Full Metal Jacket (1987) – Filmkritik

„Die totale Institution“

Erving Goffman beschrieb 1961 totale Institutionen – Gefängnisse, Psychiatrie, Kasernen, Internate usw. – als Wohn- und Arbeitsstätten ähnlich gestellter Personen, die über einen längeren Zeitraum von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und deren individuelle Freiheit und Privatsphäre erheblich eingeschränkt werden. Sämtliche klar definierte Abläufe finden an einem Ort statt, es gibt straffe Hierarchien und verfolgt wird – zumindest scheinbar – ein gemeinsames Ziel. Milos Forman gelang mit EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST (ONE FLEW OVER THE CUCKOO’S NEST, 1975) ein Meisterwerk in der Darstellung einer totalen Institution am Beispiel einer psychiatrischen Anstalt. Die gleiche Bedeutung für den Bereich des Militärischen hat FULL METAL JACKET (1987) von Stanley Kubrick.

© Warner Bros. Entertainment In

Inhalt

In Parris Island – der Name verweist schon auf die Abgeschiedenheit und den Charakter der totalen Institution – werden junge Rekruten durch den Gunnery Sergeant Hartman (Ronald Lee Ermey [1]) für den Militäreinsatz in Vietnam ausgebildet – sie sollen, in seinen Worten zu „Priestern des Todes“ werden, die um Krieg betteln. Der Drill umfasst auch ständige Demütigungen – die jungen Männer werden schon zu Beginn als „amphibische Ur-Scheiße“ und später wahlweise als „Maden“ oder „Ladies“ bezeichnet, einzelnen gibt Hartman weitere entwürdigende Namen wie Pyle (nach einer Comedyfigur), Eightball und Cowboy. Hartmans Aggression richtet sich insbesondere gegen den korpulenten Leonard (Vincent Philip D’Onofrio), der bei den Übungen mit den anderen nicht mithalten kann. Eines Nachts versteckt Leonard einen Donut in seiner Feldkiste, der von Hartman gefunden wird. Hartman kündigt an, von jetzt an die ganze Gruppe zu bestrafen, da diese Verfehlungen Leonards, der „Schande“ über alle gebracht habe, nicht verhindern konnte. Später folgt eine Racheaktion gegen Leonard durch die anderen Rekruten, die ihn im Bett festhalten, beleidigen und mit in Handtüchern eingwickelten Seifestücken schlagen.

Full Metal Jacket (1987)

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Der intelligente James Davis (Matthew Modine), von Hartman Joker genannt, aus dessen Perspektive auch die Geschichte erzählt wird, beteiligt sich zunächst zögernd, später aber umso heftiger, möglicherweise aus Angst, selbst ausgegrenzt zu werden. Leonard entwickelt sich immer mehr zum Scharfschützen, während der Kennedy-Attentäter Oswald und der psychisch kranke Amokläufer Charles Whitman, die Schießen und Töten ursprünglich bei den Marines erlernt haben, von Hartman als Vorbilder für die Rekruten dargestellt werden. Am Ende der Grundausbildung erschießt Leonard zunächst Hartman – eine bittere Ironie im Kontext des vorher Gesagten – und anschließend sich selbst. Die zweite Hälfte des Films handelt in Vietnam. Joker, der mehrfach seine Vorgesetzen provoziert, wird an das Kampfgeschehen um die Königsstadt Huế versetzt. Immer mehr wird er mit den Gräueln und der Sinnlosigkeit des Krieges konfrontiert – er sieht ein Massengrab, Soldaten posieren mit Leichen, ein Kamerateam möchte einen Dokumentarfilm „Vietnam – The Movie“ drehen, die Beteiligten inszenieren sich als „Western-Helden“, mehrere ehemalige Rekruten, mit denen Joker die Ausbildung absolvierte, sterben durch Sprengfallen oder werden von einer Scharfschützin getötet. Joker wiederholt am Ende des Films Leonards Worte kurz vor dessen Tod, dass er sich in einer „Welt voll Scheiße“ befände.

