Zum Inhalt springen

Henry: Portrait of a Serial Killer (1986) – Filmkritik & Review des Mediabooks

„He’s real“

Serienmörder sind ein sehr populäres Thema im Kino. Oft ist es die spezielle Note, die manche Täter unverwechselbar macht: Hannibal Lecter als intellektueller Kannibale mit Niveau, das Muster der sieben Todsünden in Finchers SE7EN (1995) oder das wiederholte Zelebrieren der Feiertage bei Michael Myers, Jason & Co. In den 1980er-Jahren waren Serienkiller bereits poptauglicher Mainstream – genau in diese „breite Akzeptanz“ stach damals John McNaughtons nüchterner HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER (1986) mit voller Wucht. Die Darstellung des unfassbar Bösen in gewöhnlicher Menschengestalt schockte das Publikum auf nachhaltige Weise, beim ersten Sehen ist dieser Film wie ein tiefer Tritt in die Magengrube, der ganz bewusst Unwohlsein hinterlassen will. Gleichzeitig ist er, und das ist selten genug, ein in Form und Spiel höchst bemerkenswertes Werk, was die Ernsthaftigkeit des behandelten Themas widerspiegelt.

© Turbine Medien

HENRY wurde 1985 gedreht und ein Jahr später erstveröffentlicht, die US-Produktion wurde jedoch sogleich mit einem X-Rating abgestraft und drohte fortan in den Regalen zu verstauben. 1989 entdeckte ihn der Filmemacher Errol Morris und ließ ihn beim Telluride Filmfestival aufführen, wo ihn Roger Ebert sah und lobend besprach. Daraufhin startete der Film 1990 in den USA, wurde auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt. HENRY befeuerte Debatten über Gewaltdarstellung im Film, gleichzeitig wurde er mehrfach ausgezeichnet. Bis 2003 war der Film in Großbritannien nur in gekürzter Form erhältlich, hierzulande bis zum Jahr 2012 indiziert.

HENRY basiert auf dem realen Fall des Serienmörders Henry Lee Lucas (1936-2001), der als Jugendlicher seine Mutter umbrachte und 1984 zum Tode verurteilt wurde. Lucas behauptete bei seiner Verhaftung, mehr als 3000 Menschen getötet zu haben. Viele dieser Geständnisse wurden jedoch später widerlegt, teils widersprach sich Lucas selbst in der Darstellung (was auch in einer Szene des Films aufgegriffen wird).

© Turbine Medien

Eine intensive Darstellung

Vorab sei gesagt, dass der Film auch nach all den Jahren wahrlich nichts für zarte Gemüter ist. HENRY ist roh – und zugleich menschlich. Recht gut würde ihn das Signum „intensives Killerdrama mit herausragender Darbietung“ beschreiben, aber HENRY ist eine Erfahrung, diesen Film muss man gesehen haben, auch wenn es wehtut. Michael Rooker, der den Jüngeren heute vor allem als Yondu aus den GUARDIANS OF THE GALAXY-Filmen bekannt sein dürfte, lieferte mit seiner Darstellung des Henry Lee Lucas sein prägendes Spielfilmdebüt (er wurde daraufhin vor allem als Antagonist besetzt), ebenso wie Regisseur McNaughton nach drei Dokumentationen hier seinen ersten Spielfilm drehte. Diese rohe Energie abseits jeglicher Konventionen ist es, was HENRY bis heute ausmacht.

© Turbine Medien

Neben all den Hintergründen und Fakten (wunderbar nachzulesen im Booklet der aktuellen Turbine-Edition) ist es zunächst das unmittelbare Spiel, das in den Bann zieht, und hier liefert vor allem Rooker einen unvergesslichen Einstand. Sein Henry ist zugleich unnahbar und doch in Details erkennbar geprägt von seelischer Tortur aus der Vergangenheit. Der Film liefert zwar in einem entscheidenden Dialog den möglichen Haupthintergrund für das gegenwärtige Wesen des Killers, doch bleibt dessen Darstellung über den gesamten Rest des Films bewusst banal und erschreckend zugleich. Henry ist eine tickende Zeitbombe, Menschen, die es „verdient“ hätten, können ihm jederzeit zum Opfer fallen – dazu gehört selbst sein alter Knastkumpan Otis (Tom Towles), mit dem er sich eine Wohnung teilt. Die bewegendsten Szenen, wo selbst in unserem über alle Maßen abschreckenden Serienmörder tiefe, unterdrückte Gefühle in Form seelischer Verwundungen erkundet werden, sind im Zusammenspiel mit Otis’ Schwester Becky (Tracy Arnold) zu bezeugen, die in Henry einen Seelenverwandten sieht und ihn nicht vorab verurteilt, obschon – oder gerade weil – sie von seiner grausamen Vergangenheit in all ihren Einzelheiten erfährt. Wie Rooker und Arnold hier dem Verfemten ein menschliches Gesicht geben, erfüllt von zugleich Zweifel, Scheu und Wut, dabei stets auch subtil, muss als schauspielerische Glanzleistung bezeichnet werden, eine Leistung, die überdauert.

