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Hellraiser II – Hellbound (1988) | Filmkritik

„Die Hölle des Leviathan”

Aufgrund des enormen Erfolgs von HELLRAISER – DAS TOR ZUR HÖLLE (Hellraiser, 1987) entstand zeitnah eine Fortsetzung unter der Regie von Tony Randel. Das Drehbuch verfasste Peter Atkins gemeinsam mit Clive Barker, dem Autor und Regisseur des ersten Teils. Die Handlung von HELLRAISER II – HELLBOUND (Hellbound: Hellraiser II, 1988) knüpft direkt hieran an. Stellte HELLRAISER noch das mörderische Paar Frank und Julia ins Zentrum, wird hier den Cenobites und deren Welt mehr Raum gegeben.

© Turbine Medien

Handlung

Kirsty (Ashley Laurence) glaubt, dass ihr ermordeter Vater im Jenseits von Dämonen gequält wird. Nach den Ereignissen des ersten Teils, welche teilweise in Rückblenden gezeigt werden, wurde sie in der psychiatrischen Anstalt von Dr. Channard (Kenneth Granham) untergebracht, der dubiose Studien zum menschlichen Unterbewusstsein durchführt. In Wahrheit erhält Kirsty die Hilferufe von ihrem Onkel Frank. Einer von Channards Patienten (Oliver Smith, der auch Frank darstellt) glaubt, dass Insekten unter seiner Haut leben und fügt sich daher schwere Schnittverletzungen zu. Channard benutzt Browning, damit durch dessen Blut Julia (Clare Higgens) aus der Welt der Cenobites zurückkehren kann. Channard nimmt die zunächst hautlose und in Bandagen gehüllte Frau, mit der ihn auch immer mehr eine sexuelle Obsession verbindet, in seinem Privathaus auf. Tiffany (Imogen Boorman), eine aufgrund traumatischer Erfahrungen stumme Frau, öffnet die LeMarchand-Box. Um nach Kirstys Vater zu suchen, betreten Kirsty und Tiffany eine labyrinthartige Unterwelt, die starke Ähnlichkeit mit Channards röhrenartigem Sanatorium aufweist, indem dieser sadistische Experimente durchführt.

© Turbine Medien

Interpretation

Das Leviathan-Labyrinth erinnert an Hieronymus Boschs Höllengemälde, an die mittelalterlichen Darstellungen von folternden Teufeln und an die seltsamen Kunstwerke M. C. Eschers, die bereits SUSPIRIA (1977) von Dario Argento beeinflussten. Das Escher-Bild Tag und Nacht ist auch mehrfach im Film zu sehen, wobei die surreale Unterwelt als Kontrast zu Channards dunkler Anstalt deutlich heller wirkt.

© Turbine Medien

Julia nennt den „Herrn des Labyrinths“ Leviathan – den „Gott des Fleisches und der Begierden“. Unter dem Eindruck des Englischen Bürgerkriegs entwarf der Philosoph Thomas Hobbes 1651 sein Konzept des Leviathan, des „sterblichen Gottes“: die Souveränität des Einzelnen wird auf dem Staat „zum Zweck eines friedlichen Zusammenlebens und zum Schutz vor anderen Menschen“ übertragen. Der ordnenden Funktion des Leviathan ist das chaotische Prinzip des Behemoth entgegengesetzt: „solange die Menschen miteinander leben ohne eine oberste Gewalt, die in der Lage ist, die Ordnung zu bewahren (…) ist ein Krieg, den jeder Einzelne gegen jeden führt“. Das Leben darin beschreibt Hobbes als „einsam, arm, kümmerlich, roh und kurz“. Beide Figuren entlehnte Hobbes dem Buch Hiob aus dem Alten Testament, wo sie als mächtige Ungeheuer beschrieben werden. Paradoxerweise fällt des Prinzip der strafenden Instanz den von Leviathan geschaffenen Cenobites zu: Channard wird in Leviathans Hölle gequält, gemartert und selbst zu einem Cenobite gemacht.