Full Metal Jacket (1987)

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Vergleich THE SHINING und FULL METAL JACKET

Die Handlung von FULL METAL JACKET ist in den späten 1960er Jahren (die Tet-Offensive fand 1968 statt) angesiedelt, also kurze Zeit bevor das Geschehen in SHINING (The Shining, 1980) ansetzt. Kubrick hatte, als FULL METAL JACKET 1987 erschien, sieben Jahre keinen Film gedreht. Obwohl thematisch sehr unterschiedlich, gibt es auffällige Gemeinsamkeiten: In beiden Filmen erscheinen die jeweiligen „Gegner“ als nicht oder nur schemenhaft bzw. in Halluzinationen sichtbar: die Geister des Overlook Hotels und der Vietcong, dessen Anwesenheit sich etwa in einen zu einem Sprengsatz umfunktionierten Kinderspielzeug zeigt. Frauen und Kinder stellen für die Soldaten des Marineinfantriekorps Gefahr und Opfer zugleich dar – ein Helikopterpilot antwortet auf die entrüstete Frage, wie er auf Frauen und Kinder schießen könne, dass das ganz einfach sei – ähnlich wie Jack Torrance sich sowohl durch seine Ehefrau, aber noch mehr durch seinen Sohn und dessen Shining bedroht sieht und beide schließlich töten möchte.

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Die Figur des scheiternden Intellektuellen Torrance (Jack Nicholson, den Kubrick aufgrund seiner Darstellung in EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST für diese Rolle besetzte) spaltet sich in FULL METAL JACKET in zwei Charaktere auf: Joker, der Kriegsberichterstatter wird und am Ende tatsächlich eine fast noch minderjährige Frau tötet und Leonard, dessen Mimik und mechanische Bewegungen an das unheimlich mechanisch wirkende Auftreten von Jack Nicholson erinnert. Wie der Hausmeister Grady tötet Leonard sich mit einen Schuss in den Mund. Die Tötung Hartmans findet in einer Toilette statt, in SHINING gibt es in einen Waschraum einen Dialog über das Töten der eigenen Familie. Torrance sinniert in einen Dialog, dass er sich eine „frauenlose“ Gesellschaft vorstellen könne, bei FULL METAL JACKET ersetzen die Gewehre der Rekruten zwischenmenschliche Beziehungen: sie erhalten Frauennamen, werden liebkost und mit ins Bett genommen. Beide Filme handeln vom Eingeschlossen-Sein: im Overlook-Hotel, vor dem ein Sturm tobt, im bläulich-fahl unterlegten Schlafsaal der Rekruten, in fixe Gedanken.[2]

Full Metal Jacket (1987)

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Fazit

Kubricks vorletzter Film (Kubrick verstarb im März 1999, kurz nach der Fertigstellung von EYES WIDE SHUT) nimmt ähnlich wie APOCALYPSE NOW (1979) oder PLATOON (1986) von Oliver Stone eine kritische Perspektive auf den Vietnam-Krieg ein, stellt aber stärker die Ausbildung der Rekruten in den Vordergrund. Auch die Darstellung Vietnams unterscheidet sich von vergleichbaren Filmen: ist dort der Regenwald stärker im Fokus, sind es bei Kubrick graue Ruinen, die in einem Londoner Studio nachgebaut wurden, deren leeren Fenster auch die Emotionslosigkeit der Kämpfenden unterstreichen. Zugleich ist FULL METAL JACKET eine Anklage gegen totale Institutionen, die individuelle Freiheit einschränken, die Würde des Einzelnen verletzen, zu bedingungslosen Konformismus zwingen und es letztlich nicht vermögen, für die Sicherheit des Einzelnen zu garantieren. Die Rekruten umgibt auch eine Aura des Infantilen. Wenn Parris Island dem Modell einer Schule gleicht, dann ist Hartman auch wie ein Lehrer, der die Klasse gegen einzelne Mitschüler aufhetzt, eine angeblich gleichberechtigte Gemeinschaft schafft, die sich nur durch obszöne Sprache, Gewalt und Überanpassung aufrechterhalten kann. Schon Leonards verzweifelte Versuche, alles richtig machen zu wollen und sich unterzuordnen sowie Jokers Versuche ihm zu helfen, stellen dieses Konstrukt in Frage. Die kompromisslose Inszenierung Kubricks hinterlässt auch einen Schimmer von Hoffnung, dass eine humanere Gestaltung der Gesellschaft möglich ist.

© Stefan Preis

Weiterführende Literatur:

  • Goffman, Erving (1973): Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt am Main.
  • Preis, Stefan (2015): Zeichen der Gewalt. Die mediale Darstellung der Familie, von Geschlechterrollen und ethnischen Konflikten in „The Shining“ und „Candyman“. Texte zum kontroversen Film. Berlin.

Fußnoten:

[1]Der Darsteller war tatsächlich ein früherer Militärausbilder, der später als Berater für APOCALYPSE NOW (1979) von Francis Ford Coppola auftrat, und für eine solche Funktion ursprünglich auch in FULL METAL JACKET vorgesehen war.

[2] Das Gefängnis-Motiv spielt in mehreren Filmen Kubricks eine bedeutende Rolle, vor allem in UHRWERK ORANGE (A Clockwork Orange, 1971).

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