Ghost Stories Martin Freeman

Ghost Stories – Filmkritik

 „Glaubst du an Geister?“

Seit jeher erzählen sich die Menschen Gruselgeschichten. Ob nun nach der Jagd am Feuer sitzend, in illustrer Gesellschaft am Kamin, zur Erziehung am Bett der Enkelkinder, oder berauscht im Ferienlager – schon immer war der Mensch fasziniert vom Unbekannten und dem Tod. So kam es dann auch, dass der Schrecken von Beginn an das Medium Film begleitete: 1910 gab es bereits eine erste „Frankenstein“-Verfilmung, in den 20er Jahren folgten dann zum Beispiel noch „Nosferatu“ und „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Aber nicht nur in den Lichtspielhäusern hat der Horror Tradition. Spulen wir nun noch einige Jahre zurück und begeben uns ins Paris des 18. Jahrhunderts: Hier entsetzte und faszinierte das „Grand Guignol“ sein Publikum mit für damalige Verhältnisse arg grausigen (und vor allem blutigen) Theaterstücken.

Horror und Theater? Tatsächlich ist dies eine Assoziation, welche den Wenigsten in den Sinn kommen würde, aber in dieser Form zum Beispiel seit 2010 in England ein großes Publikum begeistern konnte. Die Rede ist von „Ghost Stories“, einem Theaterstück, welches mit viel Erfolg von Andy Nyman und Jeremy Dyson realisiert wurde und ihre gemeinsame Liebe zum Horrorfilm und klassischen Gruselgeschichten wiederspiegelt. Aufgrund der enormen Popularität ihres Stückes entschied man sich, den Stoff ebenfalls für die Kinoleinwand umzusetzen und konnte mit Martin Freeman sogar einen international erfolgreichen Star dafür gewinnen. Aber in wieweit kann dieser Wechsel auf ein anderes Medium funktionieren? Weiß „Ghost Stories“ zu gruseln und zu unterhalten, oder wird uns hier nur lauwarmer „Retro-Kaffee“ geboten?


© Concorde Filmverleih

Inhalt “Ghost Stories”

Die Geschichte dreht sich um Professor Philip Goodman (Andy Nyman), seines Zeichens großer Skeptiker, welcher es sich zur Aufgabe gemacht hat übernatürliche Phänomene als bloßen Schwindel öffentlich zu entlarven. Nachdem dieser einen ominösen Brief erhält, geht er drei unerklärlichen Fällen nach, welche seine bisherige Weltsicht allmählich zum Wanken bringen und eine düstere Wahrheit bereithalten …

Konzept

Mehr sei an dieser Stelle nicht zum Inhalt verraten, denn der Film bezieht seinen Reiz vor allem daraus, seine möglichst unvorbereiteten Zuschauer mit Wendungen überraschen zu können. „Ghost Stories“ ist ein britischer Horror-Episodenfilm und steht damit unter anderem in bester Tradition der „Amicus“ Filme der 60er und 70er Jahre wie beispielsweise „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ („Dr. Terror’s House of Horrors“ – 1965) oder auch „Geschichten aus der Gruft“ („Tales from the Crypt“ – 1972). Die genannten Filme zeichnet unter anderem aus, dass sie, anstatt ihre Kurzgeschichten nur stur aneinanderzureihen, uns eine übergreifende Rahmenhandlung bieten, in der diese Geschichten eingebettet sind. Dies erfolgte gern über eine Erzählerfigur – einem „Moderator des Schreckens“, wenn man so will – So sagt der titelgebende Dr. Schreck den Protagonisten beispielsweise ihre Zukunft voraus, während der Crypt Keeper nach deren nebulöser Vergangenheit fragt. Nachdem alle Geschichten abgearbeitet wurden, bekam man im Anschluss noch einen kleinen Twist spendiert und schon waren 90 Filmminuten recht zügig vergangen. „Ghost Stories“ funktioniert auf eine ähnliche Weise, nur wird der Rahmenhandlung hier tatsächlich wesentlich mehr Aufmerksamkeit als in den genannten Beispielen zuteil. Die eigentlichen Kurzgeschichten – über einen Nachtwächter in einer ehemaligen Nervenheilanstalt, einen Teenager bei nächtlicher Autofahrt und einen reichen Geschäftsmann, welcher im verlassenen Designer-Haus die Geburt seines Kindes erwartet – sind allesamt recht kurz und einfach gestrickt und präsentieren für sich allein stehend keine wirkliche Auflösung der Geschehnisse. Sie alle enden relativ abrupt und offenbaren sich mehr oder weniger als Metaphern zu den inneren Dämonen des Protagonisten Professor Goodmans. Dessen Geschichte, welche sich nach den entsprechenden Episoden Stück für Stück entfaltet, erweist sich hier als das eigentliche Herzstück der Erzählung und bietet doch wesentlich mehr Tiefe als man es anfangs noch vermuten mag.


