Zum Inhalt springen
Free Solo Dokumentation Review

Free Solo (2018) – Filmkritik

„Freiheit und Angst“

Wenn man mich fragen würde, welche zwei Dinge meine Persönlichkeit am meisten geprägt haben, dann sind es Filme und das Klettern. Mit 18 Jahren unter Höhenangst leidend, stellte ich mich diesem Sport. Das perfekte Zusammenspiel zwischen ganzkörperlicher Fitness und dem Einsatz von über 1.000 Bewegungs-Engrammen fesselte über viele Jahre mein Denken und mein Tun. Und dann noch zusätzlich mit Freunden den Sport zu teilen und in der Natur zu sein, macht das Klettern für mich zur besten Sportart der Welt. Nachdem ich meine Höhenangst in der Kletterhalle wegzitterte, zog es mich hinaus an die Felsen. Denn hier zeigt sich erst die komplexe Symbiose aus dem eigenen Können, dem Wetter, der Felsbeschaffenheit und der Sicherheitskomponente. Ich kam in der Mitte meiner 20er Jahre dem Begriff Kletterer doch ziemlich nahe. Nur für ein Wochenende über 1.000 km zum angesagtesten Bouldergebiet zu fahren oder im Winter an einer selbst gebauten Systemwand bei 10 Grad auf dem Dachboden zu trainieren sind nur ein paar Stufen zu dem was es bedeutet Kletterer zu sein. Der Klettersport und das Bouldern im Heute, ist für viele etwas, was sich auf eine Freizeitbeschäftigung in den Hallen der Städte beschränkt. Was in Ordnung ist, aber die Profis, die sich Ziele setzen, die noch keiner vor ihnen erreicht hat, jene wird man nicht in den klimatisierten und gastronomisch versorgten Hallen finden. Sie trainieren in ihrem eigenen Fitnessraum, reisen von einem Klettergebiet zum nächsten und leben im Zelt oder dem eigenen Van.

Free Solo Dokumentation Review

© National Geographic / Jimmy Chin

Vor ein paar Jahren machte der Name Alex Honnold in der Kletterszene die Runde. Nicht etwa durch die Ergänzung eines neuen Levels auf der Schwierigkeitsskala wie Adam Ondra, sondern durch die Begehung extrem schwerer Routen im free solo. Das bedeutet: Allein, ohne Seil und ohne Sicherung. Selbsterklärend, dass diese Art des Kletterns nicht gerade beliebt ist. Denn nur ein lockerer Stein, ein Abrutschen des Schuhs oder die Erschöpfung der Kräfte besiegeln das eigene Dasein. Der Gedanke free solo eine Route zu klettern kam mir nie in den Sinn. Die athletische Anstrengung und das Herausfinden der Bewegungs-Sequenzen definierten für mich den Sport ausreichend. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Angst ist mir nicht wichtig. Man kann free solo als Leichtsinn oder waghalsige Suche nach Adrenalin abtun, aber eigentlich ist es die perfekte und reinste Ausführung dieses Sports. Die konsequente Vorbereitung, gewissenhafte Selbsteinschätzung und Reduzierung des Risikos auf ein Minimum, das ist FREE SOLO und diese Dinge beherrscht Alex Honnold in Perfektion.

