Electra Glide in Blue (1973) – Filmkritik

„Der Außenseiter der 70er“

Wenn man in amerikanische Filmgeschichte denkt, stehen die 1970er-Jahre vor allem für zwei gesellschaftliche Themen, die bereits in den 60ern alles veränderten: Die Flower-Power-Bewegung und der Vietnamkrieg. Beide hatten enormen Einfluss, selbst in Filmen wie TAXI DRIVER (1976), der im Kern einen einsamen, gewalttätigen Taxifahrer in der Großstadt portraitiert, geht es um die Folgen des Kriegs und den gesellschaftlichen Wandel. Neue Lebensstile, Sichtweisen und ein sozialer Paradigmenwechsel verändern das Leben der Menschen. Recht und Ordnung werden hinterfragt und erste Zweifel am unangetasteten Regierungssystem laut ausgesprochen. Eine Zeit der Träumereien wie auch der Erkenntnis, dass der American Dream nicht für jeden in Erfüllung geht. Filmische Meilensteine wurden in dieser Zeit aufgestellt und das erfolgreiche New Hollywood klopft die letzten Sargnägel in das behäbige Studiosystem. Ein paar Filme sind bis heute bekannt und ein paar andere werden immer ein Dasein im Schatten der „Großen“ fristen, obwohl sie in ihrer Qualität und ihrem kulturhistorischen Destillat den großen Namen wie HUNDSTAGE (DOG DAY AFTERNOON, 1975), SERPICO (1973) oder HEROLD UND MAUDE (1971) in nichts nachstehen. ELECTRA GLIDE IN BLUE, der in Deutschland auch unter dem Titel HARLEY DAVIDSON 344 veröffentlicht wurde, ist eine solche Schattengestalt hinter den Klassikern. Unter dem Aspekt der Eigenschaften des Filmjahrzehnts lässt sich der Film so perfekt einordnen und ist dennoch so erfrischen anders. Aber dazu später mehr. Zuallererst die wichtige Information an alle Leser bis zu diesen Zeilen: Als Fan der 70er-Filmepoche, sollte man bei diesem Geheimtipp unbedingt einmal einen Boxenstopp einlegen.

© Metro Goldwyn Mayer Studios Inc.

Handlung

Inmitten der Felstürme und Tafelberge der ikonischen Wüstenlandschaft sorgt die Arizona Motorrad Polizeistaffel für Ordnung auf den weiten, leeren Straßen. Für den ambitionierten John Wintergreen (Robert Blake) kein Privileg und schon gar kein Lebensziel. Auch wenn seine korrekte Arbeitsweise den Kollegen weit voraus ist, hasst er den motorisierten „Elefanten“ unter seinem Hintern. Er würde gern zur Mordkommission, raus aus der Uniform und rein in den schicken Anzug mit Hut. Eine Chance ergibt sich, als er für den erfahrenen Detectiv Harve Poole (Mitchell Ryan) den Fahrer in einem Mordfall übernehmen soll. Wird das der Einstieg in eine erfolgreiche Karriere sein oder doch nur ein Job ohne Perspektiven?

Der Träumer

Motorräder und die freien Straßen des mittleren Westens der USA, da erklingt sofort ein Filmtitel in den Ohren: EASY RIDER (1969). Man kommt nicht daran vorbei ELECTRA GLIDE IN BLUE mit Dennis Hoppers wegweisenden Hippie-Road-Trip zu vergleichen. Peter Fonda mit cooler Sonnenbrille, hohem Gabellenker und Lederjacke im US-Flaggen-Design ist im Film doch ein ganz anderer als erwartet. Das trifft auch auf den Protogonisten John Wintergreen (in der deutschen Synchro John Winterberg), gespielt von dem charismatischen Robert Blake, in diesem Film zu. Nur hier sorgt er als Cop für die Einhaltung der Grenzen als sie zu überwinden. Die Vorurteile einen harten Hund von einem Polizisten zu sehen, der nur sein eigenes Verständnis von Recht durchsetzt, werden nicht erfüllt, auch wenn der Held so eingeführt wird. Potent und sportlich startet er in seinen Arbeitstag, pflegt penibel seine Uniform und tritt mit Sonnenbrille zur Dienstansprache an.

