Zum Inhalt springen

Elvis (2022) – Filmkritik

„You ain’t nothing but a hound dog“

Nicht erst seit Patrick H. Willems Videoessay „The Broken Formula of Music Biopics“ (YouTube) befindet sich das Genre des Künstler:innen-Biopics in einer Starre. Man kann die Vorzeichen, Queen, Motley Crue, oder im jüngst desaströsen Falle, David Bowie, austauschen, erhält unterm Strich aber denselben Film. Opening – in medias res – vor einem ikonischen Konzert, Flashback in die (traumatische) Kindheit, Entdeckung des Talents (gegen alle Hindernisse), Montage des Ruhms, Drogensucht, Rehab, Comeback, Freeze Frame mit mehr oder weniger plot-zusammenhängenden End-Credits a la „Dewey Cox starb 20 Minuten nach diesem Auftritt“.

Da ist es bezeichnend, dass auch die Filmemacher:innen den Überdruss, den das Publikum dieser Formel gegenüber empfindet, wenn nicht vollständig umgesetzt, dann zumindest erkannt haben. Die spannenderen filmischen Depiktionen großer Künstler:innen fokussierten sich, statt auf ein ganzes Leben, auf ein oder zwei Hauptstationen (LOVE & MERCY etwa auf die Produktion von „Pet Sounds“ in den 60ern und Wilsons Sitzungen mit Dr. Landy in den 80ern; LINDENBERG! auf die zähen Muckerjahre vor dem großen Erfolg) oder sie pimpen ihren Film durch nicht-lineare Erzählweisen (GET ON UP) oder surrealistische Elemente (LETO, I’M NOT THERE) auf.

© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. Photo Credit: Hugh Stewart

Kino-CAMPion (ein Wortwitz für die Susan Sonntag Zielgruppe) Baz Luhrmann nimmt sich in seinem Film ELVIS unschwer erkennbar dem Leben des vielleicht ersten echten Musik-Weltstars an. Zum dritten Mal bekommen es die Kinogänger:innen explizit mit einem Elvis-Biopic zu tun; ungezählt sind die weiteren filmischen, literarischen und musikalischen Werke, die sich mit seinem popkulturellen Vermächtnis auseinander gesetzt haben. Ist ELVIS nun also nur die x-te Iteration eines längst entzauberten Mythos? Oder kann der meganomanische Australier seinem überlebensgroßen Stoff tatsächlich noch etwas Neues hinzufügen?

Die Entität hinter dieser Rezension meint: Ja. Oder würde sogar so weit gehen, pünktlich zur Halbzeit des Kinojahres, EVLIS schonmal sehr weit nach oben auf das Jahrestreppchen zu schieben.

© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. Photo Credit: Hugh Stewart

Baz Luhrmann war noch nie der Mann für den kleinen Pinsel. Er ist der große Pop-Filmemacher, der Shakespeare mit MTV, Französische Boheme mit Madonna oder Fitzgerald mit Lana Del Ray kreuzt. Die Dialoge in seinen Filmen werden schreiend geführt, die Kamera steht niemals still und über allem dröhnt ein Soundtrack, der zwischen based und cringe hin und her oszilliert. Da ist es sicherlich auch passend, dass ELVIS weniger ein Film über den Menschen Elvis Aaron Presley, als über die Bühnenfigur Elvis und ihre Wirkung auf die Popkultur ist. Man beachte bereits den Filmtitel in goldglitzernden Großbuchstaben. ELVIS ist purster Camp, es ist kein Biopic, sondern ein „Biopic“ in Kursivschrift, dass in seiner unverfrorenen Oberflächlichkeit teilweise eine Tiefe findet, von der andere „ernsthafte“ Regisseur:innen nur träumen können.

© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. Photo Credit: Trent Mitchell

Elvis Presley (Austin Butler) mag die titelgebende und quantitativ handlungstreibende Figur sein, qualitativ sehen wir die Geschichte von eben jenem, aber durch die Augen seines Managers „Colonel Tom“ Parker (Tom Hanks). Dieser gibt bereits zu Beginn die Marschrichtung des Filmes vor: „There are some who’d make me out to be the villain of this story“. Man kennt die Gerüchte, oder wahrscheinlichen Wahrheiten um die ominöse Figur des „Colonels“. Der Mann, der sich an Elvis schamlos bereicherte, dem die Auftritte seines Zöglings über dessen Gesundheit gingen. All diese Vorwürfe wabern über den Vorspann des Filmes; es ist nicht das erste Mal, dass man sich als Zuschauer:in an Milos Formanns AMADEUS erinnert fühlt.

© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. Photo Credit: Hugh Stewart

Und durch diesen Kunstgriff, Elvis‘ Leben durch die Augen eines schonungslosen Profitgeiers und Hustlers zu beleuchten, geht Luhrmann auch in einigen Fällen des Biopics aus dem Weg. Das kann man auch kritisch sehen. Es ist ein wenig so, wie wenn sich in DEADPOOL über die Austauschbarkeit von Superheldenplots lustig gemacht wird, nur um dann die gleichen Funktionsweisen zu bedienen. Man nimmt sich aus der Kritik, indem man das Problem selbst benennt, folglich also eigentlich „cleverer“ als das eigene Drehbuch erscheint, nur um mangelnde Kreativität a priori zu entschuldigen. Und in einem anderen Film wäre diese metadiegetische Erzählweise, indem der im Sterben liegende Colonel über die Jahre mit Elvis sinniert, vielleicht wirklich etwas frech beziehungsweise aufgesetzt.

© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. Photo Credit: Hugh Stewart

Aber Luhrmann interessiert sich gar nicht erst für direkte Figurenzeichnung im filmischen Text. Wenn man böse wäre, dann könnte man ELVIS durchaus vorwerfen, nicht mehr als eine dreistündige Musikvideoclipshow zu sein, die ungefähr den Charme und die Nachhaltigkeit einer Las Vegas Show besitzt (und David Ehrlich hat das, eloquent und sardonisch wie immer, konsequenterweise auch getan). Wie gesagt, wenn Luhrmann uns denn tatsächlich etwas über den Menschen Elvis erzählen wollen würde. In ELVIS geht es aber eher um die Bühnenpersona des Elvis. Viel Zeit verbringt der Film in Montagen, in denen sich Kirche und konservative Publikationen über die Verrohung der Jugend durch den „King“ echauffieren, um aber diese Hysterie schlussendlich auf ihre plattenverkaufende Marketingkünstlichkeit zurückzuführen. In einer Unterredung mit einer PoC (People of Color) räumt Elvis Angst davor ein, ins Gefängnis zu wandern. Sein Freund entgegnet: „You’re a famous white boy. I could go to jail, but not you.“ Selten wurde so radikal ein Mythos im Kino gebrochen wie in ELVIS.

© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. Photo Credit: Kane Skennar

Luhrmann interpretiert den „King“ in seinen 159 Minuten Laufzeit mehr und mehr als bloßen „dance monkey“, der mit seinem Manager einen geradezu faustischen Pakt einging, als Stehaufmännchen die Bühnen der USA bespielt, seine Songs der Black Community stiehlt und schließlich als abgehalfterter Entertainer endet. Daneben brilliert Tom Hanks in der vielleicht ersten echten Schurkenrolle seines Lebens. Luhrmann spielt meisterhaft mit dem öffentlichen Image Tom Hanks, wenn Elvis und auch wir als Publikum ihn beim ersten Aufeinandertreffen als eben den sympathischen, älteren Herren wahrnehmen, der Tom Hanks nun mal ist. Im Laufe des Filmes spielt er sich zu einem geradezu walross-artigen, schwitzenden Widerling auf, mit einem diabolischen Grinsen auf den Backen, die einen ein ums andere Mal vor Ekel im Kinosessel zurückweichen lassen.

© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. Photo Credit: Hugh Stewart

Viel Fokus legt Luhrmann auf das musikalische „Raubrittertum“ Elvis Presleys. Häufig hören wir die bekannten Titel zunächst in der PoC-Urversion, dann mischt sich auf der Tonspur die Elvis-Interpretation dazu, um dann und wann noch von einer moderneren, meist Hip-Hop-Interpretation abgelöst zu werden. Das ein Film über einen Musiker so viel Interesse daran hat, sein Sujet so kritisch zu hinterfragen, hat Seltenheit und überrascht in seiner Konsequenz ein ums andere Mal. Deshalb ist ELVIS vielleicht absurderweise auch kein Film für Elvis-Fans, die nochmal drei Stunden in wohligen Erinnerungen an die eigene verblasste Jugend verbringen wollen. All dies gekleidet in drei atemlose Stunden voller Splitscreens, Zeitlupen und pathetischen Bildern (gerne mit religiöser Ikonografie) und laut lärmender Musik.

ELVIS ist plump, laut, kitschig, selbstverliebt, widersprüchlich, mitreißend, euphorisierend, düster, deprimierend und desillusionierend. ELVIS ist pure Oberfläche, und gerade darunter lauert ja manchmal die größte Tiefe. Das Kino ist zurück.

© Fynn

Titel, Cast und CrewElvis (2022)
Poster
RegieBaz Luhrmann
ReleaseKinostart: 23.06.2022
ab dem 22.09.2022 auf Ultra HD Blu-ray, Blu-ray & DVD erhältlich.

Ihr wollt den Film bei Amazon kaufen?
Dann geht über unseren Treibstoff-Link:
Trailer
BesetzungAustin Butler (Elvis Presley)
Tom Hanks (Colonel Tom Parker)
Dacre Montgomery (Steve Binder)
Olivia DeJonge (Priscilla Presley)
Natasha Bassett (Dixie Locke)
Luke Bracey (Jerry Schilling)
David Wenham (Hank Snow)
Richard Roxburgh (Vernon Presley)
Kodi Smit-McPhee (Jimmie Rodgers Snow)
Xavier Samuel (Scotty Moore)
Chaydon Jay (junge Elvis)
Elizabeth Cullen (Natalie)
Kelvin Harrison Jr. (B.B. King)
Kate Mulvany (Marion Keisker)
Melina Vidler (Diane)
Mark Leonard Winter (Tom Hulett)
Alton Mason (Little Richard)
Helen Thomson (Gladys Presley)
DrehbuchBaz Luhrmann
Sam Bromell
Craig Pearce
Jeremy Doner
KameraMandy Walker
FilmmusikElliott Wheeler
SchnittJonathan Redmond
Matt Villa
Filmlänge159 Minuten
FSKAb 6 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.