Free Solo Dokumentation Review

© National Geographic / Jimmy Chin

Die Herausforderung

Honnold hat schon einige schwere und extrem lange Klettertouren im Free-Solo-Stil geklettert, aber der El Capitan im Yosemite-Nationalpark gehört zu den beeindruckendsten Felsvorspüngen auf diesem Planeten und schüchtert selbst ihn ein. Mit 1.000 Meter Höhe und Schwierigkeiten im oberen Grad der Kletterskala, gehört eine Besteigung dieser Wand zu dem Traum und Zenit vieler Kletterer. Diejenigen, die sich dieser Herausforderung stellen, sind mehrere Tage in der Wand unterwegs und übernachten in sogenannten Portaledges (mobile Zelte, die an Senkrechten befestigt werden können). Die körperliche Leistung, das Wetter und die Logistik stellen die Seilschaften vor eine Herausforderung, die von einem Kletternachmittag weit entfernt ist. Für Honnold zählt hier jedoch nur die Schwierigkeit, denn wenn er im free solo die Wand des El Capitan klettern sollte – er entscheidet sich für die Tour „Freerider“ mit 30 Seillängen ( 5.13a bzw. 9+ bzw. 8a) – wird es sich nur um ein paar Stunden handeln. Um überhaupt erst einmal die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, ist es ein langer Weg, selbst für jemand wie Alex Honnold. Was diese Dokumentation aber um ein Vielfaches neben den Fragen um Angst und Selbsteinschätzung erweitert, ist der Einfluss des Filmteams. Welcher Kameramann möchte schon jemand filmen, der in den Tod stürzt? Auch mit dieser Frage setzt sich FREE SOLO kritisch und vielschichtig auseinander.

Free Solo Dokumentation Review

© National Geographic / Jimmy Chin

Der Wahnsinn

Jeder, unter Höhenangst leidet, wird sich schwer bis zu diesen Zeilen vorgekämpft haben oder musste bei den Bildern schon mit der ureigensten Angst vor dem Fallen kämpfen. Der Kinozuschauer, welcher noch nie geklettert ist, nicht einschätzen kann welche Schwierigkeit der El Capitan in sich birgt und was es bedeutet sein Leben an ein 10 mm breites Stück Seil zu hängen, kann FREE SOLO als eine visuell beeindruckende Reise wahrnehmen oder das Projekt als Irrsinn abtun. Aber für jemanden, der bereits mehrfach sein eigenes Leben diesem dünnen Stück Stoff zu verdanken hatte, für den wird FREE SOLO zu einem Horrortrip mit den eigenen Ängsten. Selbst in dem Bewusstsein, dass dieser Film niemals das Auge der Öffentlichkeit erlangt hätte, wenn Honnold bei seinem Projekt gestorben wäre, schwitzt man sich im Kinosaal die Seele aus dem Leib.

Free Solo Dokumentation Review

© National Geographic / Jimmy Chin

Zum Glück schafft es die Regisseurin Elizabeth Chai Vasarhelyi (MERU) den Blick von der Wand zu lösen und durch kleine Lücken im emotionalen Schild der Hauptfigur einen Blick zu werfen. Dies gelingt ihr auch mit Hilfe des Schicksals, denn Honnold hat zum ersten Mal eine feste Beziehung. Man kann sich so einem Projekt nur in dem Bewusstsein stellen, keinen anderen durch den eigenen Tod emotional zu verletzen. Aber für eine junge Liebe kann dies schon zu einer Zerreiß- und Bewährungsprobe werden. FREE SOLO zeigt dennoch das Leben von Honnold immer mit Respekt vor dessen Privatsphäre, aber aufmerksame Zuschauer werden in manchen Szenen mehr Komplexität zwischenmenschliche Beziehungen entdecken als in einer ganzen Staffel GAME OF THRONES.

Free Solo Dokumentation Review

© National Geographic / Jimmy Chin

Das Filmteam am Ende seiner Kräfte

Kameramann Jimmy Chin und die Regisseurin sind mit Alex Honnold schon viele Jahre befreundet. Nur dieses Verhältnis öffnet diesem Projekt und noch vielmehr der Person Honnold die Tür. Er ist seit Kindertagen stark introvertiert, hoch intelligent, erschreckend rational und extrem diszipliniert. Auch wenn er seine Gefühle nicht nach außen trägt, wünscht man sich mehr von seiner Sorte in wichtigen Entscheidungspositionen. Die ethische Frage überhaupt einen Film zu diesem Unterfangen, was keinerlei Fehler zulässt, zu drehen, schwebt über der ganzen Dokumentation wie ein Adler auf Beutesuche. Hier macht das Filmteam das Richtige, es tritt vor die Kamera und bezieht sich mit ein. So ein Wagnis als Profikletterer – denn das muss man sein um in einer 1000-Meter-Wand zu fotografieren, sich zu sichern und den Sportler nicht abzulenken – zu unternehmen, ist ein Vielfaches von dem, was ein normales Filmteam leistet.

