Elizabeth Harvest Review

Elizabeth Harvest (2018) – Filmkritik

„Erst kommt das Sehen, dann das Verstehen“

In diesem Thriller mit Science-Fiction und Horrorelementen geht es genau um diese Reihenfolge sinnlichen Begreifens. Ein leinwandfüllendes Frauenauge öffnet sich und diesen Film. Ein sonniges Bergpanorama lässt ein Auto erkennen, welches sich langsam dem Gipfel nähert. Eine Frauenhand wiegt sich im Fahrtwind. Aus dem OFF hören wir die dazugehörige Stimme:

„Ich träumte davon einem brillanten Mann zu begegnen. Ich würde ihm den Atem rauben und im Gegenzug entführt er mich von all dem Hässlichen in eine ferne verborgene Welt“

Elizabeth Harvest Review

© Capelight Pictures

Das Auto durchfährt einen Tunnel und nähert sich schließlich einer futuristischen Villa auf dem Gipfel des Berges. Ähnlich wie das Overlook Hotel in SHINING, an welches die Eröffnungsszene angelehnt scheint, wird diese Villa nun der Spielort für die komplette Handlung sein. Der konditionierte Filmfreund ahnt bereits jetzt: von hier wird es kein Entkommen geben. Zusammen mit der Hauptfigur werden wir viele Dinge sehen. Doch erst wenn wir sie auch gemeinsam verstanden haben, werden wir zusammen mit ihr diesen Ort wieder verlassen können.

© Capelight Pictures

Die Handlung

Die junge Elizabeth (Elizabeth Lee Kershaw) wird von ihrem viel älteren Mann Henry (Ciaràn Hinds), einem Nobelpreisträger für Genmedizin, über die Schwelle seines gläsernen Luxuspalastes getragen. Es sind ihre Flitterwochen auf seinem Anwesen. Sie war noch nie hier. Empfangen werden sie eher kühl von zwei geheimnisvollen Hausangestellten. Da ist die attraktive und seltsam reservierte Claire (Carla Gugino) und der blinde Oliver (Matthew Beard). Bereits jetzt wirkt Elizabeth mit der Situation überfordert. Mit einer Mischung aus Faszination und somnambuler Irritation folgt sie ihrem Mann durch sein edles Anwesen. Sie kann kaum fassen was ihr gerade widerfährt.

Elizabeth Harvest Review

© Capelight Pictures

Teure Gemälde, edle Kleider in einer ebensolchen Kleiderkammer, Türen, die sich nur durch ihrer beider Fingerabdrücke öffnen lassen und sein Versprechen, dass alles nun auch ihr gehöre, müssten ihr mädchenhaftes Herz vor Euphorie platzen lassen. Dieser Mann legt ihr die Welt, seine Welt, zu Füßen. Doch irgendwie scheint Sie hier fehl am Platz zu sein. Eher verängstigt als verliebt, folgt sie ihrem Mann durch sein Reich bis zu einer geheimnisvollen Milchglastür, hinter der sich der einzige Raum im Haus befindet, den sie niemals betreten dürfe.

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© Capelight Pictures

Eine fast klinisch vollzogene Hochzeitsnacht beschließt ihren ersten Tag in ihrem neuen Leben. Noch in der Nacht lässt er sie aufgrund wichtiger Geschäfte allein zurück. Leidenschaftliche Liebe sieht anders aus. Es kommt nun so wie es die Voraussetzungen nahezu schicksalhaft einfordern. Sie geht zu der geheimnisvollen Tür und öffnet sie. Die Konsequenzen darauf sind blutig und verstörend überraschend.

Der Film

Wer bei dieser Handlung spontan an das Jahrhunderte alte französische Märchen BLAUBART von Charles Perrault denken muss, ist genau da wo uns Autor und Regisseur Sebastian Gutierrez (WOMEN IN TROUBLE, ELEKTRA LUXX) haben möchte. Denn eben dieses erzählt er mit ELIZABETH HARVEST neu. Im Märchen entdeckt die junge Braut in der verbotenen Kammer die Leichen ihrer Vorgängerinnen und ruft so den Zorn von Blaubart hervor, der sie nun ebenfalls töten will. Bis hierhin ist der Film eine moderne Adaption dieses Klassikers der Märchenliteratur, um sie ab dann originell weiterzuentwickeln.

© Capelight Pictures

Gutierrez nimmt BLAUBART als Grundthema, über welches er nun, in oft sehr überraschenden Wendungen, die Handlung in immer neue Richtungen variiert. Dabei interessiert ihn die Geschichte hinter den bereits getöteten Ehefrauen. Diese hat nun dramatische Auswirkungen auf Elizabeth, die von Minute zu Minute tiefer zum Kern einer tragischen und gerade dadurch pervertierten Liebesgeschichte vordringt. Das gelingt dem Regisseur und Autor größtenteils sehr geschickt, indem er uns als Zuschauer genau auf Augenhöhe seiner Hauptfigur gefangen hält. Dabei nimmt er bis zum ersten Turning Point bewusst in Kauf, dass wir ihm ob ihres sehr ungeschickten, ja fast schon dämlichen Verhaltens verloren gehen. An dieser Stelle erreicht der Film eine fast schon unfreiwillig komische Variation des Slasher Movies. Der Ehemann verfolgt seine panische Frau mit einem riesigen Fleischermesser durch die kunstvoll fotografierten Räume seines Hauses. Doch genau da will er mit uns als Zuschauer hin: ihr Verhalten ist der Schlüssel zur weiteren Handlung und lediglich der Auftakt zu einem nicht immer ganz stimmigen, aber stets überraschenden Enträtselungs-Thriller in stilisiert komponierten Bildern. Dabei kommen den einzelnen Figuren immer neue Bedeutungen zu. Im Stil einer Dario-Argento-Farbdramaturgie in rot, blau, grün und gelb, erfahren wir zudem in Rückblenden aus Sicht einer der weiteren Figuren wie es zum Ausgangspunkt der Handlung gekommen ist. Dabei webt ELIZABETH HARVEST Themen wie Widergeburt, ewige Liebe, den Drang des forschenden Menschen nach göttlicher Allmacht und vor allem die Kräfteverhältnisse zwischen den Geschlechtern oft ein wenig zu gewollt, aber immer im Dienst der Handlung, mit ein.