© Concorde Filmverleih

Die wenigen Darsteller des Films liefern hier eine sehr solide Leistung ab. Co-Regisseur und Hauptdarsteller Nyman überzeugt in seiner Rolle des skeptischen Professors und schafft es, den Film über weite Strecken zu tragen. Sehr positiv hervorzuheben sind noch die Leistungen von Alex Lawther („The End of the F***ing World“), welcher in der zweiten Geschichte einen Teenager an der Schwelle zum Wahnsinn mimt, sowie Martin Freeman („Der Hobbit“, „Sherlock“), der mit seinem Charisma wie gewohnt alles und jeden an die Wand spielt.

In der Schwebe zwischen Klischee und Referenz

Über die gesamte Laufzeit gibt sich „Ghost Stories“ sehr atmosphärisch und weiß auch immer wieder zu überraschen. Die Liebe der beiden Regisseure zum Horrorfilm ist klar spürbar und so wird der geneigte Fan auch immer wieder einmal mit subtilen Referenzen erfreut, wie beispielsweise etwa mit einer markanten Kamerafahrt, welche direkt aus Sam Raimis „Tanz der Teufel“ („The Evil Dead“ – 1981) stammen könnte. Bei all der Zitierliebe von klassischen Genremotiven greifen Nyman und Dyson allerdings auch auf viele Klischees zurück – Vieles läuft hier nach Schema F ab und gab es in ähnlichen Formen schon in genügend anderen Filmen zu sehen. Dies mag von ihnen zwar durchaus auch so gewollt sein, dennoch enttäuscht es, dass man vor allem in den kurzen Episoden nicht etwas mehr mit den Erwartungen des Zuschauers spielt. Nichtsdestotrotz weiß der Film über seine Laufzeit zu unterhalten, sorgt doch gerade das Episodenformat für enorme Kurzweil. Zudem wird die Geschichte immer mal wieder mit skurrilem Humor gespickt, welcher aber gerade in den Manifestationen der übernatürlichen Erscheinungen manchmal Gefahr läuft ins Alberne abzudriften, da das Gezeigte hier doch teilweise schon eher einen Hauch von Geisterbahn versprüht. Dies mutet gelegentlich seltsam an, entfaltet sich hier doch nach und nach eine eher ernste Geschichte über Schuldgefühle und Selbstzweifel. Ein gutes Gespür zeigen die Macher aber beim Einsatz des Grusels: Über allem liegt ein wohliger Schleier des Unheimlichen und Licht und Kamera werden geschickt eingesetzt, sodass einem regelmäßiger das ungute Gefühl packt, dass im nächsten Augenblick gleich etwas aus den Schatten springen könnte. Leider geschieht eben dies dann häufig auch auf solch plumpe Weise mittels Jump Scares, wodurch sich dieser zuvor schon genannte „Geisterbahn-Effekt“ bemerkbar macht.


Alternative Kinoposter

Fazit

„Ghost Stories“ macht Spaß. Allerdings ist der mit Jump Scares angereicherte, jedoch recht klassisch daherkommende Kurzgeschichtenfilm keine durchgestylte Geisterbahnfahrt wie etwa Hollywoods „Insidious“-, oder die „The Conjuring“-Filme. Hier ist alles ein wenig „kleiner“ und „einfacher“ gehalten, was mit ziemlicher Sicherheit gegen die Sehgewohnheiten vieler heutiger Kinogänger prallen wird, Freunde des klassischen Grusels und von Horror Anthologien aber durchaus zu erfreuen vermag. Die anfangs noch recht simpel anmutende Geschichte offenbart in ihrem Verlauf eine doch unerwartete Tiefe, welche den Film zwar noch lange nicht zu einem modernen Klassiker emporhebt, im Sumpf des Geisterfilm-Einheitsbreis der letzten Jahre aber dennoch heraussticht und über seine gesamte Laufzeit wohligen Grusel und viel Kurzweil bietet.

Titel, Cast und Crew

Ghost Stories (2017)

Poster

Ghost Stories Kinoposter

Kinostart/
Veröffentlichung

ab 19.04.18 im Kino

Regisseur

Jeremy Dyson
Andy Nyman

Trailer

Schauspieler

Andy Nyman (Professor Goodman)
Martin Freemann (Mike Priddle)
Paul Whitehouse (Tony Matthews)
Alex Lawther (Simon Rifkind)

Drehbuch

Jeremy Dyson
Andy Nyman

Kamera

Ole Bratt Birkeland

Musik

Haim Frank Ilfman

Schnitt

Bily Sneddon

Filmlänge

98 Minuten

FSK

ab 16 Jahren
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