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Hellraiser – Das Tor zur Hölle (1987) | Filmkritik

Kriminologische Theorie bei Clive Barker“

In den Jahren 1984 und 1985 veröffentlichte der Dramatiker Clive Barker sechs Bände der BÜCHER DES BLUTES (Books of Blood), eine Sammlung von anspruchsvollen Erzählungen mit Beschreibungen von drastischen Gewalt- und Sexdarstellungen. Außerdem verfasste Barker das Drehbuch zu UNDERWORLD (Underworld, 1985) von George Pavlou, der später auch RAWHEAD REX (Rawhead Rex, 1986) realisierte, nach der gleichnamigen Vorlage aus dem „dritten Buch des Blutes“. Da Barker mit diesen Adaptionen nicht zufrieden war, verfilmte er seinen Kurzroman DAS TOR ZUR HÖLLE (The Hellbound Heart) selbst. Erste Erfahrungen als Regisseur hatte er bereits in den 1970er Jahren mit den Produktionen SALOME und FORBIDDEN gesammelt.

© Turbine Medien

Handlung

Frank Cotton (Sean Chapman) erwirbt die geheimnisvolle LeMarchand-Puzzle-Box auf einem Basar. Der Händler sagt den seltsamen Satz, „eigentlich hat Sie Ihnen immer schon gehört“. Als Cotton auf den Anwesen seiner Eltern in England die Box öffnet, wird er beim Hinübergleiten in ein gespenstisches Jenseits von unheimlichen Wesen, den Cenobites, in Stücke gerissen. Unbestimmte Zeit danach beziehen Larry Cotton (Andrew Robinson) – Franks älterer Bruder – und seine zweite Frau Julia (Clare Higgins) das Haus. Oben auf den Speicher entdeckt Julia diverse Bilder von Frank, mit dem sie einst eine heftige Affäre hatte, die vielleicht aufregendste sexuelle Erfahrung ihres Lebens. Erinnerungen werden in ihr geweckt, als Frank im strömenden Regen – es war kurz vor ihrer Hochzeit mit Larry – plötzlich vor der Tür stand. Ihre Gedanken werden gestört durch Larry, der sich während der Umzugsarbeiten an einem Nagel verletzt hat und blutüberströmt vor ihr auf dem Speicher steht. Riesige Tropfen fallen auf die Bretter und werden dort sofort eingesogen. Frank steigt wenige Momente danach wie ein riesiges rotes Insekt aus dem Boden. Julia entdeckt ihn während der Einweihungsfeier. Sie verspricht ihm zu helfen. In der Nacht hat Kirsty (Ashley Laurence), Larrys Tochter aus erster Ehe, einen entsetzlichen Traum, in dem ihr Vater als Leichnam erscheint.

© Turbine Medien

Zwischenzeitlich lockt Julia ihr unbekannte Männer, die sich sexuelle Abenteuer erhoffen, auf den Speicher. Diese werden dort mit einem riesigen Hammer erschlagen, da Frank vampirhaft deren Blut benötigt, um sich zu regenerieren. Frank erzählt Julia, dass sich mit Hilfe der Lemarchand-Box „die Pforten des Himmels und der Hölle“ öffnen können, die Cenobites  (Grace Kirby, die Cousine von Clive Barker, ist als Female Cenobite zu sehen) schenkten ihm „Erfahrungen jenseits aller Grenzen“.

© Turbine Medien

Interpretation

Die sexuell konnotierte Zerstörung von Franks Körper erinnert an den Mythos des griechischen Gottes Dionysos und das Grundgerüst der Geschichte scheint der Tennessee-Williams-Verfilmung PLÖTZLICH IM LETZTEN SOMMER (Suddenly, Last Summer, 1959) entlehnt zu sein: ein homosexueller Intellektueller benutzt seine attraktive Cousine, um wohnsitzlose Jugendliche anzulocken, die ihn schließlich töten und verspeisen. Die Motive der unerfüllten Ehe und des Gattenmordes – Frank drängt Julia auch dazu, Larry zu töten – scheint Barker dem Roman THÉRÈSE RAQUIN (1867) von Émile Zola entnommen zu haben: Laurent stößt Camille, den Ehemann seiner Geliebten, in die Seine, wo dieser hilflos ertrinkt. Das Paar täuscht einen Unfall vor, wird aber fortan von Visionen gequält, in denen Camille als aufgedunsener Leichnam erscheint. Zola beschrieb seine Romanfiguren entsprechend der damaligen kriminologischen Forschung, als von ihren Leidenschaften beherrschte „menschliche Bestien“ ohne freien Willen.[1] So fungieren auch Frank und Julia in HELLRAISER: eine sexuell frustrierte Ehefrau ist bereit, mehrere grausame Morde zu begehen, um wieder mit ihrem Liebhaber vereint zu sein. In der kalt und steril wirkenden Welt, die HELLRAISER zeigt – eines der Opfer spricht davon „schrecklich einsam“ zu sein, was Julia sofort bestätigt – erscheinen die in Leder gekleideten mit sämtlichen Attributen des Sadomasochismus ausgestatteten Cenobites unwirklich, als wären sie selbst nur Gedanken aus sexuellen Phantasien. Der Lead Cenobite (Doug Bradley) erklärt Kirsty, sie wären „Forschungsreisende in die weiten Regionen der menschlichen Erfahrungen“. Für manche seien sie Engel, für andere Dämonen. Gegenüber dem Grenzen überschreitenden, eindeutig als Antagonisten der Handlung fungierenden Frank, erscheinen sie sogar als strafende, „moralische Instanz“.[2]

