Frauen in Ketten (1973) – Filmkritik und Review zum Mediabook

FRAUEN IN KETTEN wäre auch ein guter Titel für eine Amnesty-Studie über die Rechte von Frauen, aber hier führt es uns ins Exploitation-Filmgenre. Ein Genre, welches in den 1960er-, 1970er– und 1980er-Jahren florierte und seiner Übersetzung alle Ehre macht: Ausbeutung. Ausgebeutet wurden hier vor allem die Erwartungen des Zuschauers auf Sex und Gewalt. Die Befriedigung menschlicher Triebe, die sie in ihrem normalen Abendprogramm vermissten. Diese Marktlücke entdeckten clevere Produktionsfirmen, wie zum Beispiel American International und produzierten hunderte Filme für wenig Geld, aber viel fürs Auge. Vor allem die schmuddeligen kleinen Bahnhofs- und ungestörten Autokinos profitierten von diesem Spielprogramm.

© OFDb Filmworks

Ein Format, in dem berühmte Regisseure und Schauspieler ihre ersten Gehversuche machten, dem aber auch heutige Größen ihre filmgeschichtliche Bildung zu verdanken haben und ihm immer wieder Tribut zollen. Vor allem Quentin Tarantino ist nie müde dem Genre zu huldigen und dafür kräftig die Werbetrommel zu rühren. Auch wenn viele Exploitation-Filme als Trashfilme oder sinnlose B-Movies abgetan werden – bei manchen durchaus zu Recht – sollte man ein paar Schätze dieser Zeit nicht verpassen, wozu auch FRAUEN IN KETTEN gehört. Nicht nur, dass ein taffes Duo von Hauptdarstellerinnen vor der Kamera agiert, sondern der Film zitiert seine eigenen Subgenres punktuell: Frauengefängnisfilm (Women in Prison Movie), Sexploitation, Blaxploitation und ein Hauch Nunsploitation. Vor allem die Handlung ist geradezu ein Roadtrip durch die Unterkategorien, angefangen im Frauenknast.

Frauen in Ketten (1973) – Filmkritik und Review zum Mediabook
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Handlung

Eine frische Ladung Gefangene wird gerade im Frauenknast in der Nähe von Manila ausgeladen. Alles hübsche junge Damen, aber zwei fallen besonders auf: die schwarze Prostituierte Lee Daniels (Pam Grier) und die langbeinige Blonde mit ebenso langen Haaren: Guerillakämpferin Karen Brent (Margret Markov). Nach den üblichen Schikanen der sadistischen Wärterinnen sollen Lee und Karen ein paar Tage später zur weiteren Befragung in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt werden. Bei einem gescheiterten Angriff von Karens Revolutionskämpfern bei diesem Transport, gelingt den Häftlingen die Flucht, jedoch an den Handgelenken untrennbar aneinander gekettet. Lee und Karen sind wie Pech und Schwefel, jede will ihren eigenen Weg gehen. Sie müssen jedoch zusammenarbeiten, denn die halbe Insel ist bereits auf der Suche nach ihnen und es gibt ein stattliches Kopfgeld, tot oder lebendig.

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Subgenre-Mix

FRAUEN IN KETTEN, der im Original den knackigen Titel BLACK MAMA WHITE MAMA trägt, beginnt als WIP Movie, als Frauengefängnisfilm. Das wird – zum Glück – schnell im ersten Akt abgewickelt. Nach bekannten Eckpfeilern des Subgenre – sorgenfreie Duschszene, hübsche, lesbische Wärterinnen und Dope-Schmuggelware – geht es zum Gefängnisausbruch mit jeder Menge Verfolgern: Der Drogenbaron, die Polizei im Auftrag des Ministers und die Guerillakämpfer selbst. Unterwegs wird auch Verbrecher Ruben (Sid Haig) engagiert. So sorgt Pam Grier mit flotten Sprüchen für etwas Blaxploitation und die Jäger sorgen mit ordentliche knalligen Blutfontänen für genug Gewaltdarstellung für die Exploitation. Zwischendurch verkleiden sich die beiden Flüchtigen sogar als Nonnen, um dem Nunsploitation Tribut zu zollen.

