Film-Konzepte 54: Nicolas Winding Refn – Buchvorstellung

Die Filme des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn sorgen immer wieder für Diskussionsstoff. Für viele zu künstlerisch verkopft, für manche zu brutal und für andere wiederum einfach nur langweilig. Selbst Fans seiner Filme scheint er zu gern mit einem unerwarteten Projekt vor den Kopf stoßen zu wollen. Er ist wie ein cineastischer Teenager, der immer wieder einen möglichst großen Überraschungseffekt erzielen will. Wohlfühlkino gibt es bei ihm nicht. Seine Werke haben eine visuell unverkennbar starke Handschrift, sind aber nie gleich, sondern erweitern eher den Ansatz des Vorgängerfilms und stellen das Genre ins Kreuzverhör der eigenen Regeln.

Zu seinen Regiearbeiten zählen derzeit:

  • PUSHER (1996)
  • BLEEDER (1999)
  • FEAR X (2003)
  • PUSHER II (2004)
  • PUSHER III (2005)
  • BRONSON (2008)
  • VALHALLA RISING (2009)
  • DRIVE (2011)
  • ONLY GOD FORGIVES (2013)
  • THE NEON DEMON (2016)
  • TOO OLD TO DIE YOUNG (2019) TV-Serie
  • LES ITALIENS (TV-Serie, in Vorproduktion)
© FilmDistrict

Für mich persönlich sind die Filme von Nicolas Winding Refn keine Unterhaltung und es ist definitiv formabhängig, ob ich bereit bin, mir einen seiner Filme anzusehen. Aber, wenn man es ist und sich auf seine sperrigen, langsamen Hochglanz-Kunstwerke einlässt, entdeckt man definitiv wieder etwas Neues in ihnen und über das Medium Film selbst. VALHALLA RISING gegen Mitternacht zum ersten Mal zu sehen, wird einen einsam mit Fragen und nicht erfüllten Erwartungen zurücklassen. Für einige mag eine solche Erfahrung Zeitverschwendung sein, andere hingegen werden das Gefühl nicht los ihre Fragen beantworten zu müssen, denn in Winding Refns Filmen geht es um mehr als nur Geld zu verdienen. Es wurde dringend Zeit ein paar filmwissenschaftliche Betrachtungen seiner Arbeit zu publizieren, um Antworten zu liefern. Die 54. Ausgabe der Film-Konzepte-Reihe des Verlags edition text + kritik strebt dies an.

© FilmDistrict

Das Heft wird leider viele Leser mit ihren Erwartungen auf handfeste Analysen im Stich lassen, ganz im Stil der Filme von Nicolas Winding Refn. Es sind filmtheoretische Schriften, die eine sehr elitäre Wortwahl an den Tag legen, so dass man viel Bereitschaft zum Nicht-Verstehen und eine ständige Fremdwortsuche im Internet an den Tag legen muss. Dieser Energieaufwand ist jedoch von Text zu Text unterschiedlich, deswegen möchte ich einen kleinen Überblick über die jeweiligen Inhalte geben.

Produktiver Störfaktor

Nach treffsicheren Worten des Herausgebers Jörg von Brincken im Vorwort, beginnt das 120-Seiten-starke Heft mit einem Text von Jakob Larisch über „Gewaltdarstellung und Exzess in den Filmen Nicolas Winding Refns“. Exzess und Gewalt sind Worte, die einem zu Refns Filmen häufig einfallen. Larisch setzt aber den filmischen Exzess vor die Narration, quasi den Stil vor die Erzählung, was einen wichtigen Ansatz zur Erfahrung der Werke setzt. Die Gewaltdarstellung wird in operational und temporal unterteilt. In der operationalen Darstellung geht es darum, wie detailliert das Zeigen und Nicht-Zeigen von Gewalt stattfindet, um eine möglichst intensive Erfahrung beim Zuschauer auszulösen. Bei einer temporalen Darstellung wird das Zeigen und Nicht-Zeigen durch Slow Motion oder Zeitsprünge besonders hervorgehoben. Hier wird ein Beweis angetreten, der zeigt, dass ein besonders realistisch dargestellter Gewaltakt nicht das alleinige Recht auf Echtheit besitzt, sondern es auch künstlerische Verfremdungen erreichen können. Operationale und temporale Gewaltdarstellungen werden in vielen Szenen von Refn – vor allem in DRIVE – kombiniert, um einen möglichst großen Effekt beim Zuschauer zu erzielen.