Free Solo Dokumentation Review

Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi // © National Geographic / Chris Figenshau

Gedanken und Emotionen der Filmcrew finden immer wieder ihren Weg in diese Dokumentation. Wenn der Kameramann auf der sicheren Wiese die Begehung mit einem Teleobjektiv filmt und bei der Schlüsselstelle – eine Boulder-Passage im Schwierigkeitsgrad 8a – aus Angst es nicht mehr schafft durch das Objektiv zu schauen, dann wird jedem bewusst werden, welche Leistung nicht nur Honnold hierbei erbracht hat. Das Filmteam bestand aus vier Kletterern in der Wand, zwei ferngesteuerten Kameras an besagter Passage, weil keiner an der anspruchsvollsten Stelle dabei sein sollte, und das Teleobjektiv am Boden, sowie eine Kameradrohne auf dem Gipfel. Eine Free-Solo-Begehung erfordert perfekte Vorarbeit, Konzentration, das Wissen über jeden Griff auf den 1.000 Klettermetern und eben keine Ablenkung. Dass dies dem Team gelungen ist, ist eine der vielen Qualitäten, die FREE SOLO zu bieten hat.

Free Solo Dokumentation Review

© National Geographic / Jimmy Chin

Der Skeptiker

Wenn man völlig fertig nach der Kinovorstellung im Foyer seinen Gedanken nachgeht, kommen auch kritische Meinungen auf. Warum muss dieses Projekt überhaupt gefilmt werden? Auch wenn Honnold immer wieder betont, dass ihm die Aufnahme seiner Begehung wichtig ist, sicherlich auch um Geld damit zu verdienen und die Menschen anregen soll, sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen, fragt man sich warum er es nicht einfach still und heimlich gemacht hat. Der El-Capitan-Veteran Peter Croft kommt in FREE SOLO auch zu Wort. Er selbst hat schon dutzende Free-Solo-Begehungen in seiner Scorecard stehen, aber stets ohne Aufmerksamkeit zu fordern. Aber in Zeiten der medialen Skepsis, muss diese Begehung auf ein Speichermedium als Beweis gebrannt werden. Dem Skeptiker in mir gehen schnell die Argumente aus, denn alle anderen Stimmen in meinem Kopf schreien nur noch: Wahnsinn, ich waren dabei. Und auch dem Filmteam muss man bei dieser Dokumentation Höchstleistung und journalistische Aufklärungsarbeit bescheinigen, denn an die Grenzen zu gehen war immer auch das Bestreben von Fotografen wie James Nachtwey, Robert Capa und Henri Cartier-Bresson.
Belohnt wurde FREE SOLO mit dem OSCAR für den „Besten Dokumentarfilm 2019“, zurecht!

Free Solo Dokumentation Review

© National Geographic / Jimmy Chin

Das Mediabook

Free Solo Mediabook

UHD-Mediabook, DVD und Blu-ray

Wer es nicht geschafft hat FREE SOLO im Kino zu sehen, hat nun die Chance Alex Honnold in einer gelungenen Aufmachung von Capelight Pictures zu begleiten. Diese einzigartige Dokumentation ist da in den richtigen Händen und kann neben einer Einzel-DVD oder -Blu-ray auch im Mediabook käuflich erworben werden. Den kompletten Film kann man in diesem medialen Büchlein auf DVD, Blu-ray und 4K-UHD mit der entsprechenden Ausreizung der technischen Kriterien erleben. Das Original-Negativ liegt in digitalem 4K vor und zeigt FREE SOLO in granit-scharfen Bildern mit einer natürlichen Farbpalette. Der Sound hat ebenfalls keinerlei Mängel und kann zwischen DTS-HD 5.1 in Englisch oder Deutsch gehört werden. Die Empfehlung von mir ist die Originalversion. Die Filmmusik von Marco Beltrami kommt in den entscheidenden Szenen kristallklar durch die Lautsprecher. Das Mediabook verfügt über ein 24-seitiges Booklet mit Interviews und Hintergrundinformationen zu diesem nervenaufreibenden Filmprojekt. Lediglich die Extras auf den Discs fallen mit einer knappen halben Stunden etwas spärlich aus. Da im Film schon viel „Making-of“ gezeigt wird, vermisst man hier nicht viel. Das gelungene Layout auf mattem Papier und die makellose Produktion des Mediabooks zeigt, dass sich der Aufpreis für einen schmalen Taler sicherlich lohnt.

