Fahrenheit 11/9 Filmkritik

Fahrenheit 11/9 – Filmkritik

„Erkenntnis mit dem Vorschlaghammer“

In stundenlangen Diskussionen könnte man sich den Kopf darüber zerbrechen, welchen Informationen man trauen soll und welchen nicht. Von sich selbst denkt man, dass man immer alles prüft, nicht jede Aussage gleich hinnimmt, sich vielleicht noch einmal über die Hintergründe informiert. Dadurch, dass heutzutage das Internet als wichtigste Informationsquelle gilt und jeder Lügen, falsche Informationen, Hass und Täuschungen in diesen Datenpool hineinschütten kann wie er möchte, hat man eine permanente Skepsis gegenüber Nachrichten entwickelt. Für die Filmszene gilt dies auch, besonders bei einer Michael Moore-Dokumentation (BOWLING FOR COLUMBINE, SICKO). Denn er versteht es wie kein anderer mit Musik, Schnittmontagen und einem immensen Fundus an Bildmaterial seine Meinung als Fakten darzulegen und dadurch auf dem schmalen Grat der Verschwörungstheorie zu wandeln.
Dies waren meine Gedanken bevor ich FAHRENHEIT 11/9 gesehen habe.

Fahrenheit 11/9 Filmkritik
© Midwestern Films LLD

Einen ähnlichen Spannungsaufbau, den ich hier in einer Filmkritik über einen politischen Dokumentarfilm versuche aufzubauen, nutzt auch Moore in seinem neusten Film, der mit einer interessanten Perspektive beginnt, nämlich unserer Naivität. Diese fand ihren Höhepunkt am 9. November 2016 – hier versteckt sich der Sinn hinter dem Titel des Films – als noch ein Großteil der USA und der restlichen Welt dachte: Nach dieser Wahl wird es die erste Präsidentin der USA geben. Es ist auf eine besondere Weise belustigend, man hat dieses Drama ja schon hinter sich gebracht, zu sehen wie den Fans der Demokratischen Partei vor Augen geführt wird, dass ihre Vorfreude ein Trugschluss war und ein rassistischer, geldgieriger und notorischer Lügner das Oberhaupt der USA geworden ist: Donald Trump. Selbst Michael Moore lässt an sich kein gutes Haar, wenn er sagt, die ganze Lage nicht ernst genommen zu haben. Man erkennt die Reue, wenn er ein altes Interview mit ihm, Trump und Roseanne Barr aus den 90er Jahren vorspielt. Anstatt ihn zu fragen, wie er aus seinem eine Milliarde US-Dollar-Dispokredit herausgekommen ist, macht er nur artig flache Witze. Und hier beginnt die Gefahr, die auch von diesem Machthaber ausgeht: Alle belächelten Trump als Idioten, Schauspieler und Komiker, aber das wird hoffentlich nach diesem Film jeder erkennen, dass man ihn nicht unterschätzen darf.

Fahrenheit 11/9 Filmkritik
Michael Moore und Donald Trump in der Roseanne Barrs Talkshow (1998) // © Midwestern Films LLD

Dieser Perspektivwechsel gelingt Moore mit einem ganz simplen und erschreckenden Beispiel aus seiner Heimatstadt Flint. Dort hat der Gouverneur den Wasserzufluss durch eine neue Pipeline ersetzt. Nicht, dass es schon reichen würde, dass er seinen Geschäftskollegen einiges an Subventionen zugeschustert hatte, nein die Leitung gibt nur giftiges Wasser aus. Der viel zu hohe Blei-Anteil wurde nach wenigen Wochen sofort in den Blutkreisläufen der Einwohner Flints, groß wie klein, entdeckt. Seitdem putzt sich jeder in Flint die Zähne nur noch mit Mineralwasser aus der Flasche. Das Erschreckende ist, dass dieser Zustand immer noch anhält und Moore konkrete Hinweise gibt, dass die zum großen Teil aus afroamerikanischen Bürgern bestehende, extrem arme Gemeinschaft mit Absicht  unterjocht wird. Hier kann sicherlich der ein oder andere die Augen verdrehen und es als Übertreibung abtun. Machen wir das Gedankenexperiment doch einmal bei uns selbst: Was würden wir tun, wenn nur noch giftiges Wasser aus unserer Leitung kommt und dieser Umstand von der Regierung nicht behoben wird, sogar als kurzeitiges Problem deklariert wird? Wegziehen? Keiner wird uns Geld für ein verseuchtes Grundstück geben.