© FilmDistrict

Monochrome Zeitlupen

Persönliches Highlight dieser Publikation ist der zweite Text von Sofia Glasl: „Farbe und Geschwindigkeit in Nicolas Winding Refns Filmen“. Mit viel Gefühl für Sprache, ohne die inflationäre Anwendung von filmtheoretischen Fachtermini, gelingt es der Kulturjournalistin eines der wichtigsten Alleinstellungsmerkmale hervorzuheben: die Farben. Bekannt dürfte sein, dass Nicolas Winding Refn farbenblind ist und deswegen auf starke Farbkontraste wert legt. Das führt nicht nur zu einem ungewöhnlichen Filmerlebnis, sondern auch zur Gewichtung dieses Stilmittels. Immer mit einer Szene als Beispiel zur Hand, gelingt es Glasl dem Leser die nächste Filmsichtung wesentlich vielschichtiger zu gestalten. So erkennt man nicht nur den Neon-Noir, sondern auch, wie sich eine Farbcodierung auf die Narration der Figuren auswirkt und somit auf die Stimmung von uns Zuschauern. Zudem zeigt ihr Absatz zu THE NEON DEMON als erste Handlung mit einer weiblichen Protagonistin, wie stark männliche Blicke das Kino von NWR prägen.

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Der Drive der Darstellung

Manchmal muss man einfach kapitulieren und mein Hirn tat es leider bei diesem Text mit der Überschrift „Post-Cinema – Post-Continuity – Post-Mise-en-scène“. Ivo Ritzer stellt DRIVE (2011) dem THE DRIVER (1978) gegenüber, was mich in freudige Erwartung versetzte. Aber als mir geballtes Wissen mit filmtheoretischer Attitüde entgegenflimmerte, war ich direkt an meine Vorlesungen in theoretischer Mathematik erinnert. Und so hatten Bilder, die beim Lesen entstehen sollten, leider für mich im Text von Prof. Ivo Ritzer keine Bedeutung mehr. Wo die anderen Texte sich nach ihrer theoretischen Rückversicherung direkt ans Filmgeschehen machten, um ihre Thesen zu beweisen, versuchte ich Sätze wiederholt ergebnislos zu verstehen. Ein Beispiel:

„Nicht länger steht Plausibilität vor Signifikanz in diesem Darstellungsregime. Für den expressiven Effekt wird vielmehr die Inszenierung einer glaubwürdigen Diegese suspendiert: durch scheinbar arbiträres Positionieren von Körpern und Objekten gegenüber der Kamera ebenso durch den Einsatz offensiver Postproduction-Effekte.“

Hier war leider für mich nichts Inhaltliches zu holen. Ich wünsche den anderen Lesern mehr Erfolg.

The Neon Demon – Die dämonische Leinwand

Jetzt wird es in der Abhandlung von Lucas Curstädt sprachlich immer noch anspruchsvoll zugehen, jedoch beschreibt er etablierte Begriffe wie Kasch oder Kader auf verständliche Weise. Er führt nicht nur auf wie Jesse (Elle Fanning) zur bespielbaren Leinwand für Fantasien wird, sondern findet in den Fotoshooting-Szenen von THE NEON DEMON noch ganz nebenbei Perspektiven auf unsere heutige digitale Bilderwelt.

© FilmDistrict

In Strukturen gefangen

Susanne Kappesser betrachtet das Bild der Männlichkeit in den Filmen PUSHER, PUSHER II, BRONSON und ONLY GOD FORGIVES. Es ist ein komplexer Betrachtungswinkel, wie sich die Hauptfiguren durch ihr männliches Umfeld definieren. Kappesser weist auch auf den filmografische Verlauf hin, wie sich aktive Protagonisten in PUSHER und BRONSON zu „stummen, passiv-hinnehmenden Männlichkeiten“ wie in ONLY GOD FORGIVES entwickeln. Schade, dass die Serie TOO OLD TO DIE YOUNG noch keinen Einzug in ihren Text gefunden hat, denn ich hätte zu gern ihre Analyse von Martin Jones (Miles Teller) und Jesus (Augusto Aguilera) gelesen.

Gewaltsame Entwürfe performativer Identität

Lioba Schlösser räumt zuallererst mit dem medial befrachteten Wort „queer“ in einer umfassenden Definition auf. Dadurch wird es auf die Figuren anwendbar, die die Filmwelten von Nicolas Winding Refn beleben. Es ist eine Betrachtung der Normenbrecher, was am Beispiel von Julian (Ryan Gosling) in ONLY GOD FORGIVES besonders durchscheint. Nach allen Regeln des Genres wird die Figur von Julian als Kickbox-Profi eingeführt, jedoch am Ende durch den Polizisten Chang ohne eine Chance zerlegt, geradezu deformiert. Ein neuer Ansatz, jedoch hat mir leider der exemplarische Rundumschlag auf alle Figuren gefehlt.