Frauen in Ketten (1973) – Filmkritik und Review zum Mediabook
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Was diese schmissige Geschichte auszeichnet, ist, dass jede Nebenfigur etwas Profil bekommt. Der schmierige Ruben treibt naive Sexspielchen und hört gern Countrymusic, die böse Gefängniswächterin ist sensibler als gedacht und der Rebellenführer romantisch verliebt in seine Karen. Der Fokus auf originelle Figuren ist zum großen Teil auch dem Co-Autor Jonathan Demme (DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER, PHILADELPHIA) zu verdanken, der hier mit 28 Jahren seine ersten Berührungen mit der Filmindustrie machte. Regie führt Eddie Romero, ein philippinischer Drehbuchautor und Regisseur, der die günstigen Produktionen in seinem Heimatland nutzte und bei Dutzenden B-Movie-Produktionen Regie führte.

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Die Produktion kann ihr niedriges Budget (200.000 Dollar) nicht verstecken, aber Kameramann Justo Paulino und Regisseur Eddie Romero fangen die Szenen mit stilvollen Shots ein. Vor allem, wenn im Mittelteil die Spannung und Action etwas spärlich gesät ist, können die Aufnahmen und Schnitte qualitativ überzeugen. Wenn das Finale nur noch Munitionshülsen regnen lässt, kommt als blutige Zuckerglasur ein richtiges Badass-Ende und Pam Grier schippert in ihre Blaxploitation-Karriere mit COFFY (1973) und FOXY BROWN (1974).

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Das Mediabook

Mediabook Cover B

Jeder, der sich gern Autokinofeeling ins heimische Wohnzimmer holen möchte, kann beim Mediabook von OFDb Filmworks bedenkenlos zugreifen. Das fürs Jahrzehnt gefühlvolle Mastering auf HD lässt noch etwas Korn erscheinen und ein paar helle Flächen leicht flimmern. Da fühlt man sich wie in einer Zeitmaschine. Das Bild ist scharf, die Kontraste der Produktion entsprechend und der Ton kommt klangstark aus den Boxen. Die deutsche Synchronisation, wie auch die Originalspur sind zu empfehlen. Als Extras gibt es die von Arrow Video neu produzierten Interviews mit Hauptdarstellerin Margret Markov und Nebendarsteller Sid Haig (HAUS DER 1000 LEICHEN). Filmhistorische Bildung gibt es für Lesefaule mit dem Audiokommentar von Christoph N. Kellenbach und unserem Kollegen Stefan Jung. Wem Wikipedia zu oberflächlich ist, der kann mit dem 32-seitigen Booklet, ebenfalls von Stefan Jung, in die Historie von BLACK MAMA WHITE MAMA und dessen Genre eintauchen, Wissen über Coolness und die ARKOFF-Formel inklusive. Um es jedem Mediabook-Sammler recht zu machen, gibt es drei Covervarianten, die unterschiedlich limitiert sind (A: 444 Stück, B: 333 Stück und B: 222). Das macht genau 999 Stück, die hoffentlich alle einen Platz in den Regalen von Cineasten finden werden. Und man weiß ja nie, wenn Tarantino einmal zu Besuch ist, kann man sich hiermit bestimmt ein wohlwollendes Nicken oder – wahrscheinlicher – eine irre Geschichte zum Film oder Soundtrack anhören: Das hier enthaltene Stück „Police Check Point“ von Harry Betts hat es nämlich auf den Soundtrack von KILL BILL VOL. 1 geschafft.

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Fazit

Für Ottonormalo sicher keinen Blick wert, aber der wird es bestimmt nicht bis zu diesen Zeilen geschafft haben. FRAUEN IN KETTEN ist feinstes Genrekino aus den 1970er-Jahren, das seine Subgenres zu nutzen weiß und von seinen handfesten Darstellern lebt. Mit einem kaum vorhersehbaren Finale, bekommt man die Gewissheit einen guten Film gesehen zu haben, den nur wenige kennen.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewFrauen in Ketten (1973)
OT: Black Mama White Mama
Poster
Releaseab dem 27.03.2020 auf Blu-ray im Mediabook (3 Covervarianten)

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RegisseurEddie Romero
Trailer
BesetzungPam Grier (Lee Daniels)
Margaret Markov (Karen Brent)
Sid Haig (Ruben)
Lynn Borden (Matron Densmore)
Zaldy Zshornack (Ernesto)
Laurie Burton (Warden Logan)
Eddie Garcia (Capt. Cruz)
Vic Diaz (Vic Cheng)
Wendy Green (Ronda)
DrehbuchH.R. Christian
Joe Viola
Jonathan Demme
KameraJusto Paulino
FilmmusikHarry Betts
Filmlänge87 Minuten
FSKab 16 Jahren

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