Fukushima (2020) – Filmkritik

„Die Bürde der Pflicht“

Eine Katastrophe, die in unserer schnelllebigen Informationswelt bereits wieder fast vergessen ist: Am 11. März 2011 kam es in Folge eines Erbebens im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi in drei von sechs Reaktoren zu Kernschmelzen, eine nukleare Katastrophe von unvorstellbarem Ausmaß. Während der radioaktive Unfall hierzulande das Stimmungsbarometer zu einem Atomenergieausstieg bewegte und heute schon wieder andere Probleme diskutiert werden, sind hohe Strahlungswerte für die japanische Bevölkerung immer noch akut. 150.000 Einwohner können nicht mehr zurück in ihre Häuser und müssen umgesiedelt werden. Die Entsorgung des strahlungsverseuchten Materials wird noch Jahrzehnte andauern, wie auch der Abbau des zerstörten Kernkraftwerks. FUKUSHIMA ist der erste japanische Spielfilm, der sich an die Thematik heranwagt. Ein schwieriges Unterfangen, nicht nur wegen der komplexen Rekonstruktion des Hergangs, sondern auch in Anbetracht der japanischen Umgangsformen: Es gibt nichts Schlimmeres als sich Schuld aufzuladen. Dies sollte man wissen, bevor man in den Film einsteigt.

© Capelight Pictures

Handlung

Ein heftiges Erbeben der Stufe 9 vor der Küste Japans reißt Straßen auseinander und lässt Häuser einstürzen. Auch im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi kommt es zum Stromausfall, die Reaktoren gehen auf Abschaltung. Jedoch kann man radioaktives Material nicht einfach abschalten. Der Strahlungsprozess läuft unaufhörlich weiter. Die Anlagen müssen gekühlt werden. Mit Hilfe von Dieselmotoren im Keller wird Kühlflüssigkeit durch die Reaktoren gepumpt. Jedoch löst das Erbeben auch eine 13 bis 15 Meter hohe Tsunamiwelle aus, die die Anlage überflutet. So auch die Dieselmotoren, die zum Stillstand kommen.

© Capelight Pictures

Masao Yoshida (Ken Watanabe) ist der Leiter des Kernkraftwerks und sein langjähriger Freund und Kollege Toshio Isaki (Koichi Sato) der Schichtleiter an diesem Tag. Nun gilt es mit allen Mitteln die Reaktoren zu kühlen, denn sonst schmelzen die Brennstäbe (Kernschmelze), die Hülle der Reaktoren wird beschädigt und Strahlung tritt aus. Außerdem wird es so heiß, dass Wasser sich in Wasserstoff und Sauerstoff teilt, was Explosionen zur Folge hat. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, jedoch ist das Verfahren für nukleare Katastrophen komplex und an viele Organisationen gebunden. Der Energiebetreiber TEPCO (Tokyo Electric Power Company) und der Premierminister Naoto Kann (Yuri Nakamura) sind nur ein paar davon.

© Capelight Pictures

Spielfilm vs. Dokumentation

Regisseur Setsurō Wakamatsu hat sich der Herausforderung angenommen, die Ereignisse als Spielfilm umzusetzen. Bei so etwas überkommt den Zuschauer meist das Bedürfnis mehr Informationen haben zu wollen, also gern auf Dokumentarfilm-Modus umzuschalten. Aber Setsurō streut Informationen in die Dialoge von Personen, die es eigentlich wissen müssten. So etwas kann die Authentizität stören, wenn der langjährige Mitarbeiter fragt, was ein „venting“ (Ablassen von radioaktiver Druckluft) ist, aber wer kennt sich als Zuschauer schon mit so etwas aus.

© Capelight Pictures

Zu Beginn sind wir alle im emsigen japanischen Katastrophenschutz. Das bedeutet: jeder bekommt Armbinden und farbliche Warnwesten entsprechend des Tätigkeitsbereichs, Konferenzräume werden besetzt und sogar ein kleines Modell der Anlage wird aufgestellt. Dann folgt ein Ereignis dem nächsten. Zu Anfang kommt noch das Gefühl auf, dass alle Beteiligten die Kontrolle haben. Jeder Handgriff sitzt und lässt sich auf viele routinierte Katastrophenübungen zurückführen. Die Mitarbeiter, welche mit Vollschutz und Sauerstoffmasken durch die kochend heiße Anlage laufen, sind nicht zu beneiden. Hinzu kommt die unsichtbare Strahlung, die mit Skalen und Erklärungen von Grenzwerten zu einer dauerhaften Bedrohung wird. So weit, so spannend.