© Metro Goldwyn Mayer Studios Inc.

Wintergreen ist aber ganz anders, vor allem ist er erst einmal recht klein. Mit 1,63 m schämt er sich seiner Größe nicht, kann sie sogar beim Flirten sympathisch verwenden. Auch wenn er ein Musterstreifenpolizist ist, will er zur Mordkommission. Endlich weg von der Straße und die Anerkennung erhalten, die ihm zusteht. Der Kampf gegen Verkehrssünden im Nirgendwo macht für ihn schon lange keinen Sinn mehr. Seine Versetzungen werden immer wieder ignoriert, nicht nur wegen seiner Größe, sondern weil er nicht richtig brüderschaftliche Bande mit seinen Kollegen knüpfen will. Selbst mit seinem liebsten Gefährten Zipper (Billy Green Bush), der gern mal einem langhaarigen VW-Busfahrer bei der Verkehrskontrolle eine Tüte Gras unterschiebt, will er trotz Freundschaft keine korrupte Komplizenschaft eingehen.

© Metro Goldwyn Mayer Studios Inc.

Dann kommt die große Chance die Karriereleiter aufzusteigen und ihm wird wieder nur gesagt, wie er sich zu verhalten hat. Selbstständiges Denken, Fehlanzeige. Detectiv Harve Pool sucht die Anerkennung mit seinem rassistischen Gut-und-Böse-Geschwafel und denkt, dass er mit Wintergreen einen kleinen stets nickenden Schüler sein Eigen nennen darf, um seine verqueren Gedanken weiterzugeben. Drehbuchautor Robert Boris und Regisseur James William Guercio untergraben dieses Misstrauen im Meister-Lehrling-Verhältnis stetig, bis es zum großen Streit kommt. Beide erkennen an einem Abend, dass sie dieselbe Geliebte haben: Jolene (Jeannine Riley).

In einer der stärksten Szenen reißt Jeannine Riley den Film mit ihrer Geschichte über verlorene Träume als Tänzerin und Schauspielerin an sich. Jetzt ist sie in dieser Kneipe gelandet und hat eine Schwäche für Polizisten. Furios zieht sie beiden Cops verbal die Hosen runter und ernennet den kleinen John Wintergreeen zum besseren Liebhaber.

© Metro Goldwyn Mayer Studios Inc.

Bei den Filmen der 1970er-Jahren muss man immer auf alles gefasst sein. Zu gern sind hier die Helden eigentlich die Schurken, der Hauptfigur entweicht bereits nach 30 Minuten der Lebenshauch oder bekannte Wertesystem werden auf den Kopf gestellt. ELECTRA GLIDE IN BLUE ist da wesentlich zugänglicher. Die Revolution im Kampf gegen das Establishment ist stets zu spüren, aber es ist eine Wohltat sich an eine rundum sympathische Hauptfigur zu halten. Der moralische Kompass zeigt in die richtige Richtung, keine Korruption und kein eigennütziges Ausüben der Polizeigewalt, zumindest nicht bei Wintergreen. Was bringt es jedoch, wenn er mit seinem Beruf nicht zufrieden ist und die Welt der Straße nur darauf wartet mit ihm abzurechnen.

Die Optik

Der Western ist in ELECTRA GLIDE IN BLUE unverkennbar und das liegt nicht nur an der filmgeschichtlichen Landschaft im Hintergrund. Die Pferde wurden gegen einen röhrenden Feuerstuhl getauscht. Der Konflikt mit Recht und Ordnung ist aber immer noch der gleiche. Leider ist dies die einzige Regiearbeit von James William Guercio. Er selbst wuchs in einem Kino der Eltern auf und kennt die John-Ford-Filme auswendig, was bei seiner Inszenierung nicht zu leugnen ist. Ein eigenes talentiertes Gespür für die richtigen Bilder ist dennoch zu erkennen. Mit viel Bewegung im Kamerafokus und den richtigen Details an fremden Orten, wird der Film zeitweise zur Milieustudie. Die staubigen Kneipen, die grotesken Lebensräume, selbst der Wohnwagen von Zipper ist ein Relikt gespickt mit kulturellen Referenzen und Klavier auf der Veranda. Man spürt die künstlerischen Differenzen von Regisseur und Kameramann Conrad L. Hall (BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID, DER UNBEUGSAME) aber nur am Rand, der Kriminalfall in den Innenräumen und Western unter freiem Himmel gehen bei ELECTRA GLIDE eine wunderbare Fusion ein.

