Ex Drummer (2007) – Filmkritik

Filme sind nicht nur dazu da in Welten voller fantasievoller Zauber, schöner Menschen, erfüllter Träume oder geschichtlicher Ereignisse einzutauchen. Manche Filme bilden eine dreckige, trostlose Vision ab ohne Hoffnung, eine düstere Welt der armen Schlucker, Junkies, Rumtreiber und Verlierer. Nicht gerade förderlich für Verkaufszahlen oder schillernde Werbekampagnen, aber ab und zu überkommt es uns doch in so eine Geschichte abdriften zu wollen. Man macht sich als Zuschauer ja nicht schmutzig, sitzt auf seiner warmen Couch, schwenkt edles Importbier im Glas und wirft einen distanzierten Blick in den gesellschaftlichen Untergrund. Wenn man aber in den Abgrund blickt, blickt dieser auch immer zurück und hinterlässt seine Spuren beim neugierigen Gaffer. EX DRUMMER ist solch ein Abgrund voller Irrer und moralisch abgründiger Typen, die einen locken und sagen: „Komm her, schau dir etwas vollkommen Verrücktes an. So etwas hast du noch nicht gesehen.“ In der Tat, so einen Film gibt es nur einmal. Es stellt sich jedoch die Frage, wie unbeschadet man den Trip übersteht. Zum Glück haben wir den Autor der Geschichte an unserer Seite, der immer wieder mit ein paar lockeren Sprüchen die Anspannung löst und das Elend an sich abprallen lässt.

© Camera Obscura

Handlung „FSK-6-Version“

Drei Freunde wollen eine Band gründen und an einem Musikwettbewerb teilnehmen. Ihnen fehlt aber noch der Schlagzeuger. Jeder der drei muss mit einer körperlichen oder geistigen Einschränkung leben. Jan, der Bassist hat einen steifen Arm und lebt bei seiner Mutter, Koen der Sänger traut sich nicht Mädchen anzusprechen und Ivan der Gitarrist liebt Süßigkeiten und ist fast gehörlos. Die drei Freunde bitten einen berühmten Schriftsteller bei ihnen der Drummer zu werden. Dries willigt ein. Die Band droht kurz vor ihrem Auftritt wegen Streitigkeiten auseinanderzubrechen. Aber ihnen gelingt es doch noch gemeinsam auf der Bühne zu stehen und den belgischen Rockmusik-Wettstreit zu gewinnen.

Tatsächliche Handlung

Bei dem Schriftsteller Dries (Dries Van Hegen) klingeln drei Loser an der Tür. Sie wollen eine Band mit ihm gründen. Der Sänger Koen de Geyter (Norman Baert) schlägt gern Frauen zusammen, hat einen Sprachfehler und macht mit der dicken, kahlen Mutter des Bassisten rum. Der Gitarrist Ivan Van Dorpe (Sam Louwyck) ist fast taub, schreit aber nicht nur deswegen die ganze Zeit. Er ist kokainabhängig, lebt mit seiner Junkie-Frau und kleinen Tochter in einer Müllhalde von Wohnung. Der Bassist Jan Verbeek (Gunter Lamoot) steht auf Männer, hat einen steifen Arm, lebt bei seinen Eltern in einem kleinen heruntergekommenen Haus im Nirgendwo. Zusammen mit seiner Mutter fesselt er den Vater ans Bett, um ihn daran zu hindern sich umzubringen. Jeder hat hier nicht nur „ein Handicap“. Der Autor Dries steigt als Drummer bei der Band ein, auch wenn er keine Behinderung hat. Er sagt einfach, er könne nicht Schlagzeug spielen und nennt die Band The Feminists. Sie wollen nur ein einziges Mal auftreten und zwar beim Rock-Contest in Leffinge.