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Ähnlich ambivalent bis positiv besetzt, stellt Clive Barker in seiner nächsten Roman-Verfilmung CABAL – DIE BRUT DER NACHT (Nightbreed, 1990) die von Monstern bewohnte, unter einem verfallenen Friedhof gelegene Stadt Midian dar, die der Psychiater und mehrfache Mörder Philip Decker (David Cronenberg) zerstören möchte. CANDYMANS FLUCH (Candyman, 1992, Regie: Bernard Rose) nach einer Erzählung von Clive Barker, orientiert sich deutlich an dem Fall des Serienmörders Dean Corll, der in den frühen 1970er Jahren mehrere Jungen missbrauchte und tötete sowie an dem Mord an Ruthie Mae McCoy in Chicago im April 1987. Die Täter drangen durch das Badezimmer ein und erschossen die Frau, die zuvor vergeblich den Notruf gewählt hatte. Auch HELLRAISER nimmt Bezug auf einen realen Kriminalfall: Dennis Nilsen lockte zwischen 1978 und 1983 mehrere junge Männer in seine Wohnung, tötete sie und bahrte die Leichname bei sich auf, so als wären sie noch am Leben und seine Liebhaber.[3]

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Zwischenzeitlich gibt es neun Fortsetzungen von HELLRAISER, in denen unterschiedliche Erklärungen über die Herkunft der LeMarchand-Box (diese wird während des französischen Ancien Regimes von einem Spielzeugmacher angefertigt), sowie die Welt der Cenobites und deren Charaktere gezeigt werden. Spätestens ab HELLRAISER III – HÖLLE AUF ERDEN (Hellraiser 3: Hell on Earth, 1992) wird der mit Nadeln durchstochene Lead Cenobite – in Fankreisen Pinhead genannt – zur dämonischen Figur, die in einer Diskothek ein Massaker anrichtet und sich in einem bizarren Ritual in einer Kirche zum Gegen-Messias stilisiert. Doug Bradley, der bereits in Barkers frühen Kurzfilmen mitwirkte, trat letztmals in HELLRAISER: HELLWORLD (2005) in dieser Rolle auf, da er die Fortsetzungen hinsichtlich ihrer filmischen Qualität bemängelte. Tatsächlich ist das Original ein Klassiker des Horror-Genres und bis heute unübertroffen.

© Stefan Preis

Dieser Text ist eine gekürzte und hinsichtlich der Interpretation teils erweiterte Fassung des Aufsatzes Hellraiser. Jenseits der Grenzen des Todes (PDF).

  • [1] Zola, Èmile (2008): Thérèse Raquin. Roman. Aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Wolfgang Tschöke. München. Der Regisseur Park Chan-Wook verlegte die Handlung mit seinem Vampir-Drama DURST (Bakjwi, 2009) in das Südkorea der Gegenwart (Nicodemus, Katja: Vampirfilm „Durst“. Schlachtfeld der Liebe, DIE ZEIT, 15.10.2009 Nr. 43).
  • [2] Stiglegger, Marcus (2004): Hellraiser. In: Vossen, Ursula (Hrsg.) Filmgenres. Horrorfilm. Stuttgart.
  • [3] Masters, Brian (1985): Killing for Company: The Story of a Man Addicted to Murder.
Titel, Cast und CrewHellraiser (1987)
Poster
Releaseseit dem 29.04.2022 die ersten drei Teile in einer Blu-ray- oder DVD-Box

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RegisseurClive Barker
Trailer
BesetzungAndrew Robinson (Larry)
Clare Higgins (Julia)
Ashley Laurence (Kirsty)
Sean Chapman (Frank)
Kenneth Nelson (Bill)
Doug Bradley (Lead Cenobite)
Nicholas Vince (Chattering Cenobite)
Simon Bamford ('Butterball' Cenobite)
Grace Kirby (Female Cenobite)
DrehbuchClive Barker
FilmmusikChristopher Young
KameraRobin Vidgeon
SchnittRichard Marden
Tony Randel
Filmlänge100 Minuten
FSKab 18 Jahren

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