© Turbine Medien

All dies, der brutale Schrecken und die gestörten Gefühle, werden durchweg eingefangen in den rohen, körnigen Bildern der für den günstigen Dreh verwendeten 16mm-Kamera. Von Beginn an mutet der Film dokumentarisch und exploitativ zugleich an, wenn lediglich die monströsen Resultate von Henrys Morden gezeigt werden, sich die Kamera um mit gelungenem Make-up präparierte Leichen schält, Verstümmelungen preisgibt, ohne den Akt selbst zu zeigen – dieser wird auf akustischer Ebene samt verzerrtem Ächzen und Wüten auf der Tonspur im Off dazugeliefert. Allgemein holt der Film aus seinem begrenzten Budget das Maximale heraus, konzentriert sich vorrangig auf Atmosphäre, lässt manche Morde im Dunkel zum Ende kommen, manches gar in der Vorstellung von uns Zuschauenden (wie nicht zuletzt die konsequente Schlusseinstellung untermauert). Bildsprachliches Highlight ist die mediale Reproduktion eines schockierenden Mordes an einer Familie, den wir zusammen mit Henry und Otis auf Band nacherleben dürfen/müssen, gefilmt mit deren zuvor per Raubmord erlangten Videokamera. Hier wird auf Metaebene die Wirkung des Gesehenen zugleich verstärkt wie medial reflektiert, etwa wenn Otis seinen Mord an der Frau beliebig wiederholen und sich daran ergötzen kann. Die prägende Sequenz endet in Superzeitlupe bzw. Standbild des auf dem Fernsehbildschirm zu Sehenden und blendet dann ins tödliche Schwarz.

© Turbine Medien

Durch das 16mm-Material des Hauptfilms, das nun neu restauriert vorliegt, kommt nicht zuletzt das architektonisch trübe Umfeld der Chicagoer Vorstadt zur Geltung. Die Metropole, die im „Prairie Style“ errichtet wurde, greift die Weite der amerikanischen Landschaft auf und lässt in ihrer horizontalen Ausrichtung die Übergänge zwischen Innen- und Außenraum verwischen. Abseits der schäbig-klaustrophobischen Enge in den Zimmern, wo den Figuren im übertragenen wie auch direkten Sinn die Luft abgeschnitten wird, dominiert schließlich auch die Diffusion der Gewalt. Wie diverse langgezogene Kamerafahrten auf den Hauptstraßen verdeutlichen: Henrys Gewalt verbreitet sich gleichmäßig und unumkehrbar entlang der Adern der modernen, „zivilisierten“ Gesellschaft.

© Turbine Medien

Das Mediabook von Turbine

2012 hatte das vorbildliche Label Bildstörung HENRY vom Index geholt und hierzulande erstmals in einer mustergültigen 3-Disc-Edition auf Blu-ray (inkl. Soundtrack-CD, Booklet, Stunden an Bonus) präsentiert. Nach Auslauf der Lizenz sowie mit besserem Zugang zum Originalnegativ hat sich nun Turbine einer nochmaligen Aufwertung von McNaughtons Klassiker angenommen. Das Ergebnis weiß über die Maßen zu gefallen. Zunächst wurde das 16mm-Material noch einmal grundlegend in 4K restauriert und bekommt dadurch nun gar eine UHD-Auswertung (mit HDR/Dolby Vision) spendiert. Der Hauptfilm liegt dabei wahlweise auf UHD und Blu-ray vor, jeweils im Original 4:3-Bildformat und unter Beibehaltung seiner natürlichen Körnung. Optional bietet Turbine auf separater Blu-ray eine 16:9-Fassung des Films, die Puristen wenig interessieren dürfte, aber durchaus eine nette Beigabe darstellt.

Die Soundtrack-CD mit dem Original-Score von Robert McNaughton, Ken Hale und Steven A. Jones ist in dieser neuen Edition nicht mehr dabei, dafür wurde das audiovisuelle Bonusmaterial verbessert und erweitert. Zu den bereits eindrucksvollen Specials der Bildstörung-Edition, die hier allesamt übernommen wurden, gesellen sich nun zudem u. a. drei ausführliche Featurettes über die Zensurgeschichte von HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER (insg. 60 Minuten), allesamt in HD. Die Original-Storyboards (vormals 5 Min.) werden hier nun als erweiterter Storyboard-Film-Vergleich (17 Min.) präsentiert. Ebenfalls neu hierzulande sind das Interview mit dem Regisseur aus dem Jahr 2016 sowie das mit Künstler Joe Coleman (9 Min.), der 1989 ein Promo-Poster zu HENRY entwarf (vgl. hier). Anstelle des analytischen Booklet-Essays von Medienwissenschaftler Dr. Stefan Höltgen aus der Bildstörung-Edition tritt nun ein ausführlicher Text von Tobias Hohmann über die Hintergründe, die Entstehungs- und Zensurgeschichte von HENRY. Die haptische Verarbeitung des Mediabooks, das in zwei stilsicheren Covern erhältlich ist, ist dabei makellos.

© Turbine Medien

Hier noch einmal alle Extras im Überblick:

UHD

4K-Restauration vom originalen 16mm-Kameranegativ – Audiokommentar von Autor/Regisseur John McNaugthon* – Portrait – The Making of Henry* (ca. 52 Min.) – Entfernte Szenen mit Audiokommentar* (ca. 21 Min.) – Featurettes Zur Verteidigung von Henry* (HD, ca. 21 Min.), Henry vs. MPAA* (HD, ca. 11 Min.), Henry und die BBFC* (HD, ca. 27 Min.) – Interviews: John McNaugthon von 2016* (HD, ca. 28 Min.), John McNaugthon von 1998* (ca. 31 Min.), Künstler Joe Coleman* (HD, ca. 9 Min.) – Storyboard/Film-Vergleich zu sechs Szenen (HD, ca. 17 Min.) – Kinotrailer (USA & Deutschland) + Jubiläumstrailer – Buchteil von Tobias Hohmann über die Hintergründe, die Entstehungs- und Zensurgeschichte

* mit optionalen deutschen Untertiteln

Blu-ray

4K-Restauration vom originalen 16mm-Kameranegativ – Audiokommentar von Autor/Regisseur John McNaugthon* – Portrait – The Making of Henry* (ca. 52 Min.) – Entfernte Szenen mit Audiokommentar* (ca. 21 Min.) – Featurettes Zur Verteidigung von Henry* (HD, ca. 21 Min.), Henry vs. MPAA* (HD, ca. 11 Min.), Henry und die BBFC* (HD, ca. 27 Min.) – Interviews: John McNaugthon von 2016* (HD, ca. 28 Min.), John McNaugthon von 1998* (ca. 31 Min.), Künstler Joe Coleman* (HD, ca. 9 Min.) – Storyboard/Film-Vergleich zu sechs Szenen (HD, ca. 17 Min.) – Kinotrailer (USA & Deutschland) + Jubiläumstrailer – Buchteil von Tobias Hohmann über die Hintergründe, die Entstehungs- und Zensurgeschichte

* mit optionalen deutschen Untertiteln

Widescreen Blu-ray

Exklusive 16:9-Fassung basierend auf der 4K-Restauration – Audiokommentar von Autor/Regisseur John McNaugthon*

* in englischer Sprache mit optionalen deutschen Untertiteln

Anzahl Discs: 3

Fazit

Besitzer der Bildstörung-Edition von HENRY werden sich eine Neuanschaffung sicher überlegen. Für alle, die den Film bislang noch nicht in ihrer Sammlung haben, heißt es nun dank Turbine: zugreifen ohne wenn und aber. Das deutsche Vorzeigelabel hat John McNaughtons beklemmendem Klassiker eine sehr wertige Neuauflage spendiert und dabei Film und Extras ins HDplus-Zeitalter geholt. Mit klarer Empfehlung für die originale 4:3-Bildfassung erstrahlt HENRY nun in neuer Pracht für das Heimkino, ohne dabei seine körnige Rohheit zu verlieren. Michael Rooker als Henry ist eine filmische Urgewalt, eine der besten Serienmörder-Darstellungen der Filmgeschichte. Es ist einmal mehr an der Zeit, HENRY neu und wiederzuentdecken, einen Film, den man nicht mehr vergisst.

© Stefan Jung

Titel, Cast und CrewHenry: Portrait of a Serial Killer (1986)
Poster
Releaseseit dem 17.06.2022 im Mediabook (Ultra HD Blu-ray & Blu-ray & Widescreen-Blu-ray ) erhältlich.


Exklusives Mediabookcover direkt bei Turbine Medien bestellen >>>
RegisseurJohn McNaughton
Trailer
BesetzungMichael Rooker (Henry)
Tracy Arnold (Becky)
Tom Towles (Otis)
DrehbuchRichard Fire
John McNaughton
FilmmusikKen Hale
Steven A. Jones
Robert McNaughton
KameraCharlie Lieberman
SchnittElena Maganini
Filmlänge82 Minuten
FSKab 18 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.