© Camera Obscura

Mehr als der Dreck unter den Nägeln

„Knallhart, blutig, exzessiv, abstoßend und polarisierend“, all das ist EX DRUMMER von Anfang bis Ende. In seinem Innersten ist dieses Sozialdrama aber die Beziehung eines Autors zu seinen Figuren, seinen kreativen Schöpfungen. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Herman Brusselmans und ist eine Abrechnung mit einer Generation, die keinem etwas schuldig ist, aber in ihrer Orientierungslosigkeit sich selbst zerfleischt. Der Vergleich zu TRAINSPOTTING (1996) drängt sich auf. TRAINSPOTTING basiert auch auf einem Roman (von Irvine Welsh), schottisch, drogengeschwängert, mit starkem Soundtrack und gescheiterten Existenzen. EX DRUMMER, belgisch, ebenso mit Drogen und Musik durchsetzt, aber viel mehr noch mit geistig instabilen Persönlichkeiten besetzt und voller Aggressivität wie auch Sex oder beidem gleichzeitig. EX DRUMMER erweitert seine Erzählperspektive noch um den kreativen Schöpfer der Geschichte, der sich sogar selbst in die Handlung hineinschreibt. Man fragt sich zu Beginn noch, was so ein angesehener Künstler mit schicker Wohnung und luxuriösen Freiheiten mit so einem Haufen von Verlierern will. Die Erkenntnis kommt stückweise. Es sind Dries‘ Figuren, die er erschaffen hat. Noch zu Beginn lernt er sie kennen, erfährt von ihren Abgründen, weiß sich aber stets Abstand und Respekt zu verschaffen. Als Ivans kleine Tochter wegen Vernachlässigung stirbt, muss selbst er den Tatort einfach verlassen.

© Camera Obscura

EX DRUMMER ist eine tiefe dunkle Schlucht, die sich ein kreativer Geist erschaffen hat. Vordergründig ist Dries ein cooler Typ, der sein Ego mit der sozialen Unterschicht aufbessern will, innerlich das Leben mit seinen diabolischen Charakteren auch leben muss. Aber damit hat er keine Probleme. Über die Phase des Selbstzweifels ist er schon lange hinweg, zeigt sogar seiner Freundin die Orte, die er gottgleich erschaffen hat. Zum Ende wird es Zeit sich von seinen Geschöpfen zu trennen, was – wie könnte es auch anders kommen – nur auf gewaltsame Weise funktionieren kann.

Der Herr Schriftsteller erlegt aber auch sich selbst ein paar Klischees auf und kleidet sich mit Arroganzen: Eine saubere Wohnung mit Panoramablick hinab auf die Stadt, die Freundin, die auch zum Dreier mit anderen Frauen nicht nein sagt und sein Status, der ihm vor allem in den abgewrackten Orten seiner Bandkollegen zum Prinzen krönt. Die saubere Lederjacke und die Handschuhe legt er kaum ab, dem Alkohol hat er schon lang abgeschworen, die Zigarette bringt stets genug Abstand zu den Versagern. Seine BMW steht immer auf Abruf bereit, um ihn aus diesem Elend wegzutragen. Und das geschieht nicht nur einmal, wenn Dries es satt hat in diesem Moloch zu hausen, voller schreiender Idioten und deren stinkenden, menschlichen Müllhalden. Der ganze musikalische Bandgossip ist nur der bröckelnde Putz, der diese Literaturverfilmung mit Abrechnung auf die Gesellschaft zusammenhält, ein cineastisches Post-Punk-Werk.

© Camera Obscura

Inszenierung

Die belgische Produktion hat aber nicht nur auf der kreativen Metaebene etwas zu bieten, sondern auch inszenatorisch. Regisseur Koen Mortier, der hauptberuflich erfolgreicher Werbefilmer ist, ist ein Kind der Musik-Videosender und das spielt er gekonnt aus. Gleich zu Beginn läuft das Intro rückwärts und die Namen der Besetzung wie auch des Casts werden mit der Umgebung verknüpft. Eine von vielen coolen inszenatorischen Ideen. Sänger Koen ist zum Beispiel schon so irre, dass er nur noch an der Decke seiner Wohnung entlangläuft. Immer wieder gibt es kleinere Zeitsprünge oder Gedanken des Autors, die visuell aufgearbeitet werden wie die Beerdigung des belgischen Königs mit dem Sarg an Dries‘ Motorrad.