© FilmDistrict

Balance halten

Jetzt werden endlich die beliebten Werke bzw. prägenden Szenen verlassen und wir kommen zu einem extremen Ausreißer: VALHALLA RISING. Marcel Schellong nähert sich diesem Wikingerfilm, der natürlich kein Wikingerfilm ist, mit dem Begriff der Kontingenz. Vor allem in der Systemtheorie gebräuchlich, sind es alle Möglichkeiten der menschlichen Lebenserfahrung. Ausgeschlossen werden notwendige und unmögliche Erfahrungen, aber in diesem umfangreichen Zwischenraum gibt es ein breites Spektrum von Varianten. Ein Beispiel: Der Besuch in einem Sportstudio stellt für den einen eine Verbesserung des Körperbaus dar, um ein höheres Selbstvertrauen zu erlangen und für den anderen die Ausschüttung von Glückshormonen oder die Ablenkung vom Alltag.

Die Filmerfahrung hat ebenfalls eine vielfältige Varianz, die jeder Zuschauer, bewusst oder unbewusst, selbst beeinflusst. Die Filme von Nicolas Winding Refn sind für den Begriff der Kontingenz geradezu eine extra große Petrischale. Jeder Zuschauer wird etwas anderes finden und in VALHALLA RISING zusammen mit Einauge (Mads Mikkelsen) eine andere religiöse Höllenerfahrung in der Neuen Welt machen. Ein sehr lesenswerter Text für alle, die, wie auch ich, nach VALHALLA RISING nicht mehr weiterwussten.

© Sunfilm Entertainment

Zwischen Mythos und Moderne

Marcus Stiglegger schließt diesen Band routiniert mit einem seiner Spezialgebiete ab: der Film als Mythos. In der aus vielen Mediabooks gewohnten Präzision, dringt Stiglegger von der Dialektik der Begrifflichkeit zu den konkreten Filmbeispielen vor, hier sind es BLEEDER, BRONSON, VALHALLA RISING, ONLY GOD FORGIVES und THE NEON DEMON. Somit bekommt man in einem Text gleich fünf kurze Betrachtungen im jeweiligen Mythos-Kontext: Film, Virilität, Ragnarök, Kampf und Schönheit. Am Ende schließt man sich seinem Ergebnis ohne Umschweife an:

„Man könnte also abschließend so weit gehen, Nicolas Winding Refns Kino als eine meta-mythologische Filmkunst zu begreifen, die uns den Mythos des Kinos selbst neu erfahren lässt, aufgespannt zwischen Mythos und Moderne. Geboren aus dem Meer der Filmgeschichte arbeitet er an einer Reduktion des Films auf seine eigentliche Substanz: Form und Klang, Textur und Bewegung.“

Man merkt, Marcus Stiglegger schätzt immer noch die Magie des Kinos. Seinen Text wird man als Fan der Filme von NWR auch wertschätzen.

© Kinowelt Home Entertainment 2010

Fazit

Die 54. Ausgabe von FILM-KONZEPTE könnte nicht besser auf das Werk von Nicolas Winding Refn zutreffen. Man erwartet Aufklärung, jedoch werden dem Leser ausschließlich Werkzeuge zur möglichen Entschlüsselung der eigenen Seherfahrung in die Hand gegeben. Manche Texte könnten durchaus beispielhafter und verständlicher sein, denn ohne grundlegendes Wissen in Kommunikations-, Medien- oder Filmtheorie wird der Leser alleingelassen. Manchem wiederstrebt es, nebenbei noch Definitionen im Internet zu recherchieren. So verliert man das konzentrierte Vergnügen, sich in einem Filmbuch zu verlieren. Nichtdestotrotz ist es die erste deutsche Publikation zu den Werken von Nicolas Winding Refn, worauf hoffentlich noch viele weitere folgen werden. Für jeden seiner Filmreisenden mit ausreichend Selbstdisziplin, sind diese 20 Euro dennoch sehr gut angelegt.

© Christoph Müller

  • Film-Konzepte Heft 54
  • Nicolas Winding Refn
  • Jörg von Brincken (Hg.)
  • 5/2019,
  • Verlag: edition text + kritik
  • Preis: 20,00 €
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