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Hiroyasu Ishida Collection – Vier Kurzfilme des jungen Animations-Meisters

Aus dem Reich der Anime sind hierzulande nur wenige Regisseure bekannt. Das ältere Semester vorneweg Miyasaki, Takahata, Anno und Kon, es gibt aber noch die Fraktion mittleren Alters, die sich erfolgreich ins Rampenlicht gearbeitet haben wie Makato Shinkai und Mamoru Hosoda. Jetzt möchte ich euch den noch jungen (geb. 1988 und somit jünger als der Schreiber dieser Zeilen) Hiroyasu Ishida vorstellen. Vor einiger Zeit hat mich sein PENGUIN HIGHWAY (2018) wie ein frischer Wind aus der manchmal sehr eintönigen Welt der japanischen Animation herausgerissen. Aktuell müssen wir noch auf seinen nächsten Geniestreich in Spielfilmlänge aus dem Studio Colorido warten, aber die Zeit versüßt uns das Label Kazé mit ihrer „Hiroyasu Ishida Collection“. Auf Blu-ray findet man hier vier Kurzfilme, die auf vielseitige Weise inhaltlich und visuell beeindrucken. Ishida schoss bereits mit 21 Jahren in seinen Animationen ein verliebtes Mädchen durch die Häuserschluchten eines japanischen Küstenortes.

Fumiko’s Confession (2009)

© ishidahiroyasu

Sie ist den meisten ihrer Klassenkameradinnen voraus, Fumiko gesteht ihrem Schwarm in der Schule ihre Liebe. Doch der lehnt knallhart ab, weil er sich gerade auf Baseball fokussieren will. Entweder ist er in der Entwicklung noch etwas zurück oder einfach nicht interessiert. Das ist natürlich ultra-peinlich, deswegen schießt Fumiko wie angestochen aus der Szene, doch der Weg ins Tal ist steiler als gedacht und es wird zu einem wilden Rennen/Flug, der selbst Ethan Hunt zu schnell wäre.

© ishidahiroyasu

Noch während Hiroyasu Ishida an der Universität lernte, entstand FUMIKO’S CONFESSION (3 Min.). Es ist, wie er selbst sagt, ein Übungsstück aber was für eins. Die Geschichte ist zwar simpel und der Kurzfilm nur drei Minuten lang, aber was ist das für eine Actionpartie, wenn Fumiko durch die Bilder donnert? Geschickt wird mit unterschiedlichen Perspektiven gearbeitet, Humor eingeflochten und passgenauem Sound-Design gearbeitet. Ein Paradestück, dem etwas bei der Figurenzeichnung die Eigenständigkeit fehlt, aber man bei der Inszenierung schon deutlich ein ungewöhnliches cineastisches Talent erkennen kann.

© ishidahiroyasu

Rain Town (2011)

Ein Mädchen wird im Regenmantel zu ihrer Großmutter durch die verlassene Stadt geschickt. Unterwegs trifft sie auf einen unerwarteten Freund, der aber so gar nicht menschlich aussieht. Das Mädchen erinnert ihn an eine Zeit, in der es in dieser Stadt noch nicht permanent regnete.

© ishidahiroyasu

Persönliches Highlight ist für mich dieser zweite Kurzfilm RAIN TOWN (10 Min.). Ich mag die Art der Zeichnungen sehr. Sie erinnert an Aquarellmalerei, die mit Bleistift und Tusche verstärkt wird. Außerdem wird während der gesamten Laufzeit nicht gesprochen. Erst so zeigt sich das wahre Talent von Regisseuren, die nur mit Bildern Geschichten erzählen können, ohne zu langweilen. Schaut mal bei den ersten Minuten eines Steven-Spielberg-Films genau hin, gesprochen wird hier selten. RAIN TOWN erinnert in seiner Optik auch stark an den Oscargewinner LA MAISON EN PETITS CUBES (2008) von Kunio Katou, hat aber nicht ganz die Kraft der Geschichte, jedoch die Melancholie. Außerdem ist viel Platz für eine Interpretation der Geschichte und die typischen japanischen Lebensraumelemente wie Leitungen, Züge, Klimaanlagen und Werbeschilder waren selten so schön in Szene gesetzt wie hier.

© ishidahiroyasu

Sonny Boy & Dewdrop Girl (2013)

© Studio Colorido

Und da sind wir wieder beim größten Problem der Schulzeit, wenn es nach Animegeschichten geht: Man ist verliebt, traut sich aber nicht den anderen anzusprechen. Der schüchterne Hinata hat sich in seine Mitschülerin Shigure verliebt. Seine unschuldigen Sehnsüchte malt er lieber auf Papier, als es ihr zu sagen. Er entdeckt, dass Shigure ein Herz für Vögel hat und Hinata träumt sich mit ihr in ein Vogelhaus zusammen. Shigure nimmt eines Tages Kenntnis von Hinata, doch der ist so tollpatschig, dass kein vernünftiges Gespräch gelingt. Auf einmal passiert das zweitgrößte Problem in der Anime-Schulzeit: die Familie eines Schülers muss umziehen, in diesem Fall Shigure.

