Harriet (2019) – Filmkritik

Dass ein Mensch einen anderen Menschen besitzen kann, ist wie ein Hirngespinst aus längst vergangenen Zeiten. Und wir reden hier nicht von Besitz in Form von Abhängigkeit oder Einfluss, sondern Eigentum wie ein Stuhl, etwas Land oder Kleidung. Die Narben der Sklaverei sind auch heute noch spürbar. Rassismus ist leider in vielen Teilen der Erde noch Alltag und selbst der Menschenhandel in Form von Zwangsarbeit war für 20 Millionen Menschen im Jahr 2012 traurige Realität (Quelle ILO). Um sich der Freiheit, in der wir aufgewachsen sind und in der wir leben, immer wieder bewusst zu werden, sind Filme wie HARRIET wichtig. Aber HARRIET ist viel mehr als eine Geschichte über die Sklavenbefreiung, sondern handelt von einer starken Frau, die für die Rechte der schwarzen Bevölkerung in den USA eintrat und die als einzige Frau eine militärische Führungsrolle im Amerikanischen Bürgerkrieg inne hatte.

© Universal Pictures Germany

Handlung

1849 in den Südstaaten der USA: Araminta Ross (Cynthia Erivo) ist Sklavin auf einer Plantage. Ihr Mann ist zwar frei, kann sie aber nicht freikaufen und so führt das Ehepaar ein getrenntes Leben. Nachdem der Besitzer von Araminta, die alle Minty nennen, stirbt, flieht sie nach Pennsylvania, wo Sklaverei bereits verboten ist und Afroamerikaner für Lohn in Freiheit arbeiten können. Der Sohn des verstorbenen Besitzers, Gideon Brodess (Joe Alwyn) ist ihr aber auf den Fersen. Doch Minty kehrt freiwillig zurück in die Heimat, aber nur um noch mehr Sklaven über die Grenze und damit in die Freiheit zu führen. Die Legende um eine der außergewöhnlichsten Figuren der Sklavenbefreiung, des Sezessionskriegs und der Frauenbewegung ist geboren: Harriet Tubman.

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Schieberin und Messias

Die Figur Harriet Tubman ist in noch einer Hinsicht interessant, was aber auch in Ablehnung umschlagen kann. Nach einem Schlag auf den Kopf in ihrer Kindheit hat Harriet immer wieder Visionen, die ihr die Zukunft vorhersagen. Die Tagträume, natürlich von göttlicher Hand geführt, bringen der Sklavin erst den Mut, um sich von ihren Ketten zu lösen. Danach kann man ihre Fähigkeiten eher als ein Wegweisen betrachten. Aber auch ihr Ansehen ist durch ihre göttliche Unterstützung zu einem Idol gewachsen. Zu Filmbeginn blitzen noch regelmäßig bläuliche Prophezeiungen auf und lassen die Protagonistin im wahrsten Sinne des Wortes sogar übers Wasser gehen. Zum Glück ziehen sich die Visionen in HARRIET zum Filmende zurück und eine selbstbewusste Frau entscheidet, was für sie und ihre Leute der richtige Weg ist. So gewinnt HARRIET spätestens im letzten Drittel für alle Zuschauer, die mit Glauben nichts anfangen können, an Mehrwert.

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Schauspielerin Cynthia Erivo (WIDOWS) verkörpert die geschichtliche Ikone maßgeschneidert, von einem bäuerlichen, einfachen Mädchen hin zu einer selbstbewussten Frau. Und der Weg ist kein leichter für sie: Ihr Mann heiratet nach ihrer Flucht schnell eine andere, eine Freundin, die in Freiheit geboren wurde, wird vor ihren Augen erschlagen und nicht alle Familienmitglieder haben den Freiheitswillen wie sie im Blut. Erivo zeigt diesen Prozess ohne viele Worte, allein in ihren Augen sehen wir, was in Harriet vor sich geht. Bei dieser Schauspielhöchstleistung gibt es noch eine Zugabe in Form von Gesang, ein Erkennungsmerkmal von Harriet, die als Sklavenbefreierin den Spitznamen Moses erhält. Schauspielerin Cynthia Erivo ist auch zur Sängerin berufen und wurde neben der Oscarnominierung für die beste Hauptdarstellerin auch mit einer Nominierung für den besten Song („Stand up“) bedacht.

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Weniger hiervon, mehr davon

Regisseurin Kasi Lemmons (EVE’S BAYOU) tut gut daran, die Bühne voll und ganz ihrer Protagonistin und ihren Darstellern zu überlassen. Bei einigen Momenten liegt etwas zu viel Überschwang auf der Kameralinse wie in der Überschreitung der Grenze in die Freiheit mit einem durchfluteten Sonnenuntergang. Aber für die feinen Nuancen ihrer Schauspieler räumt Lemmons stets genug Platz im Bild frei. Harriets Visionen könnten etwas kreativer als blaugefilterte Wackelkameraaufnahmen ausfallen. Hier hätte sich die Regisseurin nicht zu schade sein dürfen, auch bei anderen Filmen Ideen zu sammeln. Es ist nicht leicht in zwei Stunden ein halbes Leben abzuhandeln, aber etwas mehr des leidvollen Weges hätte die Hauptfigur noch stärker werden lassen. Visuell kommt sie recht unbeschadet und schnell die 100 Meilen zu Fuß über die Grenze und die strapaziöse Flucht wird von ihr mehr im Dialog abgehandelt. Ohne warme Kleidung im Regen zu stehen ist zu wenig. Etwas mehr Überlebenswille in den Wäldern würde den Zuschauer stärker in diese weit entfernte Zeit hineinziehen.

© Universal Pictures Germany

Eine raffinierte Idee HARRIET auch in unsere Zeit zu transportieren ist der Vergleich von ihr als Sklavin mit einem Bauernschwein. Sklavenbesitzer Gideon bringt in diesem Vergleich zu Filmbeginn seinen ganzen Ekel ihr gegenüber zum Ausdruck. Im 21. Jahrhundert hat sich ein Umdenken im Umgang mit Tieren manifestiert und so ist dieser gewagte Kniff im Drehbuch für diejenigen äußerst lehrreich, die glauben jeden Menschen zur respektieren, aber immer noch Billigfleisch zum Leidwesen der Stalltiere in ihren Einkaufswagen legen.

© Universal Pictures Germany

Fazit

Wer die göttlichen Weisungen und den manchmal zu starken Pathos ausblendet, wird die Wandlung einer Sklavin zu einer selbstbewussten Anführerin erleben. Zum Filmende wird auf ihre Rolle als Frauenrechtlerin und Offizierin im Bürgerkrieg hingewiesen, wovon man gern noch einen zweiten und dritten Teil mit Harriet Tubman sehen möchte. Sie war wahrlich eine komplexe und starke Persönlichkeit. Ihr Gesicht ist nicht ohne Grund von Barack Obama für den neuen 20-Dollarschein rechtlich auf den Weg gebracht worden. Fragt sich nur, ob es die Änderung bis ins Jahr 2026 politisch überstehen wird.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewHarriet (2019)
Poster
RegisseurKasi Lemmons
ReleaseKinostart: 09.07.2020
ab dem 13.11.2020 auf Blu-ray und DVD

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Trailer
BesetzungCynthia Erivo (Araminta Ross / Harriet Tubman)
Janelle Monáe (Marie)
Leslie Odom Jr. (William Still)
Mitchell Hoog (Vince)
Claire Bronson (Rachel Garrett)
Henry Hunter Hall (Walter)
Joe Alwyn (Gideon Brodess)
Deborah Ayorinde (Rachel Ross)
Vanessa Bell Calloway (Rit Ross)
Tim Guinee (Thomas Garrett)
Clarke Peters (Ben Ross)
DrehbuchGregory Allen Howard
Kasi Lemmons
FilmmusikTerence Blanchard
KameraJohn Toll
SchnittWyatt Smith
Filmlänge126 Minuten
FSKab 12 Jahren

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