© Camera Obscura

Die cineastischen Kniffe, die EX DRUMMER trotz offener pessimistischer Aussage auflockern, gehen in der zweiten Filmhälfte verloren, um Platz zu schaffen für die Bandprobleme und den Wettbewerb. Das ist emotionales Kalkül mit dem Zuschauer, der am Anfang vielleicht noch lacht und ihm später selbiges im Halse stecken bleibt. Zum finalen Shootout greift der Regisseur noch einmal in die Trickkiste und lässt die Leichen ihre Geschichten erzählen. Es bleibt jedoch ein fader Nachgeschmack ein paar Stereotypen abgewickelt zu haben und deren Ursprung für ihr Handeln vielleicht doch lieber auf dem Notizblock der Kreativen hätte verbleiben sollen. Während Lebemann Dries in seinem Happy End schon wieder seine Partnerin besteigt, gibt es ein Inferno der Gewalt, welches jede von ihm erschaffene Figur auslöscht. Egaler könnten ihm seine Figuren nicht sein und so geht es uns dann zum Ende auch.

© Camera Obscura

Mediabook

EX DRUMMER gehört definitiv zur Kategorie „ungemütlich“ und passt in seiner polarisierenden Wahrnehmung in das Portfolio des Labels Camera Obscura. Den Film gibt es nun weltweit zum ersten Mal in HD auf Blu-ray im Mediabook. Der Film behält visuell seine Düsternis wie auch Filmkörnigkeit und passt somit perfekt ins Milieu. Das Bonusmaterial auf der Disc bietet zwei Kurzfilme von Regisseur Koen Mortier: ANA TEMMET und A HARD DAY’S WORK. Zudem gibt es ein Making of (31 Min.) und ein Statement vom Regisseur (2020, 5 Min.) zu seinem Werk. Der Essay von Prof. Dr. Marcus Stiglegger rundet die Veröffentlichung ab. Der Soundtrack zum Film mit Songs von Millionaire, Isis Mogwai oder Ghinzu wäre noch ein dickes Extra gewesen, ist aber lizenztechnisch sicherlich ein Alptraum, der von einem Independent-Label nicht zu bewerkstelligen ist.

 

Fazit

Gewalttätig, sexistisch, homophob, blutig, dreckig, vulgär und nihilistisch, all das ist EX DRUMMER. Die Motivation den Film zu sehen, bringen die Zeilen der Romanvorlage auf den Punkt:

„Ich glaube, ich will nur einmal meine schöne Welt verlassen. Hinabsteigen in die Welt der Dummheit, Hässlichkeit, Stumpfsinnigkeit, Untreue und Schwindel. Eintauchen in das Leben dieser scheiß Loser, ohne dabei zu ihnen gehören zu müssen. Mit dem Wissen, jeder Zeit in meine eigene Welt zurückkehren zu können.“

Der kreative Protagonist kommt unbeschadet aus der Geschichte raus, wird nicht bestraft oder lernt nichts aus seinen Taten. Er spielt seine Macht bis zum Ende aus. Es bleibt die Frage, was macht EX DRUMMER mit seinen Betrachtern?

 

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewEx Drummer (2007)
Poster
RegisseurKoen Mortier
Releaseab dem 19.02.2021 im Blu-ray-Mediabook

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Trailer
BesetzungDries Van Hegen (Dries)
Norman Baert (Koen de Geyter)
Gunter Lamoot (Jan Verbeek)
Sam Louwyck (Ivan Van Dorpe)
François Beukelaers (Vater Verbeek)
Bernadette Damman (Mutter Verbeek)
Nancy Denis (Ivans Frau)
DrehbuchKoen Mortier
BuchvorlageNach dem Buch EX DRUMMER von Herman Brusselmans
FilmmusikArno
Flip Kowlier
Millionaire
Guy Van Nueten
KameraGlynn Speeckaert
SchnittManu Van Hove
Filmlänge105 Minuten
FSKab 16 Jahren

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