Ein Gauner und Gentleman (2018) – Filmkritik

Das Projekt

Die wahre Geschichte des passionierten Bankräubers Forrest Tucker, der auch mit seinen über 70 Jahren nicht daran denkt mit seinem Traumberuf aufzuhören. Während seiner fast 60-jährigen Karriere als Krimineller hat er nicht nur unzählige Provinzbanken ausgeraubt, er hat auch den Großteil seines Lebens in amerikanischen Gefängnissen verbracht. Doch das hat sein inneres Feuer für das Bankenwesen nie zum Erlöschen bringen können. 18 Mal ist er wieder ausgebrochen, u. a. aus dem Hochsicherheitsgefängnis San Quentin. All das trug der Journalist David Grann für einen Zeitungsartikel über einen der letzten Coups dieses faszinierenden Outlaws zusammen. Diese Geschichte und vor allem dieser Charakter musste schließlich durch den in vollendeter Würde gealterten SUNDANCE KID des amerikanischen NEW HOLLYWOOD auf der großen Leinwand lebendig werden. Robert Redford ist die perfekte Wahl für diesen freigeistigen GAUNER UND GENTLEMAN.

Forrest Tucker (Robert Redford) //
© 2018 Eric Zachanowich DCM

Die Handlung

Eine Bank irgendwo in der Provinz im mittleren Westen Amerikas. Ein gut gekleideter, älterer Herr bittet überaus freundlich eine Bankkassiererin ihm doch so viel Geld wie möglich auszuhändigen. Dabei weist er nur einmal kurz auf eine Pistole unter seinem Mantel. Fast wie bei einem Rendevouz begegnen sich hier zwei, die sich auf Anhieb symphatisch sind. Forrest Tucker (Robert Redford) hat einen ganz eigenen Weg gefunden sich an den Reichtümern seines Landes zu bereichern. Als wäre es das Einfachste auf der Welt, verlässt er die Bank wieder und fährt bei helllichtem Tage in zwei verschiedenen Fluchtfahrzeugen davon. Nur mit einem Kopfhörer, über den er den Polizeifunk verfolgt, und einer fast schon meditativen Gelassenheit entzieht er sich seinen bald auftauchenden Verfolgern. Auf dieser Flucht begegnet er der verwitweten Farmbesitzerin Jewel (Sissy Spacek). In ihr findet er nicht nur eine ihm vertraute Seelenverwandte, sondern auch eine mögliche Fluchthelferin aus seinem kriminellen Leben. Doch noch muss er zusammen mit seinen alten Weggefährten Teddy (Danny Glover) und Waller (Tom Waits) ein ganz großes Ding abschließen. Danach könnte er sich ein Leben mit Jewel vorstellen. Doch so langsam aber sicher, kommt ihm auch der gewissenhafte Ermittler und liebevolle Familienvater John Hunt (Casey Affleck) auf die Schliche. Wie Tucker ab dann seinen Weg zwischen verdienter Altersromanze und getriebenem Verbrecherethos sucht, hüllt uns für die Länge von rund 90 Minuten wohltuend unaufgeregt ein.

John Hunt (Casey Affleck) // © 2018 Eric Zachanowich DCM

Regie und Drehbuch

Ähnlich einem Solokonzert einer großen Jazzlegende präsentiert uns Autor und Regisseur David Lowery (A GHOST STORY) diese unglaubliche Geschichte. Frei von genretypischen Timingvorgaben stellt er den Fluss des Films ganz in den Dienst seines Solisten. Dabei vergisst er für dieses zeitlose Konzert auch nicht die Notwendigkeit hochkarätiger Gastmusiker. Erst durch ihre ganz individuellen Klangfarben kann der Großmeister seine Kunst in voller Kraft entfalten. Bei wirklich guten Konzerten verlieren sich die Künstler auch mal in überlangen Soli, weil sie den Flow nicht verlieren wollen. Doch wer schaut schon auf die Uhr, wenn er eine solche Band erleben kann: Robert Redford, Sissy Spacek, Casey Affleck, Danny Glover und Tom Waits – WOW!!! Ganz im Filmlook der 70er und frühen 80er Jahre, von Kameramann Joe Anderson souverän in fließende Bilder eingefangen, inszeniert Lowery seinen Film eher wie eine Meditation als einen spannungsgeladenen Gangsterfilm. Ganz im Gegensatz zum hektischen Overkill des Michael Caine Films EIN LETZTER Job geht diese HeistMovie-Session einen bewusst ruhigen Weg. Lowery konzentriert sich ganz auf seine Hauptfigur und ihre konsequente Haltung als Freigeist eines Amerikas, welches vielleicht wirklich nur so im Kino existieren darf. So sehen wir zwar einen oft monoton in der immer gleichen Stimmung verharrenden Film, aber gerade dadurch ein fast zeitloses Stück Filmkunst, welches sich nicht mehr viele trauen, so auf die Kinoleinwand zu malen.

Jewel (Sissy Spacek) und Forrest Tucker (Robert Redford) //
© 2018 Eric Zachanowich DCM

Die Darsteller

Robert Redford ist auch hier wieder über jeden Zweifel erhaben. Wirklich wie ein Jazzmusiker kann er jedem noch so bekannten Ton eine noch individuelle Farbe geben, die nur im Spektrum dieser Filmlegende vorhanden zu sein scheint. Seine Falten, sein Lächeln, sein Blick zurück in weit zurückliegende Abenteuer und Niederlagen. All das ist Redford wie wir ihn lieben und für immer in Erinnerung behalten wollen.

Mit Sissy Spacek (CARRIE, 1976) erhält Redford eine der ganz großen Ladys eines unabhängigen Hollywoods. Durch ihr feinsinnig natürliches Spiel, nimmt sie nicht nur Redfords Figur gefangen. Es ist ebenso ihr Film als seiner. Hin und her gerissen zwischen einem nicht mehr für möglich gehaltenen Verliebtsein und einem aufrichtig empfundenen Gespür für Gerechtigkeit, nimmt sie uns emotional an die Hand, die ihr Robert Redfords Figur nicht endgültig reichen kann.

Jewel (Sissy Spacek) //
© 2018 Eric Zachanowich DCM

Mit einem schnauzbärtigen Casey Affleck als Cop, erhält dieser Film den in EIN LETZTER JOB so schmerzlich vermissten Antagonisten. Erst durch ihn wird die Figur Redfords vollkommen sichtbar. Zwar will der gewissenhafte Gesetzeshüter ihn auch schnappen, dennoch bewundert er ihn auch ob seines konsequenten Wegs als Verbrecher mit Prinzipien. Affleck, dem man ja oft eine gewisse manieristische Lethargie vorwerfen kann, nutzt dieses Spielprinzip hier für einen wirklich liebenswerten Charakter, dem wir uns letztendlich fast näher fühlen können, als dem fast schon von allem entrückt wirkenden Filmmonolithen Redford.

Mit Tom Waits (DOWN BY LAW und Musikpoet) und Danny Glover (LETHAL WEAPON I-IV) ergänzen zwei weitere souveräne Urgesteine dieses wunderbare Schauspieler-Ensemble. Was die beiden aus ihren kurzen Auftritten an kameradschaftlicher Loyalität für ihren Partner Redford herausholen, ohne auch nur einen Wimpernschlag daneben zu liegen, zeugt von einem wohltuenden Professionalismus, wie wir ihn nicht mehr allzu häufig zu sehen bekommen.

Insgesamt lebt der Film von seinen Schauspielern, die sich auch durch David Lowerys Regiestil voll entfalten können.

Teddy (Danny Glover), Waller (Tom Waits) und Forrest Tucker (Robert Redford) //
© 2018 Eric Zachanowich DCM

Die Musik

Passend zum jazzigen Regieansatz von David Lowery  begleitet uns ein ebensolcher Score von Daniel Hart. In dem gelernten Violinisten und Solokünstler hat Lowery einen kongenialen Komponisten für seine Filme gefunden. Bereits in ihren gemeinsamen Projekten A GHOST STORY und PETE´S DRAGON hat Hart sein vielseitiges Talent für kammermusikartig atmosphärische, aber auch groß orchestrale, Filmmusiken bewiesen. Nun also ein weiterer Beweis seines Könnens: Mit großem Atem führen uns Klavier, Bass, Bläser und Streicher souverän durch den Film. Gerade das Klavier treibt den Helden in seiner Geschichte im Stile des großen Dave Grusin (Oscar für THE MILAGRO BEANFIELD WAR; ein Regieprojekt von Robert Redford) voran. Allein dieser Bezug auf einen der ganz großen Jazzmusiker und Filmkomponisten der 70er und 80er Jahre ist eine weitere Entsprechung für die Stimmigkeit des ganzen Films. Auch dass der erste gemeinsame Film von Regisseur Lowery und Komponist Hart auf dem Sundance Filmfestival lief,  passt ins Bild. Robert Redford hatte das Festival im Rahmen seines eigenen Sundance Filminstituts weiter entwickelt und steht somit als einer der prominentesten Filmschaffenden für die Förderung unabhängiger Filme.

Ergänzt, u.a. durch den melancholischen Folksong Blues Run The Game des einflussreichen Jackson C. Frank, ist die Musik ein tragendes Element des Films. Sie erinnert uns an unbeirrbare Helden auf nächtlichen Straßen zwischen halbseidenen Bars und tief ausatmenden Weiten eines verklärten Amerika.

Waller (Tom Waits) //
© 2018 Eric Zachanowich DCM

Das Phänomen Robert Redford

Einen passenderen Titel hätte der deutsche Verleih dem offiziell letzten Film von Robert Redford nicht geben können. Während der amerikanische Originaltitel mit THE OLD MAN & THE GUN eine subtile Anspielung auf Hemingways DER ALTE MANN UND DAS MEER versucht, wird der deutsche Titel mit EIN GAUNER UND GENTLEMAN dem Geist dieses weisen, kleinen Films deutlich gerechter. Hier sehen wir keinen verbitterten alten Mann auf der tragischen Jagd nach dem Fisch seines Lebens, um allen zu zeigen was noch in ihm steckt. Robert Redford hat sich mit diesem freigeistigen, fast schon philosophischen Bankräuber die perfekte Figur für seine letzte Filmrolle ausgesucht. Sein Forrest Tucker will niemandem mehr etwas beweisen. Er lebt nur konsequent das Leben, welches er als das für sich richtige ausgewählt hat: das eines Gauners und Gentleman. Einer der genau das tut, was er liebt. Und so ist er das perfekte Alter Ego seines Darstellers.

Kaum ein anderer Filmstar hat sich durch seine Filme und durch sein privates Leben so sehr in unser Bewusstsein als DER STRAHLENDE HELD für Freiheit und Menschenwürde gebrannt wie Robert Redford. In jeder Phase seines Lebens einerseits unfassbar gut aussehend und gleichzeitig so ambivalent uneitel gegenüber Hollywood und der amerikanischen Gesellschaft. Selten spiegeln die Rollen eines Darstellers so durchdringend positiv dessen Grundhaltung wieder. Mit einem lausbübisch inneren Lächeln trotzt er allen Widrigkeiten auf seiner Mission für wahre Freiheit.

Forrest Tucker (Robert Redford) //
© 2018 Eric Zachanowich DCM

Ob als hippihafter Revolverheld Sundance Kid in ZWEI BANDITEN (1969), leidensfähiger Trapper in JEREMIAH JOHNSON (1972), augenzwinkernder Trickbetrüger in DER CLOU (1973), furchtloser Spion in DIE DREI TAGE DES CONDOR (1975), aufrechter Journalist in DIE UNBESTECHLICHEN (1976), kompromissloser Gefängnisdirektor BRUBAKER, der sich in sein eigenes Gefängnis einsperren lässt, oder als charmanter Baseballrebell in DER UNBEUGSAME (1984). Ja selbst als desillusionierter, ELEKTRISCHER REITER (1979) und in einer seiner letzten großen Rollen als einsamer Segler in ALL IS LOST (2013) trägt er diesen unbeugsamen und unbestechlichen Kämpfer gegen scheinbar übermächtige Gegner, Begebenheiten und Systeme in sich. Ohne dabei sein inneres Leuchten über Bord zu werfen, zeigt er in seinen Figuren welche Menschen in uns stecken können, wenn wir mit uns selbst ins Reine kommen. Diese innere Gelassenheit fasziniert auch in weniger ikonischen Rollen wie in JENSEITS VON AFRIKA (1985), oder SNEAKERS (1992). Auch als Regisseur, Produzent, führender Kopf des Sundance Filmfestivals, sowie als Umweltschützer und Kämpfer für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner fasziniert er als wahrer Held. Als aufrechter Repräsentant eines Amerika weit entfernt von Trump, Bush, Watergate, Rassentrennung, Ku Klux Klan, pervertiert religiösem Fanatismus und Völkermord allein auf einem Pferd in den Weiten grasbedeckter Prärien. Nicht umsonst sitzt der GAUNER UND GENTLEMAN im letzten Drittel des Films genau dort auf einem Pferd und erwartet die herannahenden Polizeifahrzeuge als wolle er ihnen dadurch auch die Haltung seines Darstellers vorstellen. Amerika gehört für Redfords Helden den Menschen, egal welcher Hautfarbe sie angehören, unabhängig von dem an was sie glauben und wählen. Ein wahrer Liberaler, der gerade durch seinen kritischen Geist der bessere Patriot seines Amerikas zu sein scheint.

Jewel (Sissy Spacek) und Forrest Tucker (Robert Redford) //
© 2018 Eric Zachanowich DCM

Fazit

Trotz einiger Längen und sich wiederholender Abläufe, kann man sich der melancholischen Kraft dieses Films nicht entziehen. Und am Ende werden wir noch mit einer wunderschönen Bildcollage aus Fotos und lebendigen Filmbildern des jungen Robert Redford als Teil der Handlung belohnt. Mit diesem Film verabschieden wir uns gerne von diesem Giganten der Leinwand. Good Bye Mr. Redford!

© Andreas Ullrich

Titel, Cast und CrewEin Gauner & Gentleman (2018)
OT:
Poster

Kinostart
ab dem 28.03.2019 im Kino
RegisseurDavid Lowery
Trailer
DarstellerRobert Redford (Forrest Tucker)
Casey Affleck (John Hunt)
Sissy Spacek (Jewel)
Danny Glover (Teddy)
Tom Waits (Waller)
Tika Sumpter (Maureen)
DrehbuchDavid Lowery
MusikDaniel Hart
KameraJoe Anderson
SchnittLisa Zeno Churgin
Filmlänge90 Minuten
FSKFSK 6

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.