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Harley Davidson and The Marlboro Man (1991) – Filmkritik

„Cool bleiben ist alles“

Kein Werbefilm, aber dafür ein äußerst schräger Genrehybrid mit Kultpotential. Kultig nicht nur wegen seiner beiden Hauptdarsteller, sondern von der Lässigkeit beseelt wie Anfang der 1990er-Jahre Filme erzählt und inszeniert wurden. Im Herzen ist HARLEY DAVIDSON AND THE MARLBORO MAN ein Neo-Western über zwei einsame Outlaws, die sich nicht an die Gegenwart anpassen. Dann ist es ein waschechter Buddy-Movie mit kernigen Sprüchen und einer langjährigen Freundschaft. Die eigentliche Anomalie in diesem Genremix ist das Science-Fiction-Genre, denn die Handlung spielt in der Zukunft, dem Jahr 1996. Eine Art nostalgische Nah-Zukunft ist zu sehen, mit schmalen Maschinengewehren, kugelsicheren Mänteln, kristallblauen Superdrogen und einen schnittigen Hubschrauber wie aus der TV-Serie AIRWOLF (1984-1986). Der Film vom australischen Regisseur Simon Wincer ist in Vergessenheit geraten, aber vor allem für Retro- Action-Fans, die die letzten Jahrzehnte noch nicht restlos abgeklappert haben, ein famoses Wiedersehen mit bekannten Gesichtern und jeder Menge Coolness des Unterhaltungskinos.

© Capelight Pictures

Handlung

Gentrifizierung in Los Angeles im Jahre 1996: Die Mieten steigen im Stadtteil Burbank und knallharte Bänker wie auch Immobilienfirmen drücken die letzten kleinen Geschäfte aus der Gegend, damit mehr seelenlose Bürokomplexe entstehen können. In dieser Welt gibt es für Harley Davidson (Mickey Rourke) und Marlboro Man (Don Johnson) nur noch einen Zufluchtsort, den sie ihr Zuhause nennen: Die Kneipe Rock & Roll. Doch der heimischen Bar am Rande der Legalität geht es an den Kragen. Der Pachtvertrag läuft aus und für weitere Jahre müssen ein paar Millionen Dollar gezahlt werden, Mieterhöhung im Speedkapitalismus. Harley und Marlboro beschließen finanziell auszuhelfen, das heißt in ihrem Fall übersetzt: Banküberfall. Mit ein paar Freunden wie Jack Daniels (Big John Studd), Jimmy Jiles (Giancarlo Esposito) und einem stummen Native American (Branscombe Richmond) rauben sie einen Panzerwagen aus. In den Säcken sind jedoch keine Geldbündel, sondern seltsame blaue, durchsichtige Ziegelsteine. Es ist die neue Designdroge „Kristalltraum“, welche im flüssigen Zustand auf die Pupillen getropft wird und direkt süchtig macht. Zeit einen Deal mit dem Besitzer zu machen, Geld gegen Drogen. Aber der Drogenboss Chance Wilder (Tom Sizemore) ist mit seinem Killertrupp, angeführt von Alexander (Daniel Baldwin), ein nachtragender Geschäftsmann.

© Capelight Pictures

Cowboys der Zukunft

Ich selbst wurde direkt in meine Kindheit gebeamt, wenn ich vor dem Fernseher im Spätprogramm auf einen unbekannten Actionfilm gestoßen bin. HARLEY DAVIDSON AND THE MARLBORO MAN sieht man sein Alter an, das Zukunftsszenario wird kaum thematisiert und alles wirkt wie: das habe ich schon einmal gesehen. Aber dennoch, das Motto des Films passt, es ist cool. Früher hätte ich den Film direkt einen Tag später wieder vergessen, aber heute, wenn man schon einige Kerben im Filmtagebuch hat, ist dieses Erlebnis schräg und faszinierend zugleich. Ein Unfall, in dem vieles Ungewöhnliches, Geschichtliches und wunderbar Naives entdeckt werden kann. Auch wenn in der deutschen Synchronisation das Wort „Schwuchtel“ mindestens zweimal als Schimpfwort benutzt wird – heute zu Recht ein absolutes No-Go – erweckt der Eindruck eine sehr „harmonische Männerbeziehung“ zu sehen. Frauen sind in der Handlung nur schickes Beiwerk wie die passende Sonnenbrille. Über ihre wahren Gefühle reden Marlboro und Harley ausschließlich vertraut unter vier Augen. Beide haben auch je ein Laster abgelegt. Harley trinkt nicht mehr und Marlboro raucht nicht – die unangezündete Kippe steckt ihm dennoch stets im Mundwinkel. Und hier werden die beiden Charaktere trotz Testosteron-Oneliner und fehlender Trauer über den Tod ihrer Freunde zu Männern der Zukunft.

