Herr der Fliegen (1990) – Filmkritik

Die Vorschulzeit bestimmt bereits unsere Persönlichkeit, unsere Werte, sogar unseren zukünftigen Bildungsgrad. Vor einiger Zeit dachte man noch, dass der Wissenseifer, die kreative Intelligenz und der soziale Umgang von der Schulinstitution maßgeblich beeinflusst wird. Doch in einer neusten Studie wurde erkannt, dass die ersten sechs Lebensjahre zu zwei Dritteln die weitere akademische Laufbahn bestimmen.[1] Man kann davon ausgehen, dass nur ein Drittel sich über seine hineingeborene Herkunft weiterentwickeln wird. Die gesellschaftskritische Romanvorlage „Lord of the Flies“ (1954) von Sir William Golding für die Verfilmung HERR DER FLIEGEN (1990) ist an diesem Aspekt schon sehr nah dran. Im Fokus stehen nicht die Kinder in dieser Geschichte, sondern der menschliche Instinkt, das Angeborene, das Wilde. Was passiert ohne die gesellschaftlichen Regeln und Gesetze mit uns? Werden wir dann zu brutalen Urmenschen? Selbst ein paar unschuldige Kinder, die auf einer Insel stranden, können nicht friedlich zusammenleben.

© Capelight Pictures

Handlung

Nach einem Flugzeugabsturz landen eine Handvoll sechs bis zwölfjährige Militärschüler auf einer einsamen Insel im Pazifik. Nachdem die Jungen den ersten Schreck überstanden haben, wählen sie einen Anführer. Die Wahl entscheidet sich zwischen den beiden älteren Jungen: Ralph (Balthazar Getty) und Jack Merridew (Chris Furth). Ralph gewinnt dank seiner souveränen Einstellung. Er und der pummelige Piggy (Danuel Pipoly) gründen eine kleine Gemeinschaft, in der jeder seine Aufgaben hat, von Nahrungssuche über Hüttenbau bis zur Signalfeuerwache. Nach den ersten Tagen macht sich Unmut in der Gruppe breit und Jack spaltet sich mit ein paar Hungrigen zu einer Jägerkaste ab. Sie jagen die ansässigen Schweine der Insel. Ein Streit zwischen beiden Gruppen wird heraufbeschworen, obwohl eigentlich genug Platz und Essen für alle da ist.

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Robinson Crusoe Jr.

Es klingt alles wie ein Experiment. Treibt ein paar Jungen mit wenig Hoffnung auf Rettung auf eine Insel und schaut was passiert. HERR DER FLIEGEN ist in seiner Einführung schon fast dokumentarisch angehaucht. Ohne jede Erklärung gibt es schwimmende Kinder im offenen Meer zu sehen. Ein erwachsener Mann mit einer schweren blutigen Kopfverletzung wird von ihnen gerettet und sie rudern in einem Rettungsboot an den Strand einer dicht bewaldeten Insel. Ein paar Tränen fließen, bei den Jüngsten, aber die Großen nehmen sofort ihre Aufgabe als Anführer und Vorbilder war. Mit einfachen Mitteln wie „Wer die Muschel hat, hat das Wort“ gelingt es ihnen, Regeln aufzustellen. Hin und wieder wird sogar von einem Militärrang gesprochen.

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Die noch zu Beginn befreundeten Ralph und Jack könnten nicht unterschiedlicher sein. Der dunkelhaarige Ralph behält bis weit im Filmverlauf seine Schuluniform an, wohingegen der blonde Jack schon nach ein paar Szenen mit freiem Oberkörper herumstolziert. Jack scheint sich viel schneller an die Insel anzupassen. Er wird schnell zum eiskalten Jäger, der andere in seiner Gruppe kommandiert. Auch durch seine Unterdrückung von Piggy stellt er seinen Anspruch auf die Alpharolle klar. Wohingegen sich Ralph immer wieder mit Piggy berät, wie es weitergehen soll.

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Religion, Monster und Tierquälerei

Auch heute noch hat HERR DER FLIEGEN von seiner unangenehmen Wirkung nichts verloren. Noch zu Beginn im Paradies voller Abenteuer wandelt sich die Gemeinschaft zu einem nihilistischen Konfliktherd. Stück für Stück töten die Jäger immer größere Tiere, bis es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es einem Menschen ans Fell geht. Im unangenehmen Kontrast stehen hier die unschuldigen Milchgesichter, die mit ihrer manchmal ungelenken Schauspielerei noch stärker auf die düsteren Dinge prallen, die auf der Insel geschehen. So wandelt sich das Filmgenre auch von einer idyllischen Robinsonade zu einem Horrorfilm mit Gesellschaftskritik. Dass hier nur Jungen zu Erwachsenen heranreifen, ist weit untertrieben, denn die Geschichte beinhaltet viel mehr Interpretationspotenzial als es offensichtlich scheint. Deswegen hat es die Romanvorlage auch auf viele Lehrpläne im Deutschunterricht geschafft. Der Autor William Golding rechnet mit der Happy-End-Abenteuergeschichte im Paradies ab. Die Vertriebenen aus dem Garten Eden ist nur einer der vielen religiösen Subtexte. Auch Goldings Einstellung gegenüber dem menschlichen Gräuel nach seiner militärischen Beteiligung am Zweiten Weltkrieg ist ganz klar in die Geschichte eingeflochten. Für ihn das Böse vom Menschen erschaffen.