© Metro Goldwyn Mayer Studios Inc.

Mit geschickten Montagesequenzen erzählen stets die Bilder und erzeugen Stimmung für das Leben in der Wüste. Die Action ist dezent gesetzt, wenn aber die Motorräder in Zeitlupe flammend über Asphalt schliddern, weiß man, dass diese Geschichte nicht zufrieden mit einem Sonnenaufgang enden wird. All das mit der kleinen, aber hervorragenden Besetzung bekommt einen funky, gefühlvollen Score, der direkt aus dem Black Cinema gezogen zu sein scheint. James William Guercio hat selbst für die Filmmusik in die Seiten gehauen und am Synthesizer gedreht. Für einen Künstler, der schon mit Frank Zappa gespielt hat und seine Tonstudio für Stars wie Phil Collins. Elton John, John Lennon, U2, Chicago oder The Beach Boys geöffnet hat keine Überraschung.

© Metro Goldwyn Mayer Studios Inc.

Neuauflage

Das Blu-ray-Mediabook

Nein, wir sprechen jetzt nicht von der Harley Davidson Electra Glide, dem klassischen Motorrad von 1969, das im Jahr 2021 als Reproduktion wieder zu erwerben ist. ELECTRA GLIDE IN BLUE wurde nicht neu aufgelegt, sondern fein säuberlich für den Filmsammler restauriert und im Mediabook veröffentlicht. Das Bild der Blu-ray ist farblich ausgewogen, ohne die Hitze der Wüste zu kaschieren. Der Ton lässt für Stereo keine Wünsche offen. Die deutsche Synchronisation ist etwas freundlicher als die Originalstimmen. Da der Film aber immer wieder seine lustigen Momente bietet, stört ein solcher Unterschied kaum. Beim Bonusmaterial sollte man unbedingt nach dem ersten Filmgenuss einsteigen. Das Intro von Regisseur James William Guercio ist äußerst erkenntnisreich, spoilert jedoch das Ende. Der Video-Essay von Mike Siegel als Western-Film-Experte und das Booklet von Prof. Dr. Marcus Stiglegger runden das Mediabook vom aktuell besten deutschen Outlaw-Filmlabel Camera Obscura perfekt ab.

© Metro Goldwyn Mayer Studios Inc.

Fazit

Ein unerwartet leichtfüßiger Held führt uns in die Welt des kinematografischen Western anhand eines Polizeifilms. Auch wenn es hier nicht durchgängig nach Krimi-Action-Schema-F geht, cruist ELECTRA GLIDE IN BLUE treffsicher in das Kino der 1970er und sicherlich in jedes Fanherz dieses rebellischen Zeitalters. Geheimtipp, der schon lange keiner mehr sein sollte!

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewElectra Glide in Blue (1973)
deutscher Titel: Harley Davidson 344
Poster
RegisseurJames William Guercio
Releaseab dem 25.05.2021 auf im Mediabook (Blu-ray)

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Trailer

Englisch
BesetzungRobert Blake (John Wintergreen)
Billy Green Bush (Zipper)
Mitchell Ryan (Harve Poole)
Jeannine Riley (Jolene)
Elisha Cook Jr. (Willie)
Royal Dano (Coroner)
Hawk Wolinski (VW Bus Driver)
Peter Cetera (Bob Zemko)
DrehbuchRobert Boris
KameraConrad L. Hall
FilmmusikJames William Guercio
SchnittJim Benson
Gerald B. Greenberg
John F. Link
Filmlänge117 Minuten
FSKab 16 Jahren

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