© Turbine Medien

Das berühmte Titelbild auf der Erstausgabe von Hobbes Leviathan zeigt dessen Körper aus zahlreichen sich ähnelnden Individuen – die ihre Freiheit auf den Souverän abgegeben haben – zusammengesetzt. Hobbes spricht daher auch vom „künstlichen Menschen“. In seiner frühen Erzählung IM BERGLAND – AGONIE DER STÄDTE schildert Clive Barker den erbarmungslosen Mechanismus eines Dorfkollektivs, deren Bewohner sich aneinander gekettet haben und als Riese „in ein Bewusstsein gezwängt, einen Gedanken und ein Ziel“ gegen eine andere Stadt – die ebenso aufgestellt ist – Krieg führen. Hier knüpft Barker an Adornos Kritik des konformistischen, sich Autoritäten fügenden Individuums an: „Menschen, die blind in Kollektive sich einordnen, machen sich selber schon zu etwas wie Material, löschen sich als selbstbestimmte Wesen aus. Dazu passt die Bereitschaft, andere als amorphe Masse zu behandeln“.[1]

© Turbine Medien

Im Hobbesschen Sinn ist die in HELLRAISER II – HELLBOUND gezeigte Gesellschaft, eine von „Ungeheuern“ beherrschte: so sind die Insassen von Channards Sanatorium dessen Grausamkeit und Willkür hilflos ausgesetzt. Damit steht der Film auch in der Tradition psychiatriekritischer Filme wie PLÖTZLICH IM LETZTEN SOMMER (SUDDENLY, LAST SUMMER, 1959) von Joseph L. Mankiewicz, indem eine Frau auf Initiative ihrer Tante, die die Hintergründe zum gewaltsamen Tod ihres Sohnes verschleiern möchte, in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht wird, wo durch einen neurochirurgischen Eingriff ihre Persönlichkeit und ihr Gedächtnis zerstört werden sollen. Eine solche Operation führt Channard auch an einer Patientin durch und kommentiert, im Namen von Wissenschaft und Fortschritt zu agieren, da die Geheimnisse des Gehirns noch nicht enträtselt seien: „Aber wir als Erforscher des menschlichen Geistes müssen unsere Kraft dafür einsetzen, weiterzugehen.“ Kirsty und Tiffany sind die „Normalen“, die „geistig Gesunden“, die sich sowohl gegen Behemoth als auch Leviathan auflehnen.[2]

© Turbine Medien

Wie sein Vorgänger ist auch HELLRAISER II – HELLBOUND ein ernsthafter Horrorfilm, der sich gerade hierdurch von dem grimmigen Humor hervorhebt, der für das Genre in den 1980er Jahren charakteristisch ist (etwa in TANZ DER TEUFEL, 1981). Die drastischen Splatter-Momente wirken unangenehm, sie verdeutlichen, so lautet die humanistische Botschaft des Films, dass jedes dem Menschen zugefügte Leid grausam und sinnlos ist.

© Stefan Preis

Verwendete Literatur

  • Adorno, Theodor W. (1970): Erziehung zur Mündigkeit, Vorträge und Gespräche mit Hellmuth Becker 1959 – 1969. Frankfurt am Main.
  • Barker, Clive (1984): Das erste Buch des Blutes. Rheda-Wiedenbruck.
  • Hobbes, Thomas (1984): Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen und kirchlichen Staates. Frankfurt am Main. 6. Auflage.
  • Scheit, Gerhard (2011): Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno. Freiburg im Breisgau.

Quellen:

  • [1] Der sadomasochistische oder autoritäre Charakter zeichnet sich aus durch eine starre Bindung an ein vorgegebenes Wertesystem sowie übersteigerte und überangepasste Konformität. Erich Fromm bezeichnet in der Forschung zu den Ursachen des Nationalsozialismus ein solches Individuum als einen „Radfahrer“, der „nach oben buckelt, nach unten tritt“.
  • [2] Auch spätere Barker-Verfilmungen – CABAL – DIE BRUT DER NACHT (Nightbreed, 1990) und CANDYMAN (1992, Regie: Bernard Rose) üben deutliche Kritik an der Institution Psychiatrie.
Titel, Cast und CrewHellraiser II - Hellbound (1988)
OT: Hellbound: Hellraiser II
Poster
Releaseseit dem 29.04.2022 die ersten drei Teile in einer Blu-ray- oder DVD-Box

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RegisseurTony Randel
Trailer

Englisch
BesetzungClare Higgins (Julia)
Ashley Laurence (Kirsty)
Kenneth Cranham (Channard)
Imogen Boorman (Tiffany)
Sean Chapman (Frank)
William Hope (Kyle)
Doug Bradley (Pinhead)
Barbie Wilde (Female Cenobite)
Simon Bamford (Butterball)
Nicholas Vince (Chatterer)
Oliver Smith (Browning)
DrehbuchPeter Atkins
FilmmusikChristopher Young
KameraRobin Vidgeon
SchnittRichard Marden
Tony Randel
Filmlänge97 Minuten
FSKab 18 Jahren

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