Rourke und Walken und ihre Bieberkopf-Reinhold-Beziehung könnte einen eigenen Film füllen, ist aber nur ein Bruchteil des gesamten Erlebnisses. Auch der zarten Liebesgeschichte würde man mehr Raum wünschen. Hier stellt sich dann die Frage, ob man als Zuschauer ein Anhänger der Dekonstruktion des Philosophen Jacques Derrida ist, also gerne spekuliert, was hätte sein können oder man sich auf das Gezeigte einlassen möchte. Denn wie auch sein Held ist HOMEBOY eben ein Film, der häufig dezent fertig durchhängt, um dann von den eruptiven Momenten umso mehr getroffen zu werden.

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Diese Idiosynkrasie macht es schlussendlich auch schwer, HOMEBOY endgültig zu empfehlen. Aufgeschlossenen Cineasten und Fans des New Hollywood sei er auf jeden Fall zu empfehlen. Mit Walter-Hill-Action oder typischen 80er-Jahre-Kino hat das Drama hingegen wenig zu tun. Aufmerksame Rezipienten werden die Parallele längst gezogen haben, ja, HOMEBOY ähnelt sehr Rourkes letzten großen Triumph THE WRESTLER, und das ist am Ende des Tages auch der etwas schlüssigere, weil geradlinigere Film. Die interessantere Erfahrung macht man aber mit diesem lang vergessenen und übersehenen Passion Project.

© Fynn

Titel, Cast und CrewHomeboy (1988)
Poster
Releaseab dem 30.08.2020 auf Blu-ray im Mediabook erhältlich.

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RegisseurMichael Seresin
Trailer
BesetzungMickey Rourke (Johnny Walker)
Christopher Walken (Wesley Pendergass)
Debra Feuer (Ruby)
Kevin Conway (Grazziano)
Jon Polito (Moe Fingers)
Joseph Ragno (Cotten's Trainer)
DrehbuchMickey Rourke als Eddie Cook
KameraGale Tattersall
FilmmusikEric Clapton
Michael Kamen
SchnittRay Lovejoy
Filmlänge116 Minuten
FSKab 16 Jahren

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