© Studio Colorido

Man merkt meiner kleinen Inhaltsangabe an, dass ich auf diese beiden Themen „Schüchterne Liebe“ und „Schulwechsel“ nur noch mit einem müden Schulterzucken reagiere. Sicherlich kann sich jeder mit solchen Dramen in die eigene Schulzeit zurückversetzen, aber mir ist es als permanente Grundlage für Geschichten einfach zu wenig. Da lob ich mir Filme wie DAS MÄDCHEN, DAS DURCH DIE ZEIT SPRANG (2006), der auch in der verliebten Teenager-Schulzeit spielen, aber grundlegend viel bessere Beziehungen beschreibt und zusätzlich eine irre Geschichte erzählt. Aber meine verschränkte Haltung wurde bei SONNY BOY & DEWDROP GIRL (18 Min.) zum Finale hinfort geweht, als die Welt von Hinata jegliche Regeln hinter sich ließ. In einem furiosen Mix aus Naturliebe, Dynamik und irren Flugstunts prescht Hinata seiner Liebe hinterher. Die Musik von Jun Ichikawa (SEVEN DAYS WAR, 2019) vertrieb ebenfalls meine grummelige Erwartungshandlung.

© Studio Colorido

Typhon Noruda (2015)

© 2015 Typhoon Noruda Committee

Die besten Freunde Kenta und Shuichi streiten sich und das einen Tag vor dem großen Schulfest. Ein riesiger Taifun, der auf die kleine Insel treffen soll, treibt die Spannung zwischen den Mitschülern weiter nach oben. Doch Kenta erblickt auf einmal ein fremdes Mädchen im Schulgebäude, das so gar nicht von dieser Welt zu sein scheint.

© 2015 Typhoon Noruda Committee

Der letzte Film in dieser „Hiroyasu Ishida Collection“ ist der neuste und am besten produzierte. Das heißt aber nicht unbedingt, dass es der überzeugendste in dieser Reihe ist. Der unerwartete Kampf zwischen den beiden Freunden, die Bedrohung durch das Unwetter und das mysteriöse Auftauchen des fremden Mädchens geben viel Stoff für eine spannende Geschichte. Es wirkt aber insgesamt unausgewogen, die jeweiligen Aspekte passen kaum zusammen und eine Interpretationsebene will sich nicht richtig ergeben. Außer, dass die erste Liebe eine Freundschaft, die bereits seit der Kindheit an besteht, auseinanderbringen kann. Die Sci-Fi-Elemente wirken nicht gut durchdacht und der Terraforming-Auftrag scheint willkürlich. TYPHOON NORUDA (26 Min.) ist auch der einzige Kurzfilm in dieser Sammlung in dem Hiroyasu Ishida nicht für die Regie verantwortlich war, sondern ausschließlich für die visuellen Effekte. Regie hatte Yojiro Arai inne, der mit Ishida bereits in PAULETTE’S CHAIR (2014) und SONNY BOY & DEWDROP GIRL zusammengearbeitet hatte. Bemerkenswert ist, dass Kazé für diese Edition eine sehr gute deutsche Synchronisation produziert hat.

© 2015 Typhoon Noruda Committee

Geballte Inhalte für Animefans

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Alle vier Kurzfilme, drei davon in japanischer Sprache mit deutschem Untertitel, sind sehenswert und der dreiminütige PAULETTE’S CHAIR (2014) ist ebenfalls bei den Extras enthalten. Ein Interview im Bonusmaterial mit Hiroyasu Ishida gibt einen Einblick in dieses noch junge Animationstalent. Ganz nach dem Motto „Klotzen statt kleckern“ hat Kazé für ordentlich Lesestoff gesorgt. Es gibt fünf (!) Booklets. Das Making-of Buch zu FUMIKOS GESTÄNDNIS ist allein schon das Geld der Edition wert. Zeichnungen, Storyboards, Interview und Konzeptzeichnungen geben Einblick für jeden interessierten Animefan oder für die, die gern selbst einmal Animatoren werden wollen. Komplett in Deutsch werden Konzeptionen wie auch 3D-CGI-Techniken erklärt.

Inhalt der Hiroyasu Ishida Collection: Schuber, Digipack und fünf Booklets

Ein kleines Heft zu SONNY BOY & DEWDROP GIRL gibt Infos zum Regisseur und den Produktionsmitarbeitern. Ein kleines Vorwort von Hiroyasu-san und Anmerkungen zur Produktion finden ausreichend Platz auf den 14 Seiten. Zum selben Kurzfilm ist ein weiteres Booklet „Setting / Hintergrund / Schlüsselbilder“ beigelegt. Hier kommen Zeichenfans auf ihre Kosten und können sich entweder an den Bildern erfreuen oder einfach nachzeichnen bzw. malen. Zu TYPHOON NORUDA findet man ein Artbook mit Zeichnungen und Entwürfen wie auch ein Heftchen mit Informationen und einem Interview mit Regisseur Yojiro Arai, ebenfalls ein junger talentierter Animeregisseur (geb. 1989) von dem wir dank der Talentschmiede Studio Colorido sicherlich noch einiges erwarten dürfen.

Fazit

Dank der „Hiroyasu Ishida Collection“ blüht die Liebe zu Anime-Kurzfilmen wieder auf. Dass Kazé mutig war, eine Edition mit vier Kurzfilmen und einer Gesamtlaufzeit von nur knapp einer Stunde zu veröffentlichen, soll mit dieser Kaufempfehlung honoriert werden. Die sehenswerten Kurzfilme und der umfangreiche Lesestoff in fünf Booklets sprechen für volle Punktzahl: Ab in die Animesammlung.

© Christoph Müller

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