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Das Gute an Spielfilmen ist, dass sich der Zuschauer durch die Darsteller emotional führen lassen kann. FUKUSHIMA würde es problemlos durch seine Darsteller gelingen, jedoch hat das Drehbuch kein Vertrauen in seine Figuren und erweitert die Szenerie um Hintergrundgeschichten. Die wirken leider aufgesetzt und der Vater, der die Heirat seiner Tochter nicht dulden will und nun im Angesicht des Todes doch seinen Segen per SMS gibt, gehört noch zu den besseren davon. Bei 122 Minuten Laufzeit hätte an solch Ummantelungen der Akteure drastisch die Schere angesetzt werden müssen. Das hätte FUKUSHIMA zu einem runden Ganzen werden lassen. Über die hineingepresste amerikanische Hilfe des US-Militärs hüllen wir das Tuch des Schweigens. Es wirkt eher wie eine Pflichterfüllung, bei der wir zur angesprochenen Schuld, die das japanische Volk ungern eingeht, zurückkehren. Deswegen ist dieser Dank im Drehbuch.

Masao Yoshida (Ken Watanabe) // © Capelight Pictures

Der Premierminister sorgt mit seinen cholerischen Anfällen immer wieder für Schmunzler in den ernsten Situation, sodass man eher denkt einem Yakuza-Streifen im Stile der OUTRAGE-Trilogie beizuwohnen, wenn er wieder einen von vielen Untergebenen anbrüllt. Der japanische Umgang hat diese zwischenmenschlichen Eigenarten: anschreien, entschuldigen, befehligen und wieder entschuldigen. Das liegt daran, dass es nicht gern gesehen ist, emotionale Reaktionen in der Öffentlichkeit zu zeigen und auch Befehle werden ungern erteilt, da man immer nach einem gemeinschaftlichen Konsens sucht. Aber das ist es auch, was die Katastrophe zu einer werden lässt. Die langen Diskussionen und das Kräftemessen, wer die Befugnisse hat, verzögern wichtige Entscheidungen. Es steht natürlich außer Frage, dass der jahrzehntealte Bau mit Notstromgeneratoren unter dem Meeresspiegel einfach eine dumme Idee ist.

© Capelight Pictures

Von Opfern und Märtyrern

Für bekannte Sehgewohnheiten eines Katastrophenfilms ist FUKUSHIMA sehr ruhig und seriös dargestellt. Die vielen Tage des Ausharrens der Belegschaft werden bebildert. Hier fehlt uns Zuschauern aber eine Art Countdown und Aufgaben, die es zu erfüllen gilt. Nach den ersten zwei Akten kommt das Gefühl auf, dass die Mitarbeiter nur noch dort verharren, um Buße zu tun und wegen der hohen Strahlung ihre Gesundheit riskieren. Im Prinzip auch wichtig für das Verständnis der japanischen Arbeitskultur, jedoch cineastisch schwer umsetzbar. Immer wieder wird die recht nüchterne Erzählweise durch plötzliche Gefühlsausbrüche unterbrochen. Mitarbeiter, die sich in die offene Klinge der Radioaktivität stürzen wollen und unter Tränen ihre Ehrerbietung gegenüber dem Vorgesetzten bekunden. Die emotionale Wechselspannung eines Kriegsfilms ist nicht weit entfernt. Das Ende ist bemüht noch einen Bogen zu schließen, was aber auf der Informationsebene kaum gelingt. Selbst eine Recherche in dem umfangreichen Wikipedia-Artikel ist unbefriedigend, da er seit 2015 ins Stocken geraten ist. Wer gern noch etwas mehr Weitblick in die Welt der Nuklearenergie erhalten will, dem empfehle ich die dritte Folge der erkenntnisreichen Mini-Doku-Serie DER MENSCH BILL GATES (INSIDE BILL‘S BRAIN, 2019) auf Netflix.

Toshio Isaki (Koichi Sato) // © Capelight Pictures

Fazit

Solch eine Katastrophe darf nicht vergessen werden, auch wenn es möglich ist mit Kernkraft noch das Ruder der Klimaerwärmung herumzureißen. Aber diese Art der Energiegewinnung darf nicht unterschätzt werden. Das wird in FUKUSHIMA sehr deutlich, aber leider fehlt für dieses Thema ein Blick in die Zukunft und eine Lösung hinsichtlich der Entsorgung von Material, das noch über Jahrzehnte aktiv sein wird. Aber wenn die Temperaturen auf unserer Erde weiter steigen, wird dies nicht mehr das größte Problem sein.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewFukushima (2020)
OT: Fukushima 50
Poster
RegisseurSetsurô Wakamatsu
Releaseab dem 11.03.2021 auf Blu-ray und DVD

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Trailer
BesetzungKôichi Satô (Toshio Izaki)
Ken Watanabe (Masao Yoshida)
Takumi Saitoh (Dai Takizawa)
Yasuko Tomita (Tomoko Izaki)
Shirô Sano (Prime Minister)
DrehbuchYoichi Maekawa
FilmmusikTarô Iwashiro
KameraShoji Ehara
Filmlänge122 Minuten
FSKab 12 Jahren

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