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© Midwestern Films LLD

Mit diesem lokalen Beispiel, welches einen selbst zum Filmende nur noch fassungsloser macht, wenn selbst Barack Obama in diesem Puppentheater von Bösartigkeit brav seine Rolle spielt, wird man in seinen Grundfesten erschüttert und erkenntnislos zurückgelassen. FAHRENHEIT 11/9 ist jedoch kein deprimierender Film, denn Moore zieht seine Person gezielt zurück und macht Platz für die jungen politischen Kämpfer in den USA, die endlich eine Veränderung herbeizwingen wollen. Vor allem das  Team aus Schülern, welches sich nach dem Schulmassaker von Parkland herausbildete und sich mit dem „March for Our Lives“ Gehör schaffte, um das Verbot von automatischen Waffen voranzutreiben, hält den Zweig der Hoffnung am Leben. Hier blitzt Freude auf, wenn die Schüler ihren Abgeordneten gut recherchierte Fragen stellen und diese nur mit sinnlosen Floskeln zu antworten versuchen. Wenn man selbst manchmal, an der aufs Handy starrenden Z-Generation zweifelt, hier kommt der Gegenbeweis mit einer organisierten, informierten und motivierten Jugend zum Vorschein. Hoffen wir auf mehr von ihnen.

Fahrenheit 11/9 Filmkritik
Parkland Schüler David Hogg mit Michael Moore // © Midwestern Films LLD

Zum Ende fährt Moore noch einmal sämtliche Geschütze auf. Als das erste Bild von Adolf Hitler auf der Leinwand erschien, gab es diverse Räusperer in der Pressevorstellung zu hören. Zu sehr wurde man in seiner Schulzeit über diese Epoche Deutschlands traktiert, aber die kommenden Argumente und Parallelen, die nun zwischen dem Dritten Reich und Trumpland gelegt werden, sind nicht alle von der Hand zu weisen. Wenn es vielleicht keinen industriellen Genozid wie unter den Nazis jetzt in den USA geben wird, aber eine gnadenlose Unterdrückung von Bevölkerungsschichten zieht schon seit Jahren ihre Kreise. Es empfiehlt sich in diesem Zusammenhang die erleuchtende Dokumentation DER 13. auf Netflix zu schauen.

Fahrenheit 11/9 Filmkritik
© Midwestern Films LLD

Fazit

Michael Moore gelingt eine interessante Wendung der Meinungswelt seiner Zuschauer. Auch wenn dies mit offensichtlichen Mitteln, dem Auslassen von Gegenstimmen, den gestalterischen Mitteln zu Gunsten seiner politischen Aussage und diversen Zusammenschnitten von Zitaten eines verrückten Präsidenten geschieht. Was bleibt ihm jedoch bei diesem mächtigen Gegner, der Menschen mit ihrem eigenen Trinkwasser vergiftet, auch anderes übrig? Meine Erkenntnis aus FAHRENHEIT 11/9 ist, dass ich diese USA nicht kenne und mich selbst dafür ohrfeigen könnte, Donald Trump Anfang 2016 belächelt und unterschätzt zu haben. Aber was kann man in Europa schon dagegen tun? Vor allem erst einmal aufhören sich über diesen Mann lustig zu machen, denn er ist viel gefährlicher und zielorientierter als man denkt.

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Donald Trump und Hillary Clinton während des TV-Duells (2016) //© Midwestern Films LLD

Titel, Cast und Crew

Fahrenheit 11/9 (2018)

Poster

Fahrenheit 11/9 Filmkritik

Kinostart

17.01.2019

Regisseur

Michael Moore

Trailer

Drehbuch

Michael Moore

Kamera

Luke Geissbuhler
Jayme Roy

Schnitt

Doug Abel
Pablo Proenza

Filmlänge

128 Minuten

FSK

noch nicht geprüft

 

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Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter

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