Elizabeth Harvest Review

© Capelight Pictures

Versuch oder Ereignis

Die bewusst sehr stilisierte und fast schon klinische Inszenierung lässt insgesamt wenig Identifikation mit den Figuren, besonders der von Elizabeth, zu. Zwar spielen alle mit konkreten Subtexten, erreichen aber wenig bis gar kein Mitgefühl beim durchaus neugierigen Zuschauer. Auch die nicht immer ganz klar definierte Filmmusik der kanadischen Sängerin und Komponistin Rachel Zeffira (als Teil des Duos Cats`s Eyes immerhin mit einem vielbeachteten Score zu THE DUKE OF BURGUNDY) trägt dazu bei, dass wir nie vollends über das reine Zuschauen ins Erleben dieses Filmes vordringen können. Handwerklich ist der Film gerade in Bezug auf die Bildgestaltung und Ausstattung überaus gekonnt und auch erzählerisch durchaus originell. Dennoch ist ELIZABETH HARVEST nicht das Meisterwerk geworden, was er vielleicht mit einem etwas Figuren orientierteren Ansatz durchaus hätte werden können.

© Capelight Pictures

Es bleibt ein wenig der Eindruck eher einem durchaus intelligenten Versuch als einem wirklichen Ergebnis zugeschaut zu haben. Vieles muss man tatsächlich bereits wissen, um der Intention des Filmemachers Gutierrez lückenlos folgen zu können. Mit dem Wissen um das Ursprungsmärchen und die Filme (z.B. REBECCA, aber auch EX MACHINA), denen er hier eine gewisse Reminiszenz erweist, erlebt man durchaus einen unterhaltsamen und originellen Heimkinoabend.

Elizabeth Harvest Review

© Capelight Pictures

Fazit

So bleibt es am Ende beim symbolisch aufgeladenen großen Auge der Hauptdarstellerin vom Anfang des Films und einem eher oberflächlichen Verstehen, als einem wirklichen Miterleben eines skizzierten Dramas. Doch das ist allemal mehr wert als das xte Remake, Sequel, Prequel oder Reboot bekannter Erfolgsmodelle ohne eigenen originellen Ansatz. Gerade das Erkennen des auch nicht perfekt Gelungenen lässt einen Film mit echten Anspruch an Plot und Umsetzung sogar wertvoll erscheinen. Es braucht Filmemacher wie Gutierrez die den Pioniergeist des Kinos weiter führen, auch wenn am Ende nicht alles komplett aufgeht. Gerade für Cineasten und Liebhaber gut gebauter Originalgeschichten (als solche würde ich diesen Film durchaus, trotz der klassischen Vorlage als Inspiration, sehen wollen) ist ELIZABETH HARVEST ein erfrischendes Erlebnis. 

Mediabook, DVD und Blu-ray von Capelight

Die Blu-Ray und das Mediabook

Elizabeth Harvest Review

Mediabook von Capelight

Capelight hat sich hier wirklich große Mühe gegeben. In einem sehr schön gestalteten Booklet erfahren wir bereits einiges über die Hintergründe des Films in Form eines ausführlichen Interviews mit dem Regisseur. Der Film selbst besticht durch ein glasklares Bild, welches einen ein wenig bedauern lässt ELIZABETH HARVEST nicht auf der großen Kinoleinwand sehen zu können. Ergänzt wird der Film durch ein wirklich informatives Making Of, welches gelungen Aussagen der Macher und Darsteller mit Szenen der Dreharbeiten kombiniert. So gewinnt der Film tatsächlich noch einmal, denn wie schon oben geschrieben: erst kommt das Sehen (der Film) dann das Verstehen (das Bonusmaterial). Was dem Film selbst nicht ganz gelingt, schaffen die ergänzenden Zusatzinfos in Form des Making Ofs und des Booklets.

Besser kann man einen Film, dem man eine breite Zuschauerschar wünscht, kaum vertreiben.

© Andreas Ullrich

TitelElizabeth Harvest (2018)
RegisseurSebastian Gutierrez
PosterElizabeth Harvest Kinoposter
Releaseab dem 25.01.19 im Mediabook, Blu-ray oder auf DVD erhältlich
Auf Amazon kaufen
Trailer
DrehbuchSebastian Gutierrez
BesetzungAbbey Lee (Elizabeth)
Ciarán Hinds (Henry)
Carla Gugino (Claire)
Matthew Beard (Oliver)
Dylan Baker (Logan)
MusikFaris Badwan
Rachel Zeffira
KameraCale Finot
SchnittMatt Mayer
Technische DatenBlu-ray und DVD
Bildformat: 2,39:1 (HD 1080p)
Tonformat: Deutsch & Englisch (DTS-HD 5.1)
Filmlänge109 min
AltersfreigabeAb 16 Jahren freigegeben

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