Das Mediabook

Fazit

Es ist die beeindruckendste Dokumentation der letzten Jahre entstanden, die punktgenau auf der höchsten Stufe des Klettersports und der Filmtechnik auf magische Weise zusammenfindet. FREE SOLO ist ein Befreiungsschlag in einer Welt, wo sich Menschen vor Angst kaum noch aus der eigenen Wohlfühlzone trauen. Ich rate eindringlich jedem dazu: Tut es, verlasst das sichere Zuhause und geht ins Kino, denn hier geht die Evolution einen Schritt nach vorn oder viel mehr nach oben.

Wer Gutes tun möchte, unterstützt die Honnold Foundation, die bereits mit kleinen Gesten viel bewirkt.

Ich habe mich mit Andi vom Tele-Stammtisch über FREE SOLO unterhalten. Von Kletterer zu Nicht-Kletterer, aber von Filmfan zu Filmfan. Hört selbst was in diesem Podcast dabei rausgekommen ist.

Titel, Cast und CrewFree Solo (2018)
PosterFree Solo Dokumentation Review

Kinostart
ab dem 21.03.2019 im Kino
ab dem 19.07.19 im Mediabook (4K-UHD+Blu-ray+DVD), Single-Blu-ray und DVD

Ihr wollt den Film bei Amazon kaufen?
Dann geht über unseren Treibstoff-Link:
RegisseurElizabeth Chai Vasarhelyi
Trailer
DarstellerAlex Honnold
Tommy Caldwell
Jimmy Chin
Sanni McCandless
MusikMarco Beltrami
KameraJimmy Chin
Clair Popkin
Mikey Schaefer
SchnittBob Eisenhardt
Filmlänge100 Minuten
FSKab 6 Jahren freigegeben

2 Gedanken zu „Free Solo (2018) – Filmkritik“

  1. Sarah Delorenzo

    Ich fand mich nach dem Dokumentarfilm aufgewühlter wieder als nach jedem Thriller. Die Fragen „Warum tut man den eigenen Lieben diese Angst an?“ und „Wäre mit Seil nicht auch genug Kick“ stehen dem rührenden Gedanken gegenüber, dass das gesamte Filmteam, Alex Mutter und seine Freundin den Extremkletterer nicht nur genau so lieben wie er ist, sondern mehr: Den höchste Grad an Fürsorglichkeit geben sie alle wieder, indem sie Alex bei jedem free solo Gang loslassen, einerseits wissend, dass er seinen Tod und ihren Verlust bedeuten könnte, andererseits, dass er am Boden bleibend innerlich sterben würde. Ich persönlich fand es relativ schnell offensichtlich, dass Alex unter einer Art Autismus leidet. Umso beeindruckender fand ich, dass in 100 Minuten ein einziges Mal das Wort Aspergersyndrom fiel – man hätte das mediengeil billig ausschlachten können, aber die Crew zieht es – auch in persönlichen Kommentaren – vor, sich darauf zu konzentrieren, was Alex möglich macht und nicht, wo ihn die Gesellschaft als eingeschränkt empfindet.

    1. Vielen Dank für deine Worte. Ich freue mich, dass Dich der Film auch so bewegt hat. Und vor allem der Aspekt seiner Familie, Freunde und Freundin, hast du noch einmal würdig erwähnt, was ich ausgelassen habe. Das Thema Autismus ist mir auch einmal durch den Kopf gegangen, aber ich bin mir da unsicher, ob er doch einfach nur sehr introvertiert und Kamerascheu ist. Der Vortrag zu Beginn an seiner Schule, hatte doch einen ganz anderen Typ gezeigt. Aber auch hier hast du recht: Es ist nicht von Belang.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert