Ein letzter Job (2018) – Filmkritik

Während Robert Redford in EIN GAUNER UND GENTLEMAN überhaupt nicht ans Aufhören denkt, will Michael Caine (Jahrgang 1933) noch einen letzten großen Raubzug durchführen, um sich dann für immer von der Gaunerei zu verabschieden.
In EIN LETZTER JOB schart der zweifache Oscarpreisträger noch einmal alte Weggefährten für den Raub ihres Lebens um sich. Verkörpert werden sie von britischen Schauspielgrößen wie Tom Courtenay (DIE EINSAMKEIT DES LANGSTRECKENLÄUFERS, 1961), Jim Broadbent (Oscar für IRIS, 2001) oder Ray Winstone (SEXY BEAST, 2000), die allein durch ihre eigene Filmographie den rauen Geist des British New Cinema ausstrahlen. Basierend auf wahren Begebenheiten, an realen Orten vom talentierten Regisseur James Marsh gedreht, der seine Wurzeln im Dokumentarfilm hat (Oscar für MAN ON WIRE) und der Aussicht auf charmant spannende Heist-Momente ist die Vorfreude kaum noch auszuhalten.

Der Film beginnt auch gleich mit einer sehr viel versprechenden Titelsequenz. In einer schönen Montage mit Raubüberfallszenen aus englischen Gangsterfilmen der 60er und 70er Jahre, sowie historischen Aufnahmen von Banken und Tresorräumen zum The Killers Song The Man, in einer Jamie Cullum Version, werden wir auf einen Film eingestimmt den wir so leider nicht sehen werden.

v.l.n.r.: Carl Wood (Paul Whitehouse), Danny Jones (Ray Winstone), Brian Reader (Michael Caine), Terry Perkins (Jim Broadbent), John Kenny Collins (Tom Courtenay) // © Studiocanal

Die Handlung

Nach einem familiären Schicksalsschlag entschließt sich der legendäre Schmuckdieb Brian „The King“ Reader (Michael Caine) mit alten Weggefährten einen letzten lukrativen Raub an einem exklusiven Londoner Schmuckladen durchzuführen. Unterstützt werden sie dabei von dem jungen Sicherheitsexperten Basil (Charlie Cox), der schon seit langem zu Brian aufschaut, sich aber schwer damit tut, sich in die über Jahrzehnte gewachsene Struktur der alten Haudegen einzugliedern. Der Coup kommt ins Stocken und bringt schließlich alle gegeneinander auf, so dass Reader aussteigt. Vielleicht gerade noch rechtzeitig, denn mittlerweile ist ihnen allen auch die Polizei auf die Schliche gekommen.

Terry Perkins (Jim Broadbent), Danny Jones (Ray Winstone) und Basil (Charlie Cox) // © Studiocanal

Zwischenfazit

Die Vorfreude auf einen möglich gewesenen tollen Film ist leider schnell dahin. Bis hierhin sehen wir einen völlig unausgewogenen Mix aus Drama und Komödie. In kaum einer Szene vertraut die Regie mal rein auf die Atmosphäre ihrer Drehorte. Sie zerschneidet wirklich jeden Moment in unnötig viele Einstellungen und das in einer Frequenz die dem hohen Alter der Figuren überhaupt nicht gerecht werden will. Es wirkt fast so, als habe man die Schnittstruktur vom letzten THE FAST AND THE FURIOUS angelegt. Doch das ist nicht das Hauptdilemma dieses immer enttäuschender verlaufenden Films.

Danny Jones (Ray Winstone) // © Studiocanal

Das Drehbuch

Da es sich um einen realen Kriminalfall handelt, scheint das Drehbuch von Joe Penhall (THE ROAD, 2009 und angesehener Bühnendramatiker) darum bemüht zu sein alles so wiederzugeben wie es tatsächlich passiert ist. Das mag für eine Dokumentation auch der richtige Ansatz sein, für einen Spielfilm aber sollten sich die Verantwortlichen schon fragen welche Art von Geschichte sie erzählen wollen. Stattdessen reißt der Film einige wirklich viel versprechende Themen und Szenarien an, die aber entweder völlig versanden oder ihr Potential nicht entfalten dürfen. Da wäre zum einen die wirklich spannende Figur Michael Caines.

Brian Reader (Michael Caine) // © Studiocanal

Anfänglich ist er noch der freundlich wirkende ältere Gentleman. Doch sobald er wieder „im Einsatz“ ist, entwickelt er eine kaltblütige Professionalität, die direkt an seinen ikonischen Killer Jack aus GET CARTER (von Mike Hodges, 1971) denken lassen. Diese Ambivalenz aus der von der Gesellschaft vorgegebenen Rolle des friedfertigen Seniors und seiner immer noch wachen Gangsternatur darf nur in Ansätzen durchscheinen. Wir erfahren viel zu wenig über seinen Werdegang und wie er diesen selbst reflektiert. Das wäre dann ein dramatischer Ansatz gewesen, der bei aller Komik rund um altersbedingte Wehwehchen der kompletten Rentnergang während des Raubs, immer noch Raum für diese spannende Figur eines Altgangsters gehabt hätte. So reduziert der Film die Historie seiner Hauptfigur auf Fotos und einige Schlagworte aus seiner Verbrecherakte, die während der Recherche der Polizei kurz auf deren Schreibtischen und Bildschirmen aufblitzen.

John Kenny Collins (Tom Courtenay) // © Studiocanal

Apropos Polizei. Hier verschenkt der Film ein weiteres spannendes Element. Der fast schon naive Kampf der Alten mit ihren antiquierten Mitteln gegen die allmächtige Videoüberwachung Londons. Zwar sehen wir die Figuren auf ihren Raubvorbereitungen bereits durch unzählige Kameras dieses Systems, die dann später von den Ermittlern in hoch technisierten Schaltzentralen ausgewertet werden. Dies bekommen wir aber eher beiläufig zu sehen ohne, dass es auch nur einmal von einer der Figuren im Film thematisiert würde. So fragen wir uns als Zuschauer die ganze Zeit wie die Alten sich dieser Übermacht an staatlicher Überwachung und deren technischer Möglichkeiten überhaupt stellen konnten. Die ganz Zeit warten wir auf den finalen Clou wie sie diesem System ein finales Schnippchen schlagen werden, um dann Zeuge ihres großen Scheiterns zu werden. Das ist dann in etwa so spannend wie einem Zauberer dabei zuzusehen wie er das Kaninchen aus dem Hut „zaubert“, wir aber bereits die ganze Zeit sehen konnten, dass es von vorne herein schon drin war.

Lynne Reader (Francesca Annis) und Brian Reader (Michael Caine) // © Studiocanal

Auch bleiben die Ermittler völlig identitätslos. Ohne eigene Geschichte bleiben sie in diesem Film eher wie Statisten in viel zu schnell abgehandelten Szenen auf der Strecke. Da hilft es auch nicht dass eine der treibenden Aufklärer eine junge Frau mit afrikanischen Wurzeln ist. Von ihr erfahren wir genau so wenig wie vom Kopf der Ermittlereinheit. So beraubt sich der Film selbst dieser menschlichen Komponente aus Respekt und Empathie zwischen Jäger und Gejagten. Leider bleiben auch die Hintergründe der übrigen Gangmitglieder ebenfalls völlig vage und unreflektiert in Teilhandlungen stecken. Reduziert auf einige schrullige Dialoge zu ihren altersbedingten Gebrechen, mäandern die Alten so durch eine sie immer weiter überfordernde Handlung, der sie sich noch nicht einmal selbst bewusst zu sein scheinen. Am meisten verstört dabei der unausgewogene Mix aus dieser Schrulligkeit und einer immer stärker werdenden Brutalität untereinander. Warum sich plötzlich alle nicht mehr vertrauen bleibt genauso im Unklaren wie ihre gemeinsame Geschichte vor diesem Coup. Der Film funktioniert so weder als Komödie, noch als Drama, weil er ständig beide Genres bedienen möchte.

Basil (Charlie Cox) und Brian Reader (Michael Caine) // © Studiocanal

Kurze Zwischenhochs Teil 1

Kurz nachdem sich Michael Caines Figur aus dem Coup zurückzieht, macht er sich mit Bus und Bahn auf den Weg in die englische Küstenprovinz. Begleitet von einem sehr melodiös jazzigen Musikthema von Benjamin Wallfish (SHAZAM!, HELLBOY, 2019), welches sich clever an Roy Budd´s GET CARTER und Lalo Schiffrin´s BULLIT anlehnt, haben wir sofort den Eindruck nun wirklich einen alten Jack Carter auf einer neuen Rachemission zu begleiten. Beides, diese Filmremineszenz, wie auch die Musik geben mal kurz Hoffnung, dass wir jetzt den eigentlichen Film sehen werden. Doch sofort gehen beide in diesem Genrebrei wieder unter. Am deutlichsten tatsächlich an der Musik im Film auszumachen.

Brian Reader (Michael Caine) und Danny Jones (Ray Winstone) // © Studiocanal

Die Musik

In einem völlig kruden Mix aus 70er-Rock-, Funk- und Popsongs sowie alten Jazzklassikern geht die eigentlich sehr schöne Originalmusik von Wallfish völlig unter. Selten war ein Tom-Jones-Song in einer Filmszene so fehl am Platz wie hier bei einer Trauerfeier. Das musikalische Hauptthema kann dadurch gar nicht erst zu einer Identität der Hauptfigur beitragen, da man dieser selber keine große Beachtung zu schenken scheint.

Brian Reader (Michael Caine), John Kenny Collins (Tom Courtenay), Carl Wood (Paul Whitehouse), Terry Perkins (Jim Broadbent), Danny Jones (Ray Winstone) // © Studiocanal

Kurze Zwischenhochs Teil 2

In zwei Momenten wagt der Film auch bildlich mal etwas Besonderes. Wie schon in THE LIMEY (Steven Soderbergh, 1999) sehen wir die aktuellen Darsteller als junge Männer in kurzen Einstellungen ihrer eigenen Filmographie. Da scheint dann tatsächlich ein wenig Kinomagie durch die Leinwand. Doch auch diesen Ansatz verfolgt EIN LETZTE COUP nicht ganz konsequent zu Ende. Bezeichnend dabei ist, dass diese alten Filmschnipsel in ihrer Kraft dem aktuell kompletten Film sogar noch überlegen scheinen. Im parallelen Robert-Redford-Projekt wird dieser CGI freie Verjüngungskniff ebenfalls als stilistisches Schmankerl genutzt. Doch dort fügt es sich tatsächlich insgesamt stimmiger in den finalen Film ein.

Ray Winstone, Michael Gambon, Tom Courtenay und Jim Broadbent am Set. // © Studiocanal

Die Darsteller

Etwas Versöhnliches noch zum Schluss. Trotz eines wirklich ärgerlich unentschiedenen Drehbuchs und einer überambitioniert hektischen Regie, sehen wir hier ganz große Mimen auf der Höhe ihrer Kunst. Was sie aus ihren Charakterskizzen herausholen macht den Film zumindest im Bereich Schauspielstudium sehenswert. Besonders Tom Courtenay (Jahrgang 1937) prägt mit seinem schwerhörigen und immer müden Gangstersenior einen wirklich rührend skurrilen Charakter. Natürlich ist auch Michael Caine über jeden Zweifel erhaben. Seine Palette reicht hier beeindruckend von tief trauernd über pfiffig charmant bis zu seinem ikonisch brutalen Jack Carter. Auch die übrigen mimischen Haudegen, ergänzt durch Michael Gambon (Dumbledore ab HARRY POTTER III, DER GUTE HIRTE) und Paul Whitehouse (DEATH OF STALIN) geben dem Film einen Hauch Würde, die er leider sonst kaum zulässt.

Danny Jones (Ray Winstone), Carl Wood (Paul Whitehouse), Brian Reader (Michael Caine), Terry Perkins (Jim Broadbent), John Kenny Collins (Tom Courtenay) // © Studiocanal

Fazit

Selten hat ein Film aus seinen Möglichkeiten so wenig gemacht: Überlaut, unrhythmisch, unentschieden, ermüdend und interessanteste Ansätze vernachlässigend. Ohne seine Darsteller ein richtiges Ärgernis. Zumindest macht er wieder richtig Lust auf britische Gangster Kracher wie BUBE, DAME, KÖNIG, GRAS (Guy Ritchie), THE ITALIAN JOB (Peter Collinson, 1969 ), GET CARTER oder das weitaus stimmigere Michael-Caine-Spätwerk HARRY BROWN (2009). Oft braucht man auch mal einen wirklich misslungen Film, um die Qualität anderer Werke wieder schätzen zu lernen.

Ob Robert Redford mit seinem voraussichtlich letzten Film da besser wegkommt, sehen wir uns in der Review an.

 

Titel, Cast und CrewEin letzter Job (2018)
OT: King of Thieves
Poster
Releaseab dem 25.04.2019 im Kino
RegisseurJames Marsh
Trailer
BesetzungMichael Caine (Brian Reader)
Michael Gambon (Billy the Fish Lincoln)
Charlie Cox (Basil)
Jim Broadbent (Terry Perkins)
Ray Winstone (Danny Jones)
Francesca Annis (Lynne Reader)
Tom Courtenay (John Kenny Collins)
Kellie Shirley (Terri Robinson)
Paul Whitehouse (Carl Wood)
DrehbuchJoe Penhall
KameraDanny Cohen
MusikBenjamin Wallfisch
SchnittJinx Godfrey
Nick Moore
Filmlänge108 Minuten
FSKab 12 Jahren

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