Filmchallenge Rollercoaster Achterbahn The Terminal Man Der Killer im Kopf

#1 FLUXVergangenheitsblicke – ROLLERCOASTER & THE TERMINAL MAN

Im Zuge meiner #FLUXVergangenheitsblicke nehme ich mir sukzessive Filmklassiker vor: originelle Werke, die entweder zu lange bei mir im Schrank standen, solche, die ich noch nicht oder bereits vor einer gefühlten Ewigkeit gesichtet hatte oder aber Exemplare, die ich so bisher gar nicht auf dem Schirm hatte, obwohl mir ihre Macher und/oder Produktionszeit mehr als bewusst sind. Dabei sind keineswegs die „üblichen Verdächtigen“, diese häufig wiedergekäuten Top 100 dieses oder jenes Genres zu erwarten. Vielmehr blicke ich regelmäßig ins Abseits und suche dort nach noch einigermaßen versteckten Perlen innerhalb der Filmlandschaft.

#1

Ich beginne heute ganz unkompliziert mit zwei Vertretern der 1970er, meinem Lieblingsjahrzehnt: zwei Filme, die ich mir an diesem überraschenderweise kühlen Sonntagnachmittag im August gemütlich zu Hause anschaue; den ersten guckt sogar meine geliebte Frau beim Frühstück im Bett mit und sie findet ihn gar nicht schlecht, obwohl sie mit Werken vor den 1990ern nur selten etwas anfangen kann/möchte. Es sind zwei Filme unterschiedlicher Genres, den meisten unter uns wohl eher unbekannt und dabei geeint durch denselben Hauptdarsteller – was nun nicht zwingend das Qualitätsmerkmal beider Werke bedeutet. Der US-amerikanische Schauspieler George Segal wurde früher öfters von meiner (sehr geschätzten) Kunstwissenschafts-Dozentin hinsichtlich dessen Namensgleichheit mit dem weitaus bedeutenderen Künstler erwähnt. Sie foppte auch regelmäßig, dass der amerikanische Mime ja jetzt nicht der überzeugendste wäre. Nun gut. Mitgespielt hat er trotzdem in zahlreichen Filmen (laut IMDb über 120 Einträge als Darsteller) und einige, wie diese beiden hier so finde ich, sollte man sich doch mindestens einmal im Leben zu Gemüte führen.

ROLLERCOASTER

(dt. ACHTERBAHN, USA 1977, R.: James Goldstone)

Achterbahn Blu-ray Cover Koch Films
40th Anniversary Edition Blu-ray-Cover © Koch Films

Gerade sehe ich noch, dass dieser Film letztes Jahr zum 40jährigen Jubiläum via Koch Media auch hierzulande uncut und erstmals auf Blu-ray erschienen ist. Er ist nicht sonderlich brutal, ab 12 Jahren freigegeben bzw. mit dem milden englischen Rating PG (Parental Guidance) versehen, aber auch solche gewalttechnisch mediokren Filme wurden damals fürs Kino um einige Spitzen gekürzt. Ich habe mir ROLLERCOASTER kürzlich bei einer Bestellaktion aus UK importiert. Dort wurde er beim Label 101 veröffentlicht, die ihn auf Doppel-Blu-ray (Kinoversion plus etwa 13 Sekunden längere Uncut-Fassung auf separater Disc) samt hochqualitativem, gesondertem Booklet im stilechten Schuber anbieten.

UK-Import Blu-ray vom Label 101

Als Bonus gibt es nicht nur das ebenfalls hierzulande erhältliche Interview mit Autor Tommy Cook, zusätzlich bietet die Dokumentation The 1970s: A Rollercoaster of Disasters 30 Minuten Bonus sowie der in die Filmlaufzeit integrierte Audiokommentar. Bezahlt habe ich umgerechnet etwa 15 Euro, was dem Preis der hierzulande erhältlichen Fassung entspricht. Da ich aber auch ein kleiner Form-Fetischist und Ästhet bin – daher schreibe ich auch für diesen Blog – muss mich nach zahllosen Käufen eben auch das Cover, die ganze Gestaltung einer Heimkino-Veröffentlichung ansprechen. Das Originalmotiv von “ROLLERCOASTERˮ catchte also meine Aufmerksamkeit. Und jetzt zum Film.