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Werde eins mit der Insel

Aberglaube aus Angst vor einem Monster, der aufgespießte Schweinekopf und die Entwicklung des Kults der Jäger haben eine stark religiöse Komponente in dieser Parabel, welche der Film sehr gut aufgreift. Das fast schon rhythmische Erzählen und die detaillierte Bebilderung des Inselurwalds bringen das Erlebnis auf eine meditative Ebene. Am spannendsten ist die Figur von Simon (James Badge Dale), der als einziger die Versorgung des verletzten Erwachsenen übernimmt, aber auch der Entdecker der Insel ist. Ohne Furcht findet er die Wasserstelle, entdeckt die Lebewesen der Insel und sucht nach dem Inselmonster. Gerade an seiner Figur wird noch einmal deutlich, wie stark die Einflüsse des Ursprungsroman auf weitere Filme und Serienprojekte ist. Hin und wieder ist in seinem Auftreten der Soldat Private Witt aus DER SCHMALE GRAT (1998) zu erkennen.

© Capelight Pictures

Von der ersten Verfilmung bis zum Serienblockbuster

1963 erscheint die erste Verfilmung von Theaterregisseur Peter Brook, in strengem, aber wunderschönem Schwarz-Weiß, die sich noch sehr am Ursprungsroman orientiert. Die neuseeländische Serie THE TRIBE (1999-2003) lässt Stämme aus Kindern, die nach einem Virus überleben haben, sich zusammenschließen. Die MAZE-RUNNER-Trilogie (Buch wie auch die Filmreihe) weist vor allem im ersten Teil extreme Parallelen zu HERR DER FLIEGEN auf, nicht nur wegen der eingesperrten Jungen zu Beginn. Nicht vergessen darf man die großartige Folge „Der blöde UNO-Club“ aus der Zeichentrickserien DIE SIMPSONS (Staffel 9, Folge 14), welche geschickt die Vorlage aufs Korn nimmt. Aber auch die Mystery-Serie LOST hat starke Inspiration des Weltbestsellers mit beispielsweise der Trennung der Gestrandeten in eine streng dominante und eine demokratische Gruppe.

Das Mediabook

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Wer die Verfilmung von HERR DER FLIEGEN aus dem Jahr 1990 seit seinem Deutschunterricht nicht auswendig kennt, hat nun die Möglichkeit den Film in der aktuell besten Bildqualität zu sehen. Capelight Pictures veröffentlicht aber nicht nur den Film, sondern auch die erste Verfilmung von 1963 ebenfalls in dieser Mediabook-Edition. Die Extras auf den Discs sind nicht der Rede wert, aber dafür ist der Booklettext von Lucas Barwenczik sehr lesenswert. Die deutsche Tonspur hat extreme Dynamikschwankungen, was sicher dem Ursprungsmaterial zuzuschreiben ist. Man sollte lieber auf Originalsprache wechseln, da dort die Kinder in ihren Gefühlen wesentlich authentischer sind. In der Synchronisation wurden sie hauptsächlich von Erwachsenen gesprochen, was auf Dauer sehr anstrengend ist.

Fazit

In seiner interpretativen Wucht hat HERR DER FLIEGEN in den letzten 30 Jahren nichts verloren. Man stelle sich nur vor, dass sich 2020 Leute im Supermarkt um Toilettenpapier geschlagen haben. Im Survival-Aspekt überzeugt die Inszenierung aber nicht mehr ganz, denn die Erfahrungen der Zuschauer wurden in den letzten Jahren in realitätsnähere Gefilde gebracht. Nichtsdestotrotz ist der Film immer noch eine starke Bebilderung eines Literaturklassikers, der zeigt, dass auch Kinder von Schuldigkeit nicht befreit sind.

Quelle: 

[1] DIE ZEIT, Ausgabe 24, 10. Juni 2021, „Ungerecht von Anfang an“, Martin Spiewak

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewHerr der Fliegen (1990)
OT: Lord of the Flies
Poster
RegisseurHarry Hook
Releaseab dem 18.06.2021 auf DVD und im Mediabook (Blu-ray+DVD)

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Trailer
BesetzungBalthazar Getty (Ralph)
Chris Furrh (Jack Merridew)
Danuel Pipoly (Piggy)
James Badge Dale (Simon)
DrehbuchJay Presson Allen
Buchvorlagenach dem Buch "Lord of the Flies" von Sir William Golding
KameraMartin Fuhrer
FilmmusikPhilippe Sarde
SchnittHarry Hook
Filmlänge90 Minuten
FSKab 12 Jahren

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