© Capelight Pictures

HARLEY DAVIDSON AND THE MARLBORO MAN versucht uns natürlich permanent vor Augen zu halten, dass die Cowboys auf ihren stählernen Feuerstühlen in die Vergangenheit gehören, aber sie leben in gewisser Weise auch das 21. Jahrhundert vor. Sie sprechen offen miteinander über ihre emotionalen Narben aus der Vergangenheit, haben sich legalen Rauschmitteln entzogen, behandeln alle Frauen im Film auf Augenhöhe und kämpfen für die Unterschicht. Vom selbstbewussten äußerlichen Stil ganz zu Schweigen. Rourke kommt aus den engen Lederhosen nie raus und Johnson trägt seinen Hut charmant würdevoll. Die Fähigkeiten beider schlittern zwischen Übermenschlich und Totalschaden. Harley ist der Motorradexperte, der einen Nahkampf gegen Riesen überlebt, jedoch im Schießen eine totale Null ist. Marlboro schießt wie ein Lucky Luck, fährt Motorrad wie der Wind, hat aber ein permanentes Alkoholproblem. Die hier vorgenommene Analyse kann man jedoch hervorragend ausblenden und die geradlinige Unterhaltung genießen.

© Capelight Pictures

Die Welt

Spannend ist, wie sich Anfang der 1990er Jahre die nahe Zukunft vorgestellt wurde. Der Oberschurke nutzt seinen Job in einem japanischen Großkonzern als Tarnung – Japan galt damals als großer wirtschaftlicher Konkurrent der USA, vor allem auf dem Techniksektor. Die Sonnenbrille in Rourkes Gesicht stellt vielleicht auch eine stylische Fashion-Vision dar, es erinnert an eine Mischung aus LÈON (1994) und Batou aus GHOST IN THE SHELL (1995). Der Killertrupp mit den SS-Mänteln erinnert an Androiden ganz im Stile von TERMINATOR oder ROBOCOP. Deren Waffen (Steyr AUG A1) sind immer wieder prominent in Actionfilmen Ende der 80er und Anfang der 90er zu finden (RUNNING MAN, PREDATOR, STIRB LANGSAM, ROBOCOP). Marlboros Affäre mit der Polizistin Virgina Slim (Chelsea Field) bringt Einblick in das Wohnen der Zukunft (viel Mauerwerk und helle Innenräume) und zeigt die neusten Police Motorcycles (zu viel Plastik). Dennoch bleibt diese Zukunft recht hohl. Die Wirkung der Droge wird nie gezeigt und Statisten sind spärlich gesät. Eine einsame Welt, vielleicht auch so gewollt. HARLEY DAVIDSON AND THE MARLBORO MAN bewegt sich lieber in Orten ohne Kultur und denen des Vergessens, wie der Flugzeugfriedhof zum Ende des Films. Das Budget mit 23 Mio. Dollar kann man als Preisklasse im Mittelfeld der damaligen Produktionen bezeichnen, wobei sicherlich mindestens die Hälfte für die Gagen der Schauspieler draufging. Rourke betonte in Interviews immer wieder, die Rolle des Geldeswegen angenommen zu haben.

© Capelight Pictures

Heimkino

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Blu-ray-Premiere in HD! Capelight Pictures veröffentlichte den Film zum ersten Mal in High Definition mit sauberer Synchro. HARLEY DAVIDSON AND THE MARLBORO MAN liegt auf DVD und Blu-ray bei, die Extras sind nicht der Rede wert (Trailer) und ein 24-seitiges Booklet mit Informationen zu Darstellern und Regisseur runden das Mediabook ab. Nicht der große Wurf in Bezug auf Sammlereditionen wie schon zuletzt die Edition von WILDE ORCHIDEE (1989), aber wir wollen uns nicht beschweren, Bild und Ton sind sauber restauriert und verströmen die Nostalgie der 1990er-Jahre.

Fazit

Ein gescheiterter Vollblut-Vertreter seiner Zeit. Nach dem Flop an der Kinokasse erarbeitete sich HARLEY DAVIDSON AND THE MARLBORO MAN seinen Liebhaberstatus in den Videotheken bei manchem Motorrad- und 1990er-Jahre-Actionfilmfan. Nicht nur sehenswert, wegen der „Zukunftsvision“, sondern auch mit ein paar Freunden an einem lockeren Filmabend, wo Unterhaltung vor Bewusstseinserweiterung steht. Lieber cool gescheitert, als uncool erfolgreich.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewHarley Davidson and the Marlboro Man (1991)
Poster
Releaseseit dem 29.04.2022 im Mediabook (Blu-ray & DVD) und auf DVD erhältlich.

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RegisseurSimon Wincer
Trailer
BesetzungMickey Rourke (Harley Davidson)
Don Johnson (Robert Lee 'Marlboro Man' Edison)
Chelsea Field (Virginia Slim)
Daniel Baldwin (Alexander)
Tom Sizemore (Chance Wilder)
Giancarlo Esposito (Jimmy Jiles)
Vanessa Williams (Lulu Daniels)
Robert Ginty (Thom)
Tia Carrere (Kimiko)
Julius Harris (Old Man)
Eloy Casados (Jose Cuervo)
DrehbuchDon Michael Paul
KameraDavid Eggby
MusikBasil Poledouris
SchnittCorky Ehlers
Filmlänge98 Minuten
FSKab 16 Jahren

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