 

Rollercoaster Achterbahn Szenebild
Richard Widmark als Hoyt // © Koch Films

Ein noch jüngerer Mann sabotiert nach ausgiebiger Inspektion aus sicherer Fernglas-Distanz eine Achterbahnspur (bzw. -gleis) auf einem Jahrmarkt. Den schimmernden Bildern eines üppigen US-amerikanischen Freizeitparks wohnt also bereits zu Beginn eine morbide Dramatik inne. Das Unglück passiert relativ zu Beginn der Handlung und ist spektakulär gefilmt: zahlreiche in die Achterbahnfahrt involvierte Kameraperspektiven werden rasant-dynamisch montiert – man hat wirklich das Gefühl „mittendrin, statt nur dabei“ zu sein, um mal einen alten TV-Sportprogramm-Slogan zu bemühen. Der Attentäter wird gespielt von Timothy Bottoms, einem mir eigentlich unbekannten Darsteller, der mich jedoch sogleich in dieser Rolle überzeugt. (Die Recherche ergibt, dass ich Bottoms bereits unterschwellig in DIE LETZTE VORSTELLUNG / THE LAST PICTURE SHOW, 1971, von Peter Bogdanovich sowie in Gus Van Sants ELEPHANT, 2003, vernommen hatte.) Diese Rolle des äußerlich schönen, innerlich hässlichen, später auch sichtlich verzweifelten jungen Mannes, der zum Spaß Leute tötet, erinnert mich an die von Tim O’Kelly in Peter Bogdanovichs BEWEGLICHE ZIELE (TARGETS, 1968), einem der stärksten Einstände des New Hollywood. Diese Ära war dann mit ROLLERCOASTER schon so gut wie vorbei, auch wirkt der Film im gesamten Verlauf etwas schematisch, gewinnt aber glücklicherweise immer wieder an Spannung und lässt mich dranbleiben.

Rollercoaster Achterbahn Szenebild
Achterbahn Rollercoaster // © Koch Films

Die Wahl des Schauplatzes, oder besser der Schauplätze, ist maßgeblich für den Film. Großformatige, stark auf Fläche und vielseitiges Angebot ausgelegte Freizeitparks repräsentieren entscheidende Verkörperungen der US-amerikanischen Unterhaltungskultur. Sichtlich fasziniert tastet die Kamera über den ganzen Film hinweg Attraktionen und Gefährte ab. Die Dimension des konkret Räumlichen gibt dem Film Halt, dessen Story nicht immer flüssig daherkommt. Letztlich geht es um nicht mehr, den einen Killer zu fassen, der sich jedoch recht deutlich zu erkennen gibt. Wenn dann der altehrwürdige Richard Widmark in der zweiten Hauptrolle als leitender FBI-Agent Hoyt anfangs seine ganz eigene Taktik durchzieht, ist das zunächst subtil und gut performt – wenn es dann auf Konfrontation mit dem leitenden Sicherheitschef Harry Calder (Segal) geht, wirkt das fad und unnötig. Das Drehbuch hat sichtlich Schwächen, doch die stimmungsvolle Umsetzung samt dem Score von Lalo Schifrin (MISSION: IMPOSSIBLE, ENTER THE DRAGON) macht vieles wieder gut.

Und George Segal? Okay, er ist wirklich nicht der beste Schauspieler, doch trägt er, das muss man ihm lassen, diesen gefühlt doch etwas längeren Film mit Routine, Geschick und auch dezent humorvollen Einlagen. Seine Figur mäandert beständig zwischen life-saving tactics und der eigenen Vergesslichkeit, wie etwa, dass er doch eigentlich gar nicht mehr rauchen will (ein geradezu penetranter Running Gag, der dann schon wieder als Dauer-Schleichwerbung interpretiert werden muss).Tatsächlich sollte man mit ROLLERCOASTER keinen derart dichten und atmosphärischen Film wie eben TARGETS oder etwa DIRTY HARRY erwarten, auch funktioniert er nur bedingt als Katastrophenfilm, wie die halbstündige Dokumentation auf der englischen Disc noch vermuten lässt. Vielmehr sehen wir hier einen hoch budgetierten Thriller, einen opulenten Kino-„Tatort“ (mit dem damals neuartigen wie kurzlebigen Tonformat Sensurround), der seine Figuren wie in einem strategischen Brettspiel hin und herschiebt, bis einer der beiden Rivalen im wahrsten Sinne des Wortes Schachmatt geht und zu Boden fällt.

Rollercoaster Achterbahn Szenebild
Richard Widmark als Hoyt // © Koch Films

Was mich persönlich beim Ansehen von ROLLERCOASTER mehr als begeistert hat, ist eben dessen konkrete örtliche Zuweisung. Der Freizeitpark funktioniert nicht zuletzt als Beispiel einer Heterotopie im Sinne Michel Foucaults: er ist an das System von Öffnung und Schließung gebunden, vereint verschiedene Räume an einem fest konzipierten Ort und reflektiert mehr als unterschwellig gesellschaftliche Verhältnisse, repräsentiert sie, negiert sie oder – im Fall der Achterbahn ganz besonders – kehrt sie um. Die Menschen, Bürger aller Schichten, wollen im Freizeitpark die Sorgen des Alltags vergessen. Sie wollen hineintauchen in jene kindliche Unbekümmertheit aus vergangenen Tagen, die Bürden der Realität sollen zumindest für einen Moment abgestreift werden. Spaß ist angesagt, bewusste Verlustkontrolle in der Achterbahn. Bewusst, denn die Heterotopie funktioniert immer noch nach Regeln. Bitter, wenn tatsächlich das gesamte Sicherheitssystem künstlich durchbrochen wird und sich ein einzelner gewaltsam über das System bzw. über zahlreiche Menschenleben stellt. Die entsetzten, bewusst mit der Kamera eingefangenen Blicke einiger Individuen nach dem ersten Unglück sprechen Bände: welch ein Unglück, so viele Tote! Natürlich. Doch auch: wie konnte das überhaupt passieren? Es passiert doch sonst nicht?! Ebenso schockiert wie über die (in der Uncut-Fassung per Dummy-Effekte realisierten) Leichen sind die Menschen über den Fehler im System bzw. dessen (zeitweiligen) Zusammenbruch… Denn so schnell wird keiner wieder einen Fuß in einen Freizeitpark setzen, in dem zuvor eine komplette Wagenkolonne von den Schienen in den Abgrund gestürzt ist.

THE TERMINAL MAN

(dt. DER KILLER IM KOPF, USA 1974, R.: Mike Hodges)

Als zweiter Film folgt nachmittags THE TERMINAL MAN von GET CARTER- und FLASH GORDON-Regisseur Mike Hodges. Meine US-DVD hat übrigens wie einige weitere seiner Filme in meiner Sammlung eine persönliche Signatur des Machers. Vor vier Jahren traf ich den Briten persönlich in Regensburg beim Heimspiel Filmfestival. Es gibt eine ins Deutsche übersetzte Niederschrift meines Karriere übergreifenden Interviews mit ihm (in gekürzter Form), sowie einen Original-Audioausschnitt des Gesprächs zur Produktion von GET CARTER im Rahmen meiner kürzlichen Gastbesprechung beim Bahnhofskino-Podcast.

Mike Hodges Profilbild schwarzweiß
Mike Hodges // © 1987 Photo by Samuel Goldwyn Company

Neben meiner persönlichen Prägung durch das Treffen stehen für mich die Filme nach wie vor für sich selbst. Hodges war in eigentlich allen Genres tätig (Fantasy, Science-Fiction, Thriller, Neo-Noir, Horror, Komödie). Dabei drehte er mit seinem doch recht überschaubaren Output sozusagen pro Genre einen Film. THE TERMINAL MAN ist dabei ein besonderes Exemplar. Zum einen kennt ihn heute kaum jemand mehr, darüber hinaus gilt er als eine der ersten – und konsequentesten – Michael Crichton-Adaptionen.

Dr. Janet Ross (Joan Hackett) und Harry Benson (George Segal) © Studio Hamburg Enterprises GmbH

Etwas schleppend ist er erzählt, zugegebenermaßen, doch fährt er im letzten Dritten noch einmal ganz groß auf, bietet Bilder von geradezu existenzieller Ausprägung. Er handelt von dem letztlich missglückten Versuch, den wiederholt aggressiven Gewalttäter Harry Benson (Segal) per Gehirnimplantat kontrollierbar zu machen. Jegliche Emotionen können über diesen Mikrochip in seinem ausgelöst werden. Die Operations-Prozedur ist dabei akribisch detailgetreu inszeniert, dauert minutenlang. Keine Frage, dass Michael Crichton, früher selbst praktizierender Arzt, einzelne Stellen des Films persönlich überwacht und wohl die gesamten Dreharbeiten mitgeprägt hat. Der Film ist thematisch, stellenweise auch inszenatorisch, ein ziemlicher Downer. Schön konsequent passt da das letzte Drittel, das wie gesagt noch einmal hoch emporstrebt und Hodges’ visuelle Kunstfertigkeit vollends zum Tragen bringt. Hinzu kommt, dass Crichtons frühe Vision der Verschmelzung von Mensch und Maschine (nach WESTWORLD, 1973) bzw. der generellen Kritik an Wissenschaft und Technik bereits durchweg in Hodges’ Film zum Tragen kommt. Beeindruckend ist, auch in der schleppenden ersten Hälfte, die konsequente Visualisierung von Künstlichkeit, auch von Ausweglosigkeit: das sterile, kalte Interieur des Medizinkomplexes, in dem die Versuche nun neuerdings auch an Menschen durchgeführt werden, reflektieren die kalte Welt, die sich die Menschen durch den Fortschritt selbst aufgebaut und als ihr Eigengrab konstruiert haben.

Harry Benson (George Segal) © Studio Hamburg Enterprises GmbH

THE TERMINAL MAN gibt es offiziell nur in der von den Produzenten (Warner) freigegebenen Version. Hodges brachte damals zum Filmfestival einen inoffiziellen Director’s Cut mit, der an einigen Stellen anders erzählt und den Film insgesamt runder – wenngleich ganz anders – wirken lässt. Diese Version wird wohl nie dauerhaft das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Zwei Darsteller als rücksichtslose und schließlich reuige Ärzte kamen mir sehr bekannt vor und irgendwie meinte ich, sie einmal in einem anderen nennenswerten Film zusammen gesehen zu haben. Rätseln beim Filmeschauen über Namen und Fakten macht mir Spaß, dabei gibt es bei mir während des Films striktes Handyverbot, auch im Heimkino. Schummeln gilt nicht. Dann fällt es mir ein: die zwei standen später wieder zusammen für John Carpenters DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (THE THING, 1982) vor der Kamera: Donald Moffat und Richard Dysart.

Aufgefallen ist mir noch, dass beide hier von mir besprochenen Filme (zufällig) in einem Dialogsatz Segals zusammenfallen. Auf eine Frage in THE TERMINAL MAN, wie sich die bevorstehenden Blackouts auf seinen Gemütszustand auswirken, meint seine Figur: “Angry… I get very angry. It’s like a rollercoaster, once you start it you can’t stop it.ˮ

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Liebt Filme und die Bücher dazu / Liest, erzählt und schreibt gern / Schaltet oft sein Handy aus, nicht nur im Kino / Träumt vom neuen Wohnzimmer / Und davon, mal